Meistertrainer Jürgen Klopp im Interview

»Ich spreche selbst im Schlaf über Fußball«

Endlich. Heute Abend beginnt die Bundesliga-Saison 2012/13. Meister Dortmund empfängt Werder Bremen. Wir sprachen mit BVB-Trainer Jürgen Klopp über Niederlage, unbeliebte Berater, das römische Reich und sein Dauergrinsen.

Thomas Rabsch
Heft: #
129

Jürgen Klopp, haben Sie sich eigentlich mal mit römischer Geschichte beschäftigt?
Von Asterix und Obelix abgesehen, ist da nicht viel. Außerdem habe ich »Ben Hur« gesehen und Peter Ustinov in »Quo vadis?« als Nero, reicht das?

Wir dachten, Sie würden sich vielleicht für die Triumphzüge im Alten Rom interessieren.
Also, wenn ich ehrlich bin ...

Der Träger des Lorbeerkranzes hat dem Imperator ins Ohr geflüstert: »Schau hinter dich; bedenke, dass du ein Mensch bist!« Hätten Sie so etwas gut gebrauchen können, als Ihnen am Tag nach dem Pokalsieg in Dortmund Hunderttausende zujubelten?
Ach, daran erinnern einen schon die menschlichsten aller Bedürfnisse. Denn man trinkt bei solchen Gelegenheiten eher viel und muss entsprechend häufig zur Toilette. Die Gefahr, sich da oben für etwas zu halten, was man nicht ist, ist relativ gering.

Auch weil man merkt, dass ein sechsstündiger Triumphzug nach drei Stunden langweilig wird?
Das wird er überhaupt nicht. Man hat selten das Gefühl, dass alle Leute glücklich sind. Aber das war so ein Moment. In dem wurden nicht Mannschaft oder der Trainer gefeiert, sondern wir haben mit allen Fans die Freude über diesen Erfolg geteilt.

War das ein Moment, in dem Sie sich gesagt haben: Dafür hat es sich gelohnt, ein Jahr lang zu arbeiten?
Nein, denn es ist eine Selbstverständlichkeit, dass man ackert. Das können doch nicht nur die tun, für die es sich lohnt. Jedenfalls nicht im Sinne von »alles kriegen«, denn im sportlichen Wettkampf bekommt alles immer nur der Sieger. Nein, es war eine ursprüngliche Freude, und dazu wird einem eine Grundstimmung verabreicht: ein Dauergrinsen.

Wie lange hält das an?
Solange man will. Ich kann es jederzeit wieder abrufen.

Kommt aus der Grundstimmung »Dauergrinsen« der Antrieb, sich besonders reinzuhauen?
Nein. Bei mir ging es damit los, dass ich gedacht habe, dass ich Fußballtrainer am besten kann und außerdem dazu die meiste Lust habe. Dann fand ich es ganz schön, dass man mir die Gelegenheit dazu gegeben hat. Es ist noch heute so, dass ich nichts davon als Arbeit empfinde. Der Hauptgrund, warum ich es mache, ist: Ich liebe das! Ich habe neulich noch zu meiner Frau gesagt: Es ist unglaublich, mit was für guten Jungs ich zusammenarbeite, und das ist schon ein relativ großes Glücksgefühl. Dass ich es relativ cool finde, dafür auch noch sehr gut entlohnt zu werden, kann man sich vorstellen. Aber Geld war noch an keinem Tag der Grund für mich, morgens aufzustehen.

Und wenn am Ende keine Meisterschaft winkt?
Ich war schon als Fußballtrainer glücklich, als ich noch keine Chance hatte, Deutscher Meister zu werden. Erfolg ist relativ. Man muss sich nur realistische Ziele setzen. Wenn man sie erreicht, wird man zwar nicht jedes Mal auf den Wagen gehoben, aber eine kleine Party ist schon drin.

Wie wichtig ist für Sie Anerkennung von außen?
Sie verliert im Laufe der Zeit an Bedeutung. Am Anfang musste ich mich ständig beweisen, weil man ruckzuck aus dem Job raus ist. Wären früher die Trainer so schnell weg gewesen wie heute, hätte es viele große Karrieren wie die von Otto Rehhagel, Jupp Heynckes oder Felix Magath vermutlich gar nicht gegeben. Deshalb ist es anfangs schon wichtig, dass man Anerkennung bekommt, damit man in dem Job überhaupt mal eine gewisse Zeit weitermachen kann.

Hans Meyer hat in seiner Laudatio in 11 FREUNDE zu Ihrer Wahl zum »Trainer der Saison« mit Bezug auf die Rückschläge in Ihrer Karriere gesagt: »Zum Trainerberuf gehört es auch, mal so richtig eine auf die Schnauze zu bekommen und ein paar Nächte nicht schlafen zu können.« Haben Sie schon mal schlecht geschlafen?
Klar bin ich schon mal unruhig mit vielen Gedanken eingeschlafen und am nächsten Morgen ohne Lösung aufgewacht. Das gibt es noch heute manchmal, weil ich harte Entscheidungen treffen muss, die anderer Menschen Zukunft betrifft. Bekommt ein Spieler einen Vertrag oder nicht? Wer darf in einem großen Spiel nicht einmal auf die Bank? Da ich sehr viel Nähe zu den Jungs zulasse, wühlt das schon mal in einem. Aber es ist nie so, dass ich wachliege und denke: »Keine Chance, wir können das Spiel nicht gewinnen!«

Wie gut haben Sie geschlafen, als Sie mit Mainz 05 zweimal hintereinander am letzten Spieltag denkbar knapp den Bundesligaaufstieg verpasst haben?
Da war ich so erschöpft, dass ich tatsächlich relativ gut eingeschlafen bin. Unangenehm war eher das Aufwachen und festzustellen, dass wir über Nacht nicht doch noch aufgestiegen sind. Aber generell kann ich mit Misserfolg richtig gut umgehen.

Worauf kommt es dabei an?
Gesunder Menschenverstand! Als Erstes lernt doch jeder, dass man nicht alles kriegt, nur weil man alles will. In 99 Prozent der Fälle haben meine Eltern bei den Weihnachtsgeschenken knapp daneben gelegen. Und als der Weihnachtsmann genau das Fahrrad gebracht hat, das ich haben wollte, hat er im Treppenhaus eine Acht ins Vorderrad gefahren. Und finden Sie Heiligabend mal jemanden, der das repariert. So geht es halt zu im Leben. Aber für einen normal motivierten Menschen sollte es so sein, dass man alles gibt, obwohl man weiß, dass man nicht alles kriegt.

Manchmal hat der Fußballgott aber gar nichts im Säckel.
Na und! Nehmen wir alle Abstiege in der Geschichte der Bundesliga. Bei fast jedem wird so getan, als ob damit das Ende verbunden ist, aber in neun von zehn Fällen kommen die Vereine irgendwann wieder zurück. Also geht es nur um den Zeitraum zwischen dem Gefühl maximaler Niederlage und dem des Neuanfangs. Weil das ein bewusster Vorgang ist, kann man ihn auch verkürzen.



Was raten Sie?
Es gibt keine Verhaltensregeln im Sinne von »Leg dich ab«, »Komm zu dir«, »Sprich das ABC von vorne nach hinten«. Ich habe einen ganz pragmatischen Ansatz: Wenn etwas nicht mehr zu ändern ist, kümmere dich um das, was zu ändern ist! Das geht – hundertprozentig! Wie soll mich jemand kritisieren, wenn ich mir selbst den maximalen Druck mache?

Und wenn der Vorwurf kommt: Vielleicht ist er einfach zu schlecht?
Dieses Denken habe ich nicht in mir. Das hat mich die Schulzeit gelehrt, als meine beiden besten Freunde im Abi einen Schnitt von 1,2 und 1,4 hatten und ich einen von 3,0, aber für die gute Stimmung habe ich gesorgt. Ich habe gut damit gelebt, nicht der Schlauste zu sein, und wusste immer, dass es trotzdem eine Möglichkeit gibt, die Dinge zu regeln.

Auf der einen Seite sagen Sie, mit Misserfolg gut umgehen zu können, auf der anderen haben Sie verkündet: »Niederlagen kommen in meinem Denken nicht vor.« Wie passt das zusammen?
Warum soll ich über Niederlagen nachdenken, wenn ich nach vorne schaue? Aber das heißt natürlich nicht, dass ich mich an Niederlagen nicht erinnern kann.

Kann man denn aus Niederlagen wirklich etwas lernen?
Unsere Analysen finden ergebnisunabhängig statt, aber in einer Niederlage gibt es in der Regel mehr Auffälligkeiten. Doch wenn wir mal vom Fußball weggehen, lässt alles, was wir erleben, den gesunden Menschenverstand wachsen. Für gewöhnlich empfindet man eine Niederlage als einschneidendes Erlebnis – und daraus lernt man am meisten. Es gibt nur das Problem, dass Menschen daraus mitunter ein falsches Selbstbild ableiten und glauben, zu bestimmten Dingen nicht fähig zu sein. Sie vergessen, dass man die Maßnahmen verändern kann. Bei mir kratzt eine Niederlage jedenfalls nicht am Selbstvertrauen. Mein Auftrag ist: Es hat nicht geklappt, dann versuche ich was anderes.

Haben Sie schon falsche Entscheidungen getroffen, die zu Niederlagen geführt haben?
Ich bin zwar ein sehr positiver Mensch, aber ich fühle mich für Niederlagen viel verantwortlicher als für Siege. Das minimiert das Glücksgefühl beim Sieg und potenziert das Gefühl bei einer Niederlage.

Sie haben kürzlich bei einem Vortrag gesagt, dass »Misserfolge stark bewertet und positive Momente für selbstverständlich gehalten« würden. Ist das wirklich so?
Ja, der Mensch neigt dazu, sich von negativen Erlebnissen mehr beeinflussen zu lassen als von positiven. Wenn uns Menschen an einem Tag drei negative und sechs positive Dinge passieren, dann sagen wir uns abends: Na ja, die Bilanz ist ausgeglichen. Wir sind einfach so, so schade das ist. Ich arbeite seit 45 Jahren dagegen an.

Haben Sie eigentlich nie einen schlechten Tag?
Hm. Einen kompletten eigentlich nicht. Ich kann mich den ganzen Tag über das schlechte Wetter aufregen oder über ein verlorenes Spiel, wenn ich daran denke. Tue ich aber nicht. Es gab Phasen in meinem Leben, in denen ich nicht glücklich war, aber ich war noch nie wirklich unglücklich.

Befürchten Sie denn, irgendwann mal am Ende Ihrer Kräfte zu sein?
Wenn man will, kann man diesen Job 24 Stunden lang machen. Selbst im Schlaf. Von meiner Frau weiß ich zum Beispiel, dass ich manchmal noch im Schlaf spreche. Aber ich habe auch in diesem Bereich dazu gelernt. Ich weiß inzwischen, wann Feierabend ist und ich einen Strich unter den Tag ziehen muss.

Sie haben die Phase des Workaholics überwunden?
Ich habe alle Phasen durch. Mit zwei Handys gleichzeitig am Ohr, den Laptop auf, Fernseher an, Zigarette im Mundwinkel. Immer alles gleichzeitig, immer alles sofort. In Mainz war das Alltag, da waren Manager Christian Heidel und ich im sportlichen Bereich die Mädchen für alles. Die Scoutingabteilung waren wir! An manchen Tagen bin ich morgens aufgestanden, habe mir einen Kaffee gemacht und den meterhohen Stapel mit Videos abgearbeitet. Da schaut man sich schon vor dem Frühstück Talente aus Ecuador an und denkt: Wäre schön, wenn das Bild besser wäre und man die Rückennummern erkennen könnte. 24 Stunden Fußball, das war richtig stressig. Heute habe ich noch ein Handy, und zum Zeitpunkt dieses Interviews haben wir unsere Transfergeschäfte bereits abgeschlossen.

Ist das ein Selbstschutz, um nicht irgendwann ausgebrannt zu sein?
Selbstschutz würde ich nicht sagen, Selbstregulierung ist besser. Ich kenne meine Kräfte und meine Schmerzgrenze, deshalb teile ich mir meine Energie richtig ein. Für meine Familie, meinen Verein und meine Spieler brenne ich immer noch rund um die Uhr. Aber die ganzen Nebengeräusche, zum Beispiel die Arbeit mit den Medien, lasse ich erst gar nicht an mich heran. Die mache ich, weil ich sie machen muss, aber ich denke nicht groß darüber nach.

Was geht Ihnen an Ihrem Job so richtig auf die Nerven?
Nichts wirklich, obwohl ich mich an bestimmte Formen von Boulevardjournalismus immer noch gewöhnen muss. Aber ich habe mir antrainiert, die öffentliche Wahrnehmung weitestgehend an mir abprallen zu lassen. Sonst kommst du aus dem Urlaub, bist wunderbar erholt, liest eine Schlagzeile, die dir nicht passt, und der Urlaub ist vergessen. Das will ich nicht. Die Zeit, die andere damit verbringen, sich über die Presse aufzuregen, habe ich frei.

Schlagzeilen lassen Sie kalt?
Natürlich nicht immer. Ein Beispiel: Für die Sonderausgabe der »Bild«-Zeitung zum 60-jährigen Jubiläum habe ich mich zu einem Interview überreden lassen. Ich habe mit einer netten Reporterin ein richtig nettes Interview geführt und anschließend gesagt: »Wenn diese Zeitung an jeden Haushalt in Deutschland geht, dann wählt doch bitte eine Überschrift aus, die dem Thema gerecht wird.« Und was stand drin: »Mein Arsch ist das Letzte, was mich interessiert.«

Welche Lehren ziehen Sie aus solchen Erfahrungen?
Bislang noch keine. Aber letztlich schießen sich die Medien damit selbst ins Knie. Dann lerne ich eines Tages nämlich tatsächlich, nur noch »Ja«, »Nein«, »Vielleicht« und »Moment, da möchte ich die Frage noch einmal hören« zu sagen.



Geben Sie Ihre Erfahrungen, die Sie abseits des Fußballplatzes gemacht haben, an Ihre Spieler weiter?
Dass Ältere ihr Wissen an Jüngere weitergeben, halte ich für das Normalste der Welt. Doch wie ein Mensch ist und wie er sich gibt, entscheidet letztlich nur er selbst. Wenn ich versuche, so zu sein wie jemand anderes, habe ich schon verloren. Denn ich bin nicht mehr ich selbst. Und das ist auch im Profifußball ein entscheidender Nachteil.

Inwiefern?
Ich kann ja nur von mir als Trainer sprechen. Selbst wenn ich es wollte, hätte ich gar nicht die Zeit, mich zu verstellen. Als Trainer von Borussia Dortmund arbeite ich ständig mit 40, 50 Leuten zusammen. Ich muss jeden Tag wichtige Entscheidungen treffen. Zack, zack, zack! Das kann ich nur, wenn ich ich selbst bin und nicht andauernd über mein Verhalten nachdenke.

Sie betonen unablässig die Bedeutung von Teamgeist ...
Halt, das ist doch nicht auf meinem Mist gewachsen! Das ist der Urgedanke dieses Spiels! Sonst würde man beim Fußball eins gegen eins spielen. Macht man aber nicht und deshalb geht ohne Teamgeist gar nichts. Elf Mann sollen sich gegenseitig stärker machen, das ist der Plan des Spiels.

Schon verstanden. Aber Sie sind ein Trainer, der das ganz besonders akzentuiert. Kommt es für Sie einer Niederlage gleich, wenn einer Ihrer Spieler diesen Teamgeist durch egoistisches Verhalten torpediert?
Nein, das ist keine Niederlage. Das gehört dazu. Jeder Trainer denkt: Wenn ein Spieler auf Dauer einer Mannschaft schadet, dann muss man sich von ihm trennen. Das wissen die Spieler ganz genau.

Weil Sie es Ihnen bei Fehlverhalten deutlich machen?
Auch. Vor allem aber, weil ich ihnen gleich im ersten Gespräch die Regeln erkläre. Und sie sagen mir, was ich von ihnen erwarten kann. Weil beide Seiten mit den jeweiligen Erwartungen einverstanden waren, arbeiten wir zusammen. Die Spieler wissen, dass sie mich auf Dauer nicht enttäuschen dürfen, in welcher Hinsicht auch immer. Das hätte sonst Konsequenzen.

Gibt es Nothaltebuchten?
Selbstverständlich! Wenn ein Spieler Probleme hat, dann ist es meine allererste Aufgabe, ihn aus diesem Loch zu holen. Ich warte nicht seelenruhig ab, bis einer meiner Jungs seinen Kredit bei mir vollständig aufgebraucht hat und setze ihn dann vor die Tür.

Machen Sie da Unterschiede?
In meiner Position als Angestellter des Vereins sollte ich nach einem Spieler-Fehlverhalten schon aus wirtschaftlichen Gründen vielleicht ein bisschen mehr Energie auf jemanden verwenden, der 45 Millionen Euro wert ist, als auf einen Spieler, der den Klub 200 000 Euro gekostet hat. Aber als Trainer haben alle Spieler die gleiche Bedeutung für mich. Gerecht werden kann ich ihnen trotzdem nicht. Das wird spätestens dann deutlich, wenn ich die Mannschaftsaufstellung fürs nächste Spiel bekanntgebe. Dann sind sieben Spieler enttäuscht, obwohl sie sich nichts haben zuschulden kommen lassen.

Empfinden Sie es als Niederlage, wenn es Probleme gibt. wie in der jüngeren Vergangenheit mit Robert Lewandowski?
Aber die gibt es nicht mit Robbie, das ist ein guter Junge.

Seine Berater haben aber mehrfach versucht, Borussia Dortmund mit Wechselabsichten ihres Klienten unter Druck zu setzen. Vergiftet so was nicht das Klima?
Wie gesagt, mit Robert habe ich überhaupt keine Probleme. Seine Berater wären allerdings bei mir nicht im Kader.

Lewandowski wurde aber nicht gezwungen, mit diesen Beratern zusammenzuarbeiten. Er ist erwachsen und hat sie selbst ausgesucht.
Ich kann die Arbeit eines Spielers und die Arbeit seiner Berater ganz gut trennen. Deshalb gibt es ja Berater: Damit sich der Fußballer auf seinen Job konzentrieren kann und nicht mit uns über Geld und Verträge streiten muss. Solange mich ein Spieler nicht enttäuscht, kann sein Berater machen, was er will. Ich habe heute eine SMS von Robbie bekommen, in der er mir mitgeteilt hat, wie er in seinem Urlaub trainiert hat. Das zeigt mir, wie gut unser Verhältnis ist.

Kann man das wirklich so trennen?
Ich kann die Jungs doch verstehen, sie haben vielleicht zehn, maximal 15 Jahre, um mit ihren Fähigkeiten Geld zu verdienen. Dass sich die Spieler deshalb auch an den finanziellen Möglichkeiten orientieren, nehme ich ihnen nicht übel. Wenn einer wechselt, brechen wir nicht zusammen, sondern sagen höflich »Alles Gute« und konzentrieren uns wieder auf unsere Arbeit.

Deren Ergebnis ist ein Fußball, den viele Leute auch deshalb so mögen, weil er nicht nur mitreißend ist, sondern für bestimmte moralische Werte wie eben Teamgeist steht. Ist Ihnen das wichtig?
Mit Moral kann ich in diesem Zusammenhang wenig anfangen. Ich habe den großen Vorteil, in einem Verein zu arbeiten, wo Erfolg zwar erwünscht, aber aufgrund der jüngeren Geschichte nicht erwartet wird. Hier schätzt man die Idee von lebendigem Fußball, und es wird ein gewonnener Zweikampf gefeiert, bei dem Mann und Ball ins Aus rauschen. Ich finde das manchmal auch besser als einen Schuss in den Winkel. Es passt also alles sehr gut zusammen. Aber zu Ihrer Frage eine Gegenfrage: Wissen Sie, was mein persönliches Highlight der Sommerpause war?

Nein.
Als die Fairnesstabelle veröffentlicht wurde. Mit 81 Punkten Deutscher Meister zu werden und zugleich die fairste Mannschaft zu sein – das ist eine fantastische Leistung. So stelle ich mir Fußball vor. Ich möchte, dass wir hart gegen uns selber sind und konsequent gegen die anderen – und nicht hart gegen die anderen. Wenn schon jemand blutet, sollen wir es selber sein.

Womit wir doch wieder bei der Moral wären.
Nicht unbedingt. Wenn meine Idee von Fußball den Menschen gefällt, ist das prima. Aber ich habe keinen missionarischen Anspruch bei meiner Arbeit. Ich verkünde nicht die frohe Botschaft des Fußballs. Ich möchte einfach nur so Fußball spielen lassen, wie ich es für richtig halte.

Und vermutlich freuen Sie sich schon wieder grenzenlos auf die kommende Saison.
Da können Sie sicher sein. Während der Vorbereitung waren wir zu einem Testspiel beim SV Meppen zu Gast. Da habe ich Bernd Deters getroffen, der dort lange gespielt hat und heute die C-Jugend trainiert. Dessen Jungs haben ihm nicht geglaubt, dass wir uns kennen, dabei habe ich häufiger in Meppen als in München gespielt. Und jetzt darf ich mit meiner Mannschaft zum zweiten Mal hintereinander als Deutscher Meister die Saison eröffnen. Es gibt trotz allem immer noch die Momente, in denen ich denke: Wahnsinn, ich bin dabei!

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