Michael Ballack im Interview

»Ich scheue keine Konflikte«

Der »Capitano« vor seiner letzten Chance, einen großen Titel zu holen: Michael Ballack spricht im Interview über seine Lust an der Nationalmannschaft, über die Energie des Zorns, übers Aufhören und die Chancen auf den Weltmeisterthron. Michael Ballack im Interview

Herr Ballack, haben Sie eigentlich noch Lust auf die Nationalmannschaft?

Davon können Sie ausgehen, sonst wäre ich nicht hier. Ich verspüre immer noch große Lust und großen Ehrgeiz, für Deutschland zu spielen. Wäre das nicht so, würde ich mir schon die Freiheit nehmen zu sagen: Ich höre auf! So viel Entschlossenheit dürfen Sie mir ruhig zutrauen. 

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Woher kommt diese Lust nach all den Jahren noch?

Im Grunde habe ich doch das außerordentliche Glück, dass ich mein Hobby zum Beruf machen konnte. Ich spiele einfach gerne Fußball. Ich gehe nach wie vor jeden Tag mit Freude und Spaß zur Arbeit. Das merke ich, wenn ich Urlaub habe. Irgendwann fängt es wieder an zu kribbeln. 

Und dieses Kribbeln spüren Sie auch noch bei der Nationalmannschaft.

Als Leistungssportler strebt man nach dem Bestmöglichen, das ist bei uns nun mal die Nationalmannschaft. Jeder Junge, der in einem kleinen Verein anfängt, hat das Ziel, Profi zu werden und es dann in die Nationalmannschaft zu schaffen, dahin, wo die Musik spielt. Für mich ist es immer noch etwas Besonderes, von 80 Millionen Deutschen einer der wenigen zu sein, die dazu gehören. Ich bin jetzt im sechsten Jahr Kapitän – das macht mich stolz. 

Aber Sie brauchen die Nationalmannschaft eigentlich nicht. Sie haben sich im Ausland eine viel beachtete zweite Karriere aufgebaut. 


Ich würde nicht von zweiter Karriere sprechen. Die Zeit im Ausland ist Teil meiner Karriere, in der es glücklicherweise immer bergauf gegangen ist. Die Jahre beim FC Chelsea sind eine besondere Phase – weil ich dort auf internationalem Topniveau mit internationalen Stars spiele. Das prägt dich natürlich, und es fordert dich auch. 

Wer braucht wen eigentlich mehr: Sie die Nationalmannschaft oder umgekehrt?


Ich bin jetzt mehr als zehn Jahre dabei und habe mich immer wieder gegen nachrückende Spieler behauptet. Natürlich habe auch ich in Sachen Außendarstellung von der Nationalmannschaft profitiert. Genauso wie sie von mir, weil ich auch viele gute Spiele und wichtige Tore gemacht habe.

In diesem Monat werden Sie 33 – unterschwellig wird Ihnen unterstellt, dass Sie im nächsten Jahr nach der Weltmeisterschaft Ihre internationale Karriere beenden werden.


Ich weiß, dass mit dem Fußball irgendwann mal Schluss sein wird. Das kommt auf jeden von uns zu. Aber mein Ziel ist es, diesen Job so lange wie möglich auszuüben und einfach alles zu geben, solange es mir Spaß macht und ich körperlich fit bin. Danach habe ich genügend Zeit für andere Dinge. Es gibt auch ein Leben nach dem Fußball, aber der Fußball ist das, was ich am besten kann.

Marco Bode hat im Alter von 32 Jahren nach der WM 2002 von einem Tag auf den anderen ganz mit dem Fußball aufgehört. Ist das eine Option für Sie? 

Nein. Derzeit fühle ich mich einfach fit, und es macht mir Spaß. Deshalb verschwende ich daran momentan keinen Gedanken. Außerdem ist 32 aus meiner Sicht sehr früh, um aufzuhören. Marco war eine Ausnahme, als er mit 32 ganz Schluss gemacht hat.

Sie können sich also auch vorstellen, nach der WM noch für die Nationalmannschaft zu spielen. 

Ja. Aber nach Turnieren ist grundsätzlich ein Zeitpunkt, an dem man sich Gedanken machen sollte, ob man noch einmal bis zum nächsten Turnier weitermacht.

Wer Stammspieler beim FC Chelsea ist, sollte auch für die Nationalmannschaft gut genug sein.

Eben. Die Zeit ist deshalb noch nicht reif, um übers Aufhören zu diskutieren. Aber wenn es soweit ist, werde ich der Letzte sein, der das nicht kapiert.

Bei Ihrem ersten Turnier, der EM 2000, haben Sie mit Lothar Matthäus zusammengespielt, und der war 39 Jahre alt. Sie könnten also noch locker bei der WM 2014 dabei sein …

Könnte ich. Das ist zwar reizvoll, aber eher unwahrscheinlich.

Dann sagen Sie uns doch, was im nächsten Jahr bei der WM drin ist?


Erstmal müssen wir uns qualifizieren, und dann ist der Rest schwer vorherzusagen. Wir sind noch nicht wieder auf dem Niveau, dass wir sagen können: Wir holen den Titel! Wir müssen uns für die WM schon noch steigern – und das können wir auch.

Sie wirken so ausbalanciert. Verfügen Sie denn noch über genug Zorneskraft im Innern, um einzuschreiten, wenn der Erfolg in Gefahr gerät? 

Mit meiner Erfahrung reagiere ich natürlich besonnener, aber ich habe an mir noch nicht feststellen können, dass ich mit meiner Meinung hinter dem Berg halte. Ich kann natürlich nicht von mir behaupten, dass ich alles richtig mache. Wenn man älter wird, versucht man, weniger Fehler zu machen – macht man vielleicht auch. Trotzdem kann man nicht jede Situation richtig bewerten, da spielt auch Emotionalität mit rein. Die muss man sich auch erhalten. Wenn alles so kalt poliert ist, überall Ruhe und Harmonie herrschen, ist das nicht gut. Ich scheue keine Konflikte. Konflikte können wichtig sein. Gerade in einer Mannschaft muss man sich immer wieder mit Problemen beschäftigen. Es ist sogar meine Aufgabe und Pflicht, sie anzusprechen. Deswegen bin ich Kapitän. Aber auch ich habe aus der Vergangenheit gelernt.

Dass Sie bei der EM zu ruppig waren? 

Ruppig? Ich weiß nicht. Ich war überrascht über die Kritik daran, wie ich die Mannschaft führe und als Kapitän auftrete. Ich hinterfrage mich oft. Aber heute ist es ja so: Man wirft einen kleinen Stein, der kommt ins Rollen und dann entsteht eine riesige Lawine. Das ist völlig übertrieben. Wir bewegen uns heute in einem medialen Umfeld, in dem schon Kleinigkeiten riesige Auswirkungen haben. Ich musste mir früher ganz andere Dinge anhören, nur ist damals weniger nach außen gedrungen. 

Anders als die mannschaftsinternen Probleme während der EM.


Es gab keine großen Probleme. Das zeigt doch das Ergebnis der Mannschaft, wir standen im Finale. Mit internen Problemen wäre das nicht möglich gewesen. Deswegen meine ich, dass die EM insgesamt zu negativ gesehen wurde und wird. Wenn man dieses Turnier mit der WM 2002 vergleicht, da haben wir in Asien in den entscheidenden Spielen dreimal 1:0 gewonnen, sehr ergebnisorientiert gespielt und sind ins Finale gekommen. Und dann 2008: 3:2 gegen Portugal gewonnen, was ein tolles Spiel war, oder das 3:2 im Halbfinale gegen die Türkei, was ebenfalls ein unterhaltsames und tolles Spiel war. Man kann sich als Zuschauer nicht mehr wünschen. Am Ende waren wir nur einer starken spanischen Mannschaft unterlegen. Der Weg ins Finale war für mich sehr positiv, aber natürlich wird in Deutschland immer der Titel verlangt.

Aber es treibt Sie schon noch an, einen Titel mit der Nationalmannschaft zu gewinnen. 

Ich habe einfach den Ehrgeiz, erfolgreich zu spielen, und das auf höchstmöglichem Niveau. Natürlich gehören Titel dazu. Aber es kann auch das Erlebnis sein, in ein Stadion mit 60 000 Menschen einzulaufen oder ein wichtiges Tor zu erzielen. Das sind besondere Momente im Leben, und die will ich so lange wie möglich genießen.

Wäre es nicht unter Ihrer Würde, ohne Titel abzutreten?

Warum? Wichtig ist für mich, dass ich mit mir im Reinen bin. Mit dem, was ich erreicht habe im Leben, und dem, was ich noch erreichen will. Ich hatte bisher sportlich sehr viel positive Erlebnisse und auch ein paar weniger positive – aber die immer noch auf einem unglaublich hohen Niveau. Wir reden hier von der Weltmeisterschaft, von der Europameisterschaft, von der Champions League.

Wie sehr nervt es Sie, auf die Rolle des ewigen Zweiten reduziert zu werden?

Ich habe elf Titel gewonnen. Ich kann es nicht beeinflussen, dass einige wenige Journalisten versuchen, mir ein Klischee zu verpassen. Das hat etwas mit Negativität zu tun, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Mich trifft das nicht mehr, weil ich weiß, was ich erreicht habe.

Hilft es, dass es sich um ein Scheitern auf höchstem Niveau handelt?


Wieso Scheitern? Wenn ich Vize-Weltmeister werde, bin ich doch nicht gescheitert. Im Sport ist es doch heutzutage oft so, dass man über den Zweiten oder Dritten sagt: Er hat die Goldmedaille verloren. Das stimmt nicht: Er hat Silber oder Bronze gewonnen. Da wird ein Sportler nach jahrelangem Training mit einem Satz abgewatscht und als sogenannter Verlierer dargestellt. Das ist respektlos, und das ist das, was ich beklage.

Ihnen ist sehr früh eine große Karriere prophezeit worden …

Ganz so einfach ist es am Anfang für mich nicht gelaufen. Ich weiß noch, dass ich mir von dem Wechsel von Chemnitz nach Kaiserslautern unheimlich viel erhofft habe. Aber dann habe ich ein halbes Jahr auf der Bank gesessen oder in der zweiten Mannschaft gespielt. Ich war schon kurz davor, wieder in meine alte Heimat zurückzugehen, in mein gewohntes Umfeld. Weil ich mich eben sportlich schon weiter gesehen habe, besser, zumindest aber genauso gut wie andere. Damit musst du erst einmal lernen umzugehen und dagegen ankämpfen. Ganz unabhängig davon, wie mich die Medien damals gesehen haben. 

Sie sind angeblich auf der Sonnenliege Nationalspieler geworden …

Nein, ich musste mir alles hart erarbeiten. Ich bin mit einigen Spielern groß geworden, die ebenso talentiert waren, es aber nicht geschafft haben. Es gehört eben mehr dazu als nur Talent. 

Verraten Sie es uns!


Es ist eine Kombination aus vielem. In erster Linie muss man natürlich gut Fußball spielen können. Dann muss man physisch einiges mitbringen, einen gewissen Ehrgeiz auch, um sich immer wieder auf höchstes Niveau zu bringen. Der Fußball wird schneller, er ist einfach physischer als vor 20 Jahren. Auch wenn die Spieler von damals das nicht so gerne hören – so ist es einfach. 

Wie wollen Sie denn eingehen in die Geschichte des deutschen Fußballs? Was soll von Ihnen bleiben?


Natürlich möchte jeder so positiv wie möglich in den Annalen erscheinen. Große Spieler zeichnen sich durch ihre Art und ihre Persönlichkeit aus. Das ist das Entscheidende und deshalb würde ich später gerne als Persönlichkeit in Erinnerung bleiben wollen.

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