Michael Ballack über Deutschlands Niederlage

»Es wäre viel mehr möglich gewesen«

Als TV-Experte für den US-Sender ESPN hat der ehemalige »Capitano« Michael Ballack die EM genaustens verfolgt. Wir sprachen mit ihm über die deutsche Niederlage und Italiens Chancen im Endspiel.

Michael Ballack, Sie waren vor dem Spiel fest davon überzeugt, dass diesmal Deutschland im Halbfinale gegen Italien gewinnt und dass das aktuelle DFB-Team besser sei als jenes von 2006. Aber es hat wieder nicht gereicht.
Wir sind natürlich alle enttäuscht über das vorzeitige Ausscheiden im Halbfinale. Grundsätzlich wäre sicher viel mehr möglich gewesen mit dieser Mannschaft. Sie wirkte im physischen Bereich sehr stark, hat aber auch in spielerischer Hinsicht ein riesiges Potenzial. Bis zum Halbfinale hatte die deutsche Elf die Erwartungen eigentlich erfüllt. Sie zeigte gegen Holland ein sehr gutes Spiel und hat auch die anderen Partien gewonnen.

War es richtig, die Mannschaft gegenüber dem Griechenland-Spiel umzustellen?
Jogi Löw hat sich während des Turniers für viele Rotationen entschieden. Das ist leider gegen Italien nicht aufgegangen.

Räumt Italien jetzt auch Spanien aus dem Weg und wird Europameister?
Da beide Mannschaften in der Vorrunde schon aufeinander getroffen sind, kennen sie sich sehr gut. Ich denke, die Italiener haben bereits im ersten Duell gegen Spanien gezeigt, dass sie sich auf den jeweiligen Gegner sehr gut einstellen können. Wenn sie im Finale genauso spielen, wie gegen Deutschland in der ersten Halbzeit, können sie sicherlich auch die Spanier schlagen.

Erstmals in Ihrer Karriere beobachten Sie ein Turnier als TV-Experte. Wie ist der Job als Fußball-Kenner von ESPN?
Gut! Es ist eine neue Herausforderung, die mit viel Arbeit verbunden ist, aber es macht sehr viel Spaß. Man hat eine andere Sichtweise, sieht das Spiel nicht als Fan, sondern analytisch, schaut also noch genauer hin.

Hand aufs Herz, sind Sie aufgeregt vor jeder Sendung – vielleicht mehr als vor einem Spiel?
Jetzt nicht mehr, anfangs ja, es ist ein anderes Format in einer anderen Sprache. Für die Bewertung eines Spiels bleiben immer nur Ein- bis Zwei-Minuten-Blöcke. Das läuft hier anders ab als in Deutschland. Es ist nicht einfach, in der Kürze der Zeit die Sache auf den Punkt zu bringen. Aber man kommt von Sendung zu Sendung immer besser rein.

Interessiert die Amerikaner überhaupt dieses Fußballturnier im fernen Europa?
Das ist schon ein Thema hier, auch wenn Fußball in den USA natürlich nicht die Sportart Nummer eins ist und dann auch noch die eigenen Mannschaft nicht mitspielt. Aber die Basketball-Saison ist vorbei und Baseball war am vergangenen Wochenende auch nicht, da sind dann die Einschaltquoten ganz ordentlich.



Alexi Lalas ist Ihr Nebenmann, ein Typ, der früher schon auf dem Platz immer den Zweikampf suchte. Zielt das ESPN-Konzept auf die Konfrontation zwischen Ihnen und Lalas ab?
Sagen wir es mal so: Wortgefechte werden nicht ungern gesehen. Aber es gibt keine Rollenverteilung zwischen Alexi und mir oder andere Vorgaben. Alexi ist auch ein Typ, der immer sagt, was er denkt. Wir haben schon mal unterschiedliche Sichtweisen. Zum Beispiel was die Taktik der Spanier angeht. Ich bin der Meinung, dass die Spanier mit einem Stürmer in der Spitze gefährlicher sind, weil der die gegnerische Abwehr beschäftigt und mehr in die Tiefe geht. Das würde die Spanier vor allem gegen Topmannschaft wie Portugal, Deutschland oder Italien gefährlicher machen.

Auch wenn es zum Finaleinzug nicht gereicht hat, Portugal hat demonstriert, wie die Dominanz und das Kurzpassspiel der Spanier verhindert werden kann.
Man muss physisch voll präsent und läuferisch auf einem Topniveau sein und auch dann noch durchhalten, wenn man dem Ball ein paar Minuten lang nur hinterherläuft. Zudem bedarf es einer sehr guten Raumaufteilung, um die Räume zu verengen. Die Portugiesen haben das gut gemacht, hatten dann aber Pech im Elfmeterschießen.

Lange Zeit galt das Tiki-Taka- der Spanier als Maß aller Dinge im modernen Fußball. Jetzt wird diese Spielweise als einschläfernd – nicht nur für den Gegner, sondern auch für den Zuschauer – kritisiert. Arsène Wenger spricht sogar von Tiki-Takanaccio. Ihre Meinung?
Da darf man den Spaniern keinen Vorwurf machen. Das hängt ganz einfach mit der Spielweise der Gegner zusammen. Die Spanier haben gelernt geduldig zu sein. Wenn sich die andere Mannschaft mit zehn Mann hinten reinstellen, dann wird das eben extrem schwierig und das Ganze wirkt unattraktiv. Andererseits ist es klar, dass schwächere Teams gegen Spanien nicht das offene Spiel suchen, weil sie wissen, dass sie dann ins Verderben rennen.

Sind Sie überrascht von der überzeugenden Vorstellung der Italiener bei der EM und dem Einzug ins Finale?
Nein, Italien hat schon in der Qualifikation gut gespielt. Abgesehen von Pirlo und Balotelli hat das Team von Prandelli zwar nicht die überragenden Einzelspieler, aber sie sind unwahrscheinlich diszipliniert und habe eine Supermentalität. Und mit Pirlo haben Sie einen absoluten Leader – intelligent, unwahrscheinlich ballsicher und ausgebufft.

Auch Sami Khedira zeigte eine hervorragende Leistung.
Das stimmt. Er wirkte absolut fit und war unwahrscheinlich präsent. Und er übernahm Verantwortung, was ganz wichtig war, weil Schweini ja ein bisschen schwächelte.

Was sagen Sie insgesamt zum Niveau des Turniers, haben Sie einen neuen Trend erkennen können?
Das Niveau ist in meinen Augen gut, aber nicht überragend. Als Trend lässt sich feststellen, dass diejenige Mannschaft, die frühzeitig erkennt, dass die andere die bessere ist, sich schnell sehr weit zurückzieht. Man könnte ja auch höher stehen, aber stattdessen stellt man sich lieber hinten rein. Das erschwert die Sache natürlich für die guten Mannschaften. Die fußballerisch schwächeren Mannschaften sind taktisch so stark, dass sie es verstehen, gut gegen diese besseren Teams zu verteidigen. Darunter leidet natürlich die Attraktivität des Spiels.

Das Interview führte Roland Wiedemann

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