25.08.2012

Michael Zorc wird 50!

»Mit Ommas Schal ins Westfalenstadion!«

Sie nennen ihn »Susi«, er ist Rekordspieler von Borussia Dortmund, er hat seinen Verein aus der größten Krise der Klubgeschichte zu zwei Meisterschaften in Folge geführt: heute wird Michael Zorc 50! Wir sprachen mit ihm.

Interview: Kai Griepenkerl Bild: Imago

Michael Zorc, wie begann das mit Ihnen und Borussia Dortmund?
Ich war BVB-Fan. Das ist doch jeder Junge, der in der Umgebung groß wird. Mein erstes Spiel auf der Südtribüne habe ich zu Zweitligazeiten erlebt, das muss 1974 gewesen sein. Ich war zwölf Jahre alt. Meine Oma hatte mir einen Schal gestrickt und dann ging es über die Hohe Straße ab ins Stadion. Die Gegner waren nicht wie heute Arsenal London oder Manchester United, sondern hießen Barmbek-Uhlenhorst und Göttingen 05.

Sieben Jahre später, 1981, feierten Sie Ihr Bundesligadebüt unter dem schwer alkoholkranken Trainer Branko Zebec.
Wir Spieler hatten von seinen Problemen nur gehört, aber zum Ende der Saison wurde es dann leider auch sichtbar. Trotzdem war er ein hervorragender Trainer. Heute würde man von einem harten Hund sprechen. Gegen ihn ist Felix Magath eher ein gemäßigter Vertreter der Zunft. Und auch wenn Zebec nur ein Jahr blieb: Unter ihm hat sich der Verein zum ersten Mal nach 16 Jahren wieder für einen europäischen Wettbewerb qualifizieren können.

Wie haben Sie Ihre eigene Entwicklung vom Fan zum Profi erlebt?
Ich lebte meinen Traum. Im ersten Jahr war ich noch Schüler und machte am Heisenberg-Gymnasium in Eving mein Abitur. Im zweiten Jahr hatte ich mich schon in der Mannschaft etabliert, wenn auch auf verschiedenen Positionen. Trotzdem war es am Anfang sehr schwierig, mit dem Klub die sportlichen Ziele zu erreichen.

Was meinen Sie konkret?
Trainer und Vorstände wechselten sehr häufig. Das war keine einfache Zeit, aber es war eben mein Klub. Zudem gab es Mitte der achtziger Jahre noch eine wirtschaftlich schwierige Phase, die in den Relegationsspielen gegen Fortuna Köln mündete. In diesen Partien hat man gemerkt, was für eine Bedeutung der Klub für die Stadt hat. Beim entscheidenden Spiel in Düsseldorf waren 50.000 Leute, davon 45.000 aus Dortmund. In dieser Zeit sind der Verein und das ganze Umfeld noch einmal deutlich zusammengerückt. Und mit dem DFB-Pokalsieg 1989 wurde eine neue Ära eingeleitet.

Wie haben Sie diesen Titelgewinn empfunden?
Das war damals der absolute Höhepunkt meiner Karriere. Die ganze Region durstete nach sportlichen Erfolgen. Wer in Berlin dabei war, als die Stadt in schwarz-gelb getaucht wurde, der wird gespürt haben, welche Bedeutung dieses Spiel für die Leute hatte. Das hat eine richtige Dynamik in die Entwicklung des Klubs gebracht. Es war wie ein Startschuss. Danach haben wir permanent europäisch gespielt und die Mannschaft immer weiter entwickelt.

Mit den Erfolgen wurden zunehmend teure Stars eingekauft.
Die Qualität der Mannschaft ist deutlich erhöht worden, letztlich hat uns das die Meisterschaften 1995 und 1996 und auch die Champions League 1997 ermöglicht. Wie wir heute wissen, musste dafür ein hoher Preis bezahlt werden – im wahrsten Sinne des Wortes. Aber rein sportlich war es eine tolle Zeit, die ich miterleben und als Kapitän auch mitprägen durfte. Die Strahlkraft, die der Klub heute hat, liegt in dieser Phase begründet.

Haben Sie zwischendurch um Ihren Stammplatz gebangt?
Der Konkurrenzgedanke war unter Ottmar Hitzfeld stark ausgeprägt. Es gab ein paar Jungs, die sagten: »Je besser wir spielen, desto mehr sägen wir den Ast ab, auf dem wir sitzen!« Natürlich ist aber niemand wirklich langsamer gelaufen, damit nicht so viel Geld reinkommt und wieder neu investiert wird. Ich war letztlich einer derjenigen, die überlebt haben. In diesem Zeitraum hatte ich die beste Phase meiner Karriere.

So feierten Sie 1992 als 30-Jähriger Ihr Debüt in der A-Nationalmannschaft.
Auf meiner Position im defensiven Mittelfeld standen mit Lothar Matthäus und Guido Buchwald zwei Weltklasseleute vor mir. Die waren einfach besser. Daher war es schon überraschend, dass ich zur DFB-Auswahl eingeladen worden bin. Aber das ging mit dem guten Abschneiden der Borussia einher. Ich bin stolz auf meine sieben Länderspiele. Aber das ist natürlich nichts im Vergleich zu dem, was zum Beispiel ein Matthäus geschafft hat.

Haben Sie eigentlich jemals darüber nachgedacht, den BVB zu verlassen?
Ganz zum Ende, als ich im Spätherbst meiner Karriere war. Es wurden immer weiter Stars verpflichtet, für meine Position kam 1996 Paulo Sousa. Ich hatte aber den Anspruch, immer zu wollen und war chronisch unzufrieden, wenn ich auf der Bank saß. Dann kamen Anfragen vom Hamburger SV und anderen Bundesligisten.

Wie haben Sie reagiert?
Ich habe hin und her überlegt, mich aber letztlich doch für den BVB entschieden. Und dafür bin ich mit dem Sieg in der Champions League und dem Weltpokal 1997 belohnt worden.

Nach Ihrem Karriereende folgte unvermittelt der Schritt ins Management. Wie haben Sie den Wechsel erlebt?
Es war sehr schwierig, weil es ein direkter Übergang ohne Vorbildung war. Aber ich war froh und dankbar, dass man mir die Chance gegeben hatte, in diesen Bereich reinzuschnuppern. In den ersten Jahren war ich eher der Assistent. Ich war mit dabei und konnte viele Erfahrungswerte sammeln. Das waren wichtige Lehrjahre.

Wann wurde Ihnen die dramatische Finanzsituation des BVB bewusst?
Am Anfang hat mir tatsächlich der Überblick gefehlt. Ich weiß nicht, ob ich der einzige war, dem es so ergangen ist. Dass es immer mal klemmte, habe ich natürlich mitbekommen. Dass die Lage aber so dramatisch und existenzbedrohlich war, habe ich erst erfahren, als es keinen Weg zurück gab.

Hatten Sie zwischendurch die Befürchtung, den Verein zu Grabe tragen zu müssen?
Ich hatte das Gefühl, dass ich es nicht mehr selbst in der Hand hatte. Wir waren von anderen Faktoren, von Gesellschaften und Banken abhängig. Das war kein gutes Gefühl. Danach haben wir uns auf die Fahnen geschrieben, dass dieser großartige Klub nie wieder in eine solche Situation kommen sollte. Gott sei Dank sind wir heute sehr weit davon entfernt. Heute sind wir sehr solide aufgestellt, so gut wie noch nie in der Geschichte.

War es nach dem Abgang von Gerd Niebaum und Michael Meier nicht eine sehr undankbare Aufgabe, mitten in der Krise mehr Verantwortung zu übernehmen?
Hans-Joachim Watzke hat mir sehr den Rücken gestärkt. Ich war nicht unumstritten und hatte das Gefühl, als ob ich auf Bewährung arbeiten würde. Da ich immer nur Einjahresverträge hatte, hätte man mich gar nicht rausschmeißen müssen. Glücklicherweise haben wir in diesem Zeitraum viele richtige Entscheidungen getroffen, auch wenn die Rückkehr des BVB für den äußeren Betrachter vielleicht ein bisschen zu langsam vonstatten ging. Aber anders war es schwer möglich, weil wir das Budget innerhalb von zwei Jahren halbiert haben.

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