Michael Oenning im Interview

»Fußball ist nicht alles«

Als Trainer-Notlösung schaffte Michael Oenning nach furioser Aufholjagd mit dem Club den Aufstieg. Hier sagt er, welche Tipps Marcel Reif ihm gibt, was er an Advocaat schätzt und warum Trainer ein Recht auf Feierabend haben. Michael Oenning im InterviewNorman Konrad
Heft #93 Sonderheft 2009/10
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93

Michael Oenning, Sie stiegen als Trainer-Nobody in die Bundesliga auf. Fängt die Medienarbeit schon an zu nerven?

Im Gegenteil. Wenn die Süddeutsche und die FAZ endlich wieder mal anrufen, ist das für den Club doch positiv.

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Für die Öffentlichkeit waren Sie bislang der Trainer, dessen größter Erfolg der »Grimme-Preis« war, den Sie als Premiere-Experte an der Seite von Marcel Reif für die WM 2002 bekommen haben.


Immerhin habe ich was gewonnen (lacht.) Damit muss ich leben .... Solche Bewertungen nehmen Journalisten doch nur vor, weil es noch nicht viel anderes über mich zu schreiben gibt.

Aber Sie sind der Trainer eines Erstligisten.


Ja, und ich achte auch darauf, dass es in dieser Hinsicht genug gibt, worüber es sich zu berichten lohnt.

Gerne wird auch erwähnt, dass Sie Klavier spielen und Frederic Chopin einer Ihrer Lieblingskomponisten ist.


Fußball und Musik sind gerade in Deutschland immer noch Antipoden. Na gut, viele Spieler hören Gangsta-Rap – vielleicht ist es da für Journalisten reizvoll, wenn sich jemand nicht von Kindheit an nur auf den Fußball konzentriert hat. Es war ja nie mein Ziel, einen Bundesliga-Klub zu trainieren. Es hat sich nur an irgendeinem Punkt meines Lebens so ergeben.

Hat Ihnen Marcel Reif Tipps gegeben, was Sie in der Außendarstellung als Trainer beachten sollten?


Er hat mir natürlich Starthilfe gegeben und er sagt mir nach wie vor, in welchen Bereichen ich an meiner Feinabstimmung arbeiten kann.

Zum Beispiel?


Ein Cheftrainer darf die Demut nicht verlieren. Als öffentliche Person ist man immer wieder in Gefahr, etwas zu Dingen zu sagen, von denen man keine Ahnung hat.

Bei welcher Gelegenheit hätten Sie sich denn zuletzt am liebsten auf die Zunge gebissen?


Als es gerade bei Schalke 04 drunter und drüber ging, war ich beim DSF zu Gast. Als jemand, der aus dem Münsterland stammt, wurde ich natürlich zu meiner Meinung gefragt. Und ich habe mich ein Stückweit darauf eingelassen, obwohl es überhaupt nicht meine Baustelle war.

Und schnell hat man eine Schlagzeile.


Stimmt, obwohl es in diesem Fall nicht dazu kam.

Was war bisher Ihre übelste Headline?

Eine Regionalzeitung titelte: »Oenning frech: Wir schneiden Neururer die Haare!« Dabei hatte ich nie irgendwas in diese Richtung gesagt. Und im übrigen bin ich auch nicht »frech«. Sowas halte ich für faden Boulevard. Dann rufe ich den betreffenden Redakteur auch mal an und beschwere mich.

Ihr Vorvorgänger beim Club, Hans Meyer, geißelt die Boulevardmedien als Verdummungskatalysator unserer Gesellschaft. Darf ein Fußballtrainer sowas sagen?


Verdummung ist ein großes Wort. Wer liest, kann eigentlich noch nicht total verblödet sein ... Aber ich verstehe, wenn man ein langes Trainerleben hinter sich hat, dass man so ein Fazit zieht. Anderseits: auch eine Zeitung wie die »Bild« sichert sich in den Fakten ab. Die schreiben ja nichts, was überhaupt nicht stimmt. Darüber, dass diese Zeitungen Allianzen bilden, manche Geschichte ganz bewusst lancieren und in eine bestimmte Richtung drehen, kann man sicher diskutieren. Genauso wie über den Duktus.

Trotzdem haben Sie in der »Bild«-Zeitung am Ende der vergangenen Saison eine Serie über den Aufstieg geschrieben.


Ich war der Ansicht, dass ich noch nicht genug auf dem Zettel hatte, um dieses Angebot auszuschlagen. Ich wusste, was sie planen und konnte die Sache steuern. Deswegen fand ich den Auftritt nicht verkehrt.

Die Serie liest sich wie eine Mischung aus der »Bild«-Sprache und Ihrer.


Jeder, der es mit Verstand gelesen hat, weiß, dass ich es nicht geschrieben habe. Ich habe nur täglich mit dem Redakteur telefoniert.

Als Deutschlehrer hätten Sie wohl auch einen anderen Duktus gewählt.


Das ist doch der Punkt: Wen bedient so eine Kolumne? Damit will ich die Sache gar nicht schlecht reden. Ich hatte die Chance, viele aus meiner Sicht wichtige Gedanken abzusondern. Für einen »Bild«-Artikel war es ein interessanter Beitrag, auch weil er mal Dinge unter der Oberfläche deutlich machte. Aber natürlich war es letztlich von der Form ein »Bild«-Artikel.

Sie sagen, Sie hätten es gemacht, weil Sie noch nicht genug auf dem Zettel hatten.


Ist doch so. Natürlich hätte ich mich dem Angebot auch verweigern können. Und was wäre die Folge? Der andere macht dann auch zu und ich habe keinen Einfluss mehr darauf, was er schreibt. Wenn ich schon 15 Jahre Cheftrainer wäre, hätte ich mich vielleicht nicht mehr darauf eingelassen. Aber in diesem Fall habe ich es als Chance gesehen. Und es hatte den Vorteil, dass ich anschließend 14 Tage in gar keiner Zeitung mehr auftauchte, weil es nichts mehr gab, was die über mich zu schreiben wussten.

Sie sind gut mit Holger Fach befreundet. Sein Image in den Medien ist nicht gerade das Beste.

Holger ist manchmal eben ein wenig beratungsresistent ... Er sagt: »Ich bin so wie ich bin, und so bleibe ich auch.« Das hat er schon als Profi so gehalten. Er vertritt offen seine Meinung und wenn er sich angegriffen fühlt, geht er nach vorne. Deswegen kommt er in der Berichterstattung anders weg, als er ist. Aber er kann damit leben. Er nimmt in Kauf, dass er kein gutes Image hat. Denn es sagt nichts darüber aus, ob er ein guter Trainer ist.

Wo sind Sie beratungsresistent?


Weiß ich nicht. Ich höre mir viele Sachen an, aber nicht jeder Mensch kann in meinem Leben ein Regulativ sein. Wenn ich feststelle, dass ich aus einem Gespräch nichts herausziehen kann, höre ich auf zuzuhören. Und Dinge und Menschen, die mich nicht mehr interessieren, kann ich aus meinem Leben ausblenden.

Gibt es einen Trainer, mit dem Sie gearbeitet haben, der Vorbildfunktion für Sie hat?

Es wäre unfair, einen heraus zu greifen. Aber ich habe mit mehreren gearbeitet, denen es auf unterschiedliche Weise gelang, Spieler für eine Sache zu begeistern.

Nennen Sie doch mal einen.


Dick Advocaat zum Beispiel, der in der deutschen Öffentlichkeit überhaupt nicht gut ankam und bei Borussia Mönchengladbach gescheitert ist. Der hat vorher und nachher bewiesen, wie gut er als Trainer ist. Die Art, wie er trainiert hat, und seine Vorstellung von Fußball fand ich erstaunlich.

Können Sie auch aus seinem Scheitern in Mönchengladbach Dinge für sich mitnehmen?

Klar. Dick hat sich ebenfalls komplett den Medien verweigert. Und die haben daraufhin ein Bild von ihm geschaffen, dass er leider nicht über Ergebnisse absichern konnte.

Peter Neururer sagt, als Trainer, der nicht in der Bundesliga gespielt hat, muss man auch durch Sprüche oder spektakuläre Aktionen auf sich aufmerksam machen, um von der Öffentlichkeit und den Spielern ernst genommen zu werden.


Wenn Peter das so sieht, muss er das so machen, aber es liegt gar nicht großartig in meinem Interesse, auf mich aufmerksam zu machen.

Wer wie Neururer denkt, macht sich viel Gedanken über sein Image.


Natürlich ist auch mir nicht egal, welches Image ich habe. Vielleicht habe ich das Glück, dass ich ganz gut in den Medien wegkomme, auch weil ich beim Fernsehen viele der handelnden Personen persönlich kenne. Aber auch ich tappe immer wieder in Fallen.

Bei welcher Gelegenheit?


Ich wurde in den Nürnberger »Presseclub« eingeladen und plötzlich hieß es: »Sie spielen doch Klavier, hier steht zufällig ein Flügel, spielen Sie uns doch was vor.« Ich wusste sofort, dass das nicht besonders clever ist. Aber nein sagen und sich bitten lassen, kommt auch nicht gut an. Also habe ich ein Stück von Chopin gespielt.  Und was machen die Journalisten? Die schreiben nicht: »Oenning war im Presseclub«, sondern drucken alle die Bilder des klavierspielenden Trainers. Und schon steckt man in der Schublade.

Gab es auch schon dumme Gags in den Medien über Ihr Slacker-Bärtchen?


Der Albernste stand in einer Fußballzeitschrift namens 11 FREUNDE in der Rubrik »Bei der Geburt getrennt«: Ich vs. Hui Buh. Übrigens, ich habe den Bart noch gar nicht so lange. Den habe ich mir, kurz bevor ich nach Nürnberg kam, beim Snowboardfahren stehen lassen. Aber so läuft es halt. Die langen Haare, der Bart, Chopin, sowas polarisiert – und wenn man nichts anderes zu schreiben hat, greift man eben darauf zurück. Und jeder sagt was anderes: Bart ab, Bart dran. Ich lass ihn jetzt dran, denn ich muss mich ja ohnehin nicht pausenlos selbst ansehen.

Ist es ein Vorteil, wenn man als Trainer auch Interessen neben dem Fußball hat?


Ganz sicher. Ich habe den Trainerjob immer als Lehrberuf verstanden, den man über viele Erlebnisse und Ansatzpunkte erlernen muss. Und je mehr man in dieser Hinsicht macht, umso besser ist man. Ich habe auch alle Stufen des Trainerdaseins durchlaufen, das Einzige, was mir fehlt, ist die Erfahrung als Profi, die ja doch so wichtig ist... (lacht). 

…so sagt man zumindest!


Und ich kann nicht widersprechen, weil ich sie ja nicht gemacht habe. Dennoch maße ich mir an, zu behaupten, dass ich vom Fußball etwas verstehe. Dennoch: Fußball ist nicht alles. Und ich kann mir durchaus vorstellen, irgendwann kein Trainer mehr zu sein. Das gibt mir ein Stück Freiheit.

Wenn Sie also nach einem Dutzend erfolgloser Spiele beim Club entlassen werden...

bin ich nicht todtraurig. Gut, Sie werden fragen: »Ist das denn genug Identifikation?« Darauf sage ich: »Ja, denn ich habe trotzdem den Anspruch, meinen Job besonders gut zu machen.«

Viele Trainer haben den Tunnelblick.


Es gibt in der Zunft sicher einige Fußballverrückte, die nichts anderes machen, nie rauskommen, und wenn dann verloren wurde, ist auch zuhause die Hölle heiß. Aber ich bin so nicht, ich kann’s nicht ändern. Ich weiß, dass viele von einem erwarten, dass man 24 Stunden so denkt, aber das hilft nichts. Wenn einer 16 Stunden lang eine Mauer baut, wird er nicht in der fünfzehnten Stunde seinen Höhepunkt haben.

Ede Becker, der beim KSC so wie Sie als Co-Trainer zum Chef wurde, sagt auch, dass er sich durchaus etwas anderes vorstellen könnte als Bundesligatrainer zu sein, nur eins nicht: Nie mehr den Job im zweiten Glied.

Ich könnte wieder als Co-Trainer arbeiten. Gleichwohl kommt es auf das Projekt an, ob mich die Leute und die Herangehensweise interessieren.

Was ist das Schwierigste am Dasein als Cheftrainer?


Dass ich 27 Leute in meiner Mannschaft habe, von denen immer nur elf spielen können. Und mein Alltag besteht darin, auf das eine, nächste Spiel hinzuarbeiten und alle 27 so bei Laune zu halten, dass sie mitarbeiten. Das ist wie bei Euch: Ihr habt zehn Journalisten, die von einer Sache Ahnung haben, aber nur einer darf den Beitrag schreiben. Ein systemimmanentes Problem.

Und was sind die Annehmlichkeiten des Cheftrainer-Daseins?


Zunächst sinkt mit der Zunahme an Popularität die Lebensqualität. Der Job als zweiter Mann war stressfreier.

Gibt es keine Vorteile?


Wer würde es nicht als angenehm empfinden, letztlich alle Entscheidungen treffen zu können?

Macht macht Spaß.


Aber hier in Nürnberg übe ich doch keine Macht aus. Natürlich kann ich mitbestimmen und ein Regulativ für bestimmte Zusammenhänge sein, aber ich kann doch keinen Druck ausüben!

Naja, Sie können beim Manager nach neuen Spielern verlangen und dafür sorgen, dass andere Profis durch einen Transfer unter Druck geraten. Oder geht das derzeit aus finanziellen Gründen nur sehr eingeschränkt?


Ich könnte jeden Spieler bekommen, den ich haben will. Es muss natürlich im finanziellen Rahmen des Vereins sein. Aber das verstehe ich nicht unter Machtausübung. Momentan versuchen wir hier eher durch Kreativität als durch große Namen zu glänzen. Denn meine Hoffnung ist, dass die Spieler, die wir hier entwickeln, in vier, fünf Jahren spektakuläre Namen sind.

Klingt gut, aber ist es auch praxistauglich?


Wir wollen zeigen, dass es geht. Natürlich braucht man auch Qualität – aber wir haben hier eine Mannschaft mit Perspektive zusammengestellt, und die braucht Langfristigkeit. Wir wollen nicht, dass man in drei Jahren vor dem Mannschaftsfoto dieser Saison steht und niemanden mehr kennt.

Was gibt Ihnen das Selbstvertrauen dazu?


In der Zweiten Liga war das Spielermaterial des Clubs eher obere Klasse, jetzt ist es eher... (lacht)

Untere Klasse?


Dennoch glaube ich, dass wir die Grundfähigkeiten besitzen, die man in der Bundesliga benötigt, technisch allemal. Was wir nicht haben, ist die Erfahrung. Ich weiß nicht, wie die Spieler sich vor 80000 Leuten in Dortmund verhalten oder wenn wir mal drei Spiele hintereinander verloren haben. Keine Ahnung, ob die Leichtigkeit dann verlorengeht.

Spüren Sie, dass einige Spieler Manschetten haben?


Im Gegenteil. Gerade bei denen, die noch nicht in der Bundesliga gespielt haben, ist die Vorfreude groß. Die fiebern dem großen Kino entgegen. Interessant wird es erst, wenn sie mal feststellen, ich hab doch alles gemacht und alles gegeben – und trotzdem verloren.

Gibt es auch Dinge, die Sie noch überraschen können?
Es ist ja auch Ihre erste Saison als Erstliga-Cheftrainer.

Mich kann mit Sicherheit eine Menge überraschen, aber das hat weniger mit anderen Mannschaften zu tun. Ich habe mich auch in der Zweiten Liga überschaubar mit den anderen beschäftigt. Wenn man sich zu sehr mit dem Gegner beschäftigt, vergisst man die eigenen Stärken.

Sie haben keine schlaflose Nacht?


Nein. Ich begreife meine Arbeit als etwas Positives, nicht als Last. Deshalb muss ich auch nichts mit ins Bett nehmen. Ich glaube, meine größte Stärke ist meine noch verbliebene Unabhängigkeit. Ich muss diesen Job nicht machen. Ich mache ihn gerne, aber ich habe keine Existenz- oder Versagensängste. Es geht mir in erster Linie darum, ein paar Dinge auszuprobieren.

Was genau?


Ich will den Beweis antreten, dass man im Fußball auch Dinge mittel- bis langfristig antreten kann, weg vom hire and fire. Letztendlich sollte die Philosophie des Vereins über den Trainer entscheiden und nicht jeder Trainer eine neue Philosophie mitbringen, die jedesmal alles wieder über den Haufen wirft.

Ist das auch mit einer konkreten Spielidee verbunden?


Ich bin Freund eines offensiven, attraktiven Spiels, das auf einer guten Defensivorganisation beruht. Früh verteidigen, Bälle erobern, viel Tempo.

Werden Sie Ihre Spielidee an die Liga anpassen müssen?


Was ich mit dieser Mannschaft nicht machen werde, ist eine Rolle rückwärts und nur noch mauern. Wir werden versuchen müssen, noch weniger Fehler zu machen, und wir müssen die wenigen Chancen besser nutzen – denn dabei waren wir letzten Saison zum Teil richtig schlecht!

Wie verbessert man die Chancenverwertung, das ist meistens eine Sache der Nerven?


Üben, üben, üben. Immer wieder die Situationen herstellen, die im Spiel vorkommen. Wenn ich natürlich 90 Prozent defensiv trainiere, immer nur Balleroberung, werde ich vorm Tor nicht besser .... Deshalb haben wir das in der letzten Saison wieder und wieder geübt.

Die Kälte, mit der Ihr Team die Chancen beim Relegationsspiel in Cottbus genutzt hat, war schon mal beeindruckend.

Und das war harte Arbeit.

Mit anderen Worten: »Jeden Spieler jeden Tag ein bisschen besser machen«.

Nee, nee, das sage ich nicht. (lacht) Natürlich müssen die Spieler besser werden! Horst Hrubesch hat das gut gesagt. Als man ihn nach fertigen Spielern fragte, meinte er: »Wissen Sie, wann ich fertig war? Als ich meinen letzten Ball gespielt hatte. Da war ich fertig. Und zwar so richtig.«

Kann man sich von der burschikosen Lässigkeit, mit der Hrubesch die U21 zum EM-Titel geführt hat, etwas abschauen?

Der Horst ist einer der glaubwürdigsten Menschen, die ich kenne. Bei ihm ist ein »Ja« ein Ja und ein »Nein« ein Nein. Ein Typ, der sich nie verbiegen musste und dem es auch egal ist, was die Leute über ihn sagen. Er wurde viel zu oft auf das Kopfball-Ungeheuer reduziert, den zu viele Kopfbälle dumm gemacht hätten. So ein totaler Quatsch!

Deutschland ist jetzt U17-, U19 und U21-Europameister. Ist das nach den bleiernen neunziger Jahren ein Quantensprung?


Es ist zumindest die richtige Antwort auf Dinge, die vorher falsch gelaufen sind. Was die Entwicklung unheimlich gehemmt hat, war der EM-Titel 1996. Damals lag die Nachwuchsarbeit im Argen und man hat gedacht: ach guck, es geht trotzdem. Als halb Europa bereits mit der Viererkette spielte, hieß es hier immer noch Augen zu und durch – in Deutschland dauert manches oft etwas länger. Auf der anderen Seite sind die neuen Strukturen im Nachwuchsbereich jetzt auch mit deutscher Gründlichkeit eingeführt worden.

Welcher Verdienst gebührt dabei dem oft etwas sperrigen Matthias Sammer?


Was er richtig gemacht hat, war, immer wieder den Fokus der Öffentlichkeit auf das Thema zu lenken. Als wir jung waren, gab es dreimal so viel aktive Fußballer, umso besser müssen heute die vorhandenen ausgebildet werden. Zumal die Unterschiede immer geringer werden. Es gibt mittlerweile zum Beispiel kaum noch Mannschaften, die konditionell am Ende einbrechen.

Zurück zum Club. Sie setzen auf Langfristigkeit. Gibt es denn einen konkreten Mehrjahresplan, was die Platzierungen angeht?


Zunächst geht es ausschließlich darum, unsere Wettbewerbsfähigkeit nachzuweisen, sprich: Platz 15 zu erreichen. Es kann natürlich auch besser laufen, aber ich werde einen Teufel tun und das propagieren. Nach dem ersten Jahr werden wir eine Bestandsaufnahme machen und möglicherweise neue Ziele formulieren. Doch es ist auch klar, dass es sich bei der Bundesliga nach wie vor um eine Dreiklassengesellschaft handelt und wir bis auf weiteres zur dritten gehören.

Bei den Relegationsspielen hatte man den Eindruck, die Bundesliga müsse sich vor dem 1. FC Nürnberg fürchten.

Das war eine Momentaufnahme. Wir hatten ohnehin eine gute Phase, und Cottbus war gedanklich in den entscheidenden Szenen nicht auf der Höhe.

Obwohl Cottbus mit einem geradezu berauschenden 3:0 gegen Leverkusen die Relegationsspiele erreicht hatte?


Wenn man sich in Nürnberg umhörte, gab es ohnehin ausschließlich Angstgegner. Insofern war mir das völlig egal, weil ich sowieso sagen konnte, was ich wollte. Es gab für alle möglichen Gegner Argumente, warum das ganz schlecht ist.

Ist das typisch Nürnberg? Ist das etwas, was Sie erst lernen mussten?


Es war etwas, dass ich verstehen musste, weil ich nicht so denke. Für mich ist ein Glas in der Regel halb voll. Nicht, dass ich das schlimm fände, wie die Leute hier sind, aber man kann ja auch ein Stückweit versuchen, zu missionieren.

Hat es denn funktioniert?


Ein bisschen. Das hing natürlich bis jetzt auch mit den Ergebnissen zusammen.

In einem Spiel haben Sie mal Engelhardt, Masmanidis und Charisteas eingewechselt, drei Spieler, die beim Publikum unten durch waren. Später haben Sie gesagt, dass dies ganz bewusst geschehen sei.


Das nehmen mir zwei, drei Wortführer unter den Fans auch heute noch übel. Aber es war mir wichtig, zu zeigen, dass die drei Jungs sich nichts zu Schulden kommen ließen, und dass ich mir nicht von den Zuschauern meine Aufstellung diktieren lasse.

Gerade in der Hinrunde der vergangenen Saison schien beim 1. FC Nürnberg alles sehr mühsam zu sein, in der Rückrunde lief es dann wie von selbst. War das so geplant?


Der Knackpunkt war das Wintertrainingslager. Da habe ich zu den Jungs gesagt, wenn jetzt alles 100-prozentig passt, können wir am Ende aufsteigen. Das hat die Mannschaft angenommen und daran geglaubt – bis zum Schluss, trotz mancher Rückschläge. Deshalb ist bis jetzt auch die Freude im Team sehr groß. Derzeit hat kein Spieler Probleme, sich zu motivieren, selbst im Training nicht. Im Moment ist es recht einfach, die Mannschaft zu führen. Aber angenommen, wir verlieren am Anfang der Saison fünf Mal in Folge, dann wird es für mich wieder richtig eng. Deswegen habe ich schon jetzt deutlich gemacht: »Stellt Euch darauf ein, dass wir in Zukunft viel öfter verlieren«. Das wollte aber keiner hören – schon gar nicht beim Aufstieg.

Momentan herrscht Friede, Freude, Eierkuchen. Sind Sie selbst gespannt, wie Sie sich im Fall der Krise verhalten?


Ich bin hier mit sechs sieglosen Spielen gestartet. Eine Krise habe ich im Herbst also schon erlebt. Glauben Sie wirklich, ich wäre so blauäugig? Mit der Unterschrift unter einen Vertrag ist der Zeitpunkt des »Vom-Hof-gejagt-werden« doch gewissermaßen schon mit eingeschlossen. Die effektive Laufzeit eines Vertrages erreicht ein Coach in der Regel nicht.

Wie sind Sie eigentlich in die Nummer beim »Club« reingeraten. Sie kamen als Co-Trainer von Thomas von Heesen. Den kannten Sie bis dato gar nicht.


Wir waren keine alten Buddys, aber ich kannte ihn schon. Den Hinweis gab ihm letztlich der Horst Hrubesch, mit dem ich lange beim DFB gearbeitet habe. Und ich passte wohl in Thomas‘ Konzept.

Hat es sich abgezeichnet, dass Von Heesen schon nach dem 2. Spieltag hinschmeißt?


Dass er irgendwann einmal kündigt, hielt ich durchaus für möglich. Aber der Zeitpunkt hat mich schon überrascht.

Waren Sie vorbereitet auf diese Situation?


Überhaupt nicht. Wir hatten ein Konzept für die gesamte Saison, aber nicht für den Fall, was passiert, wenn nach zwei Spielen der Cheftrainer weg ist.

Sie waren nach drei vorzeitigen Entlassungen eine preisgünstige Lösung?


Ich glaube, das hat überhaupt keine Rolle gespielt. Als ich die Mannschaft übernommen habe, stand ja noch nicht fest, dass ein Michael Oenning eine Dauer-Lösung wird, das war zu diesem Zeitpunkt nicht abzusehen. Als wir dann zur Halbzeit 0:2 zurück lagen, war klar, dass es noch komplizierter wird.

Was wäre denn passiert, wenn der Club gegen Alemannia Aachen nicht mehr zum 2:2 ausgeglichen hätte.


Dann wäre es für mich schwierig geworden, in diesem Verein Cheftrainer zu werden, schwierig geworden, überhaupt Cheftrainer zu werden. Vielleicht wäre ich dann jetzt Co-Trainer bei Thomas von Heesen auf Zypern.

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