Mesut Özil über Traumpässe, Zidane und Ohrschellen

»Ich bin kein Hellseher«

Mesut Özil ist nicht nur Spielmacher der deutschen Nationalmannschaft, sondern auch die zentrale Figur bei Real Madrid. Ein Gespräch über den perfekten Pass, seine Bewunderung für Zinedine Zidane und Schnipser gegen das Ohrläppchen.

Mesut Özil, reden wir übers Wetter. Macht es für Ihr Spiel eigentlich einen Unterschied, ob es regnet oder die Sonne scheint?
Nein, das hat keine Auswirkungen. Ich genieße es natürlich, wenn die Sonne scheint und das Wetter perfekt ist. Aber Regen macht mir auch nichts aus. Ich bin jetzt schon seit Jahren in diesem Geschäft, spiele Fußball, seitdem ich sechs bin. Regen, Sonne, Schnee – als Kind bin ich bei jedem Wetter kicken gegangen, nach der Schule immer sofort auf den Bolzplatz.

Sie haben das Spiel in einem sogenannten Affenkäfig in ihrer Heimatstadt Gelsenkirchen gelernt. Wie muss man sich das vorstellen?

Der Platz ist komplett umzäunt, dadurch ist der Ball nie im Aus, es geht immer weiter. Wir haben oft fünf gegen fünf gespielt oder sechs gegen sechs. Und ich war meistens der Kleinste. Wir haben auch oft mit dem Ball gezockt.

Gezockt?
Zinedine Zidane war damals mein großes Idol. Die Tricks, die wir von ihm im Fernsehen gesehen haben, haben wir auf dem Bolzplatz versucht nachzumachen. Überraschenderweise hat das bei mir immer sehr leicht geklappt. Bei den anderen hat es ein bisschen länger gedauert.

Was haben Sie an Zidane bewundert?
Für mich war das ein kompletter Spieler, beidfüßig, technisch begabt, kopfball- und abschlussstark.

Damals haben viele von Zidanes Kunststücken geschwärmt, von seinen Hackentricks, seinen Übersteigern. Sami Khedira, Ihr Kollege von Real Madrid, hat hingegen einmal erzählt: »Sein Spiel wurde für mich durch seine Einfachheit schön.«
Als Kind achtest du da doch gar nicht richtig drauf, außer Sami vielleicht (lacht). Du siehst natürlich, dass Zidane ein super Spieler ist, weil er großartige Tricks auf Lager hat. Von taktischen Dingen hatte ich damals keine Ahnung. Als Profi erkenne ich natürlich, dass Zidane nicht nur unglaubliche Kunststücke beherrscht hat, sondern auch für die Mannschaft enorm wertvoll war, weil er viel gearbeitet hat.

Sie sind in Spanien schon als der neue Zidane gefeiert worden, tragen bei Real sogar seine frühere Rückennummer, die 10.
Ich würde mich nie mit ihm vergleichen, auch wenn ich mittlerweile selbst auf höchstem Niveau spiele. Natürlich bin ich sehr stolz darauf, bei so einem großen Klub wie Real Madrid unter Vertrag zu stehen. Das ehrt mich. Aber Zidane ist noch mal eine andere Hausnummer. Er war ein Spieler mit weltweitem Erfolg, der fehlt mir noch. Ich muss mich erst beweisen.

Das können Sie ja bei der EM. Warum packt Deutschland die Spanier diesmal?

Alle reden immer nur von den Spaniern. Natürlich sind sie Favorit, aber es gibt auch andere Nationen, die um den Titel mitspielen. Wenn wir im Finale auf Spanien treffen sollten, glauben wir einfach an unsere Stärken. Aber bis dahin ist es ein langer Weg, und es wird auf jeden Fall sehr schwer werden.

Sie sind eine Figur, die das Spiel prägt. Nicht nur in der Nationalmannschaft, sondern auch bei Real Madrid, dem vielleicht größten Klub der Welt mit dem anspruchsvollsten Publikum überhaupt. Wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um?

Ehrlich gesagt, mache ich mir darüber gar keine Gedanken. Für mich ist es immer noch wie vor zehn Jahren auf dem Bolzplatz: Wenn ich auf dem Feld stehe, will ich einfach Spaß haben.

Sie wollen uns doch nicht erzählen, dass es egal ist, ob man mit ein paar Freunden im Affenkäfig zockt oder im Bernabeu vor 90.000 Zuschauern auftritt, die vor Verzückung raunen, wenn Ihrem Fußgelenk mal wieder ein genialer Pass entspringt?
Ist das so? Ich kriege das Raunen gar nicht so richtig mit. Ich bin einfach nur auf das Spiel fokussiert.

Wann halten Sie sich an die Vorgaben des Trainers, und wann machen Sie von den Freiheiten Gebrauch, ohne die es keine Magie geben kann?
Heutzutage muss jeder Spieler die taktischen Vorgaben erfüllen und seinen Beitrag zur Defensive leisten. Anders geht es doch gar nicht mehr. Das lernen wir im Training: wie wir den Gegner angreifen, wie wir unsere Gegenspieler anlaufen. Aber es gibt auch noch so etwas wie Inspiration. Die kommt einfach. Plötzlich siehst du auf dem Feld eine Lücke. Du musst einfach dorthin spielen, weil du weißt, der Mitspieler läuft da jetzt rein. Das passiert alles so schnell, dass du in diesem Moment gar keine Zeit mehr hast, darüber nachzudenken.

Ihre Pässe sind in der spanischen Presse als hellseherisch beschrieben worden.
Ein Hellseher bin ich bestimmt nicht. Ich mache mir die Gedanken nur schon, bevor ich den Ball habe: Wo wird mein Mitspieler hinlaufen? Wo kann ich hinspielen? Wenn man bei einer Mannschaft wie Real spielt oder hier in der Nationalmannschaft, wird einem das aber auch leicht gemacht – weil alle Kollegen mitdenken. Das Positive für mich ist, dass Real und die Nationalmannschaft das gleiche System spielen. Ich muss mich hier nicht erst umstellen. Das ist super für mich.

Haben Sie denn mehrere Pläne im Kopf?
Die Frage kann ich Ihnen gar nicht beantworten. Wenn ich auf dem Platz stehe, ist das irgendwie so – ein Reflex. Das kommt spontan, plötzlich.

Bestimmen Sie mit Ihren Pässen die Laufwege Ihrer Kollegen? Oder legen die Laufwege der Kollegen fest, wo Sie den Ball hinspielen müssen?
Schwer zu sagen. Beides vielleicht. Wir trainieren das ja tagtäglich und verstehen uns blind. Das sieht man auch im Spiel. Auf dem Platz muss ich mir gar keine Gedanken mehr machen. Wenn Cristiano Ronaldo in die Lücke läuft und ich ihm den Ball dorthin spiele, ist es ein Tor.

Spielen Sie die Pässe wortlos, also ohne den Namen des Passempfängers zu rufen?
Manchmal rufe ich, wenn ich frei stehe und mein Kollege mich nicht sieht. Aber generell ist es so, dass mein Mitspieler weiß, was er zu tun hat. Und ich eben auch.

Ihr Schalker A-Jugend-Trainer hat mal gesagt, dass der Ball Teil Ihres Körpers sei. Wie schwer fällt Ihnen unter diesen Umständen das Spiel ohne Ball, auf das Bundestrainer Joachim Löw so großen Wert legt?
Früher, im Käfig, haben wir einfach drauflos gespielt, das hatte mit Taktik nichts zu tun, aber heute geht es nicht anders. Natürlich ist mir das Spiel ohne Ball nicht so lieb wie das Spiel mit Ball. Aber richtig lernen muss ich das nicht. Das hat man schon im Blut.

Haben Sie auch mal das Bedürfnis, keinen Ball zu sehen, einfach mal Ruhe vom Fußball zu haben?
Nie. Wenn ich drei oder vier Wochen Urlaub habe, spüre ich, ohne Ball geht es nicht. Dann spiele ich mit meinen Freunden. Ich brauche das.

Haben Sie zu Hause Bälle?
Ja, im Garten liegen überall welche.

Und im Haus?
Da fliegen ein paar Tennisbälle rum. Mit denen jongliere ich ab und zu.

Wie viele Bälle haben sie dann in den Händen?
Nein, ich jongliere nicht mit den Händen, ich jongliere mit den Füßen! Manchmal machen wir das auch bei der Nationalmannschaft. Das ist eine gute Abwechslung.

Inwiefern?

Die kleinen Bälle sind viel schwieriger zu kontrollieren. Wenn du das zehn Minuten probiert hast und danach einen Fußball nimmst, kommt der dir riesig vor. Du hast das Gefühl, dass er viel leichter zu beherrschen ist. Ich glaube, das ist der Effekt.

Wie lange können Sie einen Tennisball hochhalten?
Ich zähle die Kontakte nicht, aber es funktioniert schon ganz gut. Mit meinen Freunden spiele ich auch ein ganz spezielles Spiel, wenn sie mich in Madrid besuchen. Wir nennen das »Zwei Kontakte«.

Wie geht das?
Wir spielen uns den Ball aus der Luft zu, du musst ihn einmal jonglieren und mit dem zweiten Kontakt weiterspielen, aber ohne Oberschenkel. Knie, Kopf, Brust – das ist alles erlaubt. Wenn du drei Fehler gemacht hast, hast du verloren.

Und worum spielen Sie?
Der Gewinner darf dem Verlierer mit dem Finger gegen das Ohrläppchen schnippen. Das macht unglaublichen Spaß. Manchmal spielen wir das auch bei der Nationalmannschaft.

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Dieses Interview erschien zuerst im Tagesspiegel

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