05.06.2013

Michael Ballack über seine große Karriere

»Titel werden manchmal überschätzt«

Heute findet in Leipzig das Abschiedsspiel von Michael Ballack statt. Im Interview mit 11FREUNDE hat der wichtigste deutsche Fußballer der Nullerjahre seine ganz persönliche Bilanz gezogen.

Interview: Tim Jürgens und Philipp Köster Bild: Daniel Delang


Was die Besonderheit der Situation anbetrifft, müsste Ihnen der dritte Platz bei der WM 2006 in besonderer Erinnerung sein?
Ehrlich gesagt denke ich da öfter an die WM 2002. Acht legendäre Tage auf Jeju-Island mit einer legendären Party. Das war eine gute Zeit. Der Zusammenhalt in der Mannschaft stimmte und niemand hätte uns vorher zugetraut, dass wir als Vizeweltmeister nach Hause kommen.

Die WM in Asien bedeutete den Durchbruch für Sie.
Die beiden Relegationsspiele gegen die Ukraine waren vielleicht die wichtigsten Spiele meiner Karriere. Für Deutschland ging es um alles und die Medien hauten auf uns ein. Stellen Sie sich vor, Deutschland hätte sich zum ersten Mal nicht für eine WM qualifiziert. Da wurde ein unglaublicher Druck aufgebaut. Ich sah mich gefordert – und es hat geklappt.

Sie trafen in den beiden Spielen insgesamt drei Mal. Nach dem 1:1 in Kiew sagten Sie: »Das wichtigste Tor meiner Karriere.« Dennoch wird das Turnier 2006 medial weitaus höher gehängt als die WM 2002.
Da sehen Sie mal, wie Medien funktionieren. Eine Profimannschaft funktioniert nur in Ausnahmefällen nach dem Prinzip von »elf Freunden«.

Haben Sie dennoch in Teams gespielt, wo ein enger, persönlicher Zusammenhalt herrschte?
Je älter ich wurde und je länger ich spielte, desto mehr nahm das Gefühl der verschworenen Gemeinschaft ab.

Woran liegt das?
Sicher nicht an den Spielern selbst, eher an der sich stetig verändernden Mediensituation. Die Presse hat eine enorme Macht über den Fußball gewonnen. Wenn sich früher die Zeitungen auf einen Mitspieler einschossen, haben wir als Mannschaft auch mal gesagt: »Schluss, jetzt reden wir ein oder zwei Wochen lang nicht mit Euch.« Sowas gibt es heute nicht mehr.

Aber warum kann sich ein Team nicht mehr zu solchen Sanktionen zusammenschließen?
Bei einigen Spielern hat das auch mit Angst zu tun.

Wovor fürchten sich die Profis denn?
Vor dem medialen Echo. Sie wissen besser als ich, welche Marginalien heutzutage über Zeitungen, das Fernsehen und das Internet plötzlich eine Dimension bekommen, die man vorher nie für möglich gehalten hätte. Und von jeder größeren Geschichte bleibt in der Öffentlichkeit immer ein Krümel hängen.

Was ist denn Negatives an Ihnen hängengeblieben?
Auch in ein paar Jahren werden einige bei meinem Namen sicher noch denken: »Ballack? Der hatte doch damals dieses Problem mit Jogi Löw.« Die Details des Konflikts geraten schnell in Vergessenheit. Es spielt am Ende auch keine Rolle mehr, wer Recht hatte. Und daraus lernt ein Profi natürlich.

Welchen Effekt haben solchen Mechanismen denn?
Als Nationalspieler denkt man bewusst darüber nach, was passieren könnte, wenn man jetzt dieses oder jenes sagt. Eine Entwicklung, die ich sehr schade finde. Denn auf diese Weise ist ein Profi oft gehemmt. Und selbst jetzt, wo ich meine aktive Laufbahn beendet habe, hört es noch nicht auf.

Worauf spielen Sie an?
Als ich vor kurzem in Spanien wegen überhöhter Geschwindigkeit angehalten wurde, rief mich gleich ein Journalist an und fragte: »Bist du im Knast?«. Die Meldung lief gerade bei ihm über den Ticker. In einer italienischen Zeitung stand sogar, ich sei in Handschellen abgeführt worden, dabei sind lediglich meine Personalien aufgenommen worden. Bei vielen Medien herrscht die Haltung vor: Erstmal schreiben, rausnehmen geht immer noch.

Über Sie sind unzählige Geschichten geschrieben worden. Sie müssten eigentlich völlig immun gegen jedwede Form von Berichterstattung sein – oder nah am Burn-Out?
Zeitweise war es wirklich heftig. Viele haben mir bestätigt, dass der Rummel, der um meine Person gemacht wurde, mitunter schwer erträglich war. Aber ich verfüge anscheinend über die Fähigkeit, im richtigen Moment abzuschalten und mich aufs Wesentliche zu fokussieren. Das heißt nicht, dass mir alles egal ist. Einige Dinge sind mir schon sehr nah gegangen.

Wann hatten Sie die Schnauze regelrecht voll?
Niemals. Dafür habe ich den Fußball zu sehr geliebt. Im Übrigen war ich immer in der Lage, die Dinge, die über mich geschrieben wurden, einordnen zu können. Ich wusste, was ich bin und was nicht. Dass man mir weil ich in einem Interview mal ansatzweise Kritik an dem Umgang mit einem verdienten Spieler geäußert habe…

…Sie spielen auf das Ende der Nationalmannschaftskarriere von Torsten Frings an…
…ein grundlegendes Zerwürfnis mit dem Bundestrainer andichtete, war doch Unsinn. Als Kapitän war es doch Teil meiner Aufgabe, Stellung zu beziehen.

Sie sagten damals: »Respekt und Loyalität ist doch das Wenigste, was man als verdienter Nationalspieler erwarten kann.« Sie waren also gewarnt, was Ihr eigenes Karriereende als Nationalspieler anbetrifft.
Zum Glück habe ich das Interview zwei Jahre vor meinem Ende bei der Nationalelf gegeben. Was mein eigenes Ausscheiden anbetrifft, war ich stets sehr defensiv. Ich bin nie ins Detail gegangen, denn ich hätte auch viel offensiver mit der Situation umgehen können...

Wie meinen Sie das?
Ich möchte das hier nicht noch einmal aufrollen, aber es lief fast genauso, wie es in all den Jahren mit anderen wichtigen Spielern gelaufen war.

Es hätte Ihnen doch bewusst sein müssen, dass der Tag kommt, wo auch Sie Opfer dieses Ausleseprozesses werden.
Mir ist es leider erst bewusst geworden, als ich mittendrin war.

Ahnten Sie, als Ihnen das Syndesmoseband beim Foul von Kevin Prince Boateng im FA-Cup-Finale riss, dass dies der Anfang vom Ende Ihrer Laufbahn sein könnte?
Nein, zunächst wusste ich nur, dass ich nun nicht als Kapitän die Nationalmannschaft zur WM in Südafrika führen kann. So eine Verletzung heilt in der Regel relativ schnell. Aber es war natürlich ein Einschnitt, weil mir klar war, dass ich nun wohl nie mehr bei einer WM auflaufen würde. Bis dahin hatte ich nur mit dem Gedanken gespielt, meine Nationalmannschaftskarriere eventuell nach Südafrika zu beenden.

Der düsterste Moment Ihrer Laufbahn?
Das Foul war kein düsterer Moment. Weitaus schlimmer war die Zeit danach, in der ich nicht spielen konnte und miterleben musste, wie über mich sowohl von Kollegen als auch von Journalisten geurteilt wurde. Ohne dass ich irgendwas dazu beigetragen hatte oder sportlich eine Antwort geben konnte.

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