Michael Schulz über die Olympischen Spiele 1988

»Komm mal nach Frankfurt, du fliegst mit«

Wenn das Olympische Fußballturnier beginnt, wird eine Mannschaft fehlen: Deutschland. Seit Seoul 1988 hat sich keine DFB-Elf mehr qualifiziert. Damals gewann die Olympia-Auswahl mit Bronze die bis dato einzige Medaille. Michael Schulz erinnert sich.

Michael Schulz, würden Sie sich als waschechten Olympioniken bezeichnen?
Olympionike ist vielleicht zu weit gegriffen, allerdings erinnere ich mich an die Olympischen Spiele 1988 noch sehr, sehr oft. Ich veranstalte diverse Fußballcamps für Kinder und Jugendliche. Wenn ich mich dann vorstelle, berichte ich auch immer von der Zeit in Seoul.

Sie sind also ein echter Fan von Olympia.
Absolut. Für mich ist die Bronzemedaille in das Highlight meiner Karriere. Zwar habe ich die Europameisterschaft 1992 gespielt, die mit dem zweiten Platz auch nicht schlecht war. An Olympia kommt trotzdem nichts heran. Wenn du dort bist, steht die Zeit still. Man hat das Gefühl, als ob es auf der ganzen Welt nichts anderes mehr gibt.

Das Olympia-Team wurde durch die U21-Nationalmannschaft ersetzt. Wie wurde das Team damals zusammengestellt?
Trainer Hannes Löhr hatte freie Hand, da seit 1984 eine neue Regelung in Kraft trat. Es durften erstmals auch Profis nominiert werden, die noch keine Weltmeisterschaft gespielt hatten. Vorher waren ausschließlich Amateure zugelassen. Und unsere Truppe war richtig gut. Jürgen Klinsmann, Thomas Häßler und Frank Mill sind zwei Jahre später Weltmeister geworden, dazu geile Kicker wie Wolfram Wuttke. Ich selbst war ja mehr ein Sonderfall.

Warum?
Ich hatte gerade meine erste Profisaison beim 1. FC Kaiserslautern hinter mir und das mit 26! Heutzutage ist das uralt und damals schon hart an der Grenze. Im Frühjahr 1988 fiel zum ersten Mal mein Name im Zusammenhang mit der Olympia-Auswahl. Da hatte sich die Mannschaft aber schon längst in überragender Manier qualifiziert und war eingespielt. Zum letzten Testspiel vor dem Turnier gegen Nigeria wurde ich dann eingeladen. Das war schon super. Eine Nominierung für Seoul hielt ich trotzdem für unrealistisch.

Und doch waren Sie dabei.
An meinem Geburtstag, zwei Wochen vor dem ersten Spiel, fand die Nominierung live im Sportstudio statt. Ich habe also zu Hause mit Freunden gefeiert und dann zusammen gebannt auf den Fernseher gestarrt. Tja, mein Name fehlte. Meine Freunde waren jedoch enttäuschter als ich selbst, weil es mir eigentlich schon klar war. In heiterer Geburtstagsstimmung habe ich dann gesagt: »Macht euch mal keine Sorgen, ich fahr schon mit.« Einen Tag vor der Abreise rief dann Hannes Löhr bei mir an und fragte, ob ich denn morgen schon was vor hätte. »Nö, eigentlich nicht«, habe ich geantwortet. »Gut, dann komm mal nach Frankfurt, du fliegst mit.« Zwei Spieler hatten sich nämlich verletzt.

Und dann hieß es fix Koffer packen.
Genau. Natürlich habe ich nur das Nötigste mitgenommen, denn mir war klar, dass ich die letztmögliche Trikotnummer bekomme und zwei Wochen als Südkorea-Tourist unterwegs bin. Reiseführer eingepackt, ein paar Klamotten und los gings.

Wie kam es dann, dass Sie alle sechs Spiele gemacht haben?
(lacht) Wenn ich das wüsste. Wir sind einen Tag vor dem ersten Spiel angekommen, und dann zum Training gefahren. Anschließend hat mich Hannes Löhr in den Arm genommen und gefragt: »Wie sieht’s aus Langer, hast du Lust morgen zu spielen?« »Naja, wenn sie mich so fragen…« Irgendwie kam das ganze Olympische Turner für mich so überraschend, dass ich gar keine Zeit hatte, nervös zu werden. Meine Leistungen waren dementsprechend gut, die Kritiken auch und ich blieb im Team.

Drohte im Olympischen Dorf eigentlich der Lagerkoller?
Ach, kein bißchen. Hannes Löhr hat uns so viel Freiraum gelassen, dass wir alles machen konnten, was wir wollten. An freien Tagen ging es zu den verschiedensten Wettbewerben gegangen, im Olympischen Dorf haben wir mit den anderen Athleten gequatscht. Zum Beispiel trafen wir Steffi Graf oder machten Fotos mit einem 2,13 Meter großen Chinesen. Wahrscheinlich Basketballspieler. Zuvor sind wir noch durch das Land gezogen, spielten in Pusan, Taegu und Kwangju und konnten auch von dort Eindrücke sammeln. Trainiert wurde kaum, bei sechs Spielen in zwei Wochen. Die Fitness hatten wir in der Bundesligavorbereitung unserer Klubs geholt, vor Ort ging es vor allem um Spielformen und Regeneration.

Klingt nach einem schönen Ausflug nach Südkorea.
War es auch, doch bei aller Lockerheit war die Mannschaft im Spiel und im Training hochkonzentriert. Wir hatten eine enorme spielerische Qualität und einen tollen Zusammenhalt. Schade, dass es nicht zur Goldmedaille gereicht hat. Die Niederlage gegen Brasilien im Halbfinale nach Elfmeterschießen war schon ziemlich unglücklich.

Wie empfanden Sie das Niveau?
Brutal hoch, denn es haben schon einige Granaten mitgespielt. Bei Schweden Martin Dahlin, Brasilien trat mit Claudio Taffarel, Bebeto und Romario an, die UdSSR hatte Igor Dobrowolski und Sergej Gorlukowitsch, dazu noch die Argentinier und Italiener. Wenn man bedenkt, was manche Spieler für Karrieren anschließend hingelegt haben, wirkt das Turnier im Nachhinein noch schwerer. Der Gewinn der Bronzemedaille ist eine klasse Leistung. Deshalb halte ich sie auch immer noch in Ehren. Ich bringe die Medaille stets meinen Kids im Camp mit, die sie dann ehrfürchtig betrachten und ganz behutsam anfassen.

Als bisher einzige Medaille in der DFB-Geschichte ist sie ja auch eine echte Rarität. Und Ihr Team war auch das letzte, dass sich überhaupt für Olympische Spiele qualifizieren konnte.
Wirklich wahr? Dabei sollte die Aussicht auf eine Teilnahme an diesem Event eigentlich Ansporn genug sein. Dort die Chance zu haben, eine Olympische Medaille zu gewinnen ist doch das höchste der Gefühle. Mir läuft es jetzt noch kalt den Rücken runter, wenn ich an unsere Medaillenübergabe denke, wie die Nationalflagge augezogen wurde. Gespielt wurde zwar die russische Nationalhymne, weil die UdSSR Gold gewann – aber seitdem mag ich diese auch sehr gerne.

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