29.06.2012

Michael Ballack über Deutschlands Niederlage

»Es wäre viel mehr möglich gewesen«

Als TV-Experte für den US-Sender ESPN hat der ehemalige »Capitano« Michael Ballack die EM genaustens verfolgt. Wir sprachen mit ihm über die deutsche Niederlage und Italiens Chancen im Endspiel.

Interview: Roland Wiedemann Bild: Imago

Michael Ballack, Sie waren vor dem Spiel fest davon überzeugt, dass diesmal Deutschland im Halbfinale gegen Italien gewinnt und dass das aktuelle DFB-Team besser sei als jenes von 2006. Aber es hat wieder nicht gereicht.
Wir sind natürlich alle enttäuscht über das vorzeitige Ausscheiden im Halbfinale. Grundsätzlich wäre sicher viel mehr möglich gewesen mit dieser Mannschaft. Sie wirkte im physischen Bereich sehr stark, hat aber auch in spielerischer Hinsicht ein riesiges Potenzial. Bis zum Halbfinale hatte die deutsche Elf die Erwartungen eigentlich erfüllt. Sie zeigte gegen Holland ein sehr gutes Spiel und hat auch die anderen Partien gewonnen.

War es richtig, die Mannschaft gegenüber dem Griechenland-Spiel umzustellen?
Jogi Löw hat sich während des Turniers für viele Rotationen entschieden. Das ist leider gegen Italien nicht aufgegangen.

Räumt Italien jetzt auch Spanien aus dem Weg und wird Europameister?
Da beide Mannschaften in der Vorrunde schon aufeinander getroffen sind, kennen sie sich sehr gut. Ich denke, die Italiener haben bereits im ersten Duell gegen Spanien gezeigt, dass sie sich auf den jeweiligen Gegner sehr gut einstellen können. Wenn sie im Finale genauso spielen, wie gegen Deutschland in der ersten Halbzeit, können sie sicherlich auch die Spanier schlagen.

Erstmals in Ihrer Karriere beobachten Sie ein Turnier als TV-Experte. Wie ist der Job als Fußball-Kenner von ESPN?
Gut! Es ist eine neue Herausforderung, die mit viel Arbeit verbunden ist, aber es macht sehr viel Spaß. Man hat eine andere Sichtweise, sieht das Spiel nicht als Fan, sondern analytisch, schaut also noch genauer hin.

Hand aufs Herz, sind Sie aufgeregt vor jeder Sendung – vielleicht mehr als vor einem Spiel?
Jetzt nicht mehr, anfangs ja, es ist ein anderes Format in einer anderen Sprache. Für die Bewertung eines Spiels bleiben immer nur Ein- bis Zwei-Minuten-Blöcke. Das läuft hier anders ab als in Deutschland. Es ist nicht einfach, in der Kürze der Zeit die Sache auf den Punkt zu bringen. Aber man kommt von Sendung zu Sendung immer besser rein.

Interessiert die Amerikaner überhaupt dieses Fußballturnier im fernen Europa?
Das ist schon ein Thema hier, auch wenn Fußball in den USA natürlich nicht die Sportart Nummer eins ist und dann auch noch die eigenen Mannschaft nicht mitspielt. Aber die Basketball-Saison ist vorbei und Baseball war am vergangenen Wochenende auch nicht, da sind dann die Einschaltquoten ganz ordentlich.

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