24.04.2013

Michael Skibbe über Götze, Real und José Mourinho

»Mario macht eben den nächsten Schritt«

Mehr als zehn Jahre arbeitete Michael Skibbe für Borussia Dortmund – als gebürtiger Schalker. Im Interview spricht er über die erstaunliche Entwicklung der deutschen Nachwuchsarbeit, den überraschenden Transfer von Mario Götze und die Chancen gegen Mourinhos Real Madrid.

Interview: Alex Raack Bild: Imago

Michael Skibbe, Sie sind in Gelsenkirchen geboren, haben auf Schalke Fußball gespielt, sind auf Schalke zum Sportinvaliden geworden, haben auf Schalke als Nachwuchstrainer gearbeitet – und sind 1989 zu Borussia Dortmund gewechselt. Konnten Sie das denn mit Ihrem Gewissen vereinbaren?
Weder ich, noch meine Freunde und Bekannte hatten damit ein Problem. Als ich Schalke verließ, stand der Klub in der zweiten Liga sportlich und finanziell mit dem Rücken zur Wand und war noch nicht mal in der Lage, mein letztes Ausbildungsjahr als Trainer zu bezahlen, geschweige denn einen Nachwuchstrainer in Vollzeit zu finanzieren. Also ging ich zum BVB.

Ein Jahr später wurde Deutschland Weltmeister und Franz Beckenbauer löste mit seinem »auf Jahre hinaus unschlagbar«-Argument falsche Hoffnungen aus. Welche Fehler wurden damals in der deutschen Nachwuchsarbeit gemacht?
Im Rahmen der Möglichkeiten, die wir Jugendtrainer in den Vereinen hatten, wurde schon sehr gute Arbeit geleistet. Was fehlte, waren die strukturellen Vorraussetzungen für eine professionelle Jugendarbeit. Ganz konkret die heute vorgeschriebenen Nachwuchsleistungszentren. In Frankreich oder den Niederlanden gab es diese Zentren längst, dementsprechend besser konnten diese Nationen ihre Fußballer ausbilden. Ich erinnere mich an einen Besuch in Eindhoven beim damaligen Chef-Jugendtrainer Huub Stevens. Ich war beeindruckt von seinen Möglichkeiten, und er geschockt, als ich ihm von meinen Arbeitsbedingungen in Deutschland erzählte.

Wann setzte auch im Weltmeisterland Deutschland ein Umdenken ein?
Leider erst nach der katastrophalen Europameisterschaft 2000.

Also zehn Jahre zu spät?
In der Tat. Aber immerhin tat sich nach der EM 2000 etwas, die Klubs mussten Nachwuchsleistungszentren aufbauen und der Jugendarbeit wurde endlich viel mehr Aufmerksamkeit zuteil. Mit Erfolg, wie wir schon bei der EM 2004 beobachten durften. Auch wenn wir damals in der Vorrunde ausschieden – mit Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski oder Timo Hildebrand standen gleich eine Vielzahl U-21-Nationalspieler im A-Kader bei einem großen Turnier. Als ich Ende der Achtziger erstmals als Trainer Spiele der U21 beobachtete, kannte ich die Hälfte der Spieler nicht mal beim Namen! Und heute führen uns ehemalige Jugendnationalspieler wie Lahm, Schweinsteiger und Podolski erfahrene Stützen zur Weltmeisterschaft nach Brasilien.

Sie arbeiteten bis 1997 im Jugendbereich von Borussia Dortmund und wurden nach einem Jahr als Amateurtrainer 1998 sogar als Nachfolger von Nevio Scala zum Chefcoach befördert. Sie waren erst 32 und ein No-Name im Bundesliga-Geschäft – wie wurden Sie damals aufgenommen?
Im Verein kannte man mich ja schon seit vielen Jahren, deshalb war die Akzeptanz bei den Verantwortlichen und den Spielern von Beginn an da. Mit einigen der älteren Spieler, zum Beispiel Jürgen Kohler, hatte ich sogar schon in den Jugendnationalmannschaften zusammengespielt. Problematischer war das Verhältnis zu den Fans. Obwohl ich seit fast zehn Jahren für den BVB arbeitete, schmierte man mir bei jeder passenden Gelegenheit meine Schalker Vergangenheit aufs Brot.

Wie sah das konkret aus?
Gleich nach meinem Amtsantritt vor der Saison 1998/99 war ich bei einer Fan-Delegierten-Tagung eingeladen. Da hörte ich dann häufig den Vorwurf: »Du bist ein Blauer und sollst unser Trainer sein? Das geht nicht!« Viele Fans erwarteten von mir, dass ich als ordentlicher Borusse Schalke hassen müsse. Aber ich bin ja in Gelsenkirchen geboren und aufgewachsen, meine Herkunft wollte ich nicht verleugnen. Ich habe dann versucht, die Kritiker mit einem unschlagbaren Argument zu überzeugen.

Nämlich?
Dass ich in all den Jahren als Jugendtrainer für den BVB nicht ein Spiel gegen den FC Schalke verloren hatte! Und ich vorhätte, diese Bilanz auch weiterhin so blitzsauber zu halten.

Und das kam an?
Naja, nicht wirklich. Im ersten Jahr, als wir am letzten Spieltag noch Platz vier und die Champions-League-Qualifikation erreichten, kamen wir natürlich gut miteinander aus. Aber während der zweiten Saison, kurz vor meiner Entlassung, wurden die verbalen Angriffe der Fans immer heftiger. Als gebürtiger Schalke war mein Standing in der Kurve nie besonders hoch.

Abgesehen vom Gehalt – was war der größte Unterschied zwischen der Arbeit als Jugend- und als Cheftrainer?
Als ich der Mannschaft das erste Mal vorgestellt wurde, standen 34 Profifußballer vor mir auf dem Trainingsplatz. Ein riesiger Kader, der mir gar keine Chancen ließ, auch mal Nachwuchsspieler zum Zuge kommen zu lassen. Daran musste ich mich erst gewöhnen: Jahrelang hatte ich darum gekämpft, dass meine A-Jugendlichen Spielpraxis bei den Profis erhielten und nun war ich derjenige, der dem Nachwuchs die Tür vor der Nase zuschlagen musste.

>>>> Die Karriere von Michael Skibbe in der Bildergalerie

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