Per Mertesacker im Interview

»Ich bin kein Pokerface«

Per Mertesacker ist Chef in der deutschen Abwehr. Hier verrät der Schlaks, warum er beim Dauerlauf immer noch unterliegt, welche Lesetipps er sich von Bierhoff holt und was seine Oma davon halten würde, wenn er zum FC Bayern wechselte. Per Mertesacker im InterviewMarcel Schaar
Heft: #
79

Per Mertesacker, herzlichen Glückwunsch. Bundestrainer Joachim Löw zählt Sie inzwischen zu den Führungsspielern im Kreise der Nationalelf. Sehen Sie das genauso?

Ich bin jetzt eine Weile dabei, wurde kaum durch Verletzungen zurückgeworfen und konnte viel Erfahrung sammeln. Logisch, dass ich auch als Persönlichkeit reife, schließlich wächst jeder an seinen Aufgaben. Aber es gibt noch genug Spieler, die in der Hierarchie über mir stehen, angefangen vom Kapitän Michael Ballack bis hin zum Mannschaftsrat, in dem ich noch nicht vertreten bin.

[ad]

In der Abwehr sind Sie aber der Chef.

Solche Begriffe benutze ich nicht. Natürlich: Ich bin gefordert. Beim Freundschaftsspiel gegen die Schweiz sind wir mit einer sehr jungen Verteidigung aufgelaufen. Da kam das Trainerteam vorher auf mich zu und sagte: »Per, du bist am längsten dabei. Du musst die Jungs führen.« Ich bin jetzt vier Jahre dabei, da muss auch mal etwas hängen bleiben.
Während Bundesligavereine Höhen und Tiefen durchlaufen, hat man beim Nationalteam den Eindruck, dort herrsche seit der WM 2006 nur Friede, Freude, Eierkuchen. Stimmt, wir blicken auf zwei, drei gute Jahre in der Nationalmannschaft zurück. Damit meine ich nicht nur die Ergebnisse, sondern vor allem die Stimmung im Team. Der Zusammenhalt ist sehr stabil. Glücklicherweise haben wir keine Figur in unseren Reihen, die polarisiert, keinen Stinkstiefel oder Quertreiber.

Auf welchen Mitspieler freuen Sie sich vor Länderspielreisen am meisten?


Die gute Stimmung geht von allen aus, egal ob Spieler, Trainer oder Physiotherapeuten. Da fühlt man sich einfach wohl.

Aber einen Buddy hat doch jeder.

Ich komme wirklich mit jedem gut aus. Es ist interessant, was Michael Ballack und Jens Lehmann aus der Premier League erzählen, aber auch mit Patrick Helmes vom 1. FC Köln ist es immer lustig. Der Typ ist eine echte rheinische Frohnatur.

Bundestrainer Joachim Löw hat ein Mäppchen mit dem Titel »Bergtour« erstellen lassen, einen individuellen Leitfaden für jeden Nationalspieler, der ihm aufzeigen soll, woran er bis zu EM noch arbeiten muss. Was steht in Ihrem Mäppchen?


Das werde ich Ihnen ganz bestimmt nicht verraten. Nur so viel: Das Handbuch gibt zwar Hinweise, wo noch Verbesserungsbedarf besteht, und Anregungen, wie man an sich arbeiten kann. Aber es lässt auch viel Raum für eigene Ideen.

Nach außen hin wirkt Löw recht technokratisch. Wie empfinden Sie ihn?


Es ist nicht meine Aufgabe, den Bundestrainer zu charakterisieren. Ich kann nur sagen, dass er spezielle Vorstellungen und Erwartungen hat, die er gemeinsam mit uns umsetzen will. Deshalb spricht er viel mit uns und gibt mir persönlich auch das Gefühl, gut aufgehoben zu sein.

Hat er sich verändert, seit er der Chef ist?


Nicht großartig. Er hat seine alten Aufgaben behalten und ein paar neue dazubekommen. Auch unter Jürgen Klinsmann hat er schon intensiv mit uns gearbeitet. Neu ist, dass er die Mannschaftsbesprechungen jetzt selbst leitet. Das hat unseren Umgang mit ihm aber nicht verändert. Er war vorher eine Respektsperson und ist es immer noch.

Stichwort: Mannschaftsbesprechung. Was spricht Sie mehr an: Klinsmanns leidenschaftliches »Wir hauen sie durch die Wand« oder Löws sachliches »högschde Disziplin«?

Auch Löw pflegt eine eigene Ansprache, die es in sich hat.

Sie meinen, der sanfte Badenser kann auch richtig sauer werden?

Das haben wir auch schon erlebt, z.?B. nach der Niederlage in der EM-Qualifikation gegen Tschechien. Auch nach dem Spiel gegen Österreich hat er uns zu verstehen gegeben, dass es vom Läuferischen noch längst nicht gereicht hat. In solchen Momenten kann er sehr dringlich werden, auch weil er darauf hinweist, dass wir uns im Endspurt in Richtung EM befinden.

Kann der Bundestrainer einen Spieler tatsächlich noch prägen?

Jeder Coach prägt einen Spieler. Obwohl es bei den seltenen Aufeinandertreffen mit ihm weitgehend nur ums Finetuning geht – aber genau das erwarte ich auch vom Training bei der Nationalmannschaft. Ich will mich doch ständig weiterentwickeln, und es hilft mir, wenn auch der Bundestrainer daran aktiv teilnimmt.

Löw ist, anders als Klinsmann, ein ausgebildeter Trainer. War er im Endeffekt die bessere Wahl, um nach der WM das Erreichte zu konsolidieren?

Ich mag diesen Vergleich nicht. Klinsmann hat sehr viel Neues geschaffen, einen Teamgeist etabliert, der bis heute herrscht. Aber man darf eines nicht vergessen: Löw war auch schon dabei, insofern kann man da gar keine Grenze ziehen.

Haben Sie schon während der WM gemerkt, wie sehr die Arbeit Klinsmann auslaugt?


Er hat unheimlich hart gearbeitet, war jeden Tag am Limit und dabei stets sehr gut gelaunt. Dass das schlaucht, kann ich mir gut vorstellen.

Jetzt wird er Trainer des FC Bayern. Hat er sich schon bei Ihnen gemeldet?

Angerufen hat er noch nicht. Wir haben SMS-Kontakt.

Wie kann man sich das vorstellen? Schreibt der Ex-Bundestrainer: »Wie geht’s, Merte?«?

Er meldet sich zumeist vor den Länderspielen und wünscht uns alles Gute. Damit zeigt er uns, dass er an uns denkt und noch da ist.

Gibt Ihnen dieser Segen zusätzliche Kraft?

Was heißt Kraft? Ich habe Klinsmann zuletzt beim Länderspiel in England gesehen. Ich würde es so ausdrücken: Wiedersehen macht Freude.

Wie entscheidend ist für Sie als Abwehrspieler eigentlich, wer bei der EM für Deutschland im Tor steht?

Ich bin überzeugt, dass wir in der Torwartfrage überhaupt kein Problem haben. Denn alle unsere Keeper sind internationale Topleute.

Aber an Jens Lehmann haben Sie sich schon gewöhnt.

Ich habe bei Hannover 96 auch mit Robert Enke lange zusammengespielt.

Ist es für einen Torhüter wie Jens Lehmann ein Problem, wenn er ein halbes Jahr fast kein Punktspiel macht?


Er hat auch in diesem Jahr für Arsenal das eine oder andere Spiel gemacht. Außerdem hat er bewiesen, dass er in jeder Phase seiner Karriere in der Lage war, Leistung abzurufen. Wir können uns auf ihn verlassen, so wie auf Enke und Hildebrand auch. Damit muss ich mich aber zum Glück nicht befassen, das macht der Bundestrainer.

Können Sie uns erklären, was Jens Lehmann von einem Mann wie, sagen wir, Tim Wiese abhebt?


Wir haben alle vor der WM 2006 gesehen, wie knapp Entscheidungen zwischen Torhütern sind: Zwischen Lehmann und Kahn waren letztlich nur Nuancen dafür verantwortlich, dass der eine im Tor und der andere auf der Bank saß. Die Trainer hatten beide auf Haut und Haar gecheckt – und auf der Zielgeraden lag der eine einen Hauch vor dem anderen. Tim Wiese hat sensationelle Reflexe. Er war auch schon im erweiterten Kreis der Nationalmannschaft. Das sind alles minimale Qualitätsunterschiede.

In der Öffentlichkeit gilt das DFB-Team als großer Favorit für den EM-Titel. Wie sehen Sie das? Wann ist die EM für Sie ein Erfolg?


Das ist schwer zu sagen. Wenn wir die Vorrunde überstanden haben, warten nur noch Kracherspiele auf uns, Spiele am Limit, so wie gegen Argentinien bei der WM. Da kann alles passieren.

In der Rückschau wird die WM 2006 als historisches Ereignis gewertet. Die Deutschen fanden zumindest eine Zeit lang zu einem neuen Lebensgefühl. Bedeutet es Ihnen etwas, ein Protagonist dieses Ereignisses zu sein?

Ja. Dieses Turnier hat uns ein großes Stück vorangebracht – nicht nur als Team, auch als Land. Die Deutschen können wieder stolz sein – auf ihre Fahne, auf ihr Land. Diesen positiven Patriotismus weiterzutragen, macht mich schon stolz.

Haben Sie die Begeisterung während des Turniers gespürt?


Zunächst über die Zeitungen und das Fernsehen, aber hautnah erst bei der Abschlussfeier am Brandenburger Tor. Da war uns klar: Das ist etwas Besonderes, das ist mehr als vorher.

Vermissen Sie es manchmal, nicht bei einem Public Viewing dabei sein und feiern zu können?


Natürlich. Das Finale der WM 2002 habe ich noch auf einer Großleinwand geschaut. Danach war Schicht. Heute kann ich mir zwar das eine oder andere Spiel von der Tribüne aus anschauen, aber das ist nicht dasselbe.

Wenn Sie den Dokumentarfilm »Deutschland. Ein Sommermärchen« von Sönke Wortmann sehen: Gibt es Szenen, für die Sie sich im Nachhinein ein bisschen schämen?

Nein, gar nicht. Es gab sogar noch sehr viele Momente, die ich im Film ein bisschen vermisst habe.

Erzählen Sie.


Nach dem Ausscheiden im Halbfinale gegen Italien stellte sich uns die Frage: Was machen wir denn jetzt? Einerseits waren wir enttäuscht, andererseits froh und erleichtert, die schwere Aufgabe hinter uns zu haben. Sechs von uns, unter anderen Schweini, Metze und ich, sind dann in die Tennishalle auf dem Trainingsgelände gegangen. Dort hat sich ein Hockeymatch ergeben – wir gegen ein paar Zwölfjährige. Auf der einen Seite wir, die taktisch versierten Fußballprofis, auf der anderen Seite die technisch viel besseren Knirpse. Nach dem Ausscheiden war das genau das Richtige.

Wer hat gewonnen?

Wir! 12?:?0! Gegen unser Verschieben war einfach nichts zu machen (lacht).

Die WM-Mannschaft von 1982 kompensierte die Enttäuschung noch mit Rotwein, Ihnen half ein Hockeyspiel.


Ja, ein Event! Das war es für uns genauso wie für die zwölfjährigen Jungs.

Nach dem Viertelfinale trat Sie der Argentinier Leandro Cufré im Zorn. Jetzt können Sie es ja zugeben: Was haben Sie zu ihm gesagt?

Gar nichts! Ehrlich! Man munkelt, dass er mich mit Tim Borowski verwechselt hat, der nach seinem verwandelten Elfmeter einen Finger auf die Lippen legte und die Argentinier aufforderte, still zu sein. Der erste Tritt ging gegen meinen Oberschenkel, der zweite in die Weichteile.
Mussten Sie sich beherrschen, nicht zurückzuschlagen? Erstens konnte ich nicht, denn ich lag am Boden. Zweitens kommt so etwas für mich nicht in Frage.

Wenn man der Statistik glaubt, sind Sie ein sehr fairer Spieler.

Wenn man zweikampfstark und trotzdem fair agiert, hat man alle Vorteile auf seiner Seite. Aber ich habe gerade in der letzten Zeit auch ein paar Karten kassiert, das Image zieht also nicht mehr ganz.

Auch wenn die Innenverteidiger früherer Generationen, Jürgen Kohler etwa oder auch Karlheinz Förster, ganz anders auftraten als Sie – haben Sie trotzdem ein Vorbild?

Eigentlich nicht. Ich habe meine eigene Entwicklung durchgemacht, vom Libero in der Jugend bis hin zum Innenverteidiger in der Regional- und schließlich in der Bundesliga. Fan war ich höchstens von einer Mannschaft, von 96 natürlich, aber auch von Arsenal London. Dort gab es tatsächlich eine Spielerpersönlichkeit, die mir imponierte: Tony Adams. Er hatte eine ganz andere Spielweise als ich heute, aber er war als Zweikampf-Leader immer im Mittelpunkt.

Träumen Sie von einem Engagement in der Premier League? Immerhin ist Werder Bremen für viele Spieler ein Sprungbrett zu den großen europäischen Klubs geworden.


Das entspricht nicht meiner Denkweise. Ich habe mit Werder noch viel vor. Wir wollen in der Bundesliga oben mitspielen und in der Champions League für Furore sorgen. Natürlich haben andere Spieler gezeigt, dass es Stationen gibt, mit denen man diese Ziele schneller erreichen kann. Und auch meine Karriereplanung sieht gewisse Stufen voraus, und mein Anspruch ist es, das Bestmögliche zu erreichen.

Gibt es eigentlich Gegenspieler auf internationaler Bühne, die Sie aufgrund ihrer Spielstärke regelrecht fürchten?


Unser System ist sehr variabel, so dass sich für mich gar kein konkreter Gegenspieler – wie etwa für die früheren Vorstopper – mehr ergibt. Aber natürlich gibt es Stürmer, die ich gerne einmal auf dem Platz erleben würde.

Zum Beispiel?

Fernando Torres hat bei Liverpool einen enormen Sprung gemacht. Sensationell, wie der spielt. Der ist wie ich jung und extrem dynamisch.

Ihre letzten Gegner in der Champions League waren aber auch nicht ohne.

Klar, auch Chelsea oder Real Madrid haben fantastische Spieler in ihren Reihen. Ruud van Nistelrooy ist abgezockt bis zum Gehtnichtmehr. Gegen so einen ist wirklich schwer zu verteidigen, weil er aus den unmöglichsten Situationen abzieht. Aber solche Typen fürchte ich nicht. Im Gegenteil, es gibt nichts Schöneres, als mich mit ihnen zu messen.

Haben Sie bei häufigeren Aufeinandertreffen mit Stürmern dieser Klasse auch Lernerfolge? Fallen Sie bei einem möglichen Spiel gegen die Niederlande bei der EM auf die dreistesten Tricks von van Nistelrooy nicht mehr rein?


Natürlich erweitert sich der Erfahrungsschatz. Aber im Spiel kommen selten Situationen in der gleichen Art und Weise zweimal vor, deshalb ist es immer schwierig einzuschätzen, was ein Gegner dieser Klasse macht.

Aber wenn Sie in der Vorrunde gegen Kroatien und Ivan Klasni? spielen, wissen Sie schon, was er vorhat. Gegen den spielen Sie in jeder Trainingseinheit.


Trotzdem ändert sich immer wieder die Perspektive. Um einen Topstürmer für 90 Minuten auszuschalten, braucht man einfach einen guten Tag und das gewisse Etwas. Ich bin schließlich keine Maschine.

Das EM-Turnier 2004 haben Sie noch vor dem TV erlebt. Gibt es diesmal einen Gegner, den Sie so verehren, dass Sie ihn schon vor dem Spiel fragen, ob er hinterher mit Ihnen das Trikot tauscht?

Ich bin nicht der Typ, der auf fremde Leute einfach zugeht. Der einzige Spieler, mit dem ich vorsätzlich das Trikot getauscht habe, war Nacho Novo nach dem UEFA-Cup-Achtelfinale gegen die Glasgow Rangers. Den habe ich schon als Jugendlicher bewundert.

Jogi Löw hat Ihnen für den Beginn des Trainingslagers auf Mallorca schon vorab bescheinigt, dass Sie in der ersten Woche regenerieren dürfen, weil Sie fast die komplette Saison durchgespielt haben.

Ich habe gehört, dass der Bundestrainer bei allen Spielern diese Differenzierung vornimmt. Der Trainerstab hat auf Minuten ausgerechnet, wie lange jeder einzelne in der Saison gespielt hat. Und die, die auf der Liste ganz oben stehen, dürfen am meisten ausspannen.

Was heißt ausspannen?

Ich liege da nicht am Pool herum, wenn Sie das meinen. Ich trainiere nur etwas leichter als die anderen. Letztes Jahr auf Sardinien haben wir viel Beachvolleyball, Basketball und Handball gespielt.

Trifft sich das Team auch – wie einst bei der WM in Spanien 1982 – zu Pokerrunden?


Ja, das ist jetzt etwas in Mode gekommen. Aber ich bin kein Pokerface.

Was sind Sie denn für ein Typ? Playstation?


Sporadisch. Ich habe in dieser Hinsicht keine so ausgeprägten Vorlieben.

Muss ein Profi aufpassen, nicht zu verblöden, da sein gesamtes Leben von Fußball bestimmt wird?

Aus diesem Grund habe ich neben der Profilaufbahn auch mein Abitur gebaut und bin anschließend für ein Jahr als Zivildienstleistender zwischen den Welten gewandelt. Jetzt habe ich eine eigene Stiftung gegründet, um mitzuhelfen, anderen Menschen zu helfen. Aber machen wir uns nichts vor: In letzter Konsequenz sind es Freunde und die Familie, die bestimmen, ob man in der Lage ist, über den Tellerrand zu blicken.

Was machen Sie noch fürs geistige Training? Sind Sie eine Leseratte?


Ehrlich gesagt habe ich es in der Schulzeit gehasst, Romane zu lesen und im Deutschunterricht zu interpretieren. Aber natürlich weiß ich, dass auch Bücher dazugehören, wenn man etwas für seine Birne tun will. Aber da muss ich noch ein bisschen an mir arbeiten.

Was haben Sie zuletzt gelesen?


Ich habe mich an Hermann Hesse versucht: »Demian«. Ich hole mir beim Werder-Physiotherapeuten Holger Berger immer wieder ein paar Tipps, was man so gelesen haben sollte. Auch Oliver Bierhoff macht mir öfter Vorschläge …

Was schlägt er denn vor? Ratgeber, wie Sie Ihr Geld am besten anlegen?

Zugegeben, da kennt er sich auch gut aus. Aber er hat mir auch schon die »Buddenbrooks« ans Herz gelegt. Zuletzt hat er mir zu dem Buch »Schiedsrichter Fertig« von Thomas Brussig geraten. Da setzt ein Schiedsrichter die Anforderungen in seinem Job in ein Verhältnis zu den Entscheidungen in anderen Berufen. Generell finde ich Bücher besonders interessant, aus denen ich auch für meine Arbeit Erkenntnisse ziehen kann.

Ewald Lienen zählt auch zu den Leuten im Fußballbusiness, denen man nachsagt, dass sie über den Tellerrand hinausblicken. Er gilt als Ihr Entdecker.

Trainer wie ihn braucht ein junger Spieler. Er kam zu 96, als wir am Abgrund standen. Er wechselte aus Spanien zu uns, dort war es normal, auf ganz junge Spieler zu bauen. Und er hat es getan, obwohl ich ein No-Name war – und damit im Endeffekt die Klasse gesichert (lacht).

Wie sehr ist Hannover 96 für Sie immer noch eine Herzensangelegenheit?


Ganz ehrlich, mir tun die Partien gegen 96 immer ein bisschen weh. Aber für 180 Minuten in einer Saison muss meine 96-Liebe eben ruhen. Aber es kommen mich viele aus der Mannschaft, der Zeugwart und der Betreuer öfter besuchen. Schließlich wollen sie in Hannover Werder jetzt ein bisschen kopieren.

Finden Sie es gut, wie offensiv Hannover 96 sich derzeit mit Spielern verstärkt?

Es ist ein sehr interessanter Weg. Das Fundament, international Fuß zu fassen, wird derzeit gelegt. Aber dieses Ziel haben viele. 96 muss endlich auch eine Saison konstant erfolgreich spielen.

Stimmt eigentlich die Geschichte, dass Sie mal ein Wettrennen gegen 96-Zeugwart Mille Gorgas um den Maschsee gemacht haben?

Das haben Reporter erfunden. Glauben Sie mir, ich würde nie eine Wette abschließen, in der es um eine Laufeinheit geht – denn ich bin läuferisch viel zu schwach. Ich würde niemals auf mich wetten, wenn es um den Sieg bei einem Dauerlauf geht, schließlich bin ich ein Spieler, der sich das Spiel am liebsten in Ruhe von der Abwehr aus ansieht.

Jürgen Klinsmann musste seinem Vater einst versprechen, niemals zu den Bayern zu wechseln. Irgendwann hat er es dann doch getan. Mussten Sie Ihrem Vater Ähnliches zusichern?

Überhaupt nicht, wegen ihm kann ich zu Bayern, zu Arsenal oder auch zu Schalke wechseln. Nur meine Oma hat mal gesagt, dass sie den FC Bayern nicht so doll findet.

Was muss Werder dringend nachholen, um wieder mit den Bayern auf Augenhöhe zu sein?

Wir spielen sehr guten Fußball, vergessen aber manchmal das Toreschießen. Wir müssen also zusehen, auch mal mit simplen Mitteln Spiele zu gewinnen. Außerdem muss die sportliche Leitung weiterhin dafür sorgen, dass wir auf allen Positionen dasselbe Niveau erreichen. Zumal die Bayern, was die Spieler anbetrifft, am Anfang der Saison enormes Potenzial geholt haben.

Leisten Sie im Kreise der Nationalmannschaft manchmal Lobbyarbeit für Werder? Sprechen Sie mit dem gefrusteten Lukas Podolski und sagen ihm: »Komm doch zu uns«?

Klar versuche ich dann und wann Empfehlungen auszusprechen. Aber der beste Hinweis an gute Spieler ist immer noch, wenn die Mannschaft vorne mitspielt und am internationalen Geschäft beteiligt ist.

Tut es unter der Voraussetzung besonders weh, wenn Tim Borowski am Ende der Saison ausgerechnet zum FC Bayern wechselt?


Der Abschied ist hart für uns. Sein Abgang hinterlässt ein Riesenloch.

Und Diego verlässt Bremen eventuell auch noch.


Davon weiß ich aber noch nichts.

Per Mertesacker, wie lang ist in heutigen Zeiten eigentlich die Karriereerwartung für einen Abwehrspieler? Träumen Sie insgeheim davon, wie Michael Tarnat mit 40 die Laufbahn bei Hannover 96 zu beenden?

Beim besten Willen, so langfristige Planungen mache ich nicht, aber natürlich würde ich gerne so lange wie möglich spielen. In meiner kurzen Zeit als Profi hatte ich schon genug mit Verletzungen zu kämpfen. Ich weiß also genau, dass es in diesem Geschäft für nichts eine Garantie gibt.


Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!