29.11.2008

Michael Tarnat im Interview

»Ein einsames Geschäft«

Michael Tarnat ist mit 39 Jahren derzeit der dienstälteste Spieler in der Bundesliga. Nach einem Muskelbündelriss steht er nun vor seinem Comeback. Ein Gespräch über Verletzungspech, Einsamkeit und Vertragsverlängerungen.

Interview: Christoph Zimmer Bild: Imago
Herr Tarnat, die wichtigste Frage zuerst: Wie geht es dem mit 39 Jahren dienstältesten Bundesligaspieler?

Momentan geht es mir eigentlich ganz gut. Ich bin im Aufbautraining und jetzt auch endlich wieder bei der Mannschaft, habe mehrere Einheiten mitgemacht. Das Bein hält – und das ist erst einmal das Wichtigste. Ich fühle mich von Tag zu Tag besser.



Mit welchen Gefühlen haben sie die ersten Einheiten mit ihren Kollegen erlebt?

Endlich, habe ich gedacht. Wenn man zwölf Wochen im Kraftraum ist und nur Gewichte stemmen muss, dann nervt das auch irgendwann. Deshalb ist es eine schöne Abwechslung, wieder mit der Mannschaft zu trainieren und auch wieder mehr Einheiten auf dem Rasen zu machen.

Wie hat der Muskel auf die Belastungen reagiert?

Der Muskel hat bisher problemlos reagiert. Das ist ein schönes Gefühl nach der langen Zeit.

Uneingeschränktes Training ist aber noch nicht möglich?

Nein, es wird sicherlich so sein, dass ich morgens mit der Mannschaft trainiere und nachmittags im Kraftraum meine Übungen mache. Und dann werden wir sehen, wie weit ich bin.

An ein Meisterschaftsspiel ist aber noch nicht zu denken?

Nein, einen konkreten Zeitplan gibt es dafür nicht. Es wird sicherlich noch ein, zwei oder drei Wochen dauern, bis ich wieder vollkommen genesen bin und daran denken kann, wieder in der Bundesliga zu spielen.

Wird Ihnen in diesen Momenten bewusst, wie kurzlebig das Fußballgeschäft sein kann?

Ich habe mich mit 38 Jahren verletzt und zu diesem Zeitpunkt in meiner Karriere schon alles erlebt, deshalb war es für mich nicht so sein Schock. Es war eine schwere Verletzung, und ich habe mir gesagt, ich versuche alles um wieder zurückzukommen. Und bis jetzt ist es mir auch ganz gut gelungen.

Gab es während des langwierigen Aufbautrainings Zweifel, oder haben Sie sich gefragt, warum tue ich mir das in meinem Alter überhaupt noch an?

Nein, darüber habe ich mir keine ernsthaften Gedanken gemacht. Auch nicht darüber, ob ich zurückkommen werde oder nicht. Ich habe in dieser Zeit immer positiv gedacht.

Wie sind Sie mit den Momenten der Ungewissheit nach der Diagnose umgegangen?

Ungewissheit gab es eigentlich nur, nachdem mir der Arzt die Diagnose gestellt hat und es hieß: Muskelabriss und ein Dreivierteljahr Pause. Das ist natürlich schon so ein Moment, in dem du dich fragst, tust du dir das noch einmal an und versuchst zurückzukommen oder machen wir nur die Operation, und dann ist es mit Fußball vorbei.

Beurteilt man den Fußball anders, wenn noch nicht feststeht wann und ob man wieder in der Bundesliga aufläuft?

In dieser Phase sieht man den Fußball von einer ganz anderen Seite. Du nimmst, in Anführungszeichen, den Fußball einfach nicht mehr so wichtig. Gesund zu werden, wieder normal laufen zu können – das ist dann entscheidender als sich nur darauf zu fokussieren, wann du wieder auf dem Platz stehst.

Öffentlichkeit und Mitspieler erwarten aber immer Wasserstandsmeldungen.

Genau. Weil jeder fragt: wann bist du wieder fit, wann kannst du wieder spielen. Sicherlich tut es weh, wenn man, wie ich, sieben Monate die Heimspiele nur auf der Tribüne und die Auswärtsspiele nur im Fernsehen verfolgen kann. Diese Situation nervt. Du bist Fußballer und willst auch zurück auf den Rasen, mitspielen und der Mannschaft helfen.

Ist Fußball ein einsames Geschäft?

Es ist ein einsames Geschäft. Nicht nur bei den Spielen. Du liegst im Kraftraum und siehst wie die Jungs an dir vorbei auf den Trainingplatz gehen. Da möchtest du natürlich mit – stattdessen musst du allein mit dem Physio und dem Krafttrainer deine Übungen machen.

Konnten Sie in dieser Phase von ihrer großen Erfahrung, Sie haben 356 Bundesliga- und 19 Länderspiele absolviert, profitieren?

Man sieht schon alles etwas gelassener. Mit 38 weiß man, dass es wohl die letzte Saison ist, und die Karriere irgendwann auch mal zu Ende geht. Wenn man aber erst 18 oder 19 ist und du noch zehn, fünfzehn Jahre vor dir hast und so eine Verletzung erleidest, sieht das anders aus. Oder wenn dein Vertrag ausläuft. Du musst immer wieder mit Rückschlägen rechnen, das Comeback immer wieder nach hinten schieben. Weil ich das Ende der Karriere aber vor mir sehe, hat mich das auch nicht mehr so belastet.

Von Routine kann man aber nicht sprechen.

Das stimmt. Wenn du als Fußballer operiert wirst und drei, vier Monate ausfällst, ist das keine Routine. Das ist ein Schock für jeden Fußballer. Du weiß einfach nicht: komme ich zurück, schaffe ich das, finde ich überhaupt die Motivation wieder zurückzukommen? Das sind Momente, die du mit dir ganz alleine ausmachen musst. Das ist eine sehr schwierige Situation und alles andere als Routine.

Sie haben sich Anfang März gegen Leverkusen verletzt und seitdem kein Bundesligaspiel mehr bestritten. Wie konkret setzen Sie sich Ziele?

Ich habe mir das Ziel gesetzt, dass ich vor der Rückrunde noch Spiele in der Bundesliga machen möchte. Das ist auch meine Motivation gewesen, jeden Tag sechs oder sieben Stunden im Kraftraum zu arbeiten. Ich hoffe, dass ich keine Rückschläge mehr hinnehmen muss und vielleicht gegen Karlsruhe (am 29.11., Anm. der Redaktion) wieder im Kader stehe.

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