05.06.2013

Michael Ballack über seine große Karriere

»Titel werden manchmal überschätzt«

Heute findet in Leipzig das Abschiedsspiel von Michael Ballack statt. Im Interview mit 11FREUNDE hat der wichtigste deutsche Fußballer der Nullerjahre seine ganz persönliche Bilanz gezogen.

Interview: Tim Jürgens und Philipp Köster Bild: Daniel Delang

Sie beschreiben, wie sich die Gedanken eines Künstlers in seiner Arbeit abbilden. Mit welchen Empfindungen haben Sie die letzten Jahre Ihrer aktiven Laufbahn erlebt? Das Engagement bei Bayer 04 Leverkusen nach 2010 wirkt rückblickend wie ein Schritt in die Altersteilzeit.
So war es nie geplant. Ich kam voll motiviert dorthin zurück. Aber die eineinhalb Jahre waren nicht einfach. Das Verhältnis zu Jupp Heynckes war vom ersten Tag an distanziert. Mir kam es vor, als habe ihm irgendjemand zu spät Bescheid gesagt, dass Michael Ballack nach Leverkusen wechselt.

Der Wechsel war ein Fehler?
Hinterher ist man immer schlauer. Aber Leverkusen war für mich eine Herzensangelegenheit. Ich kannte das Umfeld, meine Familie und mich verband eine Freundschaft mit Rudi Völler und ich wollte auch nochmal in die Bundesliga.

Warum kamen Sie weder mit Jupp Heynckes noch mit Robin Dutt zurecht?
Wie Sie wissen, habe ich vorher mit vielen großen Trainern gearbeitet und bin mit Ihnen sehr gut zurecht gekommen. Sie gaben mir das Gefühl, dass sie voll auf mich bauen. Deswegen war ich schon verwundert, dass dies in Leverkusen nicht mehr der Fall war. Robin Dutt hatte offenbar von vornherein andere Vorstellungen, als mit mir zu arbeiten. Zumindest hat er das in Interviews zum Ausdruck gebracht.

Ihr Karriereende hatten Sie sich bestimmt anders vorgestellt.
Natürlich war es eine große Enttäuschung, plötzlich nicht mehr die Bedeutung zu haben, wie in all den Jahren zuvor.

Ihr Transfer in die USA und sogar nach Australien war im Gespräch. Warum haben Sie diesen Schritt nicht mehr gemacht?
Ich wollte es nicht ausreizen. Schließlich habe ich stets einen sehr hohen Anspruch an mich und mein Team gehabt. Über viele Jahre habe ich in Topmannschaften um die Meisterschaft gespielt. Dieser Anspruch war schon beim Wechsel nach Leverkusen nicht mehr ganz gegeben. Und in so einer Situation auch keine Hauptperson mehr sein zu können, motivierte mich nicht gerade zu einem nochmaligen Wechsel, um dann meine Ansprüche mit 36 noch weiter nach unten zu schrauben. Zumal ich mich jetzt körperlich fit fühle und sich keine bleibenden Schäden bemerkbar machen.

Mit anderen Worten: Die Karriere von Michael Ballack sollte nicht in einer Operettenliga enden.
Ich habe drei Jungs im Alter zwischen sieben und elf Jahren. In der Vergangenheit hatte ich nur wenig Zeit, ihnen beim Aufwachsen zuzusehen. Jetzt wollte ich nicht nochmal zwei Jahre mit einer großen Entfernung zu meinen Kindern erleben.

Wenn Sie auf Ihre Laufbahn zurückblicken: Wo waren Sie am glücklichsten?
Ich habe mich überall wohlgefühlt. Den Zenit zu benennen, fällt mir schwer. Am komfortabelsten war meine Situation sicher im letzten Jahr beim FC Bayern. Ich war Ende zwanzig, hatte ein hohes Standing in einer Top-Mannschaft, war Kapitän der Nationalelf und verfügte über großes Selbstbewusstsein. Aber genau dieser Zustand war es auch, der mich bewog, mir neue Ziele zu setzen. Ich hätte ohne weiteres bei Bayern München drei, vier Jahre verlängern können. Aber das wollte ich nicht.

Warum nicht? Sie hatten mit dem FC Bayern dreimal das Double geholt.
Entgegen der heutigen Mannschaft hatte die damalige noch nicht die Qualität, um international ganz vorne mitzuspielen. Der Klub fuhr noch eine etwas andere Philosohie, so dass 2006 relativ klar war, dass der FC Bayern bis auf weiteres nicht auf Augenhöhe mit Manchester United, FC Barcelona oder dem FC Chelsea spielen würde.

Doch auch mit dem FC Chelsea konnten Sie letztlich die Champions League nicht gewinnen.
Im Nachhinein war es trotzdem eine erfolgreiche und coole Zeit. London ist eine grandiose Stadt. Ich war akzeptiert in der Mannschaft, auch wenn ich mich am Anfang erst einmal durchbeißen musste. Und wir hatten dort eine sehr gute Gemeinschaft. Auch wenn es, wie Sie sagen, mit dem internationalen Titel nichts geworden ist.

Wie groß ist heute Ihre Enttäuschung darüber?
Das Gesamtbild in London stimmte. Ich bin gerne zum Training gegangen und habe großartige Leute kennen gelernt. Das verlorene Champions-League-Finale ist nur ein Moment, der sich hinter vielen tollen Erinnerungen einreiht.

Waren Sie in London auch weniger im Fokus der Öffentlichkeit?
Schon. Bei Bayern München waren damals besonders Oliver Kahn und ich als Hauptakteure unter Beobachtung. Es mussten jeden Tag Geschichten her, egal ob sie wahr oder unwahr, spannend oder belanglos waren. In England war es einen Tick angenehmer, weil die englische Presse sich so wie die deutsche eher für die eigenen Spieler interessiert. Bevor sich die Journalisen mit Andrj Schewtschenko, Michael Essien, Didier Drogba oder mir beschäftigten, schrieben sie über John Terry, Ashley Cole oder Paul Lampard.

War es der peinlichste Moment Ihrer Karriere, als Sie zum Einstand »Du entschuldige I kenn di« vorsingen mussten?
So peinlich war das gar nicht, die andern haben ja kein Wort verstanden.

Waren Sie auf den Vortrag vorbereitet?
Na klar, aber ich musste auch nur eine Strophe zu singen, weil ich so grausig performte und von einer Lawine Servietten erschlagen wurde.

Die anderen Neuen mussten auch ran?
Bei Schewa war das viel schlimmer. Der hat »We’re the champions« gesungen, was alle anderen verstanden. Da flogen gleich von Anfang an die Servietten.

Michael Ballack, Ihrer Laufbahn haftet das Klischee des »ewigen Zweiten« an. Dabei haben Sie etliche Titel gewonnen. Welcher bedeutet Ihnen am meisten?
Das Gefühl des Erfolges hängt stark von der Situation ab. Auch, wenn ich damals noch kein Stammspieler war, kam mir die Meisterschaft mit Lautern 1998 wie ein Traum vor. Ich bin viermal Deutscher Meister und drei Mal Pokalsieger geworden. Ich will nicht sagen, dass solche Titel zur Routine werden, aber eine Meisterschaft in der Premier League ist im Gegensatz dazu schon besonders.

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