14.09.2011

Mehmet Scholl über sein Plattenlabel Millaphon

»Olli Kahn sagte: Behalt Deinen Scheiß!«

Ex-Bayern-Star Mehmet Scholl sagt Lady Gaga den Kampf an und hat sein eigenes Plattenlabel gegründet. Sein hehres Ziel: Musikerziehung ohne Zwänge. Stefan Effenberg und Olli Kahn gehören eher nicht zur Zielgruppe.

Interview: Thorsten Schaar Bild: Promo/Millaphon


Welche Bands haben Sie in Ihrer letzten Sendung gespielt?

Mehmt Scholl: Death Cab for Cutie, Young Rebel Set, Martha Wainwright, The Weakerthans, Fleet Foxes und Kettcar. In der nächsten Sendung kommen Arcade Fire mit David Bowie, Port O’Brien, Locas in Love, The Felice Brothers, Noah and the Whale und The Low Anthem. Wenn ich die Playlist nicht nochmal umschmeiße.

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Werden Sie inzwischen mit CDs bemustert wie ein ganz normaler Radio-DJ?

Mehmt Scholl: Überhaupt nicht. Ich suche mir schon aus Prinzip alles selbst zusammen.

Wie informieren Sie sich über neue Bands?

Mehmt Scholl: Hauptsächlich über das Internet. Ich habe aber auch einige Freunde, mit denen ich mich regelmäßig austausche. Wir sind immer ganz glücklich, wenn wir uns gegenseitig etwas Neues zeigen können. Es ist selten, dass ich topaktuell auf dem Stand bin. Bands, die von den Magazinen zu sehr gehypt werden, sind mir grundsätzlich suspekt.

Wonach wählen Sie die Bands für das Label aus?

Mehmt Scholl: Sie müssen uns live überzeugen, irgendwas Spezielles besitzen. Es geht bei uns nicht darum, einen großen Hit zu landen, sondern Bands auf ihrem Weg zu begleiten. Der Künstler steht im Vordergrund und wir geben ein paar Tipps.

Was ist das Besondere an den Bands, von denen Sie bereits Platten veröffentlicht haben?

Mehmt Scholl: Moop Mama ist eine Urban Brass Band, die mit sechs Bläsern, zwei Schlagzeugern und deutschem HipHop aufwartet, in ihrem Genre einzigartig. Keller Steff sind vom Groove her mit der Spider Murphy Gang zu vergleichen und von den Texten mit Hans Söllner. Balloon Pilot, bei der auch Mitglieder von The Notwist dabei sind, geht in die Richtung Singer-Songwriter.

Kurz gesagt: Bayern-Indie?

Mehmt Scholl: Wir konzentrieren uns nicht auf Bayern. Es kann auch eine Band aus Hamburg sein, die uns mit ihrer Musik umhaut. Wir verfolgen keine spezielle Linie, sondern schauen einfach nur, was uns packt.

Welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen dem Scouting von Nachwuchsbands und Nachwuchsspielern?

Mehmt Scholl: Bei Talenten im Fußball mache ich es immer so, dass ich abwarte, bis der Spieler eine schwächere Phase hat. Dann schaue ich, wie er in dieser Situation reagiert. In diesen Phasen lässt sich am meisten erkennen. Bei Bands ist das ähnlich. Wenn sie vor zehn Leuten spielen, müssen sie diese Zuhörer auch kriegen. Das ist die eigentliche Kunst.

Wie viel Zeit verbringen Sie mit Musik?

Mehmt Scholl: Sehr viel, auch was Konzerte anbetrifft. Auf Reisen habe ich immer etwas auf dem Ohr. Ich bin eigentlich ständig auf der Suche, recherchiere nach artverwandten Bands. Was meinen Geschmack betrifft, hat es noch nie so viel gute Musik gegeben wie im Moment.

Was war Ihr bestes Konzert der letzten Jahre?

Mehmt Scholl: Ich habe Arcade Fire in München gesehen, vor 200 Leuten. Beim nächsten Mal haben sie dann vor 7000 Leuten gespielt, da war natürlich die Hölle los. Gerade habe ich auch Noah and the Whale wieder vor so einer kleinen Kulisse gesehen. Das wird es in dieser Form nie wieder geben. Nach dem Konzert bin ich ganz glücklich nach Hause gegangen.

Was ist das Besondere an Konzerten im kleinen Kreis?

Mehmt Scholl: Man ist ganz nah dran. Man konnte gerade bei diesen beiden Bands sehen, wie die Menschen um einen herum sprachlos waren, weil die Energie dieser Bands alle umgehauen hat. Die Stimmung war so überwältigend, dass sich auch keiner mehr bewegt hat und nicht geklatscht und gehüpft wurde. Diese Wucht hatte keiner so erwartet.

Was passiert mit dem Label, wenn Sie in naher Zukunft einen Posten als Cheftrainer in der Bundesliga annehmen?

Mehmt Scholl: Das wird, wenn es überhaupt dazu kommt, noch ein paar Jahre dauern.

Würden Sie sich in den Vertrag schreiben lassen, dass Sie nebenher noch das Labelgeschäft betreiben können?

Mehmt Scholl: Das würde ich im Moment schon noch hinkriegen. Wir haben ja gerade einmal eine Festangestellte und eine Halbtagskraft. Wir wollen das Label so aufbauen, dass es gesund wächst. Wenn wir den einen oder anderen Arbeitsplatz schaffen, hat sich das Ganze schon gelohnt. Es geht nicht um die Weltherrschaft.

Was dürfen die Bands von Ihrem Label erwarten?

Mehmt Scholl: Die Bands haben bei uns absolute künstlerische Freiheit. Wenn wir uns für jemanden entschieden haben, quatschen wir denen nicht rein. Es ist aber schwierig, erstmal bei uns reinzukommen. Wir drei haben alle einen unterschiedlichen Geschmack und stimmen nicht demokratisch ab. Entweder sind alle überzeugt oder wir lassen es. Wir hatten im ersten Monat 43 Anfragen, die ich mir alle angehört habe.

War etwas Interessantes dabei?

Mehmt Scholl: Ich möchte nichts vorweg nehmen, aber eine Band war zwischen gut und super. Der nächste Schritt ist jetzt, dass sie uns auch live überzeugen muss. Wir organisieren in solchen Fällen spontane Hörproben, kleinere Konzerte mit 60, 70 Zuschauern. Da sieht man dann ganz schnell, ob die Band die Leute packen kann.

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