Michael Ballack im Interview

»Wir sind zu groß«

Michael Ballack – der Unvollendete. Im neuen 11FREUNDE-Heft zeichnen wir die seltsame Karriere des Weltstars nach. Hier lest Ihr Auszüge aus dem Interview, das unser Autor Raphael Honigstein mit Ballack führte. Michael Ballack im Interview
Heft#95 10/2009
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Michael Ballack, ein gern diskutiertes Thema in Deutschland ist die Hierarchie in einer Mannschaft. Wie wichtig ist die heutzutage noch?

Sehr wichtig, denke ich. Ich habe es als junger Spieler erlebt, als ich hochgekommen bin. Damals hatte man eigentlich keine Rechte. Man hatte sich unterzuordnen, einzuordnen. Man musste akzeptieren, dass man kaum Freiheiten bekam, konnte aber dafür innerhalb dieses Gerüsts wachsen. So kann ein Spieler nach und nach die nächsten Schritte machen. Wenn dagegen wichtige Regeln gebrochen werden, wenn es vielleicht dem einen oder anderen auch an der Erziehung fehlt, und das dann ungestraft bleibt, leidet das Team. Wir sind nicht im Einzelsport, es kann nicht jeder machen, was er will. Große Mannschaften haben deswegen Erfolg, weil es funktionierende Hierarchien gibt.

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Wie aber funktioniert der FC Chelsea? Dort gibt es sehr viele starke, dominante Persönlichkeiten.

Wir haben hier so viele gute und starke Spieler, wenn jeder seinem Ego freien Lauf lässt, funktioniert es natürlich auch nicht. Es ist eine Frage der Intelligenz, dass man sich auch ein Stück weit zurücknehmen kann. Das hat nichts mit Schwäche zu tun. Auch als sogenannter Führungsspieler muss man genau wissen, wann und wie sehr man sich einbringt. Es wird immer Spieler geben, die aufgrund ihrer Ausstrahlung auf dem Platz dominant sind, aber auch die müssen sich zurücknehmen, wenn es das Spiel oder die Dynamik in der Kabine erfordern.

Was passiert, wenn ein Spieler, der in der Hierarchie oben angesiedelt ist, keine Leistungen mehr bringt?

Das ist immer ein Problem, weil sich die Hierarchie nach der Leistung richtet. Das muss dann der Trainer lösen. Er kann den Mann knallhart wegschieben oder versuchen, ihn zurück zur alten Stärke zu führen. Wichtig ist immer, dass man mit solchen Spielern, die lange dabei sind und viel erlebt haben, ehrlich umgeht. Jeder gute Spieler merkt im Grunde ganz genau, wo er steht. Man kann ein paar Prozentpunkte verlieren, sich aber deswegen immer noch besser als die Konkurrenz sehen. Wichtig ist der ehrliche, respektvolle Umgang miteinander.

Warum sind in der deutschen Nationalmannschaft nach der EM 2008 Harmonie und Euphorie verloren gegangen?

Euphorie lässt sich nicht über einen längeren Zeitraum konservieren. Es kann auch keine ständige Aufbruchstimmung geben. Wichtig ist Kontinuität, dass man Qualität hat, dass man über einen längeren Zeitpunkt gut spielt Die Spiele sind das entscheidende Feedback, der entscheidende Maßstab für die Qualität eines Teams. Alles andere sollte man nicht so wichtig nehmen. Man darf sich nicht von Nebengeräuschen ablenken lassen und man sollte dabei auch stark genug sein, die eine oder andere Diskussion ertragen zu können.

Sie meinen Ihre Kritik am Bundestrainer?

Dazu ist alles gesagt.

Dann lassen Sie uns bei der Qualität der Mannschaft bleiben. Kann es sein, dass die gute Stimmung etwas verflogen ist, weil das Team den starken Leistungen von 2007 nicht mehr gerecht geworden ist? Befindet sich die DFB-Elf in einer Phase der Stagnation?

Das glaube ich nicht. Wir haben, verglichen mit anderen Teams, bei den Turnieren 2006 und 2008 unheimlich viel erreicht, wenn man die Einzelspieler anschaut und die Klubs, in denen sie spielen. Natürlich ist das eine deutsche Spezialität: Von uns wird, gemessen an den individuellen Möglichkeiten, fast immer viel erreicht. Aber man muss realistisch sein, man muss die Leistungen sehen. Das Problem ist: In Deutschland sagen die Leute wir stagnieren, aber wollen trotzdem, dass wir Weltmeister werden. Wir sind als Fußballnation zu groß, um uns kleinere Ziele setzen zu können oder zu dürfen. Diese Erwartungshaltung macht vielleicht dem einen oder anderen Spieler zu schaffen. Ich bleibe dabei: Du brauchst Qualität, um erfolgreich zu sein. Was die WM-Qualifikation angeht, denke ich, dass wir es bisher ganz gut gemacht haben. Ich würde sagen, wir sind absolut im Soll. Man sieht immer wieder, dass große Länder Probleme haben, die Engländer zum Beispiel waren trotz ihrer guten Einzelspieler gar nicht bei der EM dabei. Man muss vor einem Turnier vorsichtig mit der Einschätzung sein, es kann sehr schnell nach oben gehen. Wir wissen aber, dass wir uns verbessern müssen, um bei der WM ein Wörtchen mitzureden.


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