Michael A. Roth im Interview

»Ich bin kein Killer mehr«

Im Sommer 2007 trafen wir Michael A. Roth, damals noch Alleinherrscher über den 1. FC Nürnberg, in den heiligen Hallen seine Teppich-Imperiums. Nun, nach seinem Rücktritt, liest sich das Gespräch wie eine vorweg genommene Bilanz.   Michael A. Roth im Interviewimago
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Herr Roth, wir sind zu einem dramaturgischen Kunstgriff gezwungen. Wenn dieses Heft erscheint, ist das Pokalfinale gegen den VfB Stuttgart bereits gespielt. Wie ist es denn ausgegangen?

Wollen wir uns da neutral verhalten?

Lieber parteiisch.


Schwierig. Ich spekuliere nicht gerne über Ergebnisse.

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Wie wichtig war denn der Ausgang des Finals, wenn man von den damit verbundenen Gefühlen mal absieht? Seine Saisonziele hatte der 1. FC Nürnberg ja bereits vorher erreicht.

Der Pokal war schönes Beiwerk. Für das Image kann man nie genug tun, aber es gab keinen Zwang, schon gar nicht wirtschaftlich. Dass das Geld, das wir zusätzlich verdient haben, trotzdem willkommen ist, ist klar. Wir müssen in der Zukunft einiges in den Kader investieren.

… um Vereine, denen Sie wirtschaftlich auf Augenhöhe begegnen, distanzieren zu können?

Es gelingt ja nicht immer, Spieler zu holen, die nicht schon in der Öffentlichkeit stehen, mit denen man aber trotzdem etwas erreichen kann. Nach der letzten Saison sind die Erwartungen in der Stadt deutlich größer geworden. Die wollen wir erfüllen, soweit es geht, doch der 1. FC Nürnberg wird sich auf keinen Fall verschulden oder Kredite aufnehmen.

Sie sind nicht nur der Präsident dieses Vereins, sondern auch sein Fan.

Das wird man automatisch.

Waren sie es schon immer?

Eigentlich komme ich aus dem Motorsport.

Sind Sie früher selbst Rennen gefahren?


(lacht) Keine Formel-1-Rennen. Aber im Geländesport und bei Rallyes war ich sehr erfolgreich. Ich war auch Vorsitzender eines Motorsportvereins. Danach habe ich lange nichts gemacht, bis ich über Bekannte zum Fußball gekommen bin.

Wie sind Sie denn an den Club geraten?


Man hat mich Ende der 70er angesprochen, ob ich Sponsor werden oder eventuell sogar im Präsidium mitarbeiten will. Es ist mir natürlich alles nur in den schönsten Farben geschildert worden. Ich habe mich dann engagiert, und ein Jahr später war ich auf einmal Präsident.

Haben Sie diesen Schritt irgendwann mal bereut?


Eigentlich nie, obwohl es mich viel Geduld und Arbeit gekostet hat. Der 1. FC Nürnberg war ein Verein, der wie viele andere in der damaligen Zeit ziemlich runter gewirtschaftet war. 30 Millionen Mark Schulden sind eine Menge Holz.

Reden wir jetzt von Ihrer ersten Amtszeit oder der zweiten ab 1994?

Der zweiten. Ich habe den Verein 1983 schuldenfrei übergeben und zehn Jahre danach hatte er auf einmal 30 Millionen Schulden. Diesen Berg abzuarbeiten ist fast unmöglich, und deshalb darf der Club nie wieder in solch eine Situation kommen. Heute kann der 1. FC Nürnberg frei atmen. Es geht ihm wirtschaftlich hervorragend.

Sie klingen mittlerweile recht gelassen, dabei hat man Ihnen in der Vergangenheit oft vorgeworfen, dass Sie Ihr Präsidentenamt zu emotional ausüben. Stichwort: Trainerkiller.

Wenn man von einer Entscheidung überzeugt ist, hat es doch keinen Zweck, sie auf die lange Bank zu schieben. Wenn ein Verein so dasteht wie der Club heute, bekommen Sie fast jeden Trainer. Wenn Sie aber einen Verein führen, der mit Problemen behaftet ist, scheiden viele Trainer per se schon mal aus.

Das heißt, Sie haben sich früher bei der Trainersuche oft Körbe geholt und mussten Leute nehmen, die zweite Wahl waren?


Meist habe ich gar nicht mehr versucht, die Spitzentrainer anzusprechen. Dann haben Sie halt nur eine gewisse Auswahl zur Verfügung, weil Sie die besseren nicht kriegen. Ich sage es mal so: Ein mittelmäßiger Trainer bleibt ein mittelmäßiger Trainer. Und wir haben fast immer Pech gehabt. Am Anfang ist man noch guter Hoffnung, weil die Trainer sich ja gut verkaufen und wortreich erklären können, warum es da oder da nicht so gelaufen ist. Wenn aber einer etwas verspricht und es dann nicht hält, bleibt einem quasi nichts anderes übrig, als ihn zu entlassen.

Sie haben also nie aus dem Affekt heraus jemanden entlassen, sondern stets nach reiflicher Überlegung?

Ja, natürlich.

Oder haben Sie sich im Laufe der Jahre geändert?


Kann schon sein, dass ich besonnener geworden bin. Von außen betrachtet hat das vielleicht auch immer ein bisschen schlimmer ausgesehen als es war. Die Trainer verlangen einen Haufen Geld, und wenn es schief geht, bekommen sie noch eine Abfindung. Außerdem habe ich nie jemanden wegen zu großer Erfolge entlassen (lacht).

Ein Hans Meyer…

Wäre früher nie zu uns gekommen. Den haben wir nur bekommen, weil der Club da schon auf einem guten Weg war.

Ist er denn in den Vertragsverhandlungen auf Ihren Ruf eingegangen?

Mein Image war ihm natürlich bekannt. Aber ich habe einen Fürsprecher gehabt, das war der Dieter Hoeneß. Mit dem hat Meyer ja in Berlin zusammengearbeitet, und Hoeneß hat ein gutes Wort für mich eingelegt.

Und dann ging alles ganz schnell?

Verhältnismäßig. Wir mussten natürlich ein klein wenig mehr hinlegen als bei unseren Trainern zuvor.

Hans Meyer soll ein harter Verhandlungspartner sein.

Er weiß, was er will, und er verhandelt nicht lange. Er sagt: »Entweder ich bin euch das wert oder wir lassen es bleiben.« Das finde ich in Ordnung. Ich musste zwar ein paar Mal schlucken, aber dann habe ich »ja« gesagt.

Gab es in der Vergangenheit einen Trainer, von dem Sie heute sagen würden, dass Sie ihm Unrecht getan haben?

Nein. Wir haben uns immer im Guten geeinigt. Ich war mit keinem einzigen vor Gericht.
Hätten Sie dem einen oder anderen mehr Zeit geben sollen? Auch das nicht.

Selbst einem Felix Magath nicht?

Nein. Wir hatten ein sehr gutes Verhältnis, aber dann kommt er plötzlich und sagt: »Wenn wir hier was bewegen wollen, müssen wir 20 Millionen in die Hand nehmen.« Damals hatte ich gerade zwei Drittel der Schulden abgebaut, der Rest war überschaubar. Wäre ich seinem Rat gefolgt, hätten wir wieder 30 Millionen Verbindlichkeiten gehabt. Und wer garantiert mir den Erfolg, wenn ich soviel Geld ausgebe? Der Magath haut dann irgendwann ab und ich stehe wieder so da wie zehn Jahre zuvor.

Was war der schlimmste Moment in Ihrer Zeit als Club-Präsident?


Die Zeit, als es so schlecht um den Verein stand, dass man jeden Tag damit rechnen musste, dass es zu Ende geht. Wir hatten 1994 sogar einen Konkursanwalt, der uns vier Wochen lang begleitet hat, damit wir nicht privat in die Bredouille kommen. Der hat uns geholfen, Politiker und den Bürgermeister eingeschaltet, um das Gröbste abzuwenden.

Und der schönste Moment?


Das klingt jetzt komisch, aber die vielleicht schönste Saison war die in der 3. Liga, das war 1996/97. Überall, wo wir hinkamen, gab es ein riesiges Volksfest. Die Vereine haben Sondertribünen aufgestellt, und bei jedem unserer Auswärtsspiele wurden Zuschauerrekorde aufgestellt. Wir haben in dieser Spielzeit so viele Punkte geholt, dass wir fast nicht mehr wussten, wovon wir die ganzen Siegprämien bezahlen sollten.

War das Jahr in der Regionalliga ein heilsamer Schock und damit vielleicht der Anfang einer Entwicklung, die in den Erfolgen der abgelaufenen Saison ihr vorläufiges Ende gefunden hat?

Das Jahr hat dem Club gut getan, das muss man wirklich sagen. Viele Posten sind weggefallen, alles war auf dem Prüfstand. Das war schon heilsam.

Haben Sie einen Überblick darüber, wie viel Geld Sie persönlich in den Verein gesteckt haben?

Da wird viel durcheinander gebracht. Was ich dem Club wirklich habe zukommen lassen, waren ein paar Spieler, die ich gekauft habe, aber das dürften insgesamt maximal 1,5 Millionen Euro sein. Dann war ich mit meiner Firma als Sponsor aktiv, und drittens habe ich Darlehen gewährt, mit einer Verzinsung, die zwei bis drei Prozent niedriger war als bei der Bank. Die habe ich aber alle zurückbekommen. Das Problem war eher, dass ich keinerlei Sicherheiten hatte, denn der Club konnte mir die nicht geben.

Haben Sie die Darlehen mit Augenmaß gewährt oder hätte die Sache im Extremfall die Existenz Ihrer Firma gefährden können?

Nein, so schlimm war es nicht. Außerdem konnte ich gar nicht anders, als dem Club Geld zu geben, sonst wäre es nicht weitergegangen. In diesem Teufelskreis steckte ich drin, aber zum Glück ist ja alles gut gegangen.

Sie wollen sich im Oktober noch mal für drei Jahre wählen lassen.

So ist es.

Sie sind jetzt 71 Jahre alt und der Club ist erfolgreich. Haben Sie mal überlegt, sich mit einem Gläschen Wein auf die VIP-Tribüne zu setzen und die Spiele ganz entspannt zu verfolgen?

Habe ich überlegt. Aber ich möchte, dass es in meinem Sinne, also solide weitergeht und nicht wieder abdriftet in die schlimmen Jahre der Vergangenheit. Wir haben 6000 Vereinsmitglieder, die bei der Generalversammlung alle wahlberechtigt sind. Und wenn einer kommt, der ein netter Kerl ist oder gut Pizza backen kann, dann wird der gewählt. Ich muss darauf achten, dass keine Chaoten ans Ruder kommen, die alles wieder kaputt machen. Dann wäre alles umsonst gewesen.

Sind Sie jemand, der schlecht delegieren kann?

Nein, überhaupt nicht. Das ist eine meiner Stärken (lacht).

Aber Sie behalten schon gern die Kontrolle?

Natürlich. Ich bin nach wie vor der Chef, und das muss auch jeder wissen. Denn ich trage die Verantwortung. Ich habe zwar vier Kollegen im Präsidium, und auch im Aufsichtsrat sitzen noch fünf Personen, doch in Wirklichkeit hängt es an mir und an niemandem sonst. Ich bin froh, wenn ich das eine oder andere delegieren kann. Ich habe einen guten Manager (Martin Bader, Anm. d. Red.), und im Verein arbeiten Leute, die ehrlich sind und nicht versuchen, mich auszutricksen.

Wie oft rasseln Sie mit dem Dickkopf Hans Meyer zusammen?

Mit dem Trainer passt es sehr gut. Hans Meyer ist jemand, der einsieht, dass wir keinen Spieler verpflichten können, der fünf Millionen Euro kostet. Er bohrt dann auch nicht weiter. Wenn ihm der Geschäftsführer erklärt, es geht nicht, dann geht es eben nicht.

Lässt sich Meyers Anteil am sportlichen Erfolg bemessen?

Wir haben jetzt den Erfolg, auf den wir hingearbeitet haben. Und dafür brauchst du einen Hans Meyer! Nicht irgendeinen Trainer.

Tut Ihnen Meyers Vorgänger Wolfgang Wolf manchmal leid? Schließlich hat er Spieler wie Vittek, Pinola oder Saenko geholt, von denen der Club heute noch profitiert. Doch die Früchte seiner Arbeit konnte er in Nürnberg nicht ernten.


Ihm fehlt halt auch irgendwas. Was, kann ich nicht sagen. Ich habe gedacht, jetzt in Kaiserslautern, in seiner Heimat, da packt er’s. Aber irgendwie haben sie alle nicht das, was der Meyer hat.

Charisma?

Ja, und auch seine Art zu kommunizieren. Bei dem musst du immer hellwach sein.

Weil man nicht weiß, ob er es gerade wieder ironisch meint?

Wenn man eine unbedachte Antwort gibt, hat er dich schon. Dann kriegt man es knüppeldick. Man darf keine Sekunde nicht bei der Sache sein. Und so ist er auch zu seinen Spielern. Bei der Mannschaftsbesprechung kann man eine Stecknadel fallen hören. Da geht nichts zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus.

Wie wichtig ist Martin Bader für den Erfolg?

Er versteht sich mit dem Trainer und schluckt auch schon mal einen schlechten Witz von ihm. Sie arbeiten sehr gut zusammen. Wenn Meyer einen Spieler im Kopf hat, probiert Bader alles, um ihn auch zu bekommen.

Der 1. FC Nürnberg hat seinen Anhängern in der Vergangenheit einiges zugemutet. Wie tief ist der Club in der fränkischen Seele verankert?


Sehr. Fast zu sehr, weil es nichts anderes gibt. Der Club ist der Wahnsinn in Franken.

Hängen Ihnen die Erfolge der frühen Jahre nicht wie ein Mühlstein am Hals, weil sich die Erwartungen der Leute immer noch daran orientieren?

Natürlich, zumal diese Generationen noch leben. Die sind zwischen 60 und 90 Jahre alt, kennen alle bekannten Spieler von früher und können sich an die großen Triumphe erinnern. Es ist der sehnlichste Wunsch dieser Leute, an die guten alten Zeiten anzuknüpfen. Und im Moment sind wir auf dem besten Weg.

Ist der Schulterschluss mit den leidgeprüften Fans die eigentliche Leistung dieser Saison?


Auf jeden Fall. Es ist unglaublich, wie die Leute auf einen zugehen und dem 1.?FC Nürnberg wieder vertrauen. Das merkt man nicht nur in Franken, sondern auch im Umland. Da gibt es ja weit und breit keinen anderen Bundesligisten.

Sie haben nach dem Einzug ins Pokalfinale gesagt: »Jetzt holen wir uns die Bayern-Anhänger zurück!« Haben Sie in den Zeiten des Misserfolgs wirklich so viele Fans an die Münchner verloren?

Unheimlich viele. Man sieht die Busse mit den Nummernschildern aus Würzburg, Hof oder Schweinfurt, die alle an Nürnberg vorbei nach München fahren. Aber um die wirklich zurückzuholen, werden wir einige Jahre auf dem derzeitigen Niveau spielen müssen.

Was ist in den kommenden Jahren sportlich möglich?

Wenn wir auch in den nächsten Jahren um Tabellenplatz 5 oder 6 mitspielen, wäre ich heilfroh. Mit viel Risiko wäre vielleicht mehr möglich. Aber wir fahren hier kein Risiko, zumindest nicht, solange ich die Verantwortung trage.

Sie gelten als der letzte Patriarch der Bundesliga, vielleicht mit Ausnahme von Martin Kind aus Hannover. Nervt Sie diese Einschätzung oder nehmen Sie sie als Kompliment?


Wenn, dann kann es ja nur ein Kompliment sein. Ich nehme keinen Pfennig vom Club, ich bezahle sogar die meisten Kosten auf meine Rechnung. Wenn ich zu einem Auswärtsspiel fahre, ist das meine Privatangelegenheit und soll den Club keinen Pfennig kosten. Diese Einstellung vertrete ich und das soll auch für alle anderen gelten. Auf die Weise haben wir in den vergangenen Jahren viel Geld gespart.

Haben Sie sich durch die mediale Berichterstattung über Ihre Person, die gerne auf Ihre Körpergröße oder die Profession als Teppichhändler abstellt, manchmal beleidigt gefühlt
?

Höchstens am Anfang. Doch im Laufe der Zeit bekommt man ein dickes Fell. Mir ist schon klar, dass die Medien nur mit Schlagzeilen ihre Blätter verkaufen können.

Schlagzeilen haben Sie zum Beispiel gemacht, als Sie vor einigen Jahren in einem Interview darüber nachdachten, Ihren Spielern »das Hirn durchzupfeifen«.


In dem Moment habe ich gar nicht an meine Pistole gedacht. Aber wenn Sie einen Waffenschein haben, dürfen Sie nicht solch einen Schmarrn erzählen. Sie müssen den Schein schließlich alle zwei Jahre erneuern, und dann erzählen die Ihnen was…

Sie bekamen also Probleme?


Man hat mich ermahnt, und ich habe gesagt, dass es mir leid tut. Das war’s.

Sie nehmen sich seit einiger Zeit mit öffentlichen Äußerungen zurück. Liegt das daran, dass Sie mit Meyer und Bader Leute an Ihrer Seite haben, denen Sie hundertprozentig vertrauen?

Das sicher auch. Früher haben mich ständig die ganzen Spielervermittler angerufen, Tod und Teufel. Heute ist das die Sache des Trainers und des Managers. Ich habe auch gar nicht die Zeit dafür.

Was müsste sich Hans Meyer zu Schulden kommen lassen, damit Sie noch mal zum Trainerkiller werden?

Absteigen.

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