24.04.2013

Michael Skibbe über Götze, Real und José Mourinho

»Mario macht eben den nächsten Schritt«

Mehr als zehn Jahre arbeitete Michael Skibbe für Borussia Dortmund – als gebürtiger Schalker. Im Interview spricht er über die erstaunliche Entwicklung der deutschen Nachwuchsarbeit, den überraschenden Transfer von Mario Götze und die Chancen gegen Mourinhos Real Madrid.

Interview: Alex Raack Bild: Imago


Welche unpopulären Entscheidungen mussten Sie noch treffen?
Gerade weil wir so einen aufgeblähten Kader hatten und ich ja eigentlich vorhatte, die erste Mannschaft zu verjüngen, musste ich in meiner ersten Saison viele Gespräche mit verdienten Spielern führen, in denen ich ihnen nahelegte, dass ich nicht mehr mit ihnen planen würde. Das fällt mir noch heute, nach knapp 15 Jahren im Profifußball, schwer. Aber natürlich gehört das zu meinem Beruf dazu.

Im Sommer 1999 verließen mit Manfred Binz, Julio Cesar, Stéphane Chapuisat, Thomas Häßler, Stefan Klos und Knut Reinhardt gleich sechs verdiente Spieler den BVB. Chapuisat war zu diesem Zeitpunkt mit 106 Toren der erfolgreichste ausländische Torschütze der Bundesliga. Wie haben Sie ihm klar gemacht: Sorry, Chappi, ich plane nicht mehr mit Dir.
Bei Chappi hatte der Abschied andere Gründe, wir hätten ihn schon noch gerne behalten, mussten ihn aber aus finanziellen Gründen abgeben. Das verpasste Jahr in der Champions League und der Stadionausbau hatten ein großes Loch in den Haushalt gerissen.

Wie sind dann die gut 29 Millionen Euro zu erklären, die sie vor der Saison 1999/2000 für Spieler wie Christian Wörns, Fredi Bobic oder Victor Ikpeba ausgaben?
Damals haben wir in der Tat einige Entscheidungen getroffen, die ich heute anders treffen würde.

Haben Sie Fehler gemacht?
Im Nachhinein hätte ich im Fall Victor Ikpeba stärker meine Meinung vertreten müssen. Ich war gegen seine Verpflichtung, aber die Klubführung wollte kurz vor dem Saisonstart noch einen Stürmer kaufen.

Ikpeba kostete sechs Millionen Euro Ablöse und schoss in 21 Saisonspielen zwei Tore. Bis heute gilt er als einer der größten Fehleinkäufe der Dortmunder Vereinsgeschichte.
Was wir damals nicht wussten: Ikpebas Frau war schwer krebskrank. 2000 verstarb sie leider. Natürlich hatte Ikpeba in dieser Zeit ganz andere Sorgen, als sich ums Toreschießen zu kümmern.

Dennoch führten Sie nach neun Spieltagen der Saison 1999/2000 die Tabelle an.
Und der Verein verlängerte sogar vorzeitig meinen Vertrag um ein weiteres Jahr.

Das war im Oktober 1999. Am 7. Februar 2000 wurden Sie entlassen. So ist Fußball?
So ist Fußball. Wir machten ein tolles Spiel am ersten Rückrundenspieltag gegen den 1. FC Kaiserslautern und verloren trotzdem mit 0:1. Drei Tage nach dem Spiel teilten mir der damalige Präsident Gerd Niebaum, Michael Zorc in seiner Funktion als Sportdirektor und Manager Michael Meier mit, dass man mich entlassen wolle.

Wie haben Sie reagiert?
Ich war enttäuscht, schließlich war das meine erste Entlassung. Aber dass ich anschließend wieder auf meinen alten Posten als Nachwuchskoordinator zurückkehren konnte, war ein feiner Zug. Wir stritten uns dann sogar noch um zukünftige Gehaltszahlungen.

Weil Sie auf die Ihnen laut Vertrag zustehenden Zahlungen bestanden?
Im Gegenteil. Ich sagte den dreien: »Wenn ich ab sofort als Nachwuchskoordinator arbeite, möchte ich auch als Nachwuchskoordinator bezahlt werden.« Das wollten die beiden nicht einsehen. Sie überwiesen mir sogar anschließend mein nächstes Cheftrainer-Monatsgehalt. Ich überwies es einfach zurück und damit hatten sie es verstanden.

Entlassungen gehören zum Trainerberuf dazu wie der Stollenschuh zum Rasenplatz. Trotzdem: Wie schafft man es, nicht nach jeder Kündigung an seinen eigenen Fähigkeiten zu zweifeln?
Ich habe ja nun inzwischen auch einige Erfahrungen mit Entlassungen machen »dürfen« und habe festgestellt: Man darf das nicht persönlich nehmen. Wenn mich ein Verein kündigt, dann tut er das, weil er in diesem Moment nicht mehr mit der Arbeit des Trainers Skibbe einverstanden ist. Und nicht, weil er den Menschen Skibbe nicht mehr ausstehen kann. Das ist mir ganz wichtig.

Als Sie beim BVB entlassen wurden, stand die Mannschaft auf Platz sechs der Tabelle. Unter Ihrem Nachfolger Bernd Krauss rutschte die Elf bis zum 29. Spieltag auf Platz 13 ab, erst Routinier Udo Lattek konnte schließlich den Abstieg verhindern. War der weitere Saisonverlauf des BVB eine Genugtuung für Sie?
Nein, ich wollte ja nicht, dass der Verein absteigt! Aber ich glaube, dass sich einige Menschen in diesen Wochen noch einmal Gedanken darüber gemacht haben, ob meine Entlassung tatsächlich so sinnvoll war. Kurz vor der Kündigung von Bernd Krauss wurde sogar kurz noch einmal über meine Rückkehr auf den Trainerposten nachgedacht.

Wie bitte?
Als die Mannschaft immer weiter abstürzte, bat mich Michael Meier in sein Büro. Wir sprachen über die damalige Situation und wer den BVB jetzt noch retten könne. Dabei fiel auch mein Name. Aber letztlich bekam Udo Lattek den Job.

>>>> Die Karriere von Michael Skibbe in der Bildergalerie

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