12.12.2010

Michael Tarnat weint noch einmal

»Warum? Warum? Warum?«

Michael Tarnat stand am Pfosten, als das Unheil ins Bayern-Tor einschlug. Noch heute plagt ihn die Erinnerung an das 1:2 für ManU im CL-Finale 1999. Wir sprachen mit ihm über seinen Zusammenbruch, Baslers Party und Effes Schwur.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: imago

Herr Tarnat, zehn Jahre ist das Endspiel von Barcelona nun her...

... was? Zehn Jahre? Wie die Zeit vergeht!

Was löst die Erinnerung noch bei Ihnen aus?


Wenn wir zwei Jahre später nicht das Finale gegen Valencia gewonnen hätten, wäre es sicherlich unbehaglich. So aber können wir gern darüber sprechen.



Denken Sie noch oft daran zurück?

Eigentlich nur jetzt, wo wir darüber sprechen. Jetzt frage ich mich: Wie konnte das passieren? Nach dem Spiel selbst galt nur eins: Das wollen wir wieder gut machen!

War es die bitterste Niederlage ihres Lebens?

Ohne Zweifel: Es war ein Tiefschlag. Wir hatten die Krone schon in der Hand, dann wurde sie uns innerhalb von Sekunden wieder entrissen. Das ist wesentlich schlimmer als jeder Abstiegskampf, den ich jemals mit dem MSV Duisburg erlebt hatte.

Bei solchen dramatischen Erlebnissen wird oft ins Feld geführt: »Es ist doch nur Fußball!« Hätte Sie das getröstet?

So kurz nach dem Endspiel nicht. Da zweifelt man an sich selbst und ob man alles gegeben hat. Fußball ist in dem Moment nun mal das alles Entscheidende, es gibt nichts Wichtigeres, was so eine Niederlage relativieren könnte. Da können Sie auch alle andere fragen.

Was haben Sie aus der Niederlage für Ihre weitere Karriere ziehen können?

Erstens: Mit einer guten Kameradschaft kann man alles überstehen und alles gewinnen. Unsere Mannschaft ist durch die Pleite gegen ManU nur noch enger zusammengewachsen. Zweitens: Ein Spiel dauert 90 Minuten. Aber das wusste ja auch schon Sepp Herberger (lacht).

Ottmar Hitzfeld war vor der Saison zum FC Bayern gekommen. Hat er das Tor zur europäischen Spitzenklasse aufgestoßen?

Schon unter Giovanni Trapattoni hatten wir anständig gespielt und waren ins CL-Viertelfinale gekommen. Aber unter Hitzfeld haben wir uns in der Königsklasse etabliert. Er war der wichtigste Mann für diesen Schritt.

Wie war das Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft?

Ausgesprochen gut. Hitzfeld hat stets versucht, alle in ein Boot zu kriegen. Für ihn zählten nicht nur die ersten Elf, sondern auch die, die hinten dran waren. International hat er immer seine stärkste Mannschaft aufgestellt, in der Liga kamen die anderen dran. Ich war zum Beispiel der Back Up für Bixente Lizarazu. So hat Hitzfeld alle in die Verantwortung gezogen. Das war der Schlüssel zum Erfolg.

Wer war der Boss im Team?

Oliver Kahn, Stefan Effenberg, aber auch Giovane Elber und Lizarazu. Sie hatten das Sagen und zogen die anderen mit. Die Kameradschaft war super. Wir haben uns oft getroffen und auch gemeinsam gefeiert.

Wie sahen solche Abende aus?

Man traf sich privat, oft am Sonntag nach einem Spiel. Es wurde gegrillt, wir haben uns unterhalten. Auch die Familien waren dabei. 

Und Hitzfeld stand am Grill?

Nein. Da hat er sich raus  gehalten. Auf Distanz hat er viel Wert gelegt. Sein Motto war: »Lass die Jungs das mal allein machen.«

War Co-Trainer Michael Henke näher an der Mannschaft?

Ja. Er hat mit der Mannschaft trainiert und hatte auch privat ein engeres Verhältnis zu uns Spielern. Er war unser direkter Ansprechpartner und hat die Informationen für Hitzfeld gebündelt.

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