Michél Mazingu-Dinzey über Football und den Kongo

»Ich gehe dahin, wo es weh tut«

Zwischen Hamburg, Haiti und Afrika: Michél Mazingu-Dinzey ist ein Weltenbummler, der sich sozial engagiert. Im Interview spricht der ehemalige Profi von Hertha BSC und FC St. Pauli über Fieldgoals, unbequeme Wahrheiten und Korruption. Michél Mazingu-Dinzey über Football und den Kongo

Michél Mazingu-Dinzey, Sie haben fast 30 Jahre lang gegen den Ball getreten. Seit dieser Saison treten Sie gegen ein Ei. Wie kam der Kontakt zu den St. Pauli Buccaneers zustande?

Michél Mazingu-Dinzey: Ich habe den Trainer, Campino Milligan, kennengelernt, als wir damals mit der Fußballmannschaft des FC St. Pauli ins Fitnessstudio gegangen sind. Fünf Jahre war er dann mein persönlicher Trainer und hat mir von seinem Projekt erzählt, American Football auf St. Pauli zu etablieren, um so Jugendliche von der Straße zu holen und gewaltpräventiv zu arbeiten. Ich fand die Idee gut und habe gesagt, sollte es irgendwann auch ein Herrenteam geben, würde ich gerne mal mitmachen.

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Jetzt gibt es das Herrenteam in der fünften Liga und Sie sind »Kicker«. In der NFL Europe war es über Jahre hinweg Standard, auf dieser Position ehemalige Fußballer einzusetzen. Sie treten in die Fußstapfen von Manfred Burgsmüller, Axel Kruse und Ingo Anderbrügge.

Michél Mazingu-Dinzey: Man profitiert sehr von der Technik aus dem Fußball. Ich musste mich nicht großartig vorbereiten, habe nur mit dem anderen Kicker der Buccaneers ein wenig trainiert. Natürlich klappt nicht jeder Kick auf Anhieb, aber die meisten passen schon. Ich haue gegen das Ei und schaue dann, wie weit es fliegt. Wichtig ist der Spaß. Ich nehme mir keine Sonderposition heraus, nur weil ich mal Fußballer war. Football ist ein Mannschaftssport, nur so können wir Erfolg haben.

Die Buccaneers sind mit drei Siegen aus drei Spielen souveräner Tabellenführer der Liga. Sie haben allerdings nur bei einem einzigen Auftritt im März 2011 mitgewirkt.

Michél Mazingu-Dinzey: Ich schaffe es nicht immer zu den Spielen, weil ich für diverse soziale Projekte unterwegs bin. Mit »Global United«, dem gemeinnützigen Verein des Ex-Fußballers Lutz Pfannenstiel, waren wir vor kurzem erst auf Haiti, davor in Namibia und auf Neuseeland. Da wird die Zeit natürlich knapp. In besagter Partie habe ich immerhin von sieben Versuchen vier Fieldgoals getroffen.

Was war konkreter Anlass für die Reise nach Haiti?

Michél Mazingu-Dinzey: In Haiti soll eine Fußballschule von Sat. 1 gebaut werden. Lutz, ich und drei Mitarbeiter des Senders sind nach Haiti geflogen und haben sich das Projekt angeguckt, weil dann im Herbst vielleicht ein Spiel von »Global United« gegen die haitianische U-17-Nationalmannschaft stattfindet. Fußball ist in Haiti Sportart Nummer Eins. Die Älteren werden sich erinnern, dass Haiti 1974 für die WM in Deutschland qualifiziert war – wenn so ein Erfolg für die nächste WM in Brasilien erreicht werden kann, wäre das toll für dieses Land, das so viel Tragik erleben musste. Auch wenn man den Organisationen vor Ort für ihre Aufbauarbeit ein großes Lob zollen muss, ist noch immer Zerstörung vorhanden, die Obdachlosigkeit riesig, viele Menschen sind verletzt, ohne Gliedmaßen, leben in Zeltstädten – der Fußball könnte ein bisschen trösten.


»Global United« setzt sich für soziale Projekte und den Klimaschutz ein. Der Verein spielt gegen lokale Mannschaften und Auswahlteams an extremen oder gefährdeten Orten.

Michél Mazingu-Dinzey: Wir wollen bald auch in der Antarktis spielen und in einem erloschenem Vulkan. Das sind Aktionen, über die man viele Menschen erreicht. Bei allem, was mit »Global United« zu tun hat, bin ich sofort dabei. Ich habe mit diesem Engagement etwas gefunden, in dem mich zu einhundert Prozent wiederfinde. Ich habe schon viel gesehen, kenne Armut, auch aus dem Kongo, und weiß deshalb, wie sehr sich Menschen über solche Projekte freuen. Und natürlich repräsentiere ich über Global United auch den FC St. Pauli in aller Welt. Ich bin St. Paulianer durch und durch und sehe mich da als Botschafter, auch weil ich weiß, dass viele Fans des Klubs sehr sozial eingestellt sind.

Für »Global United« läuft eine illustre Riege an Ex-Stars auf. Zidane, Cafu, Chilavert, Dooley, Sforza und etliche andere sind dabei. Stellt jeder sein Ego zurück, wenn es um die gemeinsame, gute Sache geht?

Michél Mazingu-Dinzey: Zidane habe ich nun noch nicht getroffen (lacht). Aber es gibt eigentlich keine Ausnahme. Natürlich ist es für den einen oder anderen etwas härter, in diese Krisengebiete zu reisen. Wie kommt ein Profi damit klar, ein Kinderkrankenhaus zu besuchen oder eine Township? Das sind Erinnerungen, die lange haften bleiben. Das ist kein gemütlicher Reiseausflug. Dafür muss man geboren sein.

Sie sind dafür bekannt, nicht immer den bequemen und gemütlichen Weg zu wählen. 2008 gingen Sie mit Ihrem Alkoholproblem an die Öffentlichkeit. Die Beichte schlug hohe Wellen.

Michél Mazingu-Dinzey: Es ist leider so, dass heute viele Dinge verdrängt und weggeschwiegen werden. Ich bin einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Ich gehe dahin, wo es weh tut – auch gefühlsmäßig. Weil ich viel selbst erlebt habe, habe ich davor keine Angst mehr. Natürlich wusste ich, dass ich nach meinem Bekenntnis erstmal in eine Schublade gesteckt werden würde. Damit kann ich leben. Das sind einfach Fehler, die ich gemacht habe im Leben. Fehler, zu denen ich stehe. Ich will den Leuten sagen: Schließt Eure Augen nicht, zeigt Courage!

Kommen wir zum kongolesischen Fußball. Sie wurden 2009 als Assistenztrainer des FC Saint Eloi Lupopo Landesmeister. Warum haben Sie trotzdem nach nur einem Jahr wieder aufgehört in der Heimat?

Michél Mazingu-Dinzey: Was hätte ich denn noch mehr holen können? Natürlich, die afrikanische Champions League wäre ein Ziel gewesen, aber für mich hat ein Jahr damals erstmal gereicht. Die Moral ist einfach anders. Ich habe eine deutsche Mentalität und deutsche Tugenden. Es war nicht einfach. Ich wurde, obwohl ich Kongolese bin, als Ausländer beäugt. Wenn dann noch zwei andere, einheimische Trainer auf der Bank sitzen, kommt schnell Neid auf. Sollte ich in Zukunft nochmal im Kongo arbeiten, dann am liebsten auf Verbandsebene.

Auf Verbandsebene liegen die letzten Erfolge des Kongo lange zurück. Die letzte WM-Teilnahme war 1974. Auch die Qualifikation zum Afrika-Cup wurde 2008 und 2010 verpasst ...

Michél Mazingu-Dinzey: … und für das nächste Turnier in Burkina Faso werden wir uns auch nicht qualifizieren. Die Träumerei ist im Kongo das große Problem. Die Träumerei, 1974 als erste afrikanische Mannschaft dabei gewesen zu sein, und danach den großen Boxkampf (Muhammad Ali gegen George Foreman, d. Red.) ausgerichtet zu haben. Jetzt will man den Afrika-Cup 2018 oder 2022 ins Land holen. Mit welcher Mannschaft, frage ich mich. Der Verband muss überlegen: Was will ich? Die holen sich jedes Mal einen ausländischen Trainer mit großer Erfahrung, der aber eben kein Kongolese ist und deshalb nicht weiß, wie er mit Land und Leuten umgehen soll.


Ein Nationaltrainer Dinzey würde Land und Leute kennen, aber trotzdem deutsche  Tugenden mitbringen.

Michél Mazingu-Dinzey: Langsam. Ich bin auch erst 38 und habe kaum Trainererfahrung. Mein Berater, Dr. Oliver Wendt, und ich werden uns dazu noch genügend Gedanken machen. Am Montag ist der Verbandspräsident in Deutschland, dann will ich mit ihm über ein wie auch immer geartetes Engagement sprechen. Sollte ich im Kongo anfangen, habe ich Ziele vor Augen: Ich würde ein Team zusammen stellen, dass denkt wie ich und Leidenschaft mit in das »Projekt Kongo« einbringt. Welche Verbandsposition es dann letztlich wird, muss man im Verband sehen. Es könnten die Strukturen der Jugendförderung neu ausgerichtet werden, denn da hinken wir noch meilenweit hinterher – und die Korruption ist natürlich auch riesig. Jedes Vorhaben muss man zwei- oder dreifach kalkulieren, weil so viel Geld versackt

Ihr Herzensverein, der FC St. Pauli, stieg in der vergangenen Spielzeit ab aus der Bundesliga. Holger Stanislawski und André Trulsen heuerten bei der TSG 1899 Hoffenheim an. Was ist in der neuen Saison mit neuem Trainer drin?

Michél Mazingu-Dinzey: In der letzten Saison gab es Grüppchenbildung, Eitelkeiten, Alleingänge – das war der Grund für den Abstieg. Ich erwarte von André Schubert, dass er eine Mannschaft zusammenstellt, die Erschütterungen intern klärt. Wir müssen die negativen Dinge abstellen und die positiven Ereignisse, die zweifelsohne vorhanden waren, mitnehmen in die 2. Liga.

Ist André Schubert der richtige Mann für den schwierigen Job?

Michél Mazingu-Dinzey: Es ist nicht Schuberts erste Trainerstation. Der hat schon Erfahrung und ist definitiv ein guter Mann. Dass der FC St. Pauli trotzdem ein wenig anders tickt als Paderborn, das hat er spätestens bei der offiziellen Begrüßung gemerkt. Eine Platzierung unter den Top Fünf mit ihm ist wünschenswert und realistisch.

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