Alexi Lalas ist Ihr Nebenmann, ein Typ, der früher schon auf dem Platz immer den Zweikampf suchte. Zielt das ESPN-Konzept auf die Konfrontation zwischen Ihnen und Lalas ab? Sagen wir es mal so: Wortgefechte werden nicht ungern gesehen. Aber es gibt keine Rollenverteilung zwischen Alexi und mir oder andere Vorgaben. Alexi ist auch ein Typ, der immer sagt, was er denkt. Wir haben schon mal unterschiedliche Sichtweisen. Zum Beispiel was die Taktik der Spanier angeht. Ich bin der Meinung, dass die Spanier mit einem Stürmer in der Spitze gefährlicher sind, weil der die gegnerische Abwehr beschäftigt und mehr in die Tiefe geht. Das würde die Spanier vor allem gegen Topmannschaft wie Portugal, Deutschland oder Italien gefährlicher machen.
Auch wenn es zum Finaleinzug nicht gereicht hat, Portugal hat demonstriert, wie die Dominanz und das Kurzpassspiel der Spanier verhindert werden kann. Man muss physisch voll präsent und läuferisch auf einem Topniveau sein und auch dann noch durchhalten, wenn man dem Ball ein paar Minuten lang nur hinterherläuft. Zudem bedarf es einer sehr guten Raumaufteilung, um die Räume zu verengen. Die Portugiesen haben das gut gemacht, hatten dann aber Pech im Elfmeterschießen.
Lange Zeit galt das Tiki-Taka- der Spanier als Maß aller Dinge im modernen Fußball. Jetzt wird diese Spielweise als einschläfernd – nicht nur für den Gegner, sondern auch für den Zuschauer – kritisiert. Arsène Wenger spricht sogar von Tiki-Takanaccio. Ihre Meinung?Da darf man den Spaniern keinen Vorwurf machen. Das hängt ganz einfach mit der Spielweise der Gegner zusammen. Die Spanier haben gelernt geduldig zu sein. Wenn sich die andere Mannschaft mit zehn Mann hinten reinstellen, dann wird das eben extrem schwierig und das Ganze wirkt unattraktiv. Andererseits ist es klar, dass schwächere Teams gegen Spanien nicht das offene Spiel suchen, weil sie wissen, dass sie dann ins Verderben rennen.
Sind Sie überrascht von der überzeugenden Vorstellung der Italiener bei der EM und dem Einzug ins Finale? Nein, Italien hat schon in der Qualifikation gut gespielt. Abgesehen von Pirlo und Balotelli hat das Team von Prandelli zwar nicht die überragenden Einzelspieler, aber sie sind unwahrscheinlich diszipliniert und habe eine Supermentalität. Und mit Pirlo haben Sie einen absoluten Leader – intelligent, unwahrscheinlich ballsicher und ausgebufft.
Auch Sami Khedira zeigte eine hervorragende Leistung. Das stimmt. Er wirkte absolut fit und war unwahrscheinlich präsent. Und er übernahm Verantwortung, was ganz wichtig war, weil Schweini ja ein bisschen schwächelte.
Was sagen Sie insgesamt zum Niveau des Turniers, haben Sie einen neuen Trend erkennen können? Das Niveau ist in meinen Augen gut, aber nicht überragend. Als Trend lässt sich feststellen, dass diejenige Mannschaft, die frühzeitig erkennt, dass die andere die bessere ist, sich schnell sehr weit zurückzieht. Man könnte ja auch höher stehen, aber stattdessen stellt man sich lieber hinten rein. Das erschwert die Sache natürlich für die guten Mannschaften. Die fußballerisch schwächeren Mannschaften sind taktisch so stark, dass sie es verstehen, gut gegen diese besseren Teams zu verteidigen. Darunter leidet natürlich die Attraktivität des Spiels.
Das Interview führte Roland Wiedemann