Meldung vom Abgrund (4): Freiburgs Fast-Abstieg

Jens Todt: »Es glich einer Abschiedstournee«

In der Saison 1993/94 sprach alles gegen den Klassenerhalt des SC Freiburg. Die Presse veröffentlichte schon »Grabesreden«. Doch der SC schaffte das Wunder. Jens Todt über psychologische Vorteile, das Phantom-Tor und den Party-König. Meldung vom Abgrund (4): Freiburgs Fast-Abstieg

Jens Todt, Sie spielten in der Saison 1993/1994 mit dem SC Freiburg bis zum letzten Spieltag gegen den Abstieg. Was war das für ein Gefühl?

Jens Todt: Uns hatte man eigentlich schon vor der Saison abgeschrieben. Es hieß: Alles andere als der Abstieg des SC Freiburg wäre eine Sensation. Doch ganz ehrlich: Das war ein psychologischer Vorteil. Wir hatten es einfacher als Mannschaften wie Eintracht Frankfurt heute.

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Was meinen Sie damit?

Jens Todt: Unsere Situation war vier Wochen vor Saisonende eigentlich aussichtslos. Die Freiburger Fans hielten nach einer 0:1-Heimniederlage gegen Dynamo Dresden am 31. Spieltag Plakate hoch: »1. Liga. Wir war'n dabei«.

Ihr Kollege Rodolfo Cardoso glaubte sogar zu »99 Prozent« abgestiegen zu sein.

Jens Todt: Das meine ich. Keiner hat wirklich an den Klassenerhalt geglaubt. Jeder war froh, ein Jahr lang in der ersten Liga Erfahrungen gesammelt zu haben. .

In Frankfurt haben Fans auf den bevorstehenden Abstieg mit einem Platzsturm reagiert. Wie haben sich die Freiburger Zuschauer damals verhalten?

Jens Todt: Wir haben damals keine Erwartungen enttäuscht. Das ähnelte eher einer Abschiedstournee. Unsere Fans haben anerkannt, dass wir uns trotz der aussichtslosen Situation immer reingehängt haben. Wenn wir gut spielten, aber verloren, feierten die Fans trotzdem. Das ist nicht mit der aktuellen Situation in Frankfurt zu vergleichen.

Bilderstrecke: Die erfolgreichsten Fast-Absteiger der Geschichte >>

Wie stoppt man dieser heiklen Phase den freien Fall? Sie verloren in der Saison 1993/1994 ab dem 27. Spieltag fünf Partien in Folge. Das Erfolgserlebnis kam erst 32. Spieltag. Freiburg schlug den VFB Stuttgart auswärts 4:0. War das die Wende?

Jens Todt: Auf jeden Fall. Das war ein Schlüsselerlebnis, das uns alle wachgerüttelt hat. Es war ein ganz heißer Sommertag und alles lief irgendwie von selbst: Nach dem 4:0 schöpften wir plötzlich wieder Hoffnung.

Seinerzeit musste der direkte Konkurrent, der 1.FC Nürnberg, wenige Tage vor dem letzten Spieltag zu einem Nachholspiel bei Bayern München antreten und verlor 0:5.

Jens Todt: Das sind so gegenläufige Dramaturgien, wie sie im Fußball eben passieren. Plötzlich keimte bei uns die Hoffnung auf und in Nürnberg bekam man es auf mit der Angst zu tun.

Haben Sie sich eigentlich jemals bei Thomas Helmer bedankt, der als »Phantom-Torschütze« das Nachholspiel des »Clubs« gegen die Bayern erst ermöglichte?

Jens Todt: (lacht) Wir haben einmal darüber geredet, ja. Aber bedankt habe ich mich bei dem Gespräch nicht wirklich. Der Arme musste ja schon genug über sein falsches Tor sprechen.

Am letzten Spieltag der Saison trat der SC Freiburg in Duisburg an. Sie mussten gewinnen, waren aber trotzdem vom Ergebnis der Nürnberger in Dortmund abhängig. Eine merkwürdige Konstellation?

Jens Todt: Natürlich. Wir bekamen die Zwischenstände der Nürnberger über Signale von der Bank mitgeteilt. Aber das Ergebnis änderte nicht unsere Ausgangsituation: Wir mussten so oder so gewinnen. Taktieren konnten wir also nicht. Aber wir hatten Glück und gewannen 2:0. Nürnberg musste sich mit 4:1 dem BVB geschlagen geben. Wir schafften tatsächlich noch das Wunder.

Wie verlief ihre Ankunft in Freiburg?

Jens Todt: Wir feierten in der Freiburger Innenstadt bei einem Italiener. Viele Fans waren gekommen, um uns zu empfangen. Wir stiegen auf den Balkon und grölten mit der Menge. Und unser Party-König Martin Spanring heizte der Menge ein.

In der Saison nach dem Fast-Abstieg 1994/1995 wurden sie sensationell Dritter und qualifizierten sich für den UEFA-Cup. Spielt man nach so einem Abstiegskrimi befreiter Fußball?

Jens Todt: Die Erleichterung und vor allem die Euphorie lösen dabei sehr viel aus. Euphorie kann eine Mannschaft tragen. Wir sind zusammengeblieben und gemeinsam schnell gereift. Aber dass es so ausgehen würde, konnte keiner ahnen.

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