Michael Ballack über seine große Karriere

»Titel werden manchmal überschätzt«

Heute findet in Leipzig das Abschiedsspiel von Michael Ballack statt. Im Interview mit 11FREUNDE hat der wichtigste deutsche Fußballer der Nullerjahre seine ganz persönliche Bilanz gezogen.

Daniel Delang

Michael Ballack, ist mit dem Karriereende die große Leere eingetreten?
Im Gegenteil. Endlich kann ich mir meinen Tag selbst einteilen.

Aber ist es nach 16 Jahren als Profi nicht irritierend, keine Termine mehr zu haben?
Nein, ich gönne mir ja bewusst diese freie Zeit, um endlich so etwas wie Alltag kennen zu lernen. Seit meiner Jugend habe ich dem Sport fast alles geopfert und war weitgehend fremdbestimmt. Der Fußball war sieben Tage in der Woche 24 Stunden in meinem Kopf. Deshalb will ich jetzt eine gewisse Zeit ganz ohne Vorgaben.

Welcher Mensch sehnt sich nach Alltag?
Ich habe seit meinem vierten Lebensjahr jeden Tag Fußball gespielt. Als Profi war ich schon früh sehr stark eingebunden, vieles wurde von mir weggehalten. An diesen Zustand gewöhnt man sich, er ist ja auch sehr bequem. Aber die persönliche Entwicklung bleibt da zwangsläufig ein wenig auf der Strecke.

Wo erkennen Sie bei sich Defizite?
Lassen Sie es mich so sagen: Die Zeit, um andere Interessen neben dem Fußball zu entwickeln, war sehr knapp.

Man sah Sie zuletzt öfter auf Messen und in Galerien für zeitgenössische Kunst.
Das ist inzwischen eine kleine Leidenschaft von mir. Meine Ex-Frau Simone ist sehr kreativ und da wir in den vergangenen Jahren viel Zeit miteinander verbracht haben, sind wir gemeinsam öfter zu Ausstellungen gegangen. Anfangs war es nur ein Interesse, aber je mehr ich mich damit auseinander gesetzt habe desto stärker war der Wunsch selbst schöne Werke zu besitzen.

Geben Sie viel Geld für Kunst aus?
Gute Kunst ist oft auch teuer.

Was fasziniert Sie an zeitgenössischer Kunst?
Wieviele unterschiedliche Möglichkeiten sie bietet, um Dinge zum Ausdruck zu bringen... Über Geschmack lässt sich dabei natürlich streiten.

Was haben Sie denn Zuhause?
Malerei aber auch Skulpturen. Ich bin da nicht festgelegt. Ich versuche, mir soviel wie möglich anzuschauen und mich inspirieren zu lassen.

Haben Sie einen bevorzugten Künstler?
Mehrere, aber da müsste ich ins Detail gehen.

Machen Sie doch mal.
Ich hatte das Privileg, einige bekannte Künstler persönlich kennen zu lernen und, was unüblich ist, auch in ihrem Atelier besuchen zu dürfen. Und so ein Blick hinter die Kulissen trägt dazu bei, sich intensiver mit dem Künstler und dessen Kunst auseinanderzusetzen. Es ist faszinierend, wie sich ein Werk über Wochen ständig neu entwickelt, nur weil sich die Gedanken des Künstlers verändern.

Mit welchen Künstlern hatten Sie Kontakt?
Ich war mehrfach bei Neo Rauch im Atelier. Anselm Reyle mag ich, weil er viel mit Alltagsgegenständen arbeitet – von Müll über Ton bis hin zu Blech. Auch ihn habe ich mehrfach in seinem Atelier besucht, genauso wie Georg Baselitz, einen meiner Lieblingskünstler, der auch nicht weit von mir am Ammersee wohnt. David Schnell habe ich mehrmals in Leipzig besucht und mit Rosemarie Trockel bin ich schon gemeinsam durch New York geschlendert. Ihre aktuellen Ausstellungen in New York und Lissabon sollte man sich auf jeden Fall anschauen.

Das klingt nicht mehr unbedingt nach einer »kleinen« Leidenschaft.
Je länger ich mich damit beschäftige, desto größer wird der Wunsch es zu vertiefen. Das Gute an Kunst ist übrigens, dass sie einen nicht ständig fordert. Es bleibt mir selbst überlassen, wie intensiv ich einen Künstler verfolge..


Sie beschreiben, wie sich die Gedanken eines Künstlers in seiner Arbeit abbilden. Mit welchen Empfindungen haben Sie die letzten Jahre Ihrer aktiven Laufbahn erlebt? Das Engagement bei Bayer 04 Leverkusen nach 2010 wirkt rückblickend wie ein Schritt in die Altersteilzeit.
So war es nie geplant. Ich kam voll motiviert dorthin zurück. Aber die eineinhalb Jahre waren nicht einfach. Das Verhältnis zu Jupp Heynckes war vom ersten Tag an distanziert. Mir kam es vor, als habe ihm irgendjemand zu spät Bescheid gesagt, dass Michael Ballack nach Leverkusen wechselt.

Der Wechsel war ein Fehler?
Hinterher ist man immer schlauer. Aber Leverkusen war für mich eine Herzensangelegenheit. Ich kannte das Umfeld, meine Familie und mich verband eine Freundschaft mit Rudi Völler und ich wollte auch nochmal in die Bundesliga.

Warum kamen Sie weder mit Jupp Heynckes noch mit Robin Dutt zurecht?
Wie Sie wissen, habe ich vorher mit vielen großen Trainern gearbeitet und bin mit Ihnen sehr gut zurecht gekommen. Sie gaben mir das Gefühl, dass sie voll auf mich bauen. Deswegen war ich schon verwundert, dass dies in Leverkusen nicht mehr der Fall war. Robin Dutt hatte offenbar von vornherein andere Vorstellungen, als mit mir zu arbeiten. Zumindest hat er das in Interviews zum Ausdruck gebracht.

Ihr Karriereende hatten Sie sich bestimmt anders vorgestellt.
Natürlich war es eine große Enttäuschung, plötzlich nicht mehr die Bedeutung zu haben, wie in all den Jahren zuvor.

Ihr Transfer in die USA und sogar nach Australien war im Gespräch. Warum haben Sie diesen Schritt nicht mehr gemacht?
Ich wollte es nicht ausreizen. Schließlich habe ich stets einen sehr hohen Anspruch an mich und mein Team gehabt. Über viele Jahre habe ich in Topmannschaften um die Meisterschaft gespielt. Dieser Anspruch war schon beim Wechsel nach Leverkusen nicht mehr ganz gegeben. Und in so einer Situation auch keine Hauptperson mehr sein zu können, motivierte mich nicht gerade zu einem nochmaligen Wechsel, um dann meine Ansprüche mit 36 noch weiter nach unten zu schrauben. Zumal ich mich jetzt körperlich fit fühle und sich keine bleibenden Schäden bemerkbar machen.

Mit anderen Worten: Die Karriere von Michael Ballack sollte nicht in einer Operettenliga enden.
Ich habe drei Jungs im Alter zwischen sieben und elf Jahren. In der Vergangenheit hatte ich nur wenig Zeit, ihnen beim Aufwachsen zuzusehen. Jetzt wollte ich nicht nochmal zwei Jahre mit einer großen Entfernung zu meinen Kindern erleben.

Wenn Sie auf Ihre Laufbahn zurückblicken: Wo waren Sie am glücklichsten?
Ich habe mich überall wohlgefühlt. Den Zenit zu benennen, fällt mir schwer. Am komfortabelsten war meine Situation sicher im letzten Jahr beim FC Bayern. Ich war Ende zwanzig, hatte ein hohes Standing in einer Top-Mannschaft, war Kapitän der Nationalelf und verfügte über großes Selbstbewusstsein. Aber genau dieser Zustand war es auch, der mich bewog, mir neue Ziele zu setzen. Ich hätte ohne weiteres bei Bayern München drei, vier Jahre verlängern können. Aber das wollte ich nicht.

Warum nicht? Sie hatten mit dem FC Bayern dreimal das Double geholt.
Entgegen der heutigen Mannschaft hatte die damalige noch nicht die Qualität, um international ganz vorne mitzuspielen. Der Klub fuhr noch eine etwas andere Philosohie, so dass 2006 relativ klar war, dass der FC Bayern bis auf weiteres nicht auf Augenhöhe mit Manchester United, FC Barcelona oder dem FC Chelsea spielen würde.

Doch auch mit dem FC Chelsea konnten Sie letztlich die Champions League nicht gewinnen.
Im Nachhinein war es trotzdem eine erfolgreiche und coole Zeit. London ist eine grandiose Stadt. Ich war akzeptiert in der Mannschaft, auch wenn ich mich am Anfang erst einmal durchbeißen musste. Und wir hatten dort eine sehr gute Gemeinschaft. Auch wenn es, wie Sie sagen, mit dem internationalen Titel nichts geworden ist.

Wie groß ist heute Ihre Enttäuschung darüber?
Das Gesamtbild in London stimmte. Ich bin gerne zum Training gegangen und habe großartige Leute kennen gelernt. Das verlorene Champions-League-Finale ist nur ein Moment, der sich hinter vielen tollen Erinnerungen einreiht.

Waren Sie in London auch weniger im Fokus der Öffentlichkeit?
Schon. Bei Bayern München waren damals besonders Oliver Kahn und ich als Hauptakteure unter Beobachtung. Es mussten jeden Tag Geschichten her, egal ob sie wahr oder unwahr, spannend oder belanglos waren. In England war es einen Tick angenehmer, weil die englische Presse sich so wie die deutsche eher für die eigenen Spieler interessiert. Bevor sich die Journalisen mit Andrj Schewtschenko, Michael Essien, Didier Drogba oder mir beschäftigten, schrieben sie über John Terry, Ashley Cole oder Paul Lampard.

War es der peinlichste Moment Ihrer Karriere, als Sie zum Einstand »Du entschuldige I kenn di« vorsingen mussten?
So peinlich war das gar nicht, die andern haben ja kein Wort verstanden.

Waren Sie auf den Vortrag vorbereitet?
Na klar, aber ich musste auch nur eine Strophe zu singen, weil ich so grausig performte und von einer Lawine Servietten erschlagen wurde.

Die anderen Neuen mussten auch ran?
Bei Schewa war das viel schlimmer. Der hat »We’re the champions« gesungen, was alle anderen verstanden. Da flogen gleich von Anfang an die Servietten.

Michael Ballack, Ihrer Laufbahn haftet das Klischee des »ewigen Zweiten« an. Dabei haben Sie etliche Titel gewonnen. Welcher bedeutet Ihnen am meisten?
Das Gefühl des Erfolges hängt stark von der Situation ab. Auch, wenn ich damals noch kein Stammspieler war, kam mir die Meisterschaft mit Lautern 1998 wie ein Traum vor. Ich bin viermal Deutscher Meister und drei Mal Pokalsieger geworden. Ich will nicht sagen, dass solche Titel zur Routine werden, aber eine Meisterschaft in der Premier League ist im Gegensatz dazu schon besonders.



Was die Besonderheit der Situation anbetrifft, müsste Ihnen der dritte Platz bei der WM 2006 in besonderer Erinnerung sein?
Ehrlich gesagt denke ich da öfter an die WM 2002. Acht legendäre Tage auf Jeju-Island mit einer legendären Party. Das war eine gute Zeit. Der Zusammenhalt in der Mannschaft stimmte und niemand hätte uns vorher zugetraut, dass wir als Vizeweltmeister nach Hause kommen.

Die WM in Asien bedeutete den Durchbruch für Sie.
Die beiden Relegationsspiele gegen die Ukraine waren vielleicht die wichtigsten Spiele meiner Karriere. Für Deutschland ging es um alles und die Medien hauten auf uns ein. Stellen Sie sich vor, Deutschland hätte sich zum ersten Mal nicht für eine WM qualifiziert. Da wurde ein unglaublicher Druck aufgebaut. Ich sah mich gefordert – und es hat geklappt.

Sie trafen in den beiden Spielen insgesamt drei Mal. Nach dem 1:1 in Kiew sagten Sie: »Das wichtigste Tor meiner Karriere.« Dennoch wird das Turnier 2006 medial weitaus höher gehängt als die WM 2002.
Da sehen Sie mal, wie Medien funktionieren. Eine Profimannschaft funktioniert nur in Ausnahmefällen nach dem Prinzip von »elf Freunden«.

Haben Sie dennoch in Teams gespielt, wo ein enger, persönlicher Zusammenhalt herrschte?
Je älter ich wurde und je länger ich spielte, desto mehr nahm das Gefühl der verschworenen Gemeinschaft ab.

Woran liegt das?
Sicher nicht an den Spielern selbst, eher an der sich stetig verändernden Mediensituation. Die Presse hat eine enorme Macht über den Fußball gewonnen. Wenn sich früher die Zeitungen auf einen Mitspieler einschossen, haben wir als Mannschaft auch mal gesagt: »Schluss, jetzt reden wir ein oder zwei Wochen lang nicht mit Euch.« Sowas gibt es heute nicht mehr.

Aber warum kann sich ein Team nicht mehr zu solchen Sanktionen zusammenschließen?
Bei einigen Spielern hat das auch mit Angst zu tun.

Wovor fürchten sich die Profis denn?
Vor dem medialen Echo. Sie wissen besser als ich, welche Marginalien heutzutage über Zeitungen, das Fernsehen und das Internet plötzlich eine Dimension bekommen, die man vorher nie für möglich gehalten hätte. Und von jeder größeren Geschichte bleibt in der Öffentlichkeit immer ein Krümel hängen.

Was ist denn Negatives an Ihnen hängengeblieben?
Auch in ein paar Jahren werden einige bei meinem Namen sicher noch denken: »Ballack? Der hatte doch damals dieses Problem mit Jogi Löw.« Die Details des Konflikts geraten schnell in Vergessenheit. Es spielt am Ende auch keine Rolle mehr, wer Recht hatte. Und daraus lernt ein Profi natürlich.

Welchen Effekt haben solchen Mechanismen denn?
Als Nationalspieler denkt man bewusst darüber nach, was passieren könnte, wenn man jetzt dieses oder jenes sagt. Eine Entwicklung, die ich sehr schade finde. Denn auf diese Weise ist ein Profi oft gehemmt. Und selbst jetzt, wo ich meine aktive Laufbahn beendet habe, hört es noch nicht auf.

Worauf spielen Sie an?
Als ich vor kurzem in Spanien wegen überhöhter Geschwindigkeit angehalten wurde, rief mich gleich ein Journalist an und fragte: »Bist du im Knast?«. Die Meldung lief gerade bei ihm über den Ticker. In einer italienischen Zeitung stand sogar, ich sei in Handschellen abgeführt worden, dabei sind lediglich meine Personalien aufgenommen worden. Bei vielen Medien herrscht die Haltung vor: Erstmal schreiben, rausnehmen geht immer noch.

Über Sie sind unzählige Geschichten geschrieben worden. Sie müssten eigentlich völlig immun gegen jedwede Form von Berichterstattung sein – oder nah am Burn-Out?
Zeitweise war es wirklich heftig. Viele haben mir bestätigt, dass der Rummel, der um meine Person gemacht wurde, mitunter schwer erträglich war. Aber ich verfüge anscheinend über die Fähigkeit, im richtigen Moment abzuschalten und mich aufs Wesentliche zu fokussieren. Das heißt nicht, dass mir alles egal ist. Einige Dinge sind mir schon sehr nah gegangen.

Wann hatten Sie die Schnauze regelrecht voll?
Niemals. Dafür habe ich den Fußball zu sehr geliebt. Im Übrigen war ich immer in der Lage, die Dinge, die über mich geschrieben wurden, einordnen zu können. Ich wusste, was ich bin und was nicht. Dass man mir weil ich in einem Interview mal ansatzweise Kritik an dem Umgang mit einem verdienten Spieler geäußert habe…

…Sie spielen auf das Ende der Nationalmannschaftskarriere von Torsten Frings an…
…ein grundlegendes Zerwürfnis mit dem Bundestrainer andichtete, war doch Unsinn. Als Kapitän war es doch Teil meiner Aufgabe, Stellung zu beziehen.

Sie sagten damals: »Respekt und Loyalität ist doch das Wenigste, was man als verdienter Nationalspieler erwarten kann.« Sie waren also gewarnt, was Ihr eigenes Karriereende als Nationalspieler anbetrifft.
Zum Glück habe ich das Interview zwei Jahre vor meinem Ende bei der Nationalelf gegeben. Was mein eigenes Ausscheiden anbetrifft, war ich stets sehr defensiv. Ich bin nie ins Detail gegangen, denn ich hätte auch viel offensiver mit der Situation umgehen können...

Wie meinen Sie das?
Ich möchte das hier nicht noch einmal aufrollen, aber es lief fast genauso, wie es in all den Jahren mit anderen wichtigen Spielern gelaufen war.

Es hätte Ihnen doch bewusst sein müssen, dass der Tag kommt, wo auch Sie Opfer dieses Ausleseprozesses werden.
Mir ist es leider erst bewusst geworden, als ich mittendrin war.

Ahnten Sie, als Ihnen das Syndesmoseband beim Foul von Kevin Prince Boateng im FA-Cup-Finale riss, dass dies der Anfang vom Ende Ihrer Laufbahn sein könnte?
Nein, zunächst wusste ich nur, dass ich nun nicht als Kapitän die Nationalmannschaft zur WM in Südafrika führen kann. So eine Verletzung heilt in der Regel relativ schnell. Aber es war natürlich ein Einschnitt, weil mir klar war, dass ich nun wohl nie mehr bei einer WM auflaufen würde. Bis dahin hatte ich nur mit dem Gedanken gespielt, meine Nationalmannschaftskarriere eventuell nach Südafrika zu beenden.

Der düsterste Moment Ihrer Laufbahn?
Das Foul war kein düsterer Moment. Weitaus schlimmer war die Zeit danach, in der ich nicht spielen konnte und miterleben musste, wie über mich sowohl von Kollegen als auch von Journalisten geurteilt wurde. Ohne dass ich irgendwas dazu beigetragen hatte oder sportlich eine Antwort geben konnte.



Sie meinen, wie sich nach der WM 2010 die öffentliche Meinung verfestigte, dass die Nationalelf ohne Sie besseren Fußball spielte als mit Ihnen.
Ich meine alle Formen der Interpretation. Bitte bedenken Sie, dass ich bis zum Zeitpunkt der Verletzung Stammspieler beim FC Chelsea war. Ich hätte nie damit gerechnet, dass sich meine Situation in der Nationalelf ohne mein Zutun so entwickeln würde und öffentlich plötzlich vollkommen neu bewertet würde. Das fand ich höchst despektierlich und an dieser Form der Wahrnehmung gebe ich den Medien eine Mitschuld. Ich ging davon aus, dass meine Verletzung ausheilt und ich dann zurückkomme. Aber diese Chance habe ich weder in der Nationalelf, noch im Verein bekommen. Letzteres auch, weil eine weitere Verletzung hinzu kam. Und so liefen die letzten beiden Jahre meiner Laufbahn leider eher suboptimal.

Was empfanden Sie, als Sie die negative Berichterstattung über die Nationalelf und speziell über Jogi Löw nach der EM 2012 mitbekamen?
Ich bin froh, dass diese Achterbahn hinter mir liegt. Dass der Bundestrainer sich nun diesen Fragen stellen muss, ist Teil seines Berufs. Aber es zeigt auch, dass der Hype um den Fußball immer größer wird. Zu meiner Zeit war es schon extrem, aber ich habe den Eindruck, dass es immer mehr wird.

Sie lieben den Fußball, aber lieben Sie auch das Fußballgeschäft?
Es ist ein schwieriges Geschäft, vor allem deshalb, weil es eben nicht ständig nur nach oben geht. Neunzig Prozent meiner Karriere sind super gelaufen, aber was alles dahinter steckt, wieviel Grabenkämpfe ich ausfechten musste, um mich durchzusetzen, ist von außen nicht erkennbar. Es gab sehr viele Spiele und Situationen, in denen meine Karriere hätte Schaden nehmen können, wenn ich kein Tor oder kein gutes Spiel gemacht hätte. Ich habe erlebt, dass viele Mitspieler nach Misserfolgen oft unfair behandelt wurden.

Im Jahr 2005 verkündete Karl-Heinz Rummenigge mitten in den Vertragsverhandlungen mit Ihnen auf der Jahreshauptversammlung, Sie hätten es versäumt, sich rechtzeitig zum FC Bayern zu bekennen.
Ich hatte mich damals nicht gegen Bayern München, ich hatte mich nur noch nicht für sie entschieden. Wenn ein Mann wie Karl-Heinz Rummenigge so etwas sagt, weiß er, dass er einen Spieler zum Abschuss freigibt. Das ist Politik. Es ist nicht einfach, mit so einer Situation umzugehen und stark zu bleiben – auch was eine Entscheidung für oder gegen den Vereinswechsel anbetrifft. Aber es zeigt auch, wie gut der FC Bayern medial aufgestellt ist und wie clever der Klub seine Macht ausspielt. Zum Glück konnte ich sportlich auf solche Situationen fast immer eine Antwort geben und die Wogen glätten, indem ich gut Fußball spielte. Aber es gibt auch Charaktere, die in solchen Situationen anders reagieren und dem Druck nicht standhalten.

Die psychische Belastung des modernen Profis ist enorm.
Manchmal kann man gar nicht so schnell gucken, wie ein Spieler, der gerade noch ein Held war zum letzten Arschloch gemacht wird. Als Mensch muss man sowas erst einmal verkraften. Sebastian Deisler war der Erste, der sich in Ihrer aktiven Zeit zu seinen Depressionen bekannte.

Kennen Sie noch andere Spieler, die unter dem Druck fast zerbrachen?
Da es das Fußballmilieu nicht duldet, dass ein Spieler Schwäche zeigt, war es nicht üblich, dass sich Mitspieler anvertrauten. Ich glaube aber dadurch, dass diese Fälle immer häufiger werden und der Druck stetig steigt, sind Spieler inzwischen auch eher bereit, sich zu öffnen. Auch weil der Druck vielleicht so groß ist, dass sie gar nicht mehr anders können. Natürlich gibt es solche Phänomene auch in anderen Berufen, aber niemand kann sich vorstellen, wie es ist, unter permanenter medialer Beobachtung zu stehen. Ein Profi kann nie abschalten, er muss ständig reflektieren, was er macht.

Hat es Ihre Karriere beeinträchtigt, dass Sie schon in jungen Jahren als Überflieger galten? Reiner Calmund nannte Sie den »kleinen Kaiser«, Teamchef Rudi Völler sagte, Sie seien »einer der besten Spieler, die Deutschland je hatte«.
Nö, belastet hat mich das nie.

Sind Sie in diesem Bewusstsein aufgewachsen?
In der Jugend war ich zumindest meistens der beste Spieler. Ich wusste, dass ich auch mit durchschnittlichen Leistungen noch der beste im Team bin. Aber gerade der Sprung aus der Jugend zur den Männern war riesengroß. Ich war mir lange nicht sicher, ob ich es zum Profi schaffen würde. Heute sind die jungen Spieler besser vorbereitet. Mario Götze oder Marco Reus spielten schon mit 18 Jahren auf dem physischen Niveau der Lizenzmannschaft. Ich brauchte in dem Alter noch ein, zwei Jahre, um körperlich bei den Profis mitzuhalten.

Was hätten Sie gemacht, wenn Sie es nicht zum Fußballprofi gereicht hätte?
Ich habe ja Abitur, wahrscheinlich hätte ich irgendwas studiert.

Kunstgeschichte?
Vielleicht Architektur, das hat mich schon immer interessiert.

Trotz Ihres guten Leumunds prophezeite Ihnen Günter Netzer im Jahr 2000, Sie würden die Rolle als Führungsspieler wohl niemals ausfüllen. Er sagte, Ihre Erziehung in der DDR-Sportschule habe dazu geführt: »Dort zählte das Kollektiv, das hat den Weg für Genies verstellt.«
Interessant, oder? Am Anfang meiner Laufbahn war ich der Öffentlichkeit zu sehr Teamplayer und am Ende war ich allen zu dominant. Viele fragten sich nach der WM 2010, ob ich mit meiner Art überhaupt noch in das Kollektiv der Nationalelf hineinpassen würde. Heute kann ich schon fast wieder drüber schmunzeln. Aber wenn man in der Situation steckt, muss man ständig Stellung beziehen, und das Thema gewinnt eine Bedeutung, die schwer nachzuvollziehen ist.

Bei der EM 2012 traten Sie erstmalig in Netzers Fußstapfen, als Sie für den Sportsender »ESPN« als TV-Experte wirkten. Wäre das auch langfristig eine Joboption für Sie?
Temporär könnte ich mir sowas schon vorstellen.

Als TV-Experte gilt man schnell als Besserwisser. Reizt Sie nicht eher die praktische Arbeit als Trainer?
Ich habe als strategischer Spieler immer schon analytisch auf den Fußball geblickt. Deswegen ist es natürlich nicht abwegig, ins Trainergeschäft einzusteigen. Ich kenne aber auch die Schattenseiten dieses Jobs und habe bei vielen meiner Coachs erlebt, welche Mechanismen greifen.

Welcher Trainer hat Ihre Laufbahn am nachhaltigsten geprägt?
Christoph Daum. Er war sicher der wichtigste Trainer für mich. Als ich mit 22 Jahren zu ihm kam, war ich in Kaiserslautern erst eine Saison lang Stammspieler gewesen. In Leverkusen wollte ich den nächsten Schritt machen. Es war nicht klar, ob das auf Anhieb gelingt, aber Daum hat voll und ganz auf mich gesetzt. Das hat mir einen enormen Schub gegeben, sodass ich unter seinem Nachfolger Klaus Toppmöller 2001/2002 meine vielleicht beste Saison überhaupt gespielt habe.



Sie haben viele unterschiedliche Trainertypen kennengelernt: Von Otto Rehhagel über Jose Mourinho bis zu Jürgen Klinsmann. Hat es unter Felix Magath am wenigsten Spaß gemacht?
Das würde ich nicht sagen. Mit ihm haben wir zwei Mal das Double gewonnen – und Erfolg macht immer Spaß. Magath war ein ganz wichtiger Bayern-Trainer, wenn auch mit sehr speziellen Eigenheiten.

Was meinen Sie?
Er ist halt ein schwieriger Typ. Als Spieler kann ich mich darüber aufregen und mich runterziehen lassen – oder ich versuche, seine Philosophie positiv für meine Leistung nutzbar zu machen.

Bastian Schweinsteiger hat Magath motiviert, indem er ihn beim ersten Training nach seiner Rückkehr von der EM 2004 fragte, wer er denn überhaupt sei.
Das hat er mit mir nicht gemacht. (lacht) Aber solche Tricks werden eben im Tagesgeschäft manchmal angewandt, wo ein Trainer eine Gruppe von 25 Leuten ständig aufs Neue motivieren muss.

Kamen Sie gut mit Magath aus?
Ja. Es gab aber auch Tage mit ihm, an denen ich hätte kotzen können. Aber das lag auch daran, dass ich seine Art von Training so nicht gewohnt war. Doch der Erfolg zeigt, dass Magath vieles richtig gemacht hat. Und als guter Profi muss man sich mit den Gegebenheiten abfinden.

Michael Ballack, Sie sind der erste ostdeutsche Profi, der im ganzen Land gleichermaßen verehrt wurde. Wie haben Sie sich Anfang der Neunziger Ihr Leben im neuen Deutschland vorgestellt?
Überhaupt nicht. Dass ich Profi werden könnte, war damals vielleicht ein Traum, aber definitiv keine Gewissheit für mich.

Wer war Ihr Idol in der Weltmeister-Elf von 1990?
In diesen Kategorien habe ich nicht gedacht. Es war ein Team aus vielen unterschiedlichen Charakteren, die mir alle irgendwie imponierten: Matthäus, Völler, Klinsmann, Brehme…

Den Traum als erster gesamtdeutscher Spieler den WM-Pokal hochzuhalten, hatten Sie angesichts des Triumphs von Rom nicht?
Meine Karriere habe ich immer Schritt für Schritt betrachtet. Damals wünschte ich mir, irgendwann mal in der ersten Mannschaft des Chemnitzer FC zu spielen.

Was bedeutet es Ihnen, das fußballerische Symbol der Wiedervereinigung zu sein?
Es ist jedenfalls eine schöne Geschichte, die mich auch stolz macht. Schließlich bin ich der erste Kapitän der Nationalelf, der aus dem Osten kam.

Ihr Idol als Jugendspieler war Rico Steinmann, der nach dem Wechsel aus Karl Marx Stadt zum 1. FC Köln relativ schnell an den Gegebenheiten des westdeutschen Profifußballs scheiterte. Was haben Sie, was Steinmann nicht hatte?
Das kann ich nicht sagen, da ich nie mit ihm zusammen gespielt habe Aber ich bin natürlich anders in das System hineingewachsen. Er war schon in der DDR ein Topspieler, viele aus seiner Generation konnten im Westen ihr Leistungsniveau nicht halten. Auch ich hatte Momente des Zweifelns, nachdem ich 1997 aus Chemnitz nach Kaiserslautern wechselte und ein halbes Jahr auf der Ersatzbank verbrachte. Das war so schlimm, dass ich jedes Wochenende nach Hause gefahren bin, weil ich meine Familie und meine Freunde vermisste. Damals habe ich auch mit dem Gedanken gespielt, zurück nach Chemnitz zu gehen.

Die deutsche Nationalelf hat den »Bomber«, den »Kaiser« oder den »Boss« hervorgebracht. Sie werden der Nachwelt wohl als »Capitano« in Erinnerung bleiben.
Gibt Schlimmeres, oder?

Hießen Sie auch innerhalb des Teams so oder war das eine Erfindung von Jürgen Klinsmann?
Er hat das eingeführt, aber viele Mitspieler haben es übernommen. Im Training riefen mich die meisten zwar bei meinem Spitznamen »Balle«, aber außerhalb sprachen sie mich auch mit »Capitano« an.

Nachdem Sie 2006 im WM-Halbfinale gegen Italien ausgeschieden waren, sagten Sie: »Wenn wir Weltmeister geworden wären, wäre es eine andere Geschichte, dann hätte man etwas, das bleibt.« Was bleibt vom Fußballer Michael Ballack?
Titel werden manchmal auch überschätzt. Natürlich wird Lothar Matthäus immer mit 1990 in Verbindung gebracht. Aber fällt Ihnen, wenn Sie etwa an Günter Netzer, Luis Figo oder Johan Cruyff denken, sofort ein, welche Titel die abgeräumt haben? Oder denken Sie nicht auch daran, was diese Leute auf dem Rasen dargestellt haben? An die Art, wie sie Fußball gespielt und ihre Teams geführt haben?

Das bedeutet für Sie...?
Ich hoffe, dass mich die Menschen als einen besonderen Fußballer in Erinnerung behalten.

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Hinweis aus der Redaktion: Dieses Interview ist bereits in 11FREUNDE #134 im Januar erschienen

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