Max Lorenz im Interview

„Fußball ist kein Nonnenhockey“

Max Lorenz war dabei, als die Bundesliga gegründet wurde. Noch heute schwärmt er von dieser Pionierzeit, dem schönen Dragomir Ilic, der 5000 Frauen ins Stadion lockte, dem Bierchen am Pflegetag und von der Erfindung des Liberos.
Heft #69 Sonderheft 2007/08
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Herr Lorenz, erinnern Sie sich an Ihr erstes Bundesligaspiel?

Wie könnte ich das vergessen! Das war gegen Dortmund im Weserstadion, und nach 30 Sekunden lagen wir schon mit 0:1 hinten. Es war das erste Tor überhaupt in der Liga, aber am Ende haben wir noch gewonnen.

Und der historische Schütze hieß Timo Konietzka. War er nicht Ihr Gegenspieler?

Richtig, aber in dem Fall hat er sich zurückgezogen, und ich musste den Emmerich angreifen. Aber Gott sei Dank hab ich ihn dann - das weiß Timo auch! - sehr gut im Griff gehabt wie eigentlich immer. Das war ein exzellenter Fußballer, wir haben viele Jahre gegeneinander gespielt, und wir freuen uns immer, wenn wir uns wieder sehen. Ich glaube, dieses Tor wurde Jahre später noch mal vor einem Werder-Spiel nachgestellt, weil es ja keine Kamera eingefangen hatte.

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Vorher hatten Sie für Werder noch einige Ober­liga-Spielzeiten absolviert. War das eher Lust oder eher Frust?

Das war dramatisch und voll Spannung. Vor allem bin ich heute noch froh und stolz, mit einem Dragomir Ilic, den ich als Junge noch im Stadion bewundert hatte, zusammengespielt zu haben. Der war ja ein großer Gentleman der 60er Jahre. Der sah so gut aus mit seinem Bärtchen, dass er schon 5.000 Frauen extra ins Stadion geholt hat. Und dann Willi Schröder, dessen Name leider fast vergessen ist. Einer der besten Fuß­baller seiner Zeit und auch Liebling von Sepp Herberger. Für mich mit meinen 20 Jahren war die Oberliga schon was Besonderes.

Wie groß war die Rivalität zum HSV? War es eine andere als heute?

Da hat sich nichts geändert. Man weiß zwar, Fußball ist kein Nonnenhockey, und die hatten auch ein paar Spieler, die richtig zur Sache gingen, aber es lief immer alles sehr fair ab. Die Spiele gegen den HSV waren schon immer absolute High­lights. Ich glaube, es gibt kein Spiel, das einmal nicht ausverkauft war. Und die Rivalität besteht, ich würde mal sagen, seit 100 Jahren.

Im letzten Oberliga-Jahr hätten Sie den HSV fast gepackt. Hätte in einer nächsten Saison der Meister des Nordens Werder geheißen?

Ja, wir waren ja auf dem Sprung. Wir waren ja in den ersten Jahren in der Bundesliga die viel bessere Mannschaft, hatten mehr Glück mit den Neuver­pflichtungen, und im zweiten Jahr waren wir eigentlich gar nicht mehr zu schlagen.

Wie haben Sie die Bundesliga-Gründung erlebt?


Dabei sein zu können, war sehr bedeutend. Im Grunde für jeden Einzelnen, denn vorher war es noch so ein Zwitter Beruf/Fußball. Einige haben sich dann für den Beruf entschieden und haben gesagt, ne, das Aben­teuer machen wir nicht mit. Ich war ein junger Kaufmann bei Jacobs Kaffee und habe im ersten Jahr noch weiter gearbeitet, bis wir endgültig Profis wurden. Anders war es auch bald nicht mehr möglich, denn man brauchte dann eine Top-Vorbereitung und zweimal am Tag Training, um überhaupt zu bestehen. Davon hat man uns dann überzeugt.

Statt gegen Altona und Hildesheim spielten Sie gegen Köln und Nürnberg. Wie groß war die sportliche Umstellung?

Das war nicht so schwer, weil wir die meisten Gegner aus der alten Meisterschafts-Endrunde kannten. Nur, dass die großen Kaliber jetzt jede Woche kamen. Vor allem hat es Spaß gemacht; da war immer Leben in der Bude, wenn dann Schalke, 1860 und später die Bayern mit Becken­bauer, Maier und Müller kamen. Leichte Gegner gab´s nicht mehr. Selbst Preußen Münster, wenn ich daran denke, hatte eine tolle Fußballmannschaft, ist leider im ersten Jahr gleich abgestiegen und hat sich nie wieder erholt. Oder Borussia Neunkirchen und Saarbrücken. Der Kampf war eben doch härter, und wenn man da keine gute Truppe hatte, ist man auf der Strecke geblieben.

Werder war Dauer-Vize der Oberliga-Nord, kam im ersten Bundesligajahr auf Rang 10. Wie war es möglich, dann plötzlich Deutscher Meister zu werden?

Wir haben uns im zweiten Jahr großartig verstärkt, und wir haben den Libero eingeführt. Unser Trainer Multhaup war unheimlich modern in allem, wie er sich gegeben hat und wie er auch den Fußball neu erfunden hat. Nicht Bayern München mit Franz Beckenbauer, sondern wir in Bremen haben den Libero erfunden. Das war ‘ne Umstel­lung, daran mussten wir uns erstmal gewöhnen, aber Helmut Jagielski, einer der besten Spieler seiner Zeit, hat die Rolle optimal ausgefüllt. Und plötzlich hat alles gepasst, wir hatten eine unschlagbare Truppe zusammen. Und was vor allem oft unterschätzt wird: Man muss eine gute und ehrliche Bank haben, das ist wichtig.

Nun sind Sie aber kaum mit dem Ziel Meisterschaft in die Saison gestartet. Ab wann haben Sie daran geglaubt?

Das merkte man förmlich. Das Wort Motivation gab´s bei uns nicht. Wir sind schon morgens aufgestanden und haben uns gefreut, wenn wir zum Training gehen konnten. Multhaup hat draußen gestanden, hat sich mit den Zuschauern unterhalten, und wir haben trainiert. Da gab´s noch keine zwei oder drei Co-Trainer, aber das lief trotzdem. Wir haben auch fast immer mit elf Spielern durchgespielt, und wenn jemand mal eine Verlet­zung hatte, dann hat er sie verschwiegen. Raus und gewinnen war für uns eine Selbstver­ständ­lichkeit. So haben wir auch unsere Gegner empfangen, und wenn sie auf dem Platz waren, haben wir sie fertig gemacht. Und so sind wir Meister geworden.

Vermutlich wurde danach ein wenig gefeiert.

Oh ja, das bleibt unvergessen. Wir hatten das letzte Spiel in Nürnberg und hatten schon Wochen vorher einem Sponsor versprochen, am nächsten Tag noch ein Freundschaftsspiel in Lichtenfels zu machen. Da wohnten wir also dort in einem Hotel und haben richtig Gas gegeben. Wir haben gefeiert, dass sich die Balken gebogen haben. Nur mussten wir am nächsten Tag noch gegen diese Mannschaft spielen, und ich muss gestehen, dass nicht alle schon wieder nüchtern waren, mich eingeschlossen. Und so ging es weiter. Die Zugfahrt nach Bremen mit all den jubelnden Menschen auf den Bahnhöfen, der Empfang in Bremen, dann auf dem wunderschönen Balkon zu stehen. Wenn ich daran denke, stellen sich mir heute noch die Härchen auf.

Wie muss man sich das Nachtleben eines Profifußballers denn vorstellen? Kann man es überhaupt richtig krachen lassen?


Wir sind sicher keine Engel gewesen. Zum Beispiel haben wir uns auch am Montag nach dem Pflegetag immer auf ein Bierchen getroffen, das gehörte einfach dazu. Meist war die halbe Mann­schaft in der Stamm­kneipe, und irgendwann mussten wir das Lokal wechseln, weil die Leute bald Schlange standen und mit uns feiern wollten.

Stand denn auch damals schon hinter jeder Hecke ein Fotograf?

Ja, das ging los. So durchsichtig wie heute waren wir noch nicht, aber es hat sich eben rumgesprochen. Wir mussten schon vorsichtig sein und haben deswegen dann auch mal einen Stellungs­wechsel vollzogen. Denn es wurde auch geredet. Wenn es mal nicht so lief, hieß es gleich ‚Ah hier, die waren wieder in der Kneipe´. Und wenn mal einer den Führerschein verloren hat, dann stand das genauso in der Zeitung wie heute.

War Werder auch im nächsten Jahr noch eine Spitzenmannschaft?


Eigentlich sind wir ja fast wieder Meister geworden, nur gab es immer wieder Verletzungen. Jagielski fiel mit einem Band­scheibenvorfall lange aus, Matischak hatte Knieprobleme und fand nicht wieder so rein. Operationen waren ja damals auch viel komplizierter. Dann gab es auch Ergänzungsspieler, die nicht gleich so gepasst haben. Im Großen und Ganzen haben wir auch die dritte und vierte Saison bravourös hingelegt.

Aber irgendwann ging doch der Abstiegskampf los.

Ich sag´s, wie es ist: Der ging doch erst los, als sie mich verkauft haben. Die Werderaner waren finanziell ganz schwach; ich hatte zwar noch Vertrag, aber mich wollten mehrere Vereine. Als mehrfacher Nationalspieler standen mir auch andere Bezüge zu, und Braunschweig hat einfach ein viel besseres Angebot gemacht. Das ging dann mit dem Bundesligaskandal etwas blöd zu Ende, aber bereut habe ich die Entscheidung nie. Außerdem war für mich immer klar, dass ich irgendwann nach Bremen zurückkehren würde. Und Werder hat damals auch die größte Ablöse der Liga bekommen.

Wie würden Sie Werders Entwicklung in den 60ern insgesamt bewerten?


Es war ein Up and Down. Klar, später haben wir geschwächelt. Nachdem ich verkauft war, hat man die so genannte Speckflaggenmannschaft zusammengekauft, das war mehr Masse als Klasse, und der Zusammenhalt ging verloren. Aber vorher waren wir einfach ein toller Haufen.

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Dieses Gespräch führte Kollege Maik Großmann von fussballdaten.de www.fussbaldaten.de .

Es stammt aus der lesenswerten Reihe „Mein Verein: Werder Bremen - Chronik der 60er Jahre“ www.fussballdaten.de/shop/?kategorie=Reihe%20Mein%20Verein .

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