14.09.2007

Per Mertesacker im Interview

„Ohne Fouls geht es auch“

Per Mertesacker gilt als Inkarnation des modernen Verteidigers: Er saugt auf, bevor Gefahr entsteht. Wir sprachen mit ihm über seine Spielweise, Fairness aus Eigennutz – und wie sich einer, der zerstören muss, seine Glücksmomente verschafft.

Interview: Michael Rosentritt Bild: Imago
Herr Mertesacker, können Sie sich an Ihr letztes Foul erinnern, das zu einem Gegentor geführt hat?

Das gibt es bestimmt. Aber gut ist auch, wenn man so etwas schnell verdrängen kann.

Sie sollen in der Nationalelf nur alle 450 Minuten ein Foulspiel begehen, trotzdem gewinnen Sie fast alle Zweikämpfe. Wie spielt man denn Fußball, ohne zu foulen?

Gucken, gut stehen und im richtigen Moment angreifen.



Sie gelten als Musterbeispiel eines modernen Verteidigers. Wie wird man das?

Wichtig ist, dass du möglichst nicht in eine brenzlige Situation kommst, also allein gegen einen Stürmer stehst. Das ist die Situation, vor der du am meisten Respekt hast, wenn ein Stürmer mit Tempo auf dich zuläuft und du hast niemanden in deiner Nähe, du weißt, dich kann keiner mehr absichern. So wirst du gezwungen, das Risiko eines Foulspiels einzugehen. Es gibt eben Momente, in denen du foul spielen musst, weil es kritisch ist.

Aber Bundestrainer Joachim Löw hat doch gerade den deutschen Verteidigern das Foulspiel untersagt.

Davon habe ich gehört. Es geht aber darum, dumme Fouls zu vermeiden.

Sind Grätschen dumme Fouls?

Das kann man so nicht sagen. Ich grätsche schon, und zwar ganz bewusst. Das heißt: Ich grätsche dann, wenn ich mir sicher bin, die Situation klären zu können. Das bedeutet, ich muss den Ball auch wirklich bekommen.

Ansonsten holt Sie Joachim Löw vom Feld?

Nein, ich darf nicht blind grätschen, nur mit der vagen Hoffnung, den Ball zu bekommen. Denn was passiert bei einer Grätsche?

Sie liegen lang?

In aller Regel, ja. Und bis man aufgestanden ist, vergeht wertvolle Zeit. Zeit, die den Gegner in Vorteil bringt.

Oder Sie haben ihn mit der Grätsche gleich mit von den Beinen geholt.

Dann gibt es Freistoß. Wieder wären wir im Nachteil. Aus Standards fallen viele Tore.

Wie sieht Ihre Lösung aus?

Wie gesagt, auch grätschen! Wenn man den Ball bekommt, darf man das. Am besten aber ohne Foulspiel.

Aber dann ist das Spiel der deutschen Mannschaft ja gar nicht mehr deutsch.

Darum geht es schon lange nicht mehr.

Geht es denn nicht mehr um die deutschen Tugenden wie Kraft, Ausdauer, Zweikampfstärke?

Natürlich geht es auch darum. Diese Tugenden müssen wir wie selbstverständlich aufbringen, sonst hätten wir keine Chance. Aber um erfolgreich zu spielen, reichen sie nicht mehr aus. Wir wollen flüssig, klar und deutlich nach vorn spielen, so dass man einen Kombinationsfußball auch erkennen kann. Dafür brauche ich Laufbereitschaft, Zweikämpfstärke und Einsatzwillen als Basis.

Ist da nicht früher einer drauf gekommen?

Ich kann nur etwas zu meinem Weg in der Nationalmannschaft sagen. Fußballerisch haben wir ein erfolgreiches Deutschland. Die Statistiken seit einem Jahr können sich weltweit sehen lassen. Aber das ging nicht von heute auf morgen. Ich glaube, man kann sich darüber freuen, dass wir großes Potenzial haben. Wir reizen unsere Möglichkeiten momentan sehr gut aus. Aber das heißt nicht, dass wir jetzt immer alles gewinnen.

Erst hat Deutschland die Entwicklung verschlafen und nun ist die Nationalelf ein Trendsetter geworden.

Darauf sind wir stolz. Jeder Einzelne von uns bringt schon dieses Gefühl mit, wenn er zur Nationalmannschaft stößt. Wir kennen unseren Weg, wir kennen unsere Aufgaben. Jeder bringt sich ein, damit etwas Gutes herauskommt. Das sind neue, deutsche Tugenden.

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