Michael Zorc im Interview

»Bayern ist meilenweit entfernt«

Am Samstag steigt das Pokalfinale zwischen Bayern und Dortmund. Wir sprachen mit Sportdirektor Michael Zorc über die Außenseiterrolle des BVB, den langen Weg zurück an die Spitze und den Pokal-Triumph von 1989. Michael Zorc im InterviewImago

Herr Zorc, welche Gedanken gehen durch Ihren Kopf, wenn Sie an 1989 denken?

Das sind sehr schöne Erinnerungen. Man hat die Bilder noch vor dem geistigen Auge. Das fing schon an mit der Platzbegutachtung. Man sah diese gelbschwarze Kurve im Berliner Olympiastadion und hatte sofort das Gefühl, du bist hier nicht allein. Ich habe eine Gänsehaut bekommen und geglaubt, hier ist was zu schaffen. Was dann abgelaufen ist, war im Rückblick ein großer Tag für den BVB und für Dortmund.

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Damit war der Verein im internationalen Geschäft etabliert?

Wir hatten es schon zwei Jahre vorher einmal geschafft, uns für den UEFA-Cup zu qualifizieren. Das war der erste Anstoß, den Klub nach vorn zu bringen. Danach ging die positive Entwicklung weiter. Wichtig war die Verpflichtung von Ottmar Hitzfeld im Jahr 1991. Er hat die Mannschaft, die eigentlich noch nicht so weit war, 1993 ins UEFA-Pokal-Endspiel gebracht. Damit sind dem Verein wirtschaftliche Möglichkeiten eröffnet worden. Zu uns kamen Spieler, die bis dahin nicht zu haben waren.

Die Geschichte scheint sich zu wiederholen, denn wie damals gegen Werder Bremen ist Borussia Dortmund gegen Bayern München wieder Außenseiter...

Es hätte keiner was dagegen, wenn wir nach sechs Jahren wieder einen Titel holen. Wir würden die schwierige Zeit abschließen, die wir durchlebt haben. Die Endspielteilnahme hat mit großer Wahrscheinlichkeit auch die Teilnahme am UEFA-Cup zur Folge. Ich bin sicher, dass die Bayern einen der ersten drei Plätze belegen, die für sie die Qualifikation für die Champions League bedeuten. Für uns eröffnen sich durch die Teilnahme am internationalen Wettbewerb neue Möglichkeiten, auch wenn wir zunächst einmal nur für die erste Runde planen können. Zurück zum Finale in Berlin: In Spielen, in denen wir nicht Favorit waren, haben wir schon öfter Überraschungen geschafft. Es steht nirgends geschrieben, dass uns das nicht auch 2008 gelingt.

Welche Veränderungen hat es in der Bundesliga seit 1989 gegeben?

Die Rahmenbedingungen sind im Vergleich zu 1989 deutlich anders. Die Popularität der Bundesliga ist in weiten gesellschaftlichen Bereichen gestiegen. Die Medien-Berichterstattung ist deutlich ausgeweitet worden. Nicht zuletzt die WM 2006 hat neue Schichten der Gesellschaft erfasst und für den Fußball begeistert. Das müssen wir uns zunutze machen.

Als Urgestein des BVB seit 1978 ist ihnen der zwischenzeitliche Niedergang sicher nahegegangen.

Es war eine enorme Kraftanstrengung. Borussia Dortmund ist mit Hans-Joachim Watzke und Reinhard Rauball wieder in sicheres Fahrwasser gekommen. Wir haben alle Ausgabenbereiche heruntergefahren, wir haben Spieler abgeben müssen. Aber wir hatten auch in schwierigen Zeiten immer die Unterstützung der Fans, konnten den Zuschauerschnitt sogar steigern. Das hat erneut gezeigt, welche ungeheuer große Anziehungskraft der Verein Borussia Dortmund hat.

In den neunziger Jahren befand sich Dortmund auf Augenhöhe mit Bayern. Wann kommt Borussia da wieder hin?

In absehbarer Zeit nicht. Die Fans dürfen davon träumen, dass wir wieder ganz oben mitspielen um die Meisterschaft, aber unter den aktuellen Rahmenbedingungen können wir das noch nicht schaffen. Die Bayern sind uns und allen anderen Vereinen weit voraus. Sie haben sehr viel Qualität für sehr viel Geld verpflichtet. Davon sind wir aktuell meilenweit entfernt. Es ist noch nicht lange her, da ging es um die Existenz des BVB. Wenn wir das vergessen hätten, hätten wir nichts gelernt. Ein Transfer wie der von Franck Ribéry ist für uns wirtschaftlich auf absehbare Zeit nicht denkbar.

Muss die Mannschaft trotz dieser Zwänge fürs internationale Geschäft verstärkt werden?

Wir müssen weiter an unserem Kader arbeiten, können aber nur ein kalkuliertes Risiko eingehen. Nach dem Stand von jetzt können wir, wie gesagt, nur mit einer Runde im UEFA-Pokal planen. Die größeren Einnahmen kommen aber erst in der Gruppenphase und danach.

Es gibt schon jetzt Lücken in der Mannschaft...

Die haben wir erkannt. Wir arbeiten daran, diese zu schließen. Wir haben Tamas Hajnal für das offensive Mittelfeld verpflichtet, er kann uns weiterhelfen. Viele sehen nicht ganz zu Unrecht Probleme im Abwehrbereich. Hier werden wir etwas tun. Wir werden Spieler verpflichten, mit denen wir uns im UEFA-Pokal gut aufgehoben fühlen.

Sieht es in der Offensive besser aus?

Hier haben wir nicht so großen Handlungsbedarf. Wir haben Frei, Petric, Klimowicz. Nelson Valdez ist unheimlich bemüht, auch wenn das Ergebnis nicht zufrieden stellt. Das belastet ihn selber. Die Fans haben ein Recht zur Kritik. Sie gehört zum Fußball genauso wie Beifall. Aber sie sollten nicht einen einzelnen Spieler fertigmachen.

Nach 1989 hat sich im Team ein Zusammengehörigkeitsgefühl gebildet. Kann sich das wiederholen?

Für Fußballer ist es wichtig, Perspektiven zu erkennen. Die sind mit der Teilnahme am internationalen Wettbewerb gegeben. Spieler wie zum Beispiel Mladen Petric, Alexander Frei oder Sebastian Kehl möchten sich auf der internationalen Bühne präsentieren. Oder nehmen Sie Dede; der hat sich gefreut wie ein kleines Kind, als wir das Pokal-Endspiel in Berlin erreicht haben. Auch wenn wir in der Bundesliga noch hinter den Ansprüchen geblieben sind, erkennen die Spieler: Beim BVB tut sich was.

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