02.06.2013

Max Kruse und Jan Rosenthal über Freiburg, Müsli und die Zukunft

»Hochdeutsch müssen die noch mal üben«

Für unsere aktuelle Ausgabe 11FREUNDE #139 reisten wir in den Breisgau, um zu erfahren, was den SC Freiburg in dieser Saison ausgemacht hat. Dafür trafen wir auch die Leistungsträger Max Kruse und Jan Rosenthal, die den Klub nun verlassen weren. Ein Gespräch über Doppelbelastungen, Obstmüsli und den Aderlass beim SC Freiburg.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago

Jan Rosenthal und Max Kruse, mit welchen Empfindungen verlassen Sie den SC Freiburg am Ende dieser Saison?
Kruse: Optimistisch. Im Moment läuft es doch sehr gut.
Rosenthal: Bin ich auch. Ich hatte in meiner Freiburger Zeit viel Erfolg, ich kenne meinen Körper und habe noch ein paar Jahre als Profi vor mir. Aber natürlich weiß man immer erst im Nachhinein wie gut man es hatte. Ich bin jedenfalls überzeugt, dass es nur wenige Klubs gibt, die menschlich so gut zu mir passen wie der SC.

Was ist das Besondere am SC Freiburg?
Rosenthal: Hier werden viele Dinge an der Wurzel gepackt und intelligent kontrolliert. Es wird viel auf die Eigenverantwortung der Spieler gesetzt. Woanders wird Profis fast alles vom Verein abgenommen.

Wir muss man sich das vorstellen?
Rosenthal: Ein Beispiel: Es gibt oft das Problem, dass Spieler sich gern mal vor dem Training ein Croissant von der Tankstelle holen. Woanders organisiert der Verein ein Catering, der das Essen liefert, damit die Spieler morgens vernünftig essen. Das ändert aber nichts am Kern, denn die Jungs kommen trotzdem erst um zehn zum Training und da macht sich keiner noch schnell ein Obstmüsli. Was macht es also für einen Sinn, wenn ein Verein professioneller wird, aber den Spielern noch mehr den Hintern nachträgt? In Freiburg erklärt der Physio in die Kabine, was im Essen drin ist und worauf man achten sollte. Das ist ein Grund, warum der SC im Vergleich zu größeren Vereinen relativ erfolgreich ist.

Aber ein Fußballteam ist sehr heterogen mit vielen unterschiedlichen Charakteren. Bringen alle Profis hier das Verständnis mit, sich besser zu ernähern?
Rosenthal: In Freiburg haben das achtzig bis neunzig Prozent der Spieler verinnerlicht. Die anderen, die das nicht so machen – zum Beispiel Max – …
Kruse: …vorsicht, mein Lieber, vorsicht… (lacht)
Rosenthal: …die wissen trotzdem, wie sie ihr Leben zu führen haben. Ein Co-Trainer hat mal gesagt, wenn Max Kruse vor dem Spiel den Spaziergang macht, hat er eine Körperspannung wie ein Blatt im Wind. Aber beim Anpfiff ist er voll da und hat die Einstellung. Auch diese Freiheit, sich so vorzubereiten wie man möchte, wird in Freiburg gefördert und in hohem Maße dem Spieler überlassen.

Gibt es in diesem Team auch Spieler, die ausscheren?
Rosenthal: In Freiburg werden die Allermeisten hier von der Mannschaft zurechtgewiesen. Meistens reicht es, dass der Kapitän sagt: »Mach das doch bitte uns zuliebe«.

Sind Sie eher der Instinktfußballer, Max Kruse?
Kruse: Offenbar habe ich das Glück, dass ich mir über viele Sachen einfach keine Gedanken mache. Sowas wird einem mitgegeben, da kann ich gar nichts dafür.
Rosenthal: Instinktfußballer sind wir beide, auf dem Platz sind wir gar nicht so anders. Da versuche ich auch den Kopf auszuschalten und über gar nichts nachzudenken.
Kruse: Aber das ist nicht so einfach. Früher habe ich mir oft Gedanken gemacht, wenn Sachen nicht geklappt haben. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich eine andere Einstellung dazu gefunden habe. Heute sage ich mir: »Komm, scheiß egal, du weißt was du für ein Potential hast, konzentriere Dich auf Deine nächste Aktion«.
Rosenthal: In der Hinsicht beneide ich Max ein bisschen. Das würde ich auch gerne öfter so machen. Mir ist bewusst, dass es der richtige Weg ist. Grade jetzt, wenn man eine Entscheidung für die nächsten Jahre getroffen hat, aber trotzdem noch im Hier und Jetzt leben will, um die Erfolge mit dem SC Freiburg zu genießen.

Haben Sie sich in den vergangenen Monaten manchmal Gedanken um die Gesundheit von Christian Streich gemacht?
Kruse: Natürlich hat man ihm angemerkt, dass der Fokus sehr auf den letzten Spielen lag. Er hätte sehr gerne das Pokalfinale erreicht. Keine Frage, er ist ein Typ, der den Fußball lebt. Er ist ein Teil der Mannschaft wie wir, aber hat noch etwas mehr Druck.
Rosenthal: Dann kam die Personalie im Management dazu, wo er im Hintergrund viel zu tun hatte. Aber das hat er komplett von uns weggehalten. Trotzdem haben wir schon gemerkt, dass er sich für die letzten Spiele nochmal komplett neu aufstellen musste.

Kruse: Sowas passiert halt. Aber auch aus solchen Phasen musst man wieder rauskommen. Nach den hohen Niederlagen gegen Wolfsburg und Dortmund haben wir uns alle gesagt: »Jetzt müssen wir die Saison irgendwie zu Ende bringen.« Und haben versucht genau da weiterzumachen, wo wir vor den Niederlagen aufgehört haben. Wir haben an die Qualität im Team geglaubt. So wie wir hat auch der Trainer die große Fähigkeit, aus schlechten Phasen schnell wieder rauszukommen.

Am Spielfeldrand wirkt Streich mitunter manisch. Wie sehr nimmt ihn der Druck mit?
Rosenthal: Ich glaube, den Einfluss der Medien hat er noch nie so extrem erlebt. Auch wenn er versucht hat, überall die Dinge zu kontrollieren, hat es ihn doch überrascht, dass manche Interna den Weg in die Öffentlichkeit fanden. Ich glaube, er hat gelernt, dass vieles anders läuft als bei den Jugendmannschaften.

Hat es ihn getroffen, dass gleich vier Leistungsträger weggehen?

Rosenthal: Auch wenn er es nicht zugibt, das mit den Abgängen hat ihn mitgenommen. Aber es ist ja ein gutes Zeichen, dass er versucht, die Mannschaft zusammenzuhalten. Alles was mit Beratern und Wechseln zu tun hat, ist auch für ihn ein Lernprozess, denn er ist überall mit Haut und Haar dabei und manchmal kämpft er da auch mitunter gegen Windmühlen. Diese Saison war anstrengend, aber auf mich wirkt er jetzt sehr aufgeräumt und entspannt.

Inwieweit haben Sie Christian Streich bei der Entscheidungsfindung zu Ihrem Wechsel miteinbezogen?
Kruse: Der Trainer hat mir von vornherein gesagt, wenn mal was sein sollte, würde er es gerne wissen, um Planungssicherheit zu haben. Da war von Anfang an ein offener Umgang. Ich habe ihn also umgehend informiert, als meine Entscheidung feststand. Aber vorher musste ich mir schon allein Gedanken machen.
Rosenthal: Bei mir war es eine andere Situation, denn ich gehe ablösefrei. Der Verein konnte also zu jeder Zeit an mich herantreten und mit mir Gespräche führen. Ich habe allerdings immer gesagt, was meine Überlegungen sind. Das waren im November die gleichen wie im Februar. Nur das dann eben ein konkretes Angebot vorlag. Zu diesem Zeitpunkt war der Trainer informiert. Andere hätten an meiner Stelle vielleicht gepokert. Allerdings hat es mir viel bedeutet, dass er nicht gesagt hat: »Das kannst Du doch nicht machen – ausgerechnet nach Frankfurt!«. Alles in allem sind Max und ich ganz gut dabei weggekommen, weil der Trainer sich mit Lucien Favre und Armin Veh fußballerisch und menschlich mit am besten versteht in der Liga.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden