Michael Tarnat weint noch einmal

»Warum? Warum? Warum?«

Michael Tarnat stand am Pfosten, als das Unheil ins Bayern-Tor einschlug. Noch heute plagt ihn die Erinnerung an das 1:2 für ManU im CL-Finale 1999. Wir sprachen mit ihm über seinen Zusammenbruch, Baslers Party und Effes Schwur. Michael Tarnat weint noch einmal
Heft #90 05/2009
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90

Herr Tarnat, zehn Jahre ist das Endspiel von Barcelona nun her...

... was? Zehn Jahre? Wie die Zeit vergeht!

Was löst die Erinnerung noch bei Ihnen aus?


Wenn wir zwei Jahre später nicht das Finale gegen Valencia gewonnen hätten, wäre es sicherlich unbehaglich. So aber können wir gern darüber sprechen.

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Denken Sie noch oft daran zurück?

Eigentlich nur jetzt, wo wir darüber sprechen. Jetzt frage ich mich: Wie konnte das passieren? Nach dem Spiel selbst galt nur eins: Das wollen wir wieder gut machen!

War es die bitterste Niederlage ihres Lebens?

Ohne Zweifel: Es war ein Tiefschlag. Wir hatten die Krone schon in der Hand, dann wurde sie uns innerhalb von Sekunden wieder entrissen. Das ist wesentlich schlimmer als jeder Abstiegskampf, den ich jemals mit dem MSV Duisburg erlebt hatte.

Bei solchen dramatischen Erlebnissen wird oft ins Feld geführt: »Es ist doch nur Fußball!« Hätte Sie das getröstet?

So kurz nach dem Endspiel nicht. Da zweifelt man an sich selbst und ob man alles gegeben hat. Fußball ist in dem Moment nun mal das alles Entscheidende, es gibt nichts Wichtigeres, was so eine Niederlage relativieren könnte. Da können Sie auch alle andere fragen.

Was haben Sie aus der Niederlage für Ihre weitere Karriere ziehen können?

Erstens: Mit einer guten Kameradschaft kann man alles überstehen und alles gewinnen. Unsere Mannschaft ist durch die Pleite gegen ManU nur noch enger zusammengewachsen. Zweitens: Ein Spiel dauert 90 Minuten. Aber das wusste ja auch schon Sepp Herberger (lacht).

Ottmar Hitzfeld war vor der Saison zum FC Bayern gekommen. Hat er das Tor zur europäischen Spitzenklasse aufgestoßen?

Schon unter Giovanni Trapattoni hatten wir anständig gespielt und waren ins CL-Viertelfinale gekommen. Aber unter Hitzfeld haben wir uns in der Königsklasse etabliert. Er war der wichtigste Mann für diesen Schritt.

Wie war das Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft?

Ausgesprochen gut. Hitzfeld hat stets versucht, alle in ein Boot zu kriegen. Für ihn zählten nicht nur die ersten Elf, sondern auch die, die hinten dran waren. International hat er immer seine stärkste Mannschaft aufgestellt, in der Liga kamen die anderen dran. Ich war zum Beispiel der Back Up für Bixente Lizarazu. So hat Hitzfeld alle in die Verantwortung gezogen. Das war der Schlüssel zum Erfolg.

Wer war der Boss im Team?

Oliver Kahn, Stefan Effenberg, aber auch Giovane Elber und Lizarazu. Sie hatten das Sagen und zogen die anderen mit. Die Kameradschaft war super. Wir haben uns oft getroffen und auch gemeinsam gefeiert.

Wie sahen solche Abende aus?

Man traf sich privat, oft am Sonntag nach einem Spiel. Es wurde gegrillt, wir haben uns unterhalten. Auch die Familien waren dabei. 

Und Hitzfeld stand am Grill?

Nein. Da hat er sich raus  gehalten. Auf Distanz hat er viel Wert gelegt. Sein Motto war: »Lass die Jungs das mal allein machen.«

War Co-Trainer Michael Henke näher an der Mannschaft?

Ja. Er hat mit der Mannschaft trainiert und hatte auch privat ein engeres Verhältnis zu uns Spielern. Er war unser direkter Ansprechpartner und hat die Informationen für Hitzfeld gebündelt.

Werfen wir einen Blick auf den Finalgegner. Vor welchen ManU-Spielern hatten Sie den größten Respekt?

Vor dem Sturm, Dwight Yorck und Andy Cole. Und natürlich vor Roy Keane. Ein ähnlicher Typ wie unser Effe  – immer darauf aus, den Zweikampf zu suchen und seine Mannschaft anzutreiben.

Schon in der Gruppenphase trafen Sie auf ManU. Im Spiel in München unterlief Teddy Sheringham ein Eigentor zum 2:2...

(lacht) Ein skurriles Vorzeichen!

Haben Sie damit gerechnet, diese Mannschaft im Finale wieder zu sehen?

Die Arithmetik war damals noch so, dass man dreimal gegeneinander spielen konnte. ManU hatte eine Supermannschaft, und wir wussten schon: Die haben das Zeug dazu, sehr weit zu kommen.

Wann war Ihnen klar, dass der FC Bayern es bis ins Finale schaffen könnte?

Ich kann mich nicht an den genauen Zeitpunkt erinnern. Aber als wir uns gegen Dynamo Kiew im Halbfinale durchgesetzt hatten, den Top-Favoriten mit Schewtschenko und Rebrow in seinen Reihen, war klar: Wir können auch im Finale eine gute Rolle spielen.

In der Liga führten Sie die Tabelle mit 15 Punkten Vorsprung an, ManU hatte die Konkurrenz bis zum Schluss im Nacken und war gefordert. War das ein kleiner Vorteil für Ihren Gegner?


Das glaube ich nicht. Wir waren im Finale die klar bessere Mannschaft. Wir trafen nach dem 1:0 durch Basler noch zwei Mal Aluminium. Wir hätten gewinnen müssen.

Wann stieg bei Ihnen persönlich die Fieberkurve vor dem Finale?

Schon ein, zwei Wochen vorher. Gerade weil wir einen so großen Vorsprung vor Leverkusen hatten, ging man nicht mehr so intensiv in die Zweikämpfe. Keiner wollte sich verletzen, alle wollten dabei sein in diesem Finale – und unbedingt gewinnen.

Konnten Sie in der Nacht vorher schlafen?

Mehr oder weniger. Es wurde immer schwieriger, das Kribbeln wurde immer stärker. Wir sind dienstags nach Barcelona geflogen, abends haben wir noch trainiert, um uns zu akklimatisieren. Die Stimmung war schon recht angespannt und extrem konzentriert. Giovane Elber hat zum Glück ein paar Witze gemacht, das hat das Ganze ein wenig aufgelockert.

Mit wem haben Sie ein Zimmer geteilt?

Wir hatten immer Einzelzimmer. Nur abends traf man sich mit seiner Clique, hat sich nach dem Essen über das kommende Spiel unterhalten.

Wie haben Sie sich außerdem die Zeit vertrieben?

Für einen Stadtbummel blieb keine Zeit. Anreise, Training, Bettruhe, Essen, Massage, ein kleiner Spaziergang ums Hotel. Das war’s.

Haben Sie beim Frühstück Appetit gehabt?

Nun, ich musste mich nicht direkt übergeben (lacht). Aber man muss ein Brötchen schon bewusst essen, sonst nimmt man nichts zu sich vor lauter Aufregung. Du denkst die ganze Zeit an deinen Gegner: Wie bewegt er sich? Welche Finten hat er drauf? Du bist, um es mit Olli Kahn zu sagen, »in einem Tunnel«.

Wann erfuhren Sie, dass Sie spielen würden?

Das war die ganze Zeit klar. Lizarazu war seit drei Wochen verletzt – also musste ich ran. Es tat mir leid für Liza, aber ich tat, was Ottmar Hitzfeld mir gesagt hatte: »Bring deine Leistung, Tanne!«

Wie verlief so ein Einzelgespräch mit Hitzfeld?

Sehr sachlich. Er sprach die wesentlichen Punkte zum Spiel an, worauf man achten muss, welche Aufgaben man zu erfüllen hat. Emotional war er dabei nie. Man wusste immer, woran man war.

Wie war die Stimmung im Bus ins Camp Nou?

Der Busfahrer legte eine Kassette ein, die dudelte so im Hintergrund zur Zerstreuung. Einer guckte aus dem Fenster, der andere suchte das Gespräch mit dem Sitznachbarn. Auf dem Parkplatz vom Camp Nou war bei mir das Kribbeln kaum noch zu ertragen.

Was taten Sie dagegen?

Ich habe mit meiner Familie telefoniert, habe mich nach meinem Sohn erkundigt. Man muss irgendwie auf andere Gedanken kommen.

Wann sahen sie die ManU-Spieler?

Beim Warmmachen. Aber die hatten, wie wir auch, genug mit sich selbst zu tun.

Wie war das Verhältnis zwischen diesen Mannschaften? War das eine gesunde Rivalität, oder ging es schon darüber hinaus?


Da war Hitze drin – vor allem wegen des Zweikampfs Effenberg/Keane, der von den Medien ja auch hochstilisiert wurde. Aber prinzipiell war diese Partie von Respekt geprägt. Als ich Jahre später bei Manchester City spielte, kam ich mit Ole-Gunnar Solksjaer und Phil Neville ins Gespräch. Sie waren sehr nett und höflich. Übrigens konnten auch sie kaum begreifen, warum sie das Ding noch gewonnen haben.

Keane und Paul Scholes fehlten verletzt. Waren Sie froh darüber?

Schon. Gerade dass Keane fehlte war uns durchaus angenehm. Aber das ist nur ein Moment, dann bist du schon wieder im Tunnel.

Können Sie sich an Ottmar Hitzfelds Ansprache in der Kabine erinnern?

Auch die war nicht besonders emotional. Sicherheit und Selbstbewusstsein – das waren die Richtlinien, die er ausgegeben hat.

Haben Effe und Kahn auch das Wort ergriffen?

Kahn hat in die Hände gespuckt und gerufen: »Auf geht’s, Jungs!« Das war’s.

Was hat Matthäus gesagt, der Weltmeister?

Nichts. Lothar war in der Hierarchie ein Stück unter Effe und Kahn. Das hat er auch gewusst und akzeptiert. Er wurde trotzdem geachtet, besonders von den jungen Spielern.

Hatte Effenberg, der junge Wolf, den alten weg gebissen?

Wenn Lothar fünf Jahre jünger gewesen wäre, hätte er sich sicherlich nicht so leicht untergeordnet. Aber mit 39 war er gelassener und wusste, dass Effe ähnlich dachte wie er – aber nun mal entschlossener und fitter war als er.

Dann kam der Moment, als sie den Rasen von Camp Nou betraten.

Ja, und in meinem ganzen Leben war ich noch nie so aufgeregt gewesen. Es war ein besonderes Spiel, das muss man ja nicht extra sagen. Man denkt die ganze Zeit: Hoffentlich mach ich alles richtig. Erst wenn der Schiri anpfeift, löst sich diese Anspannung und die Routine setzt ein. Dann hast du keine Zeit mehr, über deine Nervosität nachzudenken.

Schon nach sechs Minuten traf Basler zum 1:0. Welche Worte fielen in der Jubeltraube?

Ach, da wird einfach nur geschrieen vor Freude! Das war ja genau das, was Ottmar Hitzfeld uns vorgegeben hatte: Ein frühes Tor, dann gut stehen und auf Konter warten. Unser Plan schien also aufzugehen. Ich hatte auch nie das Gefühl, dass da noch was anbrennen würde, auch nicht als ManU mit vier Stürmern auf dem Platz stand. Niemand, wirklich niemand hatte das Gefühl, dass da noch was passieren könnte. Da können sie jeden fragen. Vielleicht war das unser Fehler.

Haben Sie mit ihrem Gegenspieler Ryan Giggs gesprochen?

Nein. In der Vorrunde entschuldigt man sich noch für Fouls. Aber im Finale willst du deinem Gegner einfach nur noch den Schneid abkaufen. Ich kann mich an kein Spiel erinnern, in dem ich weniger gesprochen hätte.

Hatten Sie Giggs im Griff?

Ja, mir wurde ein gutes Spiel bescheinigt. Wie auch dem Rest der Mannschaft. Wir hatten ManU über 89 Minuten absolut im Griff.

Ab wann sahen Sie sich mit dem Pokal in der Hand?

Kurz vor dem 1:1 sagte Schiedsrichter Collina uns, dass er die Ecke noch ausführen lassen wollte. Wenn die nichts eingebracht hätte, wäre Schluss gewesen. Also haben wir uns alle noch mal auf unseren Mann konzentriert und gesagt, dass wir den Ball um jeden Preis aus dem Sechzehner bringen müssen. Olli Kahn brüllte noch die letzten Anweisungen, zeigte auf die entscheidenden Spieler. Wir hätten den Ball rausbringen müssen, aber er fiel Ryan Giggs vor die Füße, er schoss, Sheringham hält den Fuß dazwischen, und das Ding war drin. Mehmet Scholl hob noch den Arm, um Abseits zu reklamieren. Aber das Tor zählte, wir hatten das 1:1 kassiert, und Collina pfiff das Spiel noch einmal an.

In der 80. Minute war Abwehrchef Lothar Matthäus vom Feld gegangen. Hat das die Abwehr destabilisiert?

Was sollte Hitzfeld machen? Lothar hatte signalisiert, dass er Wadenkrämpfe hatte. Thorsten Fink kam für ihn, der zuvor schon sehr anständige Partien in der Champions League abgeliefert hatte. Wie gesagt: Alle, auch die Spieler aus der zweiten Reihe, waren immer bereit und heiß auf ihren Einsatz.

Und dann fiel auch noch das 1:2 durch Solskjaer.


Ja, mein Gott. Kahn hat noch Anweisungen gebrüllt, aber die ManU-Fans standen direkt hinter unserem Tor und haben so laut geschrieen, dass du dein eigenes Wort nicht mehr verstehen konntest. Phänomenal, was die abgezogen haben! Ein einziger riesiger Schrei, und plötzlich war das Ding drin.

Wo standen Sie, als das Tor fiel?

Ich stand am Pfosten und dachte: »Ach, du Scheiße.«  Ich habe noch versucht, mit dem Kopf hochzuschnellen – aber umsonst! Wir waren doch die bessere Mannschaft gewesen! Aber so sind die Engländer: Die laufen und laufen, bis der Schiri abpfeift. Wenn es sein muss, 95 Minuten.

Wie ging es Ihnen?

Ich bin komplett zusammengebrochen. Ich habe den Fußballgott gefragt: »Was habe ich bloß falsch gemacht?« Wir waren wie in Trance gewesen, hatten irgendwie abgeschaltet. Im Nachhinein muss ich sagen: das 1:2 war die logische Folge.

Was hatten sie denn falsch gemacht?

Ich wünschte, ich hätte mich etwas weiter ins Tor gestellt, dann hätte Solskjaer mir den Ball vielleicht ins Gesicht geschossen.

Gab es Schuldzuweisungen im Mannschaftskreis?

Überhaupt nicht. Jeder war für sich allein, bei der Siegerehrung und sogar noch beim Bankett.

Läuft man in einer solchen Situation nicht Gefahr, einem jubelnden Gegenspieler im Affekt eine zu kleben?

Nein, dazu bist du viel zu sehr mit dir selbst beschäftigt. Du sackst zusammen, willst allein gelassen werden. Da hilft es auch nicht, wenn jemand dich trösten will.

Wie wirkten die ManU-Spieler auf Sie?

So wie wir negativ geschockt waren, waren die positiv geschockt. Sie haben sich aber nicht dafür entschuldigt, dass sie gewonnen haben.

Haben Sie hingeschaut, als Peter Schmeichel den Pokal in den Nachthimmel stemmte?

Eigentlich wollten wir in die Kabine gehen. Aber Hitzfeld sagte: »Wir bleiben als Mannschaft hier.« Wir müssten Respekt zeigen. Aber hingeguckt habe ich nicht.

Wie lange hatten Sie Ihre Silbermedaille um den Hals?

Nur wenige Sekunden auf dem Podest. Mittlerweile gucke ich sie mir manchmal an. Sie ist ein Symbol dafür, dass man nie nachlassen sollte.

Gab es tröstende Worte von den Offiziellen?

Nein. Das ganze Kollektiv war geschockt. Franz Beckenbauer hatte die Ehrentribüne verlassen, um sich zur Siegerehrung begeben. Da stand es noch 1:0, und als er unten ankam, sah er auf der Anzeige den neuen Spielstand: 1:2. Aber auch wenn sie noch was gesagt hätten, hätte es nichts gebracht. Wir wollten in Ruhe gelassen werden.

Mario Basler hat noch in der Nacht auf dem Tisch getanzt.

Jeder nach seiner Fasson. Der Mario hat es eben so verarbeitet. Ich nehme ihm das nicht übel. Er hat es mir ja auch nicht übel genommen, dass ich zehn Minuten nach dem Essen sofort ins Bett gegangen bin. Dort habe ich mich eingegraben.

An Schlaf war wohl nicht zu denken.

Nein. Es war immer wieder die gleiche Frage: Warum? Warum? Warum?

Wie war der nächste Morgen?

Ich war immer noch geschockt, wollte einfach in Ruhe gelassen werden.

Wann entstand aus dem Trauma der Wille, die Scharte auszuwetzen?

Als wir wieder in München waren, hat Uli Hoeneß angefangen, uns behutsam wieder aufzubauen. Aber wir verloren ja auch noch das DFB-Pokal-Endspiel gegen Bremen, weil wir immer noch so niedergeschlagen waren. Erst nach einigen Wochen hat sich dann Effe vor die Mannschaft gestellt und gesagt: »Passt auf, Jungs: Wir müssen aufstehen. Jeder von uns hat noch zwei, drei Jahre Zeit, die Champions League zu gewinnen.« Es hat uns zusammen geschweißt, die Schmach wettzumachen. Die Bundesliga wurde darüber fast zur Nebensache.

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