29.10.2007

Michael Kriess im Interview

„Keine Hoffnung für dieses Team“

Österreich ist 85. der Weltrangliste – hinter Benin und Haiti. Keine gute Voraussetzung für den EM-Gastgeber. Eine Initiative um Michael Kriess will deshalb erwirken, dass die Mannschaft aus dem Turnier zurückgezogen wird.

Interview: Roland Wiedemann Bild: Imago
Stimmt Sie wenigstens der überraschende vierte Platz der ÖFB-Auswahl bei der U20-WM in Kanada für die Zukunft optimistisch?

Das muss man relativieren. Ein Lionel Messi ist 20 Jahre alt und spielt nicht bei einer U20-WM, sondern in der argentinischen A-Nationalmannschaft. In Kanada haben keineswegs die besten 20-Jährigen gegeneinander gespielt. Man darf nicht Äpfel mit Birnen vergleichen.

Das klingt alles nicht gerade nach Fußball-Euphorie acht Monate vor EM-Beginn…

Meine Freunde und ich freuen uns riesig auf das Turnier – ehrlich. Weil wir die besten Teams in Europa spielen sehen wollen. Aber nicht nur unsere Nationalelf, sondern auch die EM-Organisatoren tun alles dafür, damit keine EM-Euphorie aufkommt. Man muss schon sehr genau hinschauen, um einen Hinweise darauf zu finden, dass in Österreich eine Fußball-Europameisterschaft stattfindet. Dieses Großereignis im eigenen Land wird nahezu vertuscht.

Es gibt bestimmt auch Landsleute, die Ihre Unterschriftenaktion nicht so toll finden…

Ja, wir bekommen auch E-Mails, in denen sich Leute abfällig über uns äußern. Nach dem Motto, wir sollen unsere Staatsbürgerschaft zurückgeben. Aber mehr als drei Dutzend negativer E-Mails haben uns bislang nicht erreicht.

Ihr Vater hat in den 70er Jahren 15-mal für das österreichische Nationalteam gespielt. Was sagt der denn zu Ihrem Treiben?

Mein Vater scheint zu glauben, das Ganze wäre ironisch gemeint. Da er aber weiß, wie es im österreichischen Verband zugeht, hat er gesagt, dass er alles unterstützt, was dem österreichischen Fußball hilft.

Und was tun Sie und Ihre Mitstreiter dafür?

Wir verkaufen auf unserer Internetseite auch T-Shirts. Mit dem Geld wollen wir eine Akademie für Nachwuchsfunktionäre aufbauen. Insbesondere im Funktionärswesen liegt in Österreich vieles im Argen.

Was läuft falsch?

Regelmäßig wird der österreichische Fußball durch Pleiten erschüttert. In den letzten 15 bis 20 Jahren sind jede Menge drittklassige Spieler und abgehalfterte Stars aus dem Ausland nach Österreich geholt worden, die einheimischen Spielern den Weg in den Profifußball verstellen. Niko Kovac bei Salzburg ist das beste Beispiel dafür. Leute wie Didi Mateschitz oder Frank Stronach haben Millionen in ihre Klubs gesteckt und den Misserfolg förmlich herbeiinvestiert.

Können Sie sich daran erinnern, wann Ihr ästhetisches Empfinden letztmals bei einem Auftritt der österreichischen Nationalelf positiv stimuliert worden ist?

Nur dunkel. Das war 1989, als wir die DDR 3:0 niedergebügelt haben und damit zur WM in Italien fahren durften. Ich bin 35 Jahre alt und habe mir sagen lassen, dass es auch in den 60- und 70-Jahren sehenswerte Spiele gegeben hat.

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