Michael Laudrup über den Trainerjob

»Eine Welt voll von Egoisten«

Michael Laudrup ist seit dieser Saison Trainer des spanischen Erstligisten Real Mallorca. Wir sprachen mit ihm über seine Spieler, das Fußball-Gen in seiner Familie und dänische Journalisten im Presseraum von Son Moix. Michael Laudrup über den TrainerjobImago

Michael Laudrup, sind bei Real Madrid und Real Mallorca in diesem Jahr die Trainer die Stars?

Ich möchte nicht als ein Star angesehen und bezeichnet werden, auch wenn ich vielleicht als Spieler einige Erfolge hatte und bei beiden großen Klubs in Spanien gespielt habe. Der Begriff Star ist für mich negativ besetzt.

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Warum?

Man stellt sich da Menschen vor, die über allem schweben und die Bodenhaftung verloren haben. Oder Schauspieler, die sich isolieren, vielleicht um sich selbst zu schützen. Ich glaube, meine Spieler und auch ich sind bodenständig und ziemlich nah dran an unserem Publikum.

Aber in Dänemark sind Sie ein Star. Zu jedem Spiel reisen eine Handvoll Reporter aus Ihrer Heimat an.

Das stimmt schon. Wir sind eben ein kleines Volk, das nicht viele Personen herausgebracht hat, deren Namen international bekannt sind. Seit mehr 20 Jahren, seitdem ich das erste Mal Dänemark verlassen habe, verfolgen mich die dänischen Journalisten. Ich finde das positiv und kann auch verstehen, dass meine Landsleute wissen wollen, was ich so mache.

In der Gehaltsrangliste unter den Trainern in der Primera Division sind Sie mit einem Gehalt von 600.000 Euro pro Jahr auf einem Abstiegsplatz.

Und wenn schon. Kann sein, dass andere mehr verdienen. Aber wenn ich mich darüber beklagen würde, wäre das vermessen angesichts der Tatsache, dass viele Familienväter im Monat 1000 Euro nach Hause bringen. Man muss immer die Relationen sehen. Ich glaube, im Fußballgeschäft darf sich niemand beklagen.

Sie haben in Russland als Trainer bei Spartak Moskau gearbeitet und gesagt, dass Sie dies nicht wieder tun würden. Warum?


Ich sagte, ich würde es nur wieder tun, wenn ich die Sprache spreche. Denn ansonsten ist man sehr abhängig vom Übersetzer und kann nur hoffen, dass er alles richtig wiedergibt. Aber die Erfahrungen in diesen beiden ganz anderen Kulturkreisen haben mich als Mensch unheimlich weitergebracht.

Richten Sie Ihre Lebensplanung nur nach Ihrem Beruf aus?

Nein. Ich halte nichts von dem Konzept, jetzt hart zu arbeiten, um irgendwann in der Rente das Leben zu genießen. Ich finde, das muss Hand in Hand gehen. Wir leben nur einmal. Ich versuche, das Leben zu leben und trotzdem zu arbeiten. Und ich bin der glücklichen Lage beide Komponenten des Lebens zu vereinbaren. Deswegen habe ich die Zeit im Ausland immer genossen.

Mehr als Spieler oder als Trainer?

Als Spieler hat es natürlich viel einfacher. Man braucht sich um nichts zu kümmern. Als Trainer hingegen ist man ständig gefordert, muss andauernd Entscheidungen treffen, die sowohl den sportlichen als auch den zwischenmenschlichen Bereich betreffen. Aber generell glaube ich, dass jede Arbeit ihre Schattenseiten mit sich bringt. Den absolut perfekten Job gibt es nicht. Auch nicht das absolut perfekte Leben. Man muss die Dinge immer nehmen, wie sie kommen.

Hat sich die Welt des Fußballs denn gewandelt?

Mehr als der Fußball selbst, die Art der Kommunikation. Früher war der Führungsstil der Trainerwesentlich autoritärer. Eine Entscheidung des Trainers wurde nicht hinterfragt. Auf die Frage nach dem Warum bekam man zu hören: Weil ich es sage. Dieses Konzept funktioniert vielleicht noch in Russland und Japan, wo ich es selbst noch erlebt habe, nicht aber mehr hier in Spanien. Im Informationszeitalter verfügen die Spieler gleichsam über mehr Informationen. Ein moderner Trainer kann es sich deshalb auch nicht erlauben, in der Vergangenheit zu leben. Er muss sich den Gegebenheiten anpassen und alle seine Entscheidungen erklären.


Muss man Psychologe sein wie Ihr Vorgänger Gregorio Manzano, um eine mittelmäßige Mannschaft auf den fünften Tabellenplatz zu führen?

Auf jeden Fall bedarf es psychologischer Fähigkeiten. Sehen Sie, Fußball ist eine Mannschaftssportart. Aber in Wirklichkeit ist es eine Welt voller Egoisten, in der jeder zunächst mal nur an sich denkt. Der Klub, der möglichst gute Spieler für wenig Geld haben möchte. Die Spieler, die das Maximum vom Klub fordern und untereinander als Rivalen um die Stammplätze kämpfen. Die Aufgabe des Trainers ist es nun, die Individuen untereinander und auf einen gemeinsamen Kurs zu bringen. Das ist nicht immer einfach.

Gibt es den Teamgeist nur für die Fernsehbilder?

Nein, es gibt schon Freundschaften. Aber das ist wie in einer Firma, mit sagen wir einmal 50 Angestellten. Darunter sind zwei Freunde, 20 mit denen du dich gut verstehst. Mit zehn geht‘s so. Und die anderen kannst du nicht ausstehen.

Hat die WM in Südafrika den Fußball nachhaltig verändert?

Ich glaube, ja. Das Spielsystem und das Kollektiv steht über dem einzelenen Spieler. Anders ist ja auch nicht zu erklären, warum ein Weltklassespieler wie Lionel Messi beim FC Barcelona erfolgreicher ist als in der Nationalmannschaft, in der neben ihm fünf sechs weitere Spieler von Weltklasse-Format stehen. In Barcelona ist er ein Puzzlestück, das sich perfekt in das ganze Bild der Mannschaft einpasst. Ich glaube, Messi ist das beste Beispiel für den Wandel.

Wie wollen Sie Pierre Webó wieder aufrichten, der in den heimischen Medien hart kritisiert wurde, nur weil er auf die Erfüllung seines Vertrages mit Real Mallorca gepocht und den Klub nicht verlassen hat?


Ich würde nicht sagen, dass er kritisiert wurde. In den Wochen vor Ablauf der Wechselfrist wird gefeilscht und spekuliert. Und dieses Jahr besonders, weil es den Wechsel in der Klubführung gab, Mallorca sich in einer delikaten finanziellen Lage befindet. Mit dem Ende der Wechselfrist ist das ganze Tamtam Geschichte. Jetzt werden die Karten neu gemischt und Pierre Webó hat die gleichen Chancen wie jeder andere. Er ist Profi zeigt das täglich im Training.

Verstehen Sie die Entscheidung der Uefa, Mallorca aus der Europaliga zu nehmen?

Nein. Und ich werde es auch nicht verstehen, bis die Uefa selbst eine eindeutige Erklärung abgibt. Ich glaube, die Erklärung ist die Uefa Mallorca noch immer schuldig.

Sie sind jetzt drei Monate auf Mallorca. Sind Sie schon heimisch geworden?

Auf jeden Fall. In Spanien haben ich mich mmer heimisch gefühlt. Es ist zweites Zuhause. Auch für meine Frau und meine Tochter.

Ihre beiden Söhne spielen bereits in Dänemark in der ersten Liga. Ihr Bruder Brian war ein erfolgreicher Profi, unter anderem beim FC Bayern Müchen. Ihr Vater war schon Profi. Was macht die Laudrups so erfolgreich?

Keine Ahnung. Aber es ist in der Tat bemerkenswert. Mein Bruder und ich haben in den wichtigsten Klubs der Welt gespielt und zusammen mehr als 200 Spiele für Dänemark bestritten. Ein solches Duo findet man so schnell nicht noch einmal.

Als Dänemark 1992 mit einem Sieg über Deutschland den Europameistertitel holte, waren Sie nicht dabei, weil Sie sich mit dem damaligen Nationaltrainer überworfen hatten. Tut‘s noch weh?

Es war sicherlich nicht einfach, darüber hinwegzukommen. Aber ich hatte diese Entscheidung zuvor getroffen und dazu stehe ich auch heute noch.

Sie sind Teilhaber einer Firma, die spanische Produkte, darunter Wein, Käse und Schinken, in ihre Heimat importiert. Haben Sie auch schon mallorquinische Weine in ihr Sortiment ausgenommen?


Das Geschäft führt derzeit mein Partner, aber soweit ich weiß haben wir drei oder vier Sorten von der Insel im Programm. Die hatten wir aber auch schon, bevor ich auf die Insel gekommen bin.

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Das Interview erscheint mit freundlicher Genehmigung der
Mallorca Zeitung.

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