24.08.2012

Meistertrainer Jürgen Klopp im Interview

»Ich spreche selbst im Schlaf über Fußball«

Endlich. Heute Abend beginnt die Bundesliga-Saison 2012/13. Meister Dortmund empfängt Werder Bremen. Wir sprachen mit BVB-Trainer Jürgen Klopp über Niederlage, unbeliebte Berater, das römische Reich und sein Dauergrinsen.

Interview: Christoph Biermann und Alex Raack Bild: Thomas Rabsch

Jürgen Klopp, haben Sie sich eigentlich mal mit römischer Geschichte beschäftigt?
Von Asterix und Obelix abgesehen, ist da nicht viel. Außerdem habe ich »Ben Hur« gesehen und Peter Ustinov in »Quo vadis?« als Nero, reicht das?

Wir dachten, Sie würden sich vielleicht für die Triumphzüge im Alten Rom interessieren.
Also, wenn ich ehrlich bin ...

Der Träger des Lorbeerkranzes hat dem Imperator ins Ohr geflüstert: »Schau hinter dich; bedenke, dass du ein Mensch bist!« Hätten Sie so etwas gut gebrauchen können, als Ihnen am Tag nach dem Pokalsieg in Dortmund Hunderttausende zujubelten?
Ach, daran erinnern einen schon die menschlichsten aller Bedürfnisse. Denn man trinkt bei solchen Gelegenheiten eher viel und muss entsprechend häufig zur Toilette. Die Gefahr, sich da oben für etwas zu halten, was man nicht ist, ist relativ gering.

Auch weil man merkt, dass ein sechsstündiger Triumphzug nach drei Stunden langweilig wird?
Das wird er überhaupt nicht. Man hat selten das Gefühl, dass alle Leute glücklich sind. Aber das war so ein Moment. In dem wurden nicht Mannschaft oder der Trainer gefeiert, sondern wir haben mit allen Fans die Freude über diesen Erfolg geteilt.

War das ein Moment, in dem Sie sich gesagt haben: Dafür hat es sich gelohnt, ein Jahr lang zu arbeiten?
Nein, denn es ist eine Selbstverständlichkeit, dass man ackert. Das können doch nicht nur die tun, für die es sich lohnt. Jedenfalls nicht im Sinne von »alles kriegen«, denn im sportlichen Wettkampf bekommt alles immer nur der Sieger. Nein, es war eine ursprüngliche Freude, und dazu wird einem eine Grundstimmung verabreicht: ein Dauergrinsen.

Wie lange hält das an?
Solange man will. Ich kann es jederzeit wieder abrufen.

Kommt aus der Grundstimmung »Dauergrinsen« der Antrieb, sich besonders reinzuhauen?
Nein. Bei mir ging es damit los, dass ich gedacht habe, dass ich Fußballtrainer am besten kann und außerdem dazu die meiste Lust habe. Dann fand ich es ganz schön, dass man mir die Gelegenheit dazu gegeben hat. Es ist noch heute so, dass ich nichts davon als Arbeit empfinde. Der Hauptgrund, warum ich es mache, ist: Ich liebe das! Ich habe neulich noch zu meiner Frau gesagt: Es ist unglaublich, mit was für guten Jungs ich zusammenarbeite, und das ist schon ein relativ großes Glücksgefühl. Dass ich es relativ cool finde, dafür auch noch sehr gut entlohnt zu werden, kann man sich vorstellen. Aber Geld war noch an keinem Tag der Grund für mich, morgens aufzustehen.

Und wenn am Ende keine Meisterschaft winkt?
Ich war schon als Fußballtrainer glücklich, als ich noch keine Chance hatte, Deutscher Meister zu werden. Erfolg ist relativ. Man muss sich nur realistische Ziele setzen. Wenn man sie erreicht, wird man zwar nicht jedes Mal auf den Wagen gehoben, aber eine kleine Party ist schon drin.

Wie wichtig ist für Sie Anerkennung von außen?
Sie verliert im Laufe der Zeit an Bedeutung. Am Anfang musste ich mich ständig beweisen, weil man ruckzuck aus dem Job raus ist. Wären früher die Trainer so schnell weg gewesen wie heute, hätte es viele große Karrieren wie die von Otto Rehhagel, Jupp Heynckes oder Felix Magath vermutlich gar nicht gegeben. Deshalb ist es anfangs schon wichtig, dass man Anerkennung bekommt, damit man in dem Job überhaupt mal eine gewisse Zeit weitermachen kann.

Hans Meyer hat in seiner Laudatio in 11 FREUNDE zu Ihrer Wahl zum »Trainer der Saison« mit Bezug auf die Rückschläge in Ihrer Karriere gesagt: »Zum Trainerberuf gehört es auch, mal so richtig eine auf die Schnauze zu bekommen und ein paar Nächte nicht schlafen zu können.« Haben Sie schon mal schlecht geschlafen?
Klar bin ich schon mal unruhig mit vielen Gedanken eingeschlafen und am nächsten Morgen ohne Lösung aufgewacht. Das gibt es noch heute manchmal, weil ich harte Entscheidungen treffen muss, die anderer Menschen Zukunft betrifft. Bekommt ein Spieler einen Vertrag oder nicht? Wer darf in einem großen Spiel nicht einmal auf die Bank? Da ich sehr viel Nähe zu den Jungs zulasse, wühlt das schon mal in einem. Aber es ist nie so, dass ich wachliege und denke: »Keine Chance, wir können das Spiel nicht gewinnen!«

Wie gut haben Sie geschlafen, als Sie mit Mainz 05 zweimal hintereinander am letzten Spieltag denkbar knapp den Bundesligaaufstieg verpasst haben?
Da war ich so erschöpft, dass ich tatsächlich relativ gut eingeschlafen bin. Unangenehm war eher das Aufwachen und festzustellen, dass wir über Nacht nicht doch noch aufgestiegen sind. Aber generell kann ich mit Misserfolg richtig gut umgehen.

Worauf kommt es dabei an?
Gesunder Menschenverstand! Als Erstes lernt doch jeder, dass man nicht alles kriegt, nur weil man alles will. In 99 Prozent der Fälle haben meine Eltern bei den Weihnachtsgeschenken knapp daneben gelegen. Und als der Weihnachtsmann genau das Fahrrad gebracht hat, das ich haben wollte, hat er im Treppenhaus eine Acht ins Vorderrad gefahren. Und finden Sie Heiligabend mal jemanden, der das repariert. So geht es halt zu im Leben. Aber für einen normal motivierten Menschen sollte es so sein, dass man alles gibt, obwohl man weiß, dass man nicht alles kriegt.

Manchmal hat der Fußballgott aber gar nichts im Säckel.
Na und! Nehmen wir alle Abstiege in der Geschichte der Bundesliga. Bei fast jedem wird so getan, als ob damit das Ende verbunden ist, aber in neun von zehn Fällen kommen die Vereine irgendwann wieder zurück. Also geht es nur um den Zeitraum zwischen dem Gefühl maximaler Niederlage und dem des Neuanfangs. Weil das ein bewusster Vorgang ist, kann man ihn auch verkürzen.

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