Michael Tarnat im Interview

„Ich konnte nicht aufhören“

Man muss sich schon sehr anstrengen, um sich an eine Bundesliga ohne Michael Tarnat erinnern zu können. Seit 16 Jahren mischt der Linksverteidiger nun schon mit – doch „alte Tanne“ darf ihn deswegen noch niemand nennen. Imago

Herr Tarnat, ausgerechnet gegen Ihren Ex-Klub mussten Sie wegen einer Verletzung an der Hüfte passen.

Das war natürlich eine große Enttäuschung. Es ist immer etwas Besonderes, gegen den FC Bayern München zu spielen. Ich habe es am Freitag nochmals versucht, musste aber das Abschlusstraining abbrechen.

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Das Spiel ging mit 3:0 an die Bayern – dabei hätte das Ergebnis sogar noch höher ausfallen können. Hätten Sie gedacht, dass das neuformierte Münchner Starensemble so schnell zueinander findet?

Das kann man nie vorhersagen. Auf jeden Fall freut es mich für Uli Hoeneß. Nach all der Häme, die er in der vergangenen Saison hat ertragen müssen. ‚Der Hoeneß ist zu alt, er bekommt keine guten Spieler mehr’, haben die Leute gesagt. Jetzt hat er es seinen Kritikern nochmals gezeigt.

Das klingt beinahe schon nach Männerfreundschaft zwischen Uli Hoeneß und Michael Tarnat…

Ich verstehe mich sehr gut mit ihm. Wenn ich in München bin, was öfter vorkommt, dann schaue ich wenn möglich in der Säbenerstraße vorbei. Ich freue mich, wenn ich Torwarttrainer Bernd Dreher, den Zeugwart Charly Ehmann und Uli Hoeneß sehe. Nach meiner Zeit als Spieler beim FC Bayern habe ich zu diesen Leuten den Kontakt nie abgebrochen.

Es heißt, Sie würden nach Ende Ihrer Karriere an die Isar zurückkehren.

Das ist der Plan. Mein Sohn ist in München geboren, und wir haben dort ein Haus. Meine Familie und mich verbindet viel mit dieser Stadt. Die Zeit beim FC Bayern war die schönste während meiner ganzen Karriere.

Hat Ihnen Uli Hoeneß schon ein konkretes Stellenangebot unterbreitet?

Uli meint, ich soll jetzt noch meinen Job als Fußballprofi genießen und dann sieht man weiter. Es ist vorgesehen, dass ich bei Bayern München im Scouting-Bereich eingesetzt werde.

Sie sind jetzt 37 Jahre alt. Ist nach dieser Saison endgültig Schluss mit der Fußballerkarriere?


Wahrscheinlich ja. Aber wer weiß, wenn ich noch fit bin und es mir noch Spaß macht… Vor zwei Jahren habe ich meiner Frau schon mal versprochen aufzuhören. Sie war es aber, die mich schließlich überredet hat, für ein Jahr weiterzumachen. Weil sie gesehen hat, wie viel Spaß mir das Ganze macht. Und als die Saison vorbei war, wollte mein Sohn unbedingt den Papa nochmals auf dem Rasen herumrennen sehen. Also konnte ich wieder nicht aufhören.

Über 400 Profispiele müssen Spuren hinterlassen haben…

Keine Frage, mit 37 spürt man die Belastung nach einer Partie oder dem Training intensiver als mit 25. Der Rücken schmerzt und die Beine sind schwer. Wenn die Jungen nach dem Training noch vier gegen zwei spielen, laufe ich mich lieber aus. Aber im Großen und Ganzen fühle ich mich gut. Ich bin immer wieder mal bei Dr. Müller-Wohlfahrt in München und lasse sozusagen einen Servicecheck machen. Jetzt hat mich ein Faserriss an der Hüft ausgebremst. Aber so etwas kann auch einem Jüngeren passieren.


Nach überzeugenden Leistungen in der Vorbereitung, unter anderem gab es einen 3:0-Sieg gegen Real Madrid, war der Saisonstart von Hannover 96 durchwachsen.

Ich würde ihn als bescheiden bezeichnen. Wir hatten uns gegen den HSV viel vorgenommen, vielleicht zuviel. Umso bitterer war die 0:1-Niederlage zu Hause.

Ist Hannover 96 denn wirklich reif für einen Uefa-Cup-Platz, wie vor der Saison gemutmaßt wurde?

Unser Ziel ist es, so schnell wie möglich 40 Punkte zu holen. Für Prognosen ist es nach drei Spieltagen noch zu früh. Wir wollen einen attraktiveren Fußball als in der vergangenen Saison spielen. Da gab es gute Phasen, aber die Konstanz hat uns gefehlt.

Wo sehen Sie den Klub mittelfristig?


Wenn man die Sachen in Hannover vernünftig anpackt, lässt sich hier sicher etwas bewegen. Ich glaube, die Niedersachsen fahren lieber zum Fußball nach Hannover als nach Wolfsburg. Es geht darum, den schlafenden Riesen zu wecken. Wir müssen die Leute begeistern, sie sollen sich mit 96 identifizieren. Es gibt noch die Hannover Scorpions im Eishockey. Aber das war’s dann auch in sportlicher Hinsicht. Ich sehe da noch viel Potenzial, was den Fußball in Hannover angeht. Wir haben ein tolles Stadion und eine gute Mannschaft. Es liegt nur an uns, die Menschen ins Stadion zu locken.

Wissen Sie, wann Sie das erste Bundesligaspiel bestritten haben?


Das muss wohl 16 oder 17 Jahre her sein.

Ihr Bundesligadebüt im Dress des MSV Duisburg liegt 16 Jahre zurück. Es war am 2. August 1991 gegen den VfB Stuttgart Was hat sich seitdem verändert?


Es wird heute viel mehr Wert auf Schnelligkeit gelegt. Nicht nur im physischen Bereich, sondern auch was das Passspiel angeht. Und das mediale Interesse ist viel, viel größer geworden.

Ihr Spitzname ist „Tanne“. „Alte Tanne“ darf man wohl nicht sagen?

(Lacht) Das kann sich keiner meiner Teamkollegen erlauben. Denen würde ich schon helfen.

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