28.11.2013

Meier/Neuberger/Stein über ihre Eintracht in Europa

»Früher kamen nicht mal schöne Frauen«

In Ausgabe #144 sprachen wir mit Erwin Stein, Willi Neuberger und Alex Meier über drei Generationen Eintracht Frankfurt im Europapokal. Ein Interview über das richtige Getränk nach großen Siegen, Uhren aus Madrid und das beste Finale aller Zeiten.

Interview: Tim Jürgens und Alex Raack Bild: Vanja Vucovic


Gab und gibt es für Sie im Ausland spezielle Verhaltensregeln vom Verein?
Stein: Nein. So etwas brauchten wir nicht. Wir waren doch Eintracht Frankfurt, einer der größten Vereine Deutschlands! Wir
hatten immer das Image des guten Gastes und dieses Image wollten wir nicht beschädigen.
Meier: Und wir halten diese Tradition selbstverständlich am Leben!

Dennoch sagten Sie, Erwin Stein, es hätte Ihnen nach dem verlorenen Finale 1960 große Mühe gemacht, dem Befehl von Trainer Paul Oßwald zu folgen und für die siegreichen Spanier ein Spalier zu bilden.
Stein: Weil wir das aus Deutschland nicht kannten. Oßwald hatte sich das in Großbritannien abgeguckt, dort war das Tradition.
Meier: Und wie habt ihr reagiert, als der Trainer euch zum Spalier aufstellte?
Stein: Ich war stinkwütend. Die hatten uns gerade mit 3:7 verhauen und jetzt sollte ich den Spaniern gratulieren? In dem Moment hätte ich die am liebsten alle erwürgt!
Neuberger: Nach so einem Spiel eine verständliche Reaktion. Bei uns gab es selbst nach gewonnenen Finalspielen Zoff: Beim UEFA-Cup-Finale 1980 war Bernd Hölzenbein dahintergekommen, dass Trainer Friedel Rausch ihn hatte auswechseln wollen. Allein die Vorstellung daran brachte »Holz« auf die Palme. Das wäre einer Majestätsbeleidigung gleichgekommen!
Meier: Was hat er getan?
Neuberger: Auf dem Bankett nach dem Endspiel hat er sich klammheimlich den Pokal geschnappt und ist damit verschwunden. Angeblich soll er ihn mit ins Bett genommen haben!

In welche Länder reisten Sie am liebsten?
Neuberger: Mir waren die kurzen Wege am liebsten: Niederlande, Frankreich, England. Reisen hinter den »Eisernen Vorhang« fand ich anstrengend. Da gab es oft Stress bei der Ein- oder Ausreise. Wenn es in den Ostblock ging, haben unsere Offiziellen stets darauf geachtet, dass genug Wimpel und Anstecker im Reisegepäck waren. Damit ließ sich manch quälende Zollabfertigung abkürzen.
Stein: Die Reisen mit der Eintracht haben meinen Horizont erweitert. Wir sind für Freundschaftsspiele sogar nach Südamerika gereist.
Neuberger: Ihr wolltet eben noch die Welt sehen, für uns war das schon fast zur Routine geworden.

Wie viel Zeit blieb für Sightseeing? 
Neuberger: Das hat mich damals gar nicht interessiert. Ich bin hingefahren, habe Fußball gespielt, bin wieder zurückgefahren.
Stein: Für uns war das ein Abenteuer. Ich hatte bei den Reisen stets meine Kamera dabei, auch bei einem Auswärtsspiel in Moskau. Die U-Bahnhöfe waren zum Teil komplett mit Marmor ausgekleidet, eine echte Attraktion. Ich stand also da, mit offenem Mund, die Kamera klebte vor meinen Augen. Ich war so fasziniert, dass ich nicht mitbekam, wie die Bahn einfuhr. Die Mannschaft stieg ein, die Türen schlossen sich und mir rutschte das Herz in die Hose. Im letzten Moment wuchtete unser damaliger Präsident Rudi Gramlich, ein Hüne, die Tür wieder auf und ich huschte unter seinen Armen hindurch ins Abteil. Sonst würde ich da noch heute stehen …
Neuberger: … und fotografieren!

An welche Reise haben sie die besten Erinnerungen?
Stein: Da fällt mir ein Besuch ein, der viele Jahre nach dem Ende meiner Karriere stattfand. 2002 waren die noch lebenden Finalteilnehmer von 1960 anlässlich des Champions-League-Endspiels zwischen Real Madrid und Bayer Leverkusen nach Glasgow eingeladen. Vor dem Spiel gab es ein Bankett. Der Bürgermeister von Glasgow trat ans Rednerpult und bedankte sich bei uns und den Spielern von Real Madrid für das – wie er es nannte – »beste Fußballspiel aller Zeiten«. Da erhob sich der ganze Saal und klatschte Beifall. Mir liefen die Tränen übers Gesicht.
Neuberger: Mit Glasgow verbinde ich ebenfalls tolle Erlebnisse. Mit Borussia Dortmund bestritt ich dort mein erstes Europapokalspiel, allerdings im Ibrox Park gegen die Rangers. Mein Gegenspieler war ein gewisser Alex Ferguson, der trat auf alles ein, was sich bewegte!

Welche Stadien waren die Sehnsuchtsorte Ihrer Generation?
Neuberger: Das Estadio Calderón von Atlético Madrid fand ich beeindruckend.
Stein: Ich werde nie vergessen, wie wir kurz vor einem Spiel gegen Feyenoord Rotterdam aus einem Fensterchen unserer Kabine ins Stadioninnere schauten und enttäuscht sahen, dass die Tribünen weitgehend leer waren. Eine Viertelstunde später liefen wir ein – und im Stadion war die Hölle los. Die hatten das schon damals so gut geplant, dass innerhalb von wenigen Minuten das Rund mit Zuschauern geflutet werden konnte.
Meier: Na ja, was soll ich sagen: Meine Hoffnung wäre, dass der FC Barcelona in der Champions League nach der Vorrunde ausscheidet und es sich auf diese Weise fügt, dass wir auf unserem Weg ins Finale im Camp Nou spielen. (Lacht.)
Stein: Frankfurt gegen Barcelona – das käme von den Erfolgsaussichten unserem Duell gegen Real Madrid 1960 gleich.

Warum?
Stein: Das war die größte Mannschaft dieser Ära, die hatten viermal in Folge den Landesmeistercup geholt, waren gespickt mit den besten Spielern der Welt: Ferenc Puskás, Alfredo Di Stéfano. Als ich auf den Platz lief, fühlte ich mich wie ein ganz armer Hund. Wenn einer von denen gesagt hätte: »Hol mir die Tasche aus dem Bus« – ich wäre losgerannt. Wir gingen nicht davon aus, eine Chance zu haben – und wir hatten am Ende ja auch keine.
Meier: Lionel Messi und Neymar die Taschen hinterhertragen? Ich glaube, die Blöße würde sich bei uns keiner geben. Chancenlos wären wir wohl auch. Aber versuchen kann man’s ja mal.
Was läuft in der Vorbereitung auf ein Europacupspiel anders als sonst?
Stein: Als feststand, dass wir 1960 unsere Halbfinalspiele gegen die Glasgow Rangers bestreiten würden, organisierte Trainer Paul Oßwald ein paar Bälle, wie sie damals in Schottland verwendet wurden. Teuflische Teile waren das, relativ klein, wahnsinnig hart aufgepumpt und bei Regenwetter so schwer, dass man bei jedem Kopfball eine Gehirnerschütterung bekam.

Aber die Kopfschmerzen lohnten sich, Sie gewannen zu Hause mit 6:1 und auswärts mit 6:3.
Meier: Die Unterschiede bei den Bällen gibt es heute ja nicht mehr. Der UEFA-Ball ist nur unwesentlich anders als der in der Bundesliga. Aber wir haben ein paar Netze mit Bällen von der UEFA bekommen und vor Europacupspielen trainieren wir damit.

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