13.05.2011

Meldung vom Abgrund (6): Das Drama von 1999

Günther Koch: »Ich heulte erst im Wagen«

»Ich pack das nicht! Ich halt das nicht mehr aus!« – Seine schaurig-schöne Live-Reportage des Nürnberger Abstiegsdramas von 1999 ist legendär. Wer könnte die Leiden des Abstiegskampfes besser beschreiben, als Reporter-Hero Günther Koch?

Interview: Alex Raack Bild: Imago
Günther Koch, der 1. FC Nürnberg ist gefühlt schon seit dem 3. Spieltag gerettet. Diese Bundesliga-Saison muss für Sie äußerst langweilig sein.

Günther Koch: Ich spüre wohltuende, heilsame, entspannende Langeweile. Da freut sich mein Herz, mein Blutdruck und mein Kardiologe.

Der aktuelle Abstiegskampf wirkt dagegen etwas blutarm. Finden Sie nicht auch?

Günther Koch: Nein, das zu sagen wäre ja unfair gegenüber den Frankfurtern, den Gladbachern, den Wolfsburgern. So dramatisch wie 1999 wird es vielleicht diesmal nicht werden, aber was ist denn der Abstiegskampf für die Fans des betroffenen Vereins? Die Hölle! Schlimmer geht es gar nicht.



Der Journalist Helmut Boettiger hat in der Frankfurter Rundschau mal folgenden schönen Satz über Sie geschrieben: »Er hat die Fußball-Radioreportage zu einer neuen künstlerischen Gattung gemacht, in der auf bisher ungeahnte Weise Existentielles verhandelt wird.« Herr Koch, wenn einer die Dramatik des Abstiegskampfes in Worten zusammenfassen kann, dann doch offenbar Sie.

Günther Koch: Du hast nur Angst. Und Hoffnung! Dann hast du Hoffnung und Angst, und schließlich ein Gemisch aus beiden. Du verzweifelst! Du suchst den Strohhalm. Du feierst! Du brichst innerlich zusammen. Und plötzlich siehst du die Rettung als helles Licht am Horizont – und dann wird es stockfinster. Und dein Verein ist abgestiegen.

Ihre Reportage »vom Abgrund« hat sich in die Köpfe deutscher Fußball-Fans als herzzerreißenden Abgesang auf den geliebten, aber letztlich gescheiterten Verein eingebrannt. In Wochen wie diesen – denken Sie häufig an das Saisonfinale 1998/99 zurück?

Günther Koch: Ja. Es kommt alles wieder hoch. Und ich fühle mich immer noch mitschuldig.

Das müssen Sie erklären.

Günther Koch: Ich war ja schon immer beides: parteiisch und objektiv. Parteiisch in der Stimme, objektiv in der Sprache. Und damals in Nürnberg haben die Verantwortlichen die furchtbare Entscheidung getroffen, die Zwischenstände aus den anderen Stadien nicht durchzusagen. Die armen Kerle auf dem Platz wussten also nicht, wie es in Bochum, Frankfurt oder Stuttgart steht, niemand wusste das. Nur ich, der ich natürlich mit den Kollegen der Bundesliga-Konferenz verbunden war. Als ich panisch begann, vom drohenden Abstieg zu sprechen, schauten mich auch die Kollegen auf der Pressetribüne an und sagten: Der Koch spinnt mal wieder.

Nur: Wie hätten Sie denn von der Tribüne aus die Spieler warnen können?

Günther Koch: Indem ich mich in der Halbzeitpause einfach von meiner Verkabelung gelöst, mir Headset und Mikroport geschnappt und die zweite Hälfte vom Spielfeldrand aus kommentiert hätte. Wenn dann der Koch wie blöde durch die Gegend springt, hätten die Jungs doch trotz der Informationssperre gemerkt, dass da etwas ganz schief läuft an diesem letzten Spieltag!

Hat denn in Nürnberg niemand gemerkt, dass in Frankfurt plötzlich die Tore für die Eintracht fallen, dass Hansa Rostock dabei ist, den VfL Bochum zu schlagen?

Günther Koch: Nein! Die armen Kerle waren doch total ahnungslos. Die dachten noch Minuten nach dem Abpfiff, dass sie trotz der 1:2-Niederlage gegen den SC Freiburg die Klasse gehalten hätten. Die wollten schon anfangen Sekt zu trinken! Meine Güte, das regt mich immer noch auf...

Ihr Blutdruck...

Günther Koch: Alles kommt mir wieder hoch, wenn wir darüber sprechen. Drei Tage vorher war ich noch in Barcelona und sah die grausame Niederlage der Bayern gegen Manchester United im Champions-League-Finale. Ich hatte also schon so eine schlimme Vorahnung, als ich am Wochenende danach ins Frankenstadion gefahren bin. Und der Dirk Schmitt (kommentierte in der Radio-Konferenz aus Frankfurt, d. Red.) sagt noch in der Pause: »Gell, es gibt ja noch eine zweite Halbzeit.« Und ich Hornochse bleibe verkabelt auf der Tribüne sitzen und kann nichts machen.

Die tragische Figur beim Club war an jenem 29. Mai 1999 der junge Frank Baumann: Kurz vor dem Schlusspfiff setzte er den Ball freistehend vor dem Tor nur an den Pfosten, in der Sommerpause wechselte er zu Werder Bremen. Sind Sie ihm heute noch böse?

Günther Koch: Überhaupt nicht und das war ich auch damals nicht. Der arme Junge! Eigentlich war ja Pavel Kuka besser postiert, aber der Frank wollte einfach alles richtig machen und dann trifft er er den Richard Golz... Wir haben uns später häufig darüber unterhalten, ihn hat das wahrscheinlich am meisten mitgenommen. Nein, ihm gegenüber hege ich nun wirklich keinen Groll.



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