08.06.2008

Per Mertesacker im Interview

»Ich bin kein Pokerface«

Per Mertesacker ist Chef in der deutschen Abwehr. Hier verrät der Schlaks, warum er beim Dauerlauf immer noch unterliegt, welche Lesetipps er sich von Bierhoff holt und was seine Oma davon halten würde, wenn er zum FC Bayern wechselte.

Interview: Dirk Gieselmann und Tim Jürgens Bild: Marcel Schaar
Kann der Bundestrainer einen Spieler tatsächlich noch prägen?

Jeder Coach prägt einen Spieler. Obwohl es bei den seltenen Aufeinandertreffen mit ihm weitgehend nur ums Finetuning geht – aber genau das erwarte ich auch vom Training bei der Nationalmannschaft. Ich will mich doch ständig weiterentwickeln, und es hilft mir, wenn auch der Bundestrainer daran aktiv teilnimmt.

Löw ist, anders als Klinsmann, ein ausgebildeter Trainer. War er im Endeffekt die bessere Wahl, um nach der WM das Erreichte zu konsolidieren?

Ich mag diesen Vergleich nicht. Klinsmann hat sehr viel Neues geschaffen, einen Teamgeist etabliert, der bis heute herrscht. Aber man darf eines nicht vergessen: Löw war auch schon dabei, insofern kann man da gar keine Grenze ziehen.

Haben Sie schon während der WM gemerkt, wie sehr die Arbeit Klinsmann auslaugt?


Er hat unheimlich hart gearbeitet, war jeden Tag am Limit und dabei stets sehr gut gelaunt. Dass das schlaucht, kann ich mir gut vorstellen.

Jetzt wird er Trainer des FC Bayern. Hat er sich schon bei Ihnen gemeldet?

Angerufen hat er noch nicht. Wir haben SMS-Kontakt.

Wie kann man sich das vorstellen? Schreibt der Ex-Bundestrainer: »Wie geht’s, Merte?«?

Er meldet sich zumeist vor den Länderspielen und wünscht uns alles Gute. Damit zeigt er uns, dass er an uns denkt und noch da ist.

Gibt Ihnen dieser Segen zusätzliche Kraft?

Was heißt Kraft? Ich habe Klinsmann zuletzt beim Länderspiel in England gesehen. Ich würde es so ausdrücken: Wiedersehen macht Freude.

Wie entscheidend ist für Sie als Abwehrspieler eigentlich, wer bei der EM für Deutschland im Tor steht?

Ich bin überzeugt, dass wir in der Torwartfrage überhaupt kein Problem haben. Denn alle unsere Keeper sind internationale Topleute.

Aber an Jens Lehmann haben Sie sich schon gewöhnt.

Ich habe bei Hannover 96 auch mit Robert Enke lange zusammengespielt.

Ist es für einen Torhüter wie Jens Lehmann ein Problem, wenn er ein halbes Jahr fast kein Punktspiel macht?


Er hat auch in diesem Jahr für Arsenal das eine oder andere Spiel gemacht. Außerdem hat er bewiesen, dass er in jeder Phase seiner Karriere in der Lage war, Leistung abzurufen. Wir können uns auf ihn verlassen, so wie auf Enke und Hildebrand auch. Damit muss ich mich aber zum Glück nicht befassen, das macht der Bundestrainer.

Können Sie uns erklären, was Jens Lehmann von einem Mann wie, sagen wir, Tim Wiese abhebt?


Wir haben alle vor der WM 2006 gesehen, wie knapp Entscheidungen zwischen Torhütern sind: Zwischen Lehmann und Kahn waren letztlich nur Nuancen dafür verantwortlich, dass der eine im Tor und der andere auf der Bank saß. Die Trainer hatten beide auf Haut und Haar gecheckt – und auf der Zielgeraden lag der eine einen Hauch vor dem anderen. Tim Wiese hat sensationelle Reflexe. Er war auch schon im erweiterten Kreis der Nationalmannschaft. Das sind alles minimale Qualitätsunterschiede.

In der Öffentlichkeit gilt das DFB-Team als großer Favorit für den EM-Titel. Wie sehen Sie das? Wann ist die EM für Sie ein Erfolg?


Das ist schwer zu sagen. Wenn wir die Vorrunde überstanden haben, warten nur noch Kracherspiele auf uns, Spiele am Limit, so wie gegen Argentinien bei der WM. Da kann alles passieren.

In der Rückschau wird die WM 2006 als historisches Ereignis gewertet. Die Deutschen fanden zumindest eine Zeit lang zu einem neuen Lebensgefühl. Bedeutet es Ihnen etwas, ein Protagonist dieses Ereignisses zu sein?

Ja. Dieses Turnier hat uns ein großes Stück vorangebracht – nicht nur als Team, auch als Land. Die Deutschen können wieder stolz sein – auf ihre Fahne, auf ihr Land. Diesen positiven Patriotismus weiterzutragen, macht mich schon stolz.

Haben Sie die Begeisterung während des Turniers gespürt?


Zunächst über die Zeitungen und das Fernsehen, aber hautnah erst bei der Abschlussfeier am Brandenburger Tor. Da war uns klar: Das ist etwas Besonderes, das ist mehr als vorher.

Vermissen Sie es manchmal, nicht bei einem Public Viewing dabei sein und feiern zu können?


Natürlich. Das Finale der WM 2002 habe ich noch auf einer Großleinwand geschaut. Danach war Schicht. Heute kann ich mir zwar das eine oder andere Spiel von der Tribüne aus anschauen, aber das ist nicht dasselbe.

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