28.04.2013

Per Mertesacker über Wenger, Poldis-Rhetorik und seinen Auftritt als DJ Ötzi

»Man kann nicht immer nur an der Ananas lecken«

Seit knapp zwei Jahren spielt Per Mertesacker nun beim FC Arsenal. Wir sprachen mit ihm über die Premier League, seine EM als Bankdrücker, Michael Ballacks verkorksten Abgang und den richtigen Zeitpunkt, die Schuhe an den Nagel zu hängen.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: Chris Gloag

Gab es eigentlich ein Aufnahmeritual, als Sie im August 2011 zum FC Arsenal kamen?
Aber hallo! Ich musste mich auf einen Stuhl stellen und ein Lied singen. Ich wusste, dass das auf mich zukommt, und suchte mir deshalb eines aus, bei dem alle nach zehn Sekunden mitsingen und ich nicht allein auf meinem Stuhl stehe. Meine Wahl fiel auf »Hey, Baby!« von DJ Ötzi.

Nicht schön, aber zweckmäßig.

Ich griff mir ein Baguette als Mikrofon und los ging es. Die ersten Sekunden waren hart, aber beim Refrain hatte ich die Masse im Griff!

Wie viele Nazi-Witze mussten Sie sich schon anhören?
Keinen einzigen.

Vertragen Sie jetzt mehr Alkohol als vor Ihrem Wechsel?
Ich glaube nicht. Sind wir jetzt beim Klischee-Teil, oder was?

Genau. Ist der Fußball in England wirklich ehrlicher als anderswo?
Das war einmal. Der Fußball ist inzwischen doch so globalisiert, dass es kaum noch Unterschiede zwischen den Ligen gibt. Der einzige, der mir bislang aufgefallen ist: Hier gibt es mehr Riesen! Wenn ich allein an Christopher Samba von den Queens Park Rangers denke! Der ist so groß wie ich, aber 20 Kilo schwerer. Un-glaub-lich!  

Weiter mit den Klischees: Hier wird nicht gepfiffen.
Aber gebuht! Das können Sie glauben!

Und ein letztes: Arsène Wenger, Ihr Trainer beim FC Arsenal, ist ein unnahbarer Diktator.
Das kann ich überhaupt nicht bestätigen! Zu mir war er von Anfang an sehr freundlich und verbindlich.

Wenger ist seit 1996 im Amt, Thomas Schaaf beim SV Werder seit 1999. Wie ist es, mit Trainern zusammenzuarbeiten, die mit dem Verein beinah identisch sind?
Super, es sollte überall so sein. Allein weil ein Trainer, der eine Krise überstanden hat, viel besser weiß, wie er sich in der kommenden zu verhalten hat. Aber offenbar ist diese Kontinuität vielen zu langweilig. Wie gesagt: Sie wollen ihre Helden vom Sockel stoßen.

So wie nicht wenige Arsenal-Fans derzeit Wenger stürzen sehen wollen.
Ist das so? Wissen Sie, ich lese hier kaum noch Zeitungen. Am Anfang habe ich das noch getan, aber da steht mir einfach zu viel Quatsch drin. Wir trainieren unter Ausschluss der Öffentlichkeit, da dringt gar nichts nach außen. Deshalb sehen sich diese sogenannten Journalisten offenbar gezwungen, Geschichten zu erfinden.

Eine Tatsache ist aber doch, dass der FC Arsenal sich zu Hause gegen den FC Bayern München blamiert hat und sogar gegen die Blackburn Rovers aus dem FA-Cup geflogen ist.
Klar, das schmerzt auch. Aber intern bleiben wir ganz ruhig und analysieren das.

Daraus scheint unter anderem gefolgt zu sein, dass Wenger 80 Millionen Euro für neue Spieler zur Verfügung stehen. Haben Sie Angst um Ihren Stammplatz?
Nein, ich spüre Wengers Vertrauen, selbst wenn es mal nicht so gut läuft. Nur das zählt.

Wie kam es denn, dass es vor allem am Anfang nicht so gut lief?
Die Umstellung war nicht leicht, ich bin ja während der laufenden Saison hierher gewechselt. Dann hat es seine Zeit gebraucht, mich an die Mitspieler, die Gegner, die Stadien und den englischen Fußball überhaupt zu gewöhnen. Es fällt einem nun mal nicht alles zu, manches muss man sich auch hart erarbeiten.

Waren Sie versucht, jemanden umzutreten, um den Fans zu beweisen, dass Sie ein echter Kerl sind?
Das wäre blinder Aktionismus. So eine One-Man-Show kann einem den billigen Applaus bringen, aber zwei Minuten später zum Gegentor führen.

Aber die Fans denken nicht fünf Spielzüge im Voraus, sie sehen nur: Der Mertesacker steht falsch.
Mag sein, aber soll ich deshalb nicht das objektiv Richtige tun?

Nach der Niederlage gegen die Bayern nannte die Boulevard-Zeitung »The Sun« Sie »Merte-Sucker«.
Ich verdiene als Profi gutes Geld, da gehört es dazu, dass ich solche Schmähungen stillschweigend ertrage.

Wäre es nicht schöner gewesen, vor vier, fünf Jahren beim FC Arsenal zu spielen, mit Männern wie Thierry Henry, William Gallas und Cesc Fabregas?
Moment mal, unser aktueller Kader ist ja kein Trümmerhaufen! Später kann ich vielleicht mal sagen: Ich habe mit Größen wie Jack Wilshere und Theo Walcott zusammen gespielt!

Aber es muss doch bitter sein, wenn jemand wie Robin van Persie den Verein verlässt.
Ohne Frage. Zudem ist er ja auch noch zu Manchester United gewechselt, einem unserer Hauptkonkurrenten. Da spielen jetzt die beiden Top-Torschützen der letzten Saison zusammen, Van Persie und Wayne Rooney. Aber dafür wird bei uns wieder jemand nachkommen, so wie es immer war. So ist Arsenal.

Aber wann mündet der ewige Prozess endlich mal wieder in einen Titel?
Ich weiß, dass Titel wichtig sind. Aber das verbietet einem doch nicht, auch mit einem vierten Platz zufrieden zu sein, gerade wenn man bedenkt, dass wir es mit Gegnern zu tun haben, die über ganz andere finanzielle Mittel verfügen, dem FC Chelsea etwa oder Manchester City.

Sie sind für die Mannschaftskasse zuständig. Wie viel ist denn da im Moment drin?
Das kann ich nicht sagen, sonst ruft morgen das Finanzamt an. Nur so viel: Ich habe alle fälligen Beträge eingetrieben. Das ist der Bankkaufmann in mir.

Was passiert nach dem Saisonende mit dem Erlös?
Es wird einen Umtrunk geben, vielleicht eine kleine Mannschaftsfahrt, den Rest werden wir an wohltätige Einrichtungen spenden.
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