Meldung vom Abgrund (6): Das Drama von 1999

Günther Koch: »Ich heulte erst im Wagen«

Meldung vom Abgrund (6): Das Drama von 1999

Günther Koch, der 1. FC Nürnberg ist gefühlt schon seit dem 3. Spieltag gerettet. Diese Bundesliga-Saison muss für Sie äußerst langweilig sein.

Günther Koch: Ich spüre wohltuende, heilsame, entspannende Langeweile. Da freut sich mein Herz, mein Blutdruck und mein Kardiologe.

Der aktuelle Abstiegskampf wirkt dagegen etwas blutarm. Finden Sie nicht auch?

Günther Koch: Nein, das zu sagen wäre ja unfair gegenüber den Frankfurtern, den Gladbachern, den Wolfsburgern. So dramatisch wie 1999 wird es vielleicht diesmal nicht werden, aber was ist denn der Abstiegskampf für die Fans des betroffenen Vereins? Die Hölle! Schlimmer geht es gar nicht.

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Der Journalist Helmut Boettiger hat in der Frankfurter Rundschau mal folgenden schönen Satz über Sie geschrieben: »Er hat die Fußball-Radioreportage zu einer neuen künstlerischen Gattung gemacht, in der auf bisher ungeahnte Weise Existentielles verhandelt wird.« Herr Koch, wenn einer die Dramatik des Abstiegskampfes in Worten zusammenfassen kann, dann doch offenbar Sie.

Günther Koch: Du hast nur Angst. Und Hoffnung! Dann hast du Hoffnung und Angst, und schließlich ein Gemisch aus beiden. Du verzweifelst! Du suchst den Strohhalm. Du feierst! Du brichst innerlich zusammen. Und plötzlich siehst du die Rettung als helles Licht am Horizont – und dann wird es stockfinster. Und dein Verein ist abgestiegen.

Ihre Reportage »vom Abgrund« hat sich in die Köpfe deutscher Fußball-Fans als herzzerreißenden Abgesang auf den geliebten, aber letztlich gescheiterten Verein eingebrannt. In Wochen wie diesen – denken Sie häufig an das Saisonfinale 1998/99 zurück?

Günther Koch: Ja. Es kommt alles wieder hoch. Und ich fühle mich immer noch mitschuldig.

Das müssen Sie erklären.

Günther Koch: Ich war ja schon immer beides: parteiisch und objektiv. Parteiisch in der Stimme, objektiv in der Sprache. Und damals in Nürnberg haben die Verantwortlichen die furchtbare Entscheidung getroffen, die Zwischenstände aus den anderen Stadien nicht durchzusagen. Die armen Kerle auf dem Platz wussten also nicht, wie es in Bochum, Frankfurt oder Stuttgart steht, niemand wusste das. Nur ich, der ich natürlich mit den Kollegen der Bundesliga-Konferenz verbunden war. Als ich panisch begann, vom drohenden Abstieg zu sprechen, schauten mich auch die Kollegen auf der Pressetribüne an und sagten: Der Koch spinnt mal wieder.

Nur: Wie hätten Sie denn von der Tribüne aus die Spieler warnen können?

Günther Koch: Indem ich mich in der Halbzeitpause einfach von meiner Verkabelung gelöst, mir Headset und Mikroport geschnappt und die zweite Hälfte vom Spielfeldrand aus kommentiert hätte. Wenn dann der Koch wie blöde durch die Gegend springt, hätten die Jungs doch trotz der Informationssperre gemerkt, dass da etwas ganz schief läuft an diesem letzten Spieltag!

Hat denn in Nürnberg niemand gemerkt, dass in Frankfurt plötzlich die Tore für die Eintracht fallen, dass Hansa Rostock dabei ist, den VfL Bochum zu schlagen?

Günther Koch: Nein! Die armen Kerle waren doch total ahnungslos. Die dachten noch Minuten nach dem Abpfiff, dass sie trotz der 1:2-Niederlage gegen den SC Freiburg die Klasse gehalten hätten. Die wollten schon anfangen Sekt zu trinken! Meine Güte, das regt mich immer noch auf...

Ihr Blutdruck...

Günther Koch: Alles kommt mir wieder hoch, wenn wir darüber sprechen. Drei Tage vorher war ich noch in Barcelona und sah die grausame Niederlage der Bayern gegen Manchester United im Champions-League-Finale. Ich hatte also schon so eine schlimme Vorahnung, als ich am Wochenende danach ins Frankenstadion gefahren bin. Und der Dirk Schmitt (kommentierte in der Radio-Konferenz aus Frankfurt, d. Red.) sagt noch in der Pause: »Gell, es gibt ja noch eine zweite Halbzeit.« Und ich Hornochse bleibe verkabelt auf der Tribüne sitzen und kann nichts machen.

Die tragische Figur beim Club war an jenem 29. Mai 1999 der junge Frank Baumann: Kurz vor dem Schlusspfiff setzte er den Ball freistehend vor dem Tor nur an den Pfosten, in der Sommerpause wechselte er zu Werder Bremen. Sind Sie ihm heute noch böse?

Günther Koch: Überhaupt nicht und das war ich auch damals nicht. Der arme Junge! Eigentlich war ja Pavel Kuka besser postiert, aber der Frank wollte einfach alles richtig machen und dann trifft er er den Richard Golz... Wir haben uns später häufig darüber unterhalten, ihn hat das wahrscheinlich am meisten mitgenommen. Nein, ihm gegenüber hege ich nun wirklich keinen Groll.




Ganz anders scheint das beim damaligen Trainer Friedel Rausch gewesen zu sein. Den bezeichneten sie 1999 als einen »faselnden Blender«.

Günther Koch: Korrekt, aber das war ja schon lange vor dem Saisonfinale. Ich war ja häufig beim Training und schon da konnte man erkennen: Irgendetwas stimmt hier nicht! Und dann lässt der als Krönung auch noch die Durchsagen der Ergebnisse verbieten. Das war nicht nur dämlich, das war dubios!

Was meinen Sie damit?

Günther Koch: Mehr sage ich dazu nicht!

Durch das 1:2 gegen Freiburg stieg der Club 1999 ab – obwohl man vor dem Spieltag drei Punkte und fünf Tore vor Eintracht Frankfurt gestanden hatte. Wie ging es Ihnen, als die Spiele schließlich abgepfiffen worden waren?

Günther Koch: Ganz schlecht. Ich bekam Anrufe von Kollegen, die mir Beileid wünschen wollten. Ich schaffte es sogar, dem WDR direkt nach dem Spiel noch ein kurzes Interview zu geben, dann durfte ich endlich aus dem Stadion und rein in meinen Mercedes. Erst dort fing ich an zu heulen. Auf der Tribüne wollte ich mir keine Blöße geben, schließlich hatte ich ein paar meiner Schülerinnen dabei, die sich das Spiel anschauen wollten (Koch arbeitete zusätzlich als Realschullehrer, d. Red.) Ich war fix und fertig.

Konnte Ihre Frau Sie denn trösten?

Günther Koch: Das ging leider nicht: Die war zu diesem Zeitpunkt mit Freunden im Urlaub in Rom. Und weil ich mir nach dem vorletzten Spieltag eigentlich sicher war, dass Nürnberg gar nicht mehr absteigen konnte, ließ ich sie fahren. Das war ganz furchtbar: Ich kam nach Hause und da war niemand. Später rief mich meine Frau an und fragte, ob sie nach Hause kommen solle. Sie hatte die Ergebnisse von einem Freund erfahren und wusste ja, wie es mir geht. Aber ich ließ ihr den Urlaub.

Das Spiel war am Samstag, am Montag danach war wieder Schule: Haben Sie sich krankgemeldet?

Günther Koch: Nein, das habe ich nie gemacht! Aber meine Schüler mussten nach solch traurigen Ergebnissen für den Club immer damit rechnen, dass am nächsten Tag ein unangekündigter Vokabeltest auf dem Plan stand...

Sie sollen sogar monatelang nicht mehr ins Frankenstadion gegangen sein.

Günther Koch: Das konnte ich nicht. Erst im Herbst 1999 habe ich es mal wieder gewagt, einmal war ich sogar zu einer Leichtathletikveranstaltung eingeladen, bin aber auf dem Weg zum Stadion umgekehrt. Die Zeit war dafür noch nicht reif. Und dass, obwohl ich nur fünf Minuten vom Stadion entfernt wohne. Wer schon einmal so für seinen Verein gelitten hat, der weiß, wovon ich spreche.

In diesem Jahr könnte Eintracht Frankfurt der große Verlierer der Saison werden. Zur Winterpause noch Siebter, steht die Mannschaft nun auf Platz 17. Wie ist den Frankfurtern noch zu helfen?

Günther Koch: Die müssen jetzt irgendwie den Kopf frei von allen Sorgen bekommen, es schaffen, unbeschwert aufzuspielen. Dann könnte es klappen.

Ist dafür nicht Christoph Daum der richtige Mann?

Günther Koch: Eigentlich schon. Aber ich meine zu behaupten, dass ich das auch könnte.

Was?

Günther Koch: Die Frankfurter Spieler zu motivieren!

Günther Koch als Kabinenprediger? Bitteschön!



Herr Koch, gibt es eigentlich einen Ort, wo Sie sich mal entspannen können?

Günther Koch: Die Natur. Die Natur ist der einzige Ort, wo ich mal ausspannen kann.

Seit 2006 sind Sie auch als Theaterschauspieler aktiv. Wie viel Ruhe gibt Ihnen die Bühne?

Günther Koch: Nicht sehr viel. Das wäre auch der falsche Ort, um sich zu entspannen.

Wann findet das Abstiegsdrama von 1999 eigentlich den Weg auf die deutschen Theaterbühnen?

Günther Koch: Dann, wenn ich es geschrieben habe.

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