28.04.2013

Per Mertesacker über Wenger, Poldis-Rhetorik und seinen Auftritt als DJ Ötzi

»Man kann nicht immer nur an der Ananas lecken«

Seit knapp zwei Jahren spielt Per Mertesacker nun beim FC Arsenal. Wir sprachen mit ihm über die Premier League, seine EM als Bankdrücker, Michael Ballacks verkorksten Abgang und den richtigen Zeitpunkt, die Schuhe an den Nagel zu hängen.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: Chris Gloag

Per Mertesacker, Sie sind seit fast zehn Jahren Profi. Wie lang kommt Ihnen diese Zeit selbst vor?
Spontan würde ich sagen: kürzer. Aber wenn ich mal in mich gehe und reflektiere, wie wahnsinnig viel in dieser Zeit passiert ist, dann bekomme ich doch das Gefühl, dass es eine Ewigkeit war.

Bleibt in Ihrem Beruf denn überhaupt Zeit zum Innehalten?

Kaum. Mein Leben ist sehr eng getaktet, ein Ereignis jagt das nächste. Ich nehme mir immer wieder vor, all die Eindrücke mal niederzuschreiben, aber über ein paar lose Notizen bin ich bislang leider nicht hinausgekommen.

Wenn man im Fernsehen die Ex-Profis reden hört, entsteht der Eindruck, dass deren Karrieren ausschließlich aus Anekdoten bestanden.

Ich kann mir nicht vorstellen, in diesen Talkshows aufzutreten und von früher zu erzählen. Erstens, weil sich diese ach so lustigen Geschichtchen heute ja gar nicht mehr ereignen, der Fußball ist dazu viel zu ernsthaft geworden. Und zweitens, weil mich diese Nostalgie deprimiert. Ich möchte nach meiner aktiven Karriere nicht zurückschauen, sondern nach vorne.

Vielleicht versuchen die Herren nur, die gähnende Leere auszufüllen. Haben Sie Angst vor der Zeit nach der Karriere?
Klar ist: Es kann nach jedem Zweikampf vorbei sein. Deshalb tut man gut daran, sich einen Alternativplan zurechtzulegen. Ich tue das zwar, aber längst nicht intensiv genug. Wie gesagt: Der Rhythmus des Fußballs lässt einem kaum Zeit für ruhige Überlegungen.

Aber einen Ansatz werden Sie doch haben.
Im Moment begrenzt sich das aufs Ausschlussprinzip. Wie Sie bereits ahnen, möchte ich kein professioneller Talkshow-Gast werden. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, als Trainer zu arbeiten. Denn irgendwann möchte ich aus diesem Strudel herauskommen und endlich mal unbeschwert leben.

Wollen Sie Dinge nachholen, die Sie in Ihrer Jugend verpasst haben?
Manches lässt sich nicht nachholen. Die Abifahrt etwa, die ich absagen musste, weil ich mit Hannover 96 ins Trainingslager gefahren bin. Außerdem bin ich dann Anfang, Mitte dreißig, und es wäre doch seltsam, wenn ich plötzlich mit dem Bulli durch Europa fahre, am Lagerfeuer sitze und Gitarre spiele, weil ich glaube, das müsste jetzt noch mal sein. Ich möchte lieber Zeit mit meiner Familie verbringen und nach einem Jahr schauen, ob ich in einem Verein eine Funktion in zweiter Reihe übernehmen kann.

Als Frühstücksdirektor?
Diese Gefahr besteht nur, wenn man passiv bleibt. Ich möchte aber meinen Ehrgeiz über das Karriere­ende hinaus in eine neue Aufgabe retten.

Wenn Sie jetzt, als Aktiver, Lust bekommen, mal auszubrechen – was machen Sie dann?
Früher war ich oft im Harz wandern. Heute flüchte ich mich in virtuelle Parallelwelten auf der Spielkonsole.

Virtuelle Realität statt niedersächsischer Naturidylle. Haben Sie manchmal Heimweh?
Ja, klar. Wenn ich etwa an Weihnachten nicht nach Hause fahren kann, weil der Ligabetrieb hier weiterläuft, fällt mir das schon sehr schwer. Dann vermisse ich meine Eltern, meine Brüder, meine Kumpels und die Rituale, die wir hatten. Wanderungen eben, aber auch mal das gemeinsame Bierchen im Partykeller.

Wenn einer Ihrer alten Kumpels Sie bitten würde, ihm 5000 Euro zu leihen, würden Sie es tun?
Ohne zu zögern.

Auch 500.000?
Das geht nicht ohne Weiteres. Soviel ich weiß, müsste ich dann noch 30 Prozent Schenkungssteuer abdrücken.

Sie kennen sich aus. Kommt da der Bankkaufmann durch, der Sie mal werden wollten?
Stimmt, bis ich 15 Jahre alt war, wollte ich in die Fußstapfen meines Vaters treten, der bei der Sparkasse arbeitet. Das hat nun mein kleiner Bruder getan.

Beneiden Sie ihn um sein geregeltes Leben?
Nein. Und er mich auch nicht um mein Leben. Das ist alles andere als selbstverständlich: dass er nie eifersüchtig war und mich immer unterstützt hat, wie auch mein älterer Bruder und meine Eltern. Ich habe riesiges Glück gehabt.

Sie haben noch als Profi bei Ihren Eltern in Pattensen gewohnt.
Und ich habe nebenbei Abitur gemacht und danach meinen Zivildienst geleistet. Ein Leben, wie andere Jungs in diesem Alter es auch führen. Das hat mir geholfen, nicht abzuheben.

Muss man als Profi eigentlich ständig aufpassen, was man sagt und tut?
Zu hundert Prozent! So schnell wie heutzutage jemand sein Fotohandy zückt und den Schnappschuss an die »Bild« schickt, kann man gar nicht gucken. Es gibt in Deutschland nun mal ein Bedürfnis, die Helden, die man geschaffen hat, auch wieder vom Sockel zu stoßen. Ob ich das nun gut finde oder nicht – ich muss mich danach richten.

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