08.06.2008

Per Mertesacker im Interview

»Ich bin kein Pokerface«

Per Mertesacker ist Chef in der deutschen Abwehr. Hier verrät der Schlaks, warum er beim Dauerlauf immer noch unterliegt, welche Lesetipps er sich von Bierhoff holt und was seine Oma davon halten würde, wenn er zum FC Bayern wechselte.

Interview: Dirk Gieselmann und Tim Jürgens Bild: Marcel Schaar
Per Mertesacker, herzlichen Glückwunsch. Bundestrainer Joachim Löw zählt Sie inzwischen zu den Führungsspielern im Kreise der Nationalelf. Sehen Sie das genauso?

Ich bin jetzt eine Weile dabei, wurde kaum durch Verletzungen zurückgeworfen und konnte viel Erfahrung sammeln. Logisch, dass ich auch als Persönlichkeit reife, schließlich wächst jeder an seinen Aufgaben. Aber es gibt noch genug Spieler, die in der Hierarchie über mir stehen, angefangen vom Kapitän Michael Ballack bis hin zum Mannschaftsrat, in dem ich noch nicht vertreten bin.



In der Abwehr sind Sie aber der Chef.

Solche Begriffe benutze ich nicht. Natürlich: Ich bin gefordert. Beim Freundschaftsspiel gegen die Schweiz sind wir mit einer sehr jungen Verteidigung aufgelaufen. Da kam das Trainerteam vorher auf mich zu und sagte: »Per, du bist am längsten dabei. Du musst die Jungs führen.« Ich bin jetzt vier Jahre dabei, da muss auch mal etwas hängen bleiben.
Während Bundesligavereine Höhen und Tiefen durchlaufen, hat man beim Nationalteam den Eindruck, dort herrsche seit der WM 2006 nur Friede, Freude, Eierkuchen. Stimmt, wir blicken auf zwei, drei gute Jahre in der Nationalmannschaft zurück. Damit meine ich nicht nur die Ergebnisse, sondern vor allem die Stimmung im Team. Der Zusammenhalt ist sehr stabil. Glücklicherweise haben wir keine Figur in unseren Reihen, die polarisiert, keinen Stinkstiefel oder Quertreiber.

Auf welchen Mitspieler freuen Sie sich vor Länderspielreisen am meisten?


Die gute Stimmung geht von allen aus, egal ob Spieler, Trainer oder Physiotherapeuten. Da fühlt man sich einfach wohl.

Aber einen Buddy hat doch jeder.

Ich komme wirklich mit jedem gut aus. Es ist interessant, was Michael Ballack und Jens Lehmann aus der Premier League erzählen, aber auch mit Patrick Helmes vom 1. FC Köln ist es immer lustig. Der Typ ist eine echte rheinische Frohnatur.

Bundestrainer Joachim Löw hat ein Mäppchen mit dem Titel »Bergtour« erstellen lassen, einen individuellen Leitfaden für jeden Nationalspieler, der ihm aufzeigen soll, woran er bis zu EM noch arbeiten muss. Was steht in Ihrem Mäppchen?


Das werde ich Ihnen ganz bestimmt nicht verraten. Nur so viel: Das Handbuch gibt zwar Hinweise, wo noch Verbesserungsbedarf besteht, und Anregungen, wie man an sich arbeiten kann. Aber es lässt auch viel Raum für eigene Ideen.

Nach außen hin wirkt Löw recht technokratisch. Wie empfinden Sie ihn?


Es ist nicht meine Aufgabe, den Bundestrainer zu charakterisieren. Ich kann nur sagen, dass er spezielle Vorstellungen und Erwartungen hat, die er gemeinsam mit uns umsetzen will. Deshalb spricht er viel mit uns und gibt mir persönlich auch das Gefühl, gut aufgehoben zu sein.

Hat er sich verändert, seit er der Chef ist?


Nicht großartig. Er hat seine alten Aufgaben behalten und ein paar neue dazubekommen. Auch unter Jürgen Klinsmann hat er schon intensiv mit uns gearbeitet. Neu ist, dass er die Mannschaftsbesprechungen jetzt selbst leitet. Das hat unseren Umgang mit ihm aber nicht verändert. Er war vorher eine Respektsperson und ist es immer noch.

Stichwort: Mannschaftsbesprechung. Was spricht Sie mehr an: Klinsmanns leidenschaftliches »Wir hauen sie durch die Wand« oder Löws sachliches »högschde Disziplin«?

Auch Löw pflegt eine eigene Ansprache, die es in sich hat.

Sie meinen, der sanfte Badenser kann auch richtig sauer werden?

Das haben wir auch schon erlebt, z.?B. nach der Niederlage in der EM-Qualifikation gegen Tschechien. Auch nach dem Spiel gegen Österreich hat er uns zu verstehen gegeben, dass es vom Läuferischen noch längst nicht gereicht hat. In solchen Momenten kann er sehr dringlich werden, auch weil er darauf hinweist, dass wir uns im Endspurt in Richtung EM befinden.

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