09.09.2009

Michael Ballack im Interview

»Ich scheue keine Konflikte«

Der »Capitano« vor seiner letzten Chance, einen großen Titel zu holen: Michael Ballack spricht im Interview über seine Lust an der Nationalmannschaft, über die Energie des Zorns, übers Aufhören und die Chancen auf den Weltmeisterthron.

Interview: Michael Rosentritt und Stefan Hermanns Bild: Imago
Herr Ballack, haben Sie eigentlich noch Lust auf die Nationalmannschaft?

Davon können Sie ausgehen, sonst wäre ich nicht hier. Ich verspüre immer noch große Lust und großen Ehrgeiz, für Deutschland zu spielen. Wäre das nicht so, würde ich mir schon die Freiheit nehmen zu sagen: Ich höre auf! So viel Entschlossenheit dürfen Sie mir ruhig zutrauen. 



Woher kommt diese Lust nach all den Jahren noch?

Im Grunde habe ich doch das außerordentliche Glück, dass ich mein Hobby zum Beruf machen konnte. Ich spiele einfach gerne Fußball. Ich gehe nach wie vor jeden Tag mit Freude und Spaß zur Arbeit. Das merke ich, wenn ich Urlaub habe. Irgendwann fängt es wieder an zu kribbeln. 

Und dieses Kribbeln spüren Sie auch noch bei der Nationalmannschaft.

Als Leistungssportler strebt man nach dem Bestmöglichen, das ist bei uns nun mal die Nationalmannschaft. Jeder Junge, der in einem kleinen Verein anfängt, hat das Ziel, Profi zu werden und es dann in die Nationalmannschaft zu schaffen, dahin, wo die Musik spielt. Für mich ist es immer noch etwas Besonderes, von 80 Millionen Deutschen einer der wenigen zu sein, die dazu gehören. Ich bin jetzt im sechsten Jahr Kapitän – das macht mich stolz. 

Aber Sie brauchen die Nationalmannschaft eigentlich nicht. Sie haben sich im Ausland eine viel beachtete zweite Karriere aufgebaut. 


Ich würde nicht von zweiter Karriere sprechen. Die Zeit im Ausland ist Teil meiner Karriere, in der es glücklicherweise immer bergauf gegangen ist. Die Jahre beim FC Chelsea sind eine besondere Phase – weil ich dort auf internationalem Topniveau mit internationalen Stars spiele. Das prägt dich natürlich, und es fordert dich auch. 

Wer braucht wen eigentlich mehr: Sie die Nationalmannschaft oder umgekehrt?


Ich bin jetzt mehr als zehn Jahre dabei und habe mich immer wieder gegen nachrückende Spieler behauptet. Natürlich habe auch ich in Sachen Außendarstellung von der Nationalmannschaft profitiert. Genauso wie sie von mir, weil ich auch viele gute Spiele und wichtige Tore gemacht habe.

In diesem Monat werden Sie 33 – unterschwellig wird Ihnen unterstellt, dass Sie im nächsten Jahr nach der Weltmeisterschaft Ihre internationale Karriere beenden werden.


Ich weiß, dass mit dem Fußball irgendwann mal Schluss sein wird. Das kommt auf jeden von uns zu. Aber mein Ziel ist es, diesen Job so lange wie möglich auszuüben und einfach alles zu geben, solange es mir Spaß macht und ich körperlich fit bin. Danach habe ich genügend Zeit für andere Dinge. Es gibt auch ein Leben nach dem Fußball, aber der Fußball ist das, was ich am besten kann.

Marco Bode hat im Alter von 32 Jahren nach der WM 2002 von einem Tag auf den anderen ganz mit dem Fußball aufgehört. Ist das eine Option für Sie? 

Nein. Derzeit fühle ich mich einfach fit, und es macht mir Spaß. Deshalb verschwende ich daran momentan keinen Gedanken. Außerdem ist 32 aus meiner Sicht sehr früh, um aufzuhören. Marco war eine Ausnahme, als er mit 32 ganz Schluss gemacht hat.

Sie können sich also auch vorstellen, nach der WM noch für die Nationalmannschaft zu spielen. 

Ja. Aber nach Turnieren ist grundsätzlich ein Zeitpunkt, an dem man sich Gedanken machen sollte, ob man noch einmal bis zum nächsten Turnier weitermacht.

Wer Stammspieler beim FC Chelsea ist, sollte auch für die Nationalmannschaft gut genug sein.

Eben. Die Zeit ist deshalb noch nicht reif, um übers Aufhören zu diskutieren. Aber wenn es soweit ist, werde ich der Letzte sein, der das nicht kapiert.

Bei Ihrem ersten Turnier, der EM 2000, haben Sie mit Lothar Matthäus zusammengespielt, und der war 39 Jahre alt. Sie könnten also noch locker bei der WM 2014 dabei sein …

Könnte ich. Das ist zwar reizvoll, aber eher unwahrscheinlich.

Dann sagen Sie uns doch, was im nächsten Jahr bei der WM drin ist?


Erstmal müssen wir uns qualifizieren, und dann ist der Rest schwer vorherzusagen. Wir sind noch nicht wieder auf dem Niveau, dass wir sagen können: Wir holen den Titel! Wir müssen uns für die WM schon noch steigern – und das können wir auch.

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