04.06.2012

Mesut Özil über Traumpässe, Zidane und Ohrschellen

»Ich bin kein Hellseher«

Mesut Özil ist nicht nur Spielmacher der deutschen Nationalmannschaft, sondern auch die zentrale Figur bei Real Madrid. Ein Gespräch über den perfekten Pass, seine Bewunderung für Zinedine Zidane und Schnipser gegen das Ohrläppchen.

Interview: Michael Rosentritt und Stefan Hemanns Bild: Imago

Mesut Özil, reden wir übers Wetter. Macht es für Ihr Spiel eigentlich einen Unterschied, ob es regnet oder die Sonne scheint?
Nein, das hat keine Auswirkungen. Ich genieße es natürlich, wenn die Sonne scheint und das Wetter perfekt ist. Aber Regen macht mir auch nichts aus. Ich bin jetzt schon seit Jahren in diesem Geschäft, spiele Fußball, seitdem ich sechs bin. Regen, Sonne, Schnee – als Kind bin ich bei jedem Wetter kicken gegangen, nach der Schule immer sofort auf den Bolzplatz.

Sie haben das Spiel in einem sogenannten Affenkäfig in ihrer Heimatstadt Gelsenkirchen gelernt. Wie muss man sich das vorstellen?

Der Platz ist komplett umzäunt, dadurch ist der Ball nie im Aus, es geht immer weiter. Wir haben oft fünf gegen fünf gespielt oder sechs gegen sechs. Und ich war meistens der Kleinste. Wir haben auch oft mit dem Ball gezockt.

Gezockt?
Zinedine Zidane war damals mein großes Idol. Die Tricks, die wir von ihm im Fernsehen gesehen haben, haben wir auf dem Bolzplatz versucht nachzumachen. Überraschenderweise hat das bei mir immer sehr leicht geklappt. Bei den anderen hat es ein bisschen länger gedauert.

Was haben Sie an Zidane bewundert?
Für mich war das ein kompletter Spieler, beidfüßig, technisch begabt, kopfball- und abschlussstark.

Damals haben viele von Zidanes Kunststücken geschwärmt, von seinen Hackentricks, seinen Übersteigern. Sami Khedira, Ihr Kollege von Real Madrid, hat hingegen einmal erzählt: »Sein Spiel wurde für mich durch seine Einfachheit schön.«
Als Kind achtest du da doch gar nicht richtig drauf, außer Sami vielleicht (lacht). Du siehst natürlich, dass Zidane ein super Spieler ist, weil er großartige Tricks auf Lager hat. Von taktischen Dingen hatte ich damals keine Ahnung. Als Profi erkenne ich natürlich, dass Zidane nicht nur unglaubliche Kunststücke beherrscht hat, sondern auch für die Mannschaft enorm wertvoll war, weil er viel gearbeitet hat.

Sie sind in Spanien schon als der neue Zidane gefeiert worden, tragen bei Real sogar seine frühere Rückennummer, die 10.
Ich würde mich nie mit ihm vergleichen, auch wenn ich mittlerweile selbst auf höchstem Niveau spiele. Natürlich bin ich sehr stolz darauf, bei so einem großen Klub wie Real Madrid unter Vertrag zu stehen. Das ehrt mich. Aber Zidane ist noch mal eine andere Hausnummer. Er war ein Spieler mit weltweitem Erfolg, der fehlt mir noch. Ich muss mich erst beweisen.

Das können Sie ja bei der EM. Warum packt Deutschland die Spanier diesmal?

Alle reden immer nur von den Spaniern. Natürlich sind sie Favorit, aber es gibt auch andere Nationen, die um den Titel mitspielen. Wenn wir im Finale auf Spanien treffen sollten, glauben wir einfach an unsere Stärken. Aber bis dahin ist es ein langer Weg, und es wird auf jeden Fall sehr schwer werden.

Sie sind eine Figur, die das Spiel prägt. Nicht nur in der Nationalmannschaft, sondern auch bei Real Madrid, dem vielleicht größten Klub der Welt mit dem anspruchsvollsten Publikum überhaupt. Wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um?

Ehrlich gesagt, mache ich mir darüber gar keine Gedanken. Für mich ist es immer noch wie vor zehn Jahren auf dem Bolzplatz: Wenn ich auf dem Feld stehe, will ich einfach Spaß haben.

Sie wollen uns doch nicht erzählen, dass es egal ist, ob man mit ein paar Freunden im Affenkäfig zockt oder im Bernabeu vor 90.000 Zuschauern auftritt, die vor Verzückung raunen, wenn Ihrem Fußgelenk mal wieder ein genialer Pass entspringt?
Ist das so? Ich kriege das Raunen gar nicht so richtig mit. Ich bin einfach nur auf das Spiel fokussiert.

Wann halten Sie sich an die Vorgaben des Trainers, und wann machen Sie von den Freiheiten Gebrauch, ohne die es keine Magie geben kann?
Heutzutage muss jeder Spieler die taktischen Vorgaben erfüllen und seinen Beitrag zur Defensive leisten. Anders geht es doch gar nicht mehr. Das lernen wir im Training: wie wir den Gegner angreifen, wie wir unsere Gegenspieler anlaufen. Aber es gibt auch noch so etwas wie Inspiration. Die kommt einfach. Plötzlich siehst du auf dem Feld eine Lücke. Du musst einfach dorthin spielen, weil du weißt, der Mitspieler läuft da jetzt rein. Das passiert alles so schnell, dass du in diesem Moment gar keine Zeit mehr hast, darüber nachzudenken.

Ihre Pässe sind in der spanischen Presse als hellseherisch beschrieben worden.
Ein Hellseher bin ich bestimmt nicht. Ich mache mir die Gedanken nur schon, bevor ich den Ball habe: Wo wird mein Mitspieler hinlaufen? Wo kann ich hinspielen? Wenn man bei einer Mannschaft wie Real spielt oder hier in der Nationalmannschaft, wird einem das aber auch leicht gemacht – weil alle Kollegen mitdenken. Das Positive für mich ist, dass Real und die Nationalmannschaft das gleiche System spielen. Ich muss mich hier nicht erst umstellen. Das ist super für mich.

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