20.08.2009

Michael Oenning im Interview

»Fußball ist nicht alles«

Als Trainer-Notlösung schaffte Michael Oenning nach furioser Aufholjagd mit dem Club den Aufstieg. Hier sagt er, welche Tipps Marcel Reif ihm gibt, was er an Advocaat schätzt und warum Trainer ein Recht auf Feierabend haben.

Interview: Jens Kirschneck und Tim Jürgens Bild: Norman Konrad
Sie sind gut mit Holger Fach befreundet. Sein Image in den Medien ist nicht gerade das Beste.

Holger ist manchmal eben ein wenig beratungsresistent ... Er sagt: »Ich bin so wie ich bin, und so bleibe ich auch.« Das hat er schon als Profi so gehalten. Er vertritt offen seine Meinung und wenn er sich angegriffen fühlt, geht er nach vorne. Deswegen kommt er in der Berichterstattung anders weg, als er ist. Aber er kann damit leben. Er nimmt in Kauf, dass er kein gutes Image hat. Denn es sagt nichts darüber aus, ob er ein guter Trainer ist.

Wo sind Sie beratungsresistent?


Weiß ich nicht. Ich höre mir viele Sachen an, aber nicht jeder Mensch kann in meinem Leben ein Regulativ sein. Wenn ich feststelle, dass ich aus einem Gespräch nichts herausziehen kann, höre ich auf zuzuhören. Und Dinge und Menschen, die mich nicht mehr interessieren, kann ich aus meinem Leben ausblenden.

Gibt es einen Trainer, mit dem Sie gearbeitet haben, der Vorbildfunktion für Sie hat?

Es wäre unfair, einen heraus zu greifen. Aber ich habe mit mehreren gearbeitet, denen es auf unterschiedliche Weise gelang, Spieler für eine Sache zu begeistern.

Nennen Sie doch mal einen.


Dick Advocaat zum Beispiel, der in der deutschen Öffentlichkeit überhaupt nicht gut ankam und bei Borussia Mönchengladbach gescheitert ist. Der hat vorher und nachher bewiesen, wie gut er als Trainer ist. Die Art, wie er trainiert hat, und seine Vorstellung von Fußball fand ich erstaunlich.

Können Sie auch aus seinem Scheitern in Mönchengladbach Dinge für sich mitnehmen?

Klar. Dick hat sich ebenfalls komplett den Medien verweigert. Und die haben daraufhin ein Bild von ihm geschaffen, dass er leider nicht über Ergebnisse absichern konnte.

Peter Neururer sagt, als Trainer, der nicht in der Bundesliga gespielt hat, muss man auch durch Sprüche oder spektakuläre Aktionen auf sich aufmerksam machen, um von der Öffentlichkeit und den Spielern ernst genommen zu werden.


Wenn Peter das so sieht, muss er das so machen, aber es liegt gar nicht großartig in meinem Interesse, auf mich aufmerksam zu machen.

Wer wie Neururer denkt, macht sich viel Gedanken über sein Image.


Natürlich ist auch mir nicht egal, welches Image ich habe. Vielleicht habe ich das Glück, dass ich ganz gut in den Medien wegkomme, auch weil ich beim Fernsehen viele der handelnden Personen persönlich kenne. Aber auch ich tappe immer wieder in Fallen.

Bei welcher Gelegenheit?


Ich wurde in den Nürnberger »Presseclub« eingeladen und plötzlich hieß es: »Sie spielen doch Klavier, hier steht zufällig ein Flügel, spielen Sie uns doch was vor.« Ich wusste sofort, dass das nicht besonders clever ist. Aber nein sagen und sich bitten lassen, kommt auch nicht gut an. Also habe ich ein Stück von Chopin gespielt.  Und was machen die Journalisten? Die schreiben nicht: »Oenning war im Presseclub«, sondern drucken alle die Bilder des klavierspielenden Trainers. Und schon steckt man in der Schublade.

Gab es auch schon dumme Gags in den Medien über Ihr Slacker-Bärtchen?


Der Albernste stand in einer Fußballzeitschrift namens 11 FREUNDE in der Rubrik »Bei der Geburt getrennt«: Ich vs. Hui Buh. Übrigens, ich habe den Bart noch gar nicht so lange. Den habe ich mir, kurz bevor ich nach Nürnberg kam, beim Snowboardfahren stehen lassen. Aber so läuft es halt. Die langen Haare, der Bart, Chopin, sowas polarisiert – und wenn man nichts anderes zu schreiben hat, greift man eben darauf zurück. Und jeder sagt was anderes: Bart ab, Bart dran. Ich lass ihn jetzt dran, denn ich muss mich ja ohnehin nicht pausenlos selbst ansehen.

Ist es ein Vorteil, wenn man als Trainer auch Interessen neben dem Fußball hat?


Ganz sicher. Ich habe den Trainerjob immer als Lehrberuf verstanden, den man über viele Erlebnisse und Ansatzpunkte erlernen muss. Und je mehr man in dieser Hinsicht macht, umso besser ist man. Ich habe auch alle Stufen des Trainerdaseins durchlaufen, das Einzige, was mir fehlt, ist die Erfahrung als Profi, die ja doch so wichtig ist... (lacht). 

…so sagt man zumindest!


Und ich kann nicht widersprechen, weil ich sie ja nicht gemacht habe. Dennoch maße ich mir an, zu behaupten, dass ich vom Fußball etwas verstehe. Dennoch: Fußball ist nicht alles. Und ich kann mir durchaus vorstellen, irgendwann kein Trainer mehr zu sein. Das gibt mir ein Stück Freiheit.

Wenn Sie also nach einem Dutzend erfolgloser Spiele beim Club entlassen werden...

bin ich nicht todtraurig. Gut, Sie werden fragen: »Ist das denn genug Identifikation?« Darauf sage ich: »Ja, denn ich habe trotzdem den Anspruch, meinen Job besonders gut zu machen.«

Viele Trainer haben den Tunnelblick.


Es gibt in der Zunft sicher einige Fußballverrückte, die nichts anderes machen, nie rauskommen, und wenn dann verloren wurde, ist auch zuhause die Hölle heiß. Aber ich bin so nicht, ich kann’s nicht ändern. Ich weiß, dass viele von einem erwarten, dass man 24 Stunden so denkt, aber das hilft nichts. Wenn einer 16 Stunden lang eine Mauer baut, wird er nicht in der fünfzehnten Stunde seinen Höhepunkt haben.

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