12.06.2008

Michael Ballack im Interview

»Anführer sein ist nicht schlimm«

Er tauge nicht zum Chef, hieß es über Ballack. Jetzt trägt der er die Verantwortung und vergleicht sich sogar mit Zidane – so könnte er auch Bundestrainer werden. Hier erklärt Ballack, wie er in die Führungsrolle hineingewachsen ist.

Interview: Michael Rosentritt Bild: Imago
Herr Ballack, vor dem Spiel gegen Polen sind Sie zu jedem Mitspieler gegangen und haben mit allen gesprochen. Werden Sie das auch vor dem Spiel gegen Kroatien tun?

Früher haben das andere mit mir gemacht, jetzt bin ich Kapitän. Ich bin in einem Alter, in dem ich Einfluss auf die Spieler nehmen muss und will. Du merkst, wer noch einen kleinen Schub braucht und wer weniger. Gerade bei einem solchen Turnier musst du versuchen, alles rauszuholen und auf die Minute konzentriert zu sein. Einige junge Spieler bringen eine gewisse Unbekümmertheit mit, weil sie nicht so viel nachdenken. Die kann man auch mal in Ruhe lassen und es funktioniert.



Woher wissen Sie, was bei wem zu tun ist?

Ich habe mittlerweile ein Gespür für meine Mitspieler entwickelt, mit einigen spiele ich schon ein paar Jahre zusammen. Aber bei alldem muss ich auch selbst immer wieder meine Leistung abrufen, ich kann mich ja nicht nur mit den anderen beschäftigen. Je mehr ich auf dem Platz meinen Ansprüchen gerecht werde, desto effektiver kann ich auf die Mannschaft einwirken.

Wie viel Intuition ist dabei und wie viel bewusstes Handeln? Überlegen Sie vorher, was Sie ihren Mitspielern sagen?

So etwas lässt sich nicht planen. Fußball ist Tagesgeschäft, du siehst, wie ist einer drauf, wie kommt einer in die Gänge? Aber warum wollen Sie das alles wissen?

Wir wollen mit Ihnen über das Thema Führen sprechen. Sie sind der Anführer des deutschen Teams. Wie fühlt sich Führung an?

Die Frage hört sich beinahe so an, als sei es eine Strafe, zu führen. So schlimm ist es aber nicht. Ich kenne das Gefühl ja schon ein Weilchen.

Mag sein, aber es gab eine Zeit, da behagte Ihnen dieses Thema überhaupt nicht. Woher der Wandel?

Weil sich so etwas entwickeln muss. Nehmen Sie den Einzelsportler. Der ist alles in einem. Du bist auf dich angewiesen, darfst dir keine Schwächen erlauben, sonst verlierst du. Als Einzelkämpfer bist du dein eigener Anführer, du musst dich pushen, bist auf dich angewiesen. In einer Mannschaft gibt es Hierarchien, unterschiedliche Funktionen, die auf bestimmte Spieler zukommen. Das hat etwas mit dem Alter zu tun, mit Erfahrung und natürlich auch mit Leistung.

Ihre Leistung stimmte meistens. Wann haben Sie erkannt, führen zu müssen?

Ich war immer ein Spieler, der diese Führungsrolle nie in der Öffentlichkeit eingefordert hat. Jeder ist anders, und es gibt welche, die in eine solche Rolle verbal reindrängen. Bei mir entwickelte sich das zuerst über die Leistung. Es geht darum, wie du auf dem Platz auftrittst, wie andere Spieler dich sehen, wie wichtig du für die Mannschaft bist.

Wird man als Anführer geboren?

Vielleicht sah es bei mir automatisch so aus, auf Grund meiner Körperstatur und meiner Spielweise. Aber ich bin in die Führungsrolle erst nach und nach reingewachsen. Gefordert wurde es viel früher. Mehr von außen. Die Mannschaften, in denen ich gespielt habe, wussten aber immer, dass ich da bin, dass ich auch Verantwortung übernehm’.

Führen aber ist etwas anderes?

Klar. Du musst eine Mannschaft mitreißen können. Dabei kommt mir entgegen, dass ich im Mittelfeld nun mal auf einer Position spiele, auf der ich viel Einfluss auf das Spiel habe nach hinten und nach vorne. Dazu gehört wohl auch, dass ich nie der Typ war, der sich so viel gefallen lassen hat auf dem Platz. Dabei kommt es nicht immer nur auf die 90 Minuten am Wochenende an, sondern du trainierst die ganze Woche über, da baut sich viel auf, die Struktur innerhalb einer Mannschaft. Im Training spielt sich eine Menge ab. Die meisten sehen das, was am Wochenende im Stadion passiert. Dann kommen schnell die Urteile: Ja, da ist ein guter Spieler, der muss Verantwortung übernehmen, der hat das Zeug dazu. In der Mannschaft aber ist das schon lange geschehen.

War es also Ihr Fehler, die Rolle des Anführers nicht früher zu verlangen?

Dafür bedarf es einer gewissen Persönlichkeit, die reifen muss. Den einen drängt es mehr und eher in diese Rolle, weil er vielleicht merkt, dass die Medien eine tolle Plattform bieten, die interessant und aktuell ist. Dieser Typ sagt sich, prima, diese Plattform kann ich bedienen. So habe ich nie gedacht, auch wenn mir das negativ ausgelegt worden ist.

Es hieß, Sie taugen nicht zum Anführer…

Auch wenn ich der Typ war, der diese Rolle nie einforderte, so bedeutete das für mich ja nicht, dass ich diese nicht einnehmen wollte. Ich wollte es in ruhiger Form. Zinedine Zidane war auch so ein Typ, der einfach auf Grund seiner Spielweise und Klasse für die Mannschaft der Anführer war.

Gab es bei Ihnen einen Moment, in dem es klick machte, in dem Sie diese Qualität bewusst angenommen haben?

Diesen einen Moment gab es nicht, nein. Überall wo ich spielte oder spiele, musste ich mich durchsetzen. In Leverkusen, in München oder jetzt bei Chelsea. Zu jeder Zeit gab es dort gute und vielleicht sogar auch bessere Spieler. Es waren Spieler da, die ihre Position innehatten. Ich musste mir meine Rolle erkämpfen. Das ging dann relativ schnell, aber schon wieder wurde der nächste Schritt erwartet.

Das hieße, Sie taten das ganz bewusst?

Du wirst ja automatisch in eine solche Position gedrängt, wenn du gut spielst. Es heißt dann, dass du Verantwortung übernehmen sollst, dass du die Mannschaft mitreißen und führen sollst. So selbstverständlich geht das aber nicht. Natürlich gibt es Spiele, in denen du wichtige Tore machst oder große Spiele, in denen du besonders präsent bist. Dann machst du einen Schritt nach vorne, in der Mannschaft und in der Öffentlichkeit. Dein Standing wächst und du wächst als Spieler und als Persönlichkeit. Das ist ein Prozess, der dauert einfach.

Welcher Schritt in Ihrer Karriere war dafür der Wichtigste?

Der Wechsel zum FC Bayern. Man steht dort medial ganz anders im Fokus als in Leverkusen oder Kaiserslautern. Die Öffentlichkeit ist ein wesentlicher Part geworden im Fußball. Es gibt ja Spielertypen, die sind wirklich gut, aber die wollen halt nur Fußball spielen, die wollen nichts mit der Öffentlichkeit zu tun haben oder aber kommen damit nicht gut zurecht. Auf die Ausschläge nach oben und unten muss man vorbereitet sein. Dafür ist eine bestimmte Konstitution erforderlich. Du musst Kritik auch mal wegstecken können. Es gibt einige Spieler, die wollen sich dem nicht aussetzen, weil sie die negativen Begleiterscheinungen, wenn es mal nicht so läuft, einfach nicht ertragen.

Das trifft auf Sie aber nicht zu?

Ich habe mich jedenfalls nie abgeduckt. Wir wissen doch, wie das mediale Spiel funktioniert, wie Strömungen und Stimmungen aufkommen und beeinflusst werden. Ich bin meinen Weg gegangen. Es geht doch darum, dass man sich treu bleibt und im Sinne der Mannschaft immer loyal ist.

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