24.08.2012

Meistertrainer Jürgen Klopp im Interview

»Ich spreche selbst im Schlaf über Fußball«

Endlich. Heute Abend beginnt die Bundesliga-Saison 2012/13. Meister Dortmund empfängt Werder Bremen. Wir sprachen mit BVB-Trainer Jürgen Klopp über Niederlage, unbeliebte Berater, das römische Reich und sein Dauergrinsen.

Interview: Christoph Biermann und Alex Raack Bild: Thomas Rabsch


Was raten Sie?
Es gibt keine Verhaltensregeln im Sinne von »Leg dich ab«, »Komm zu dir«, »Sprich das ABC von vorne nach hinten«. Ich habe einen ganz pragmatischen Ansatz: Wenn etwas nicht mehr zu ändern ist, kümmere dich um das, was zu ändern ist! Das geht – hundertprozentig! Wie soll mich jemand kritisieren, wenn ich mir selbst den maximalen Druck mache?

Und wenn der Vorwurf kommt: Vielleicht ist er einfach zu schlecht?
Dieses Denken habe ich nicht in mir. Das hat mich die Schulzeit gelehrt, als meine beiden besten Freunde im Abi einen Schnitt von 1,2 und 1,4 hatten und ich einen von 3,0, aber für die gute Stimmung habe ich gesorgt. Ich habe gut damit gelebt, nicht der Schlauste zu sein, und wusste immer, dass es trotzdem eine Möglichkeit gibt, die Dinge zu regeln.

Auf der einen Seite sagen Sie, mit Misserfolg gut umgehen zu können, auf der anderen haben Sie verkündet: »Niederlagen kommen in meinem Denken nicht vor.« Wie passt das zusammen?
Warum soll ich über Niederlagen nachdenken, wenn ich nach vorne schaue? Aber das heißt natürlich nicht, dass ich mich an Niederlagen nicht erinnern kann.

Kann man denn aus Niederlagen wirklich etwas lernen?
Unsere Analysen finden ergebnisunabhängig statt, aber in einer Niederlage gibt es in der Regel mehr Auffälligkeiten. Doch wenn wir mal vom Fußball weggehen, lässt alles, was wir erleben, den gesunden Menschenverstand wachsen. Für gewöhnlich empfindet man eine Niederlage als einschneidendes Erlebnis – und daraus lernt man am meisten. Es gibt nur das Problem, dass Menschen daraus mitunter ein falsches Selbstbild ableiten und glauben, zu bestimmten Dingen nicht fähig zu sein. Sie vergessen, dass man die Maßnahmen verändern kann. Bei mir kratzt eine Niederlage jedenfalls nicht am Selbstvertrauen. Mein Auftrag ist: Es hat nicht geklappt, dann versuche ich was anderes.

Haben Sie schon falsche Entscheidungen getroffen, die zu Niederlagen geführt haben?
Ich bin zwar ein sehr positiver Mensch, aber ich fühle mich für Niederlagen viel verantwortlicher als für Siege. Das minimiert das Glücksgefühl beim Sieg und potenziert das Gefühl bei einer Niederlage.

Sie haben kürzlich bei einem Vortrag gesagt, dass »Misserfolge stark bewertet und positive Momente für selbstverständlich gehalten« würden. Ist das wirklich so?
Ja, der Mensch neigt dazu, sich von negativen Erlebnissen mehr beeinflussen zu lassen als von positiven. Wenn uns Menschen an einem Tag drei negative und sechs positive Dinge passieren, dann sagen wir uns abends: Na ja, die Bilanz ist ausgeglichen. Wir sind einfach so, so schade das ist. Ich arbeite seit 45 Jahren dagegen an.

Haben Sie eigentlich nie einen schlechten Tag?
Hm. Einen kompletten eigentlich nicht. Ich kann mich den ganzen Tag über das schlechte Wetter aufregen oder über ein verlorenes Spiel, wenn ich daran denke. Tue ich aber nicht. Es gab Phasen in meinem Leben, in denen ich nicht glücklich war, aber ich war noch nie wirklich unglücklich.

Befürchten Sie denn, irgendwann mal am Ende Ihrer Kräfte zu sein?
Wenn man will, kann man diesen Job 24 Stunden lang machen. Selbst im Schlaf. Von meiner Frau weiß ich zum Beispiel, dass ich manchmal noch im Schlaf spreche. Aber ich habe auch in diesem Bereich dazu gelernt. Ich weiß inzwischen, wann Feierabend ist und ich einen Strich unter den Tag ziehen muss.

Sie haben die Phase des Workaholics überwunden?
Ich habe alle Phasen durch. Mit zwei Handys gleichzeitig am Ohr, den Laptop auf, Fernseher an, Zigarette im Mundwinkel. Immer alles gleichzeitig, immer alles sofort. In Mainz war das Alltag, da waren Manager Christian Heidel und ich im sportlichen Bereich die Mädchen für alles. Die Scoutingabteilung waren wir! An manchen Tagen bin ich morgens aufgestanden, habe mir einen Kaffee gemacht und den meterhohen Stapel mit Videos abgearbeitet. Da schaut man sich schon vor dem Frühstück Talente aus Ecuador an und denkt: Wäre schön, wenn das Bild besser wäre und man die Rückennummern erkennen könnte. 24 Stunden Fußball, das war richtig stressig. Heute habe ich noch ein Handy, und zum Zeitpunkt dieses Interviews haben wir unsere Transfergeschäfte bereits abgeschlossen.

Ist das ein Selbstschutz, um nicht irgendwann ausgebrannt zu sein?
Selbstschutz würde ich nicht sagen, Selbstregulierung ist besser. Ich kenne meine Kräfte und meine Schmerzgrenze, deshalb teile ich mir meine Energie richtig ein. Für meine Familie, meinen Verein und meine Spieler brenne ich immer noch rund um die Uhr. Aber die ganzen Nebengeräusche, zum Beispiel die Arbeit mit den Medien, lasse ich erst gar nicht an mich heran. Die mache ich, weil ich sie machen muss, aber ich denke nicht groß darüber nach.

Was geht Ihnen an Ihrem Job so richtig auf die Nerven?
Nichts wirklich, obwohl ich mich an bestimmte Formen von Boulevardjournalismus immer noch gewöhnen muss. Aber ich habe mir antrainiert, die öffentliche Wahrnehmung weitestgehend an mir abprallen zu lassen. Sonst kommst du aus dem Urlaub, bist wunderbar erholt, liest eine Schlagzeile, die dir nicht passt, und der Urlaub ist vergessen. Das will ich nicht. Die Zeit, die andere damit verbringen, sich über die Presse aufzuregen, habe ich frei.

Schlagzeilen lassen Sie kalt?
Natürlich nicht immer. Ein Beispiel: Für die Sonderausgabe der »Bild«-Zeitung zum 60-jährigen Jubiläum habe ich mich zu einem Interview überreden lassen. Ich habe mit einer netten Reporterin ein richtig nettes Interview geführt und anschließend gesagt: »Wenn diese Zeitung an jeden Haushalt in Deutschland geht, dann wählt doch bitte eine Überschrift aus, die dem Thema gerecht wird.« Und was stand drin: »Mein Arsch ist das Letzte, was mich interessiert.«

Welche Lehren ziehen Sie aus solchen Erfahrungen?
Bislang noch keine. Aber letztlich schießen sich die Medien damit selbst ins Knie. Dann lerne ich eines Tages nämlich tatsächlich, nur noch »Ja«, »Nein«, »Vielleicht« und »Moment, da möchte ich die Frage noch einmal hören« zu sagen.

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