28.04.2013

Per Mertesacker über Wenger, Poldis-Rhetorik und seinen Auftritt als DJ Ötzi

»Man kann nicht immer nur an der Ananas lecken«

Seit knapp zwei Jahren spielt Per Mertesacker nun beim FC Arsenal. Wir sprachen mit ihm über die Premier League, seine EM als Bankdrücker, Michael Ballacks verkorksten Abgang und den richtigen Zeitpunkt, die Schuhe an den Nagel zu hängen.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: Chris Gloag

Gab es trotzdem Momente, in denen Sie dachten: Per, du musst aufpassen, dass du nicht abhebst?
Sicher, es gab den einen oder anderen Mannschaftsabend, an dem wir uns gefühlt haben wie die Größten. Das gehört dazu. Aber meine Familie hat schon achtgegeben, dass das nicht zu einem Bestandteil meines Charakters wird.

Gab es denn keine Sonderbehandlung für den Fußballsohn? Durften Sie sich nicht öfter Ihr Lieblingsessen wünschen als Ihre Brüder?
Wenn ich nicht schnell genug am Tisch saß, habe ich nichts mehr zu essen abbekommen! Jeder wurde gleich geliebt und gleich behandelt, deshalb gab es für mich keinen Sonderstatus.

Am 11. Spieltag der Saison 2003/04 machten Sie Ihr erstes Bundesligaspiel für Hannover 96. Doch schon zur Halbzeit wurden Sie ausgewechselt. Warum das?
Weil ich einfach kaputt war, hundemüde. Wegen der Personalnot musste ich rechter Verteidiger spielen, nicht gerade meine Traumposition. Ich weiß noch, wie ich auf dem Zahnfleisch in die Kabine gekrochen bin, die 500 Meter vom Platz entfernt war, weil in Köln gerade das Stadion umgebaut wurde.

Erst ein halbes Jahr später kamen Sie wieder zum Einsatz. Hatten Sie in der Zwischenzeit Angst, diese eine Halbzeit könnte schon alles gewesen sein?
Nein, ich war sogar ein bisschen froh, dass ich Zeit hatte, für die Schule zu lernen.

Wie wichtig ist heute für Ihr persönliches Wohlbefinden, erfolgreich zu sein?
Sehr wichtig! Ich stecke mir selbst hohe Ziele und bin enttäuscht, wenn ich sie nicht erreiche. Auch der Teamgeist ist von guten Ergebnissen abhängig, das Training macht einfach mehr Spaß, wenn es Früchte trägt.

Haben Sie nach einer Niederlage schon mal geweint?
Nach der Niederlage im WM-Halbfinale 2006 gegen Italien war ich jedenfalls kurz davor, in Tränen auszubrechen. Aber nicht nur wegen der Enttäuschung, sondern auch, weil in diesem Moment der irrsinnige Druck von mir abfiel, also aus purer Erleichterung.

Haben Sie »Deutschland. Ein Sommermärchen«, den Dokumentarfilm über das Turnier, seither noch mal gesehen?
Ja, ein paar Mal. Und jedes Mal bekomme ich wieder eine Gänsehaut. Stellen Sie sich das mal vor: Zwei Jahre zuvor war ich außer mir vor Vorfreude, weil ich als Fan ein Turnier im eigenen Land erleben würde. Und dann war ich plötzlich als Spieler mittendrin!

Sie haben schon das »Sommermärchen« mit Lukas Podolski erlebt, jetzt spielen Sie zusammen beim FC Arsenal. Sind Sie Freunde?
Wir sehen uns täglich beim Training, da müssen wir nicht noch gemeinsam um die Häuser ziehen. Aber wir reden natürlich viel über Fußball im Allgemeinen und die aktuelle Entwicklung der Mannschaften, in denen wir zusammen spielen.

Beneiden Sie ihn um seine Unbeschwertheit?
Neid wäre das falsche Wort, aber seine Art fasziniert mich schon. Er hat sie sich trotz all des Rummels, der um ihn gemacht wird, bis heute bewahrt. Und trotzdem hat er zugleich einen sagenhaften Reifeprozess durchlaufen. Wenn man an sein erstes Interview denkt, das er 2003 in Rostock gab …

… und bei dem er sagte: »Erst hat man einen Elfmeter, und dann kriegt man ein Gegentor. Das ist natürlich Scheiße, nä« …
… dann wird deutlich, welch einen Quantensprung er gemacht hat, allein rhetorisch.  
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