20.08.2009

Michael Oenning im Interview

»Fußball ist nicht alles«

Als Trainer-Notlösung schaffte Michael Oenning nach furioser Aufholjagd mit dem Club den Aufstieg. Hier sagt er, welche Tipps Marcel Reif ihm gibt, was er an Advocaat schätzt und warum Trainer ein Recht auf Feierabend haben.

Interview: Jens Kirschneck und Tim Jürgens Bild: Norman Konrad
Ede Becker, der beim KSC so wie Sie als Co-Trainer zum Chef wurde, sagt auch, dass er sich durchaus etwas anderes vorstellen könnte als Bundesligatrainer zu sein, nur eins nicht: Nie mehr den Job im zweiten Glied.

Ich könnte wieder als Co-Trainer arbeiten. Gleichwohl kommt es auf das Projekt an, ob mich die Leute und die Herangehensweise interessieren.

Was ist das Schwierigste am Dasein als Cheftrainer?


Dass ich 27 Leute in meiner Mannschaft habe, von denen immer nur elf spielen können. Und mein Alltag besteht darin, auf das eine, nächste Spiel hinzuarbeiten und alle 27 so bei Laune zu halten, dass sie mitarbeiten. Das ist wie bei Euch: Ihr habt zehn Journalisten, die von einer Sache Ahnung haben, aber nur einer darf den Beitrag schreiben. Ein systemimmanentes Problem.

Und was sind die Annehmlichkeiten des Cheftrainer-Daseins?


Zunächst sinkt mit der Zunahme an Popularität die Lebensqualität. Der Job als zweiter Mann war stressfreier.

Gibt es keine Vorteile?


Wer würde es nicht als angenehm empfinden, letztlich alle Entscheidungen treffen zu können?

Macht macht Spaß.


Aber hier in Nürnberg übe ich doch keine Macht aus. Natürlich kann ich mitbestimmen und ein Regulativ für bestimmte Zusammenhänge sein, aber ich kann doch keinen Druck ausüben!

Naja, Sie können beim Manager nach neuen Spielern verlangen und dafür sorgen, dass andere Profis durch einen Transfer unter Druck geraten. Oder geht das derzeit aus finanziellen Gründen nur sehr eingeschränkt?


Ich könnte jeden Spieler bekommen, den ich haben will. Es muss natürlich im finanziellen Rahmen des Vereins sein. Aber das verstehe ich nicht unter Machtausübung. Momentan versuchen wir hier eher durch Kreativität als durch große Namen zu glänzen. Denn meine Hoffnung ist, dass die Spieler, die wir hier entwickeln, in vier, fünf Jahren spektakuläre Namen sind.

Klingt gut, aber ist es auch praxistauglich?


Wir wollen zeigen, dass es geht. Natürlich braucht man auch Qualität – aber wir haben hier eine Mannschaft mit Perspektive zusammengestellt, und die braucht Langfristigkeit. Wir wollen nicht, dass man in drei Jahren vor dem Mannschaftsfoto dieser Saison steht und niemanden mehr kennt.

Was gibt Ihnen das Selbstvertrauen dazu?


In der Zweiten Liga war das Spielermaterial des Clubs eher obere Klasse, jetzt ist es eher... (lacht)

Untere Klasse?


Dennoch glaube ich, dass wir die Grundfähigkeiten besitzen, die man in der Bundesliga benötigt, technisch allemal. Was wir nicht haben, ist die Erfahrung. Ich weiß nicht, wie die Spieler sich vor 80000 Leuten in Dortmund verhalten oder wenn wir mal drei Spiele hintereinander verloren haben. Keine Ahnung, ob die Leichtigkeit dann verlorengeht.

Spüren Sie, dass einige Spieler Manschetten haben?


Im Gegenteil. Gerade bei denen, die noch nicht in der Bundesliga gespielt haben, ist die Vorfreude groß. Die fiebern dem großen Kino entgegen. Interessant wird es erst, wenn sie mal feststellen, ich hab doch alles gemacht und alles gegeben – und trotzdem verloren.

Gibt es auch Dinge, die Sie noch überraschen können?
Es ist ja auch Ihre erste Saison als Erstliga-Cheftrainer.

Mich kann mit Sicherheit eine Menge überraschen, aber das hat weniger mit anderen Mannschaften zu tun. Ich habe mich auch in der Zweiten Liga überschaubar mit den anderen beschäftigt. Wenn man sich zu sehr mit dem Gegner beschäftigt, vergisst man die eigenen Stärken.

Sie haben keine schlaflose Nacht?


Nein. Ich begreife meine Arbeit als etwas Positives, nicht als Last. Deshalb muss ich auch nichts mit ins Bett nehmen. Ich glaube, meine größte Stärke ist meine noch verbliebene Unabhängigkeit. Ich muss diesen Job nicht machen. Ich mache ihn gerne, aber ich habe keine Existenz- oder Versagensängste. Es geht mir in erster Linie darum, ein paar Dinge auszuprobieren.

Was genau?


Ich will den Beweis antreten, dass man im Fußball auch Dinge mittel- bis langfristig antreten kann, weg vom hire and fire. Letztendlich sollte die Philosophie des Vereins über den Trainer entscheiden und nicht jeder Trainer eine neue Philosophie mitbringen, die jedesmal alles wieder über den Haufen wirft.

Ist das auch mit einer konkreten Spielidee verbunden?


Ich bin Freund eines offensiven, attraktiven Spiels, das auf einer guten Defensivorganisation beruht. Früh verteidigen, Bälle erobern, viel Tempo.

Werden Sie Ihre Spielidee an die Liga anpassen müssen?


Was ich mit dieser Mannschaft nicht machen werde, ist eine Rolle rückwärts und nur noch mauern. Wir werden versuchen müssen, noch weniger Fehler zu machen, und wir müssen die wenigen Chancen besser nutzen – denn dabei waren wir letzten Saison zum Teil richtig schlecht!

Wie verbessert man die Chancenverwertung, das ist meistens eine Sache der Nerven?


Üben, üben, üben. Immer wieder die Situationen herstellen, die im Spiel vorkommen. Wenn ich natürlich 90 Prozent defensiv trainiere, immer nur Balleroberung, werde ich vorm Tor nicht besser .... Deshalb haben wir das in der letzten Saison wieder und wieder geübt.

Die Kälte, mit der Ihr Team die Chancen beim Relegationsspiel in Cottbus genutzt hat, war schon mal beeindruckend.

Und das war harte Arbeit.

Mit anderen Worten: »Jeden Spieler jeden Tag ein bisschen besser machen«.

Nee, nee, das sage ich nicht. (lacht) Natürlich müssen die Spieler besser werden! Horst Hrubesch hat das gut gesagt. Als man ihn nach fertigen Spielern fragte, meinte er: »Wissen Sie, wann ich fertig war? Als ich meinen letzten Ball gespielt hatte. Da war ich fertig. Und zwar so richtig.«

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