20.06.2007

Max Lorenz im Interview

„Fußball ist kein Nonnenhockey“

Max Lorenz war dabei, als die Bundesliga gegründet wurde. Noch heute schwärmt er von dieser Pionierzeit, dem schönen Dragomir Ilic, der 5000 Frauen ins Stadion lockte, dem Bierchen am Pflegetag und von der Erfindung des Liberos.

Interview: Maik Großmann Bild: imago
Werder war Dauer-Vize der Oberliga-Nord, kam im ersten Bundesligajahr auf Rang 10. Wie war es möglich, dann plötzlich Deutscher Meister zu werden?

Wir haben uns im zweiten Jahr großartig verstärkt, und wir haben den Libero eingeführt. Unser Trainer Multhaup war unheimlich modern in allem, wie er sich gegeben hat und wie er auch den Fußball neu erfunden hat. Nicht Bayern München mit Franz Beckenbauer, sondern wir in Bremen haben den Libero erfunden. Das war ‘ne Umstel­lung, daran mussten wir uns erstmal gewöhnen, aber Helmut Jagielski, einer der besten Spieler seiner Zeit, hat die Rolle optimal ausgefüllt. Und plötzlich hat alles gepasst, wir hatten eine unschlagbare Truppe zusammen. Und was vor allem oft unterschätzt wird: Man muss eine gute und ehrliche Bank haben, das ist wichtig.

Nun sind Sie aber kaum mit dem Ziel Meisterschaft in die Saison gestartet. Ab wann haben Sie daran geglaubt?

Das merkte man förmlich. Das Wort Motivation gab´s bei uns nicht. Wir sind schon morgens aufgestanden und haben uns gefreut, wenn wir zum Training gehen konnten. Multhaup hat draußen gestanden, hat sich mit den Zuschauern unterhalten, und wir haben trainiert. Da gab´s noch keine zwei oder drei Co-Trainer, aber das lief trotzdem. Wir haben auch fast immer mit elf Spielern durchgespielt, und wenn jemand mal eine Verlet­zung hatte, dann hat er sie verschwiegen. Raus und gewinnen war für uns eine Selbstver­ständ­lichkeit. So haben wir auch unsere Gegner empfangen, und wenn sie auf dem Platz waren, haben wir sie fertig gemacht. Und so sind wir Meister geworden.

Vermutlich wurde danach ein wenig gefeiert.

Oh ja, das bleibt unvergessen. Wir hatten das letzte Spiel in Nürnberg und hatten schon Wochen vorher einem Sponsor versprochen, am nächsten Tag noch ein Freundschaftsspiel in Lichtenfels zu machen. Da wohnten wir also dort in einem Hotel und haben richtig Gas gegeben. Wir haben gefeiert, dass sich die Balken gebogen haben. Nur mussten wir am nächsten Tag noch gegen diese Mannschaft spielen, und ich muss gestehen, dass nicht alle schon wieder nüchtern waren, mich eingeschlossen. Und so ging es weiter. Die Zugfahrt nach Bremen mit all den jubelnden Menschen auf den Bahnhöfen, der Empfang in Bremen, dann auf dem wunderschönen Balkon zu stehen. Wenn ich daran denke, stellen sich mir heute noch die Härchen auf.

Wie muss man sich das Nachtleben eines Profifußballers denn vorstellen? Kann man es überhaupt richtig krachen lassen?


Wir sind sicher keine Engel gewesen. Zum Beispiel haben wir uns auch am Montag nach dem Pflegetag immer auf ein Bierchen getroffen, das gehörte einfach dazu. Meist war die halbe Mann­schaft in der Stamm­kneipe, und irgendwann mussten wir das Lokal wechseln, weil die Leute bald Schlange standen und mit uns feiern wollten.

Stand denn auch damals schon hinter jeder Hecke ein Fotograf?

Ja, das ging los. So durchsichtig wie heute waren wir noch nicht, aber es hat sich eben rumgesprochen. Wir mussten schon vorsichtig sein und haben deswegen dann auch mal einen Stellungs­wechsel vollzogen. Denn es wurde auch geredet. Wenn es mal nicht so lief, hieß es gleich ‚Ah hier, die waren wieder in der Kneipe´. Und wenn mal einer den Führerschein verloren hat, dann stand das genauso in der Zeitung wie heute.

War Werder auch im nächsten Jahr noch eine Spitzenmannschaft?


Eigentlich sind wir ja fast wieder Meister geworden, nur gab es immer wieder Verletzungen. Jagielski fiel mit einem Band­scheibenvorfall lange aus, Matischak hatte Knieprobleme und fand nicht wieder so rein. Operationen waren ja damals auch viel komplizierter. Dann gab es auch Ergänzungsspieler, die nicht gleich so gepasst haben. Im Großen und Ganzen haben wir auch die dritte und vierte Saison bravourös hingelegt.

Aber irgendwann ging doch der Abstiegskampf los.

Ich sag´s, wie es ist: Der ging doch erst los, als sie mich verkauft haben. Die Werderaner waren finanziell ganz schwach; ich hatte zwar noch Vertrag, aber mich wollten mehrere Vereine. Als mehrfacher Nationalspieler standen mir auch andere Bezüge zu, und Braunschweig hat einfach ein viel besseres Angebot gemacht. Das ging dann mit dem Bundesligaskandal etwas blöd zu Ende, aber bereut habe ich die Entscheidung nie. Außerdem war für mich immer klar, dass ich irgendwann nach Bremen zurückkehren würde. Und Werder hat damals auch die größte Ablöse der Liga bekommen.

Wie würden Sie Werders Entwicklung in den 60ern insgesamt bewerten?


Es war ein Up and Down. Klar, später haben wir geschwächelt. Nachdem ich verkauft war, hat man die so genannte Speckflaggenmannschaft zusammengekauft, das war mehr Masse als Klasse, und der Zusammenhalt ging verloren. Aber vorher waren wir einfach ein toller Haufen.

-----------

Dieses Gespräch führte Kollege Maik Großmann von fussballdaten.de www.fussbaldaten.de .

Es stammt aus der lesenswerten Reihe „Mein Verein: Werder Bremen - Chronik der 60er Jahre“ www.fussballdaten.de/shop/?kategorie=Reihe%20Mein%20Verein .

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden