Max Kruse über eine Reise zum perfekten Zeitpunkt

»Das war meine letzte Chance«

Gladbachs Stürmer Max Kruse debütierte erst im Alter von 25 Jahren für die Nationalmannschaft. Ein Gespräch über spätes Genießen, frühes Schludern und eine Reise zum perfekten Zeitpunkt.

Max Kruse, wissen Sie eigentlich, dass es noch einen anderen berühmten Max Kruse gibt?
Ja, der hat ein Buch geschrieben. Oder wahrscheinlich mehrere Bücher.

Sein bekanntestes Buch ist »Urmel aus dem Eis«. Kennen Sie das?
Ich habe davon gehört, gelesen habe ich es nicht.

Es geht darin um einen kleinen Dinosaurier, der das Aussterben seiner Gattung sozusagen im ewigen Eis überlebt. Erkennen Sie Parallelen zu Ihrer eigenen Geschichte?
Inwiefern?

Sie sind erst mit 25 Jahren Nationalspieler geworden. Dadurch wirken Sie auch wie ein Überlebender aus einer anderen Zeit.
Stimmt, heute kommt es eher selten vor, dass man in diesem Alter noch Nationalspieler wird. Aber für mich ist nur wichtig, dass ich es überhaupt geschafft habe.

Warum hat es bei Ihnen so lange gedauert?
Mir hat einfach die Konstanz gefehlt. Ich hatte immer mal ein halbes Jahr, in dem ich richtig gut gespielt habe. Aber genauso gab es Phasen, in denen meine Leistung viel zu schwankend war. Wenn man nur mein Alter nimmt, habe ich tatsächlich relativ lange gebraucht. Aber für mich selbst ging es in den vergangenen beiden Jahren relativ schnell. Die letzte Saison war mein erstes richtiges Jahr in der Bundesliga. Danach durfte ich gleich bei der Nationalmannschaft dabei sein. Etwas Glück gehört natürlich auch dazu: Für mich kam die USA-Reise genau zum richtigen Zeitpunkt. Das war perfekt.

Wie meinen Sie das?
Die meisten haben wahrscheinlich gedacht, dass die Spieler, die dort debütiert haben, nicht mehr allzu oft bei der Nationalmannschaft dabei sein werden. Und es ist auch diskutiert worden, ob die beiden Länderspiele überhaupt Sinn machen, wenn die meisten etablierten Nationalspieler fehlen. Ich muss sagen: Für jemanden, der zum ersten Mal dabei war, hat diese Reise sehr, sehr viel Sinn gemacht. Ich hatte ein gutes Jahr im Verein, und im Anschluss hatte ich in den USA zehn gute Tage mit der Nationalmannschaft.

Sie scheinen auch perfekt in das Anforderungsprofil von Bundestrainer Joachim Löw zu passen. Er schätzt Stürmer, die spielstark und wendig sind.
Ich bin sicherlich kein Strafraumstürmer wie Miroslav Klose oder Mario Gomez. Aber die Grenzen zwischen Mittelfeld und Angriff verschwimmen, immer mehr Mittelfeldspieler werden im Angriff eingesetzt. Mir ist es eigentlich egal, ob ich im Sturm oder im Mittelfeld zum Einsatz komme. Bei Bremens Amateuren habe ich sogar mal auf der Sechs gespielt, bei den Profis in einem Freundschaftsspiel links hinten in der Viererkette.

Was macht die Position im Sturm so schön?
Man kann die Tore machen. Man ist also im Grundsatz dafür verantwortlich, ob die Mannschaft gewinnt.

Welche Rolle hat Ihr früherer Trainer Christian Streich für Ihre Entwicklung gespielt?
Für mich war er der optimale Trainer. Er hat mich weit nach vorne gebracht. Streich hat mich nach Freiburg geholt, und er hat mich in den Sturm gestellt. Das sind die Hauptfaktoren dafür, dass ich es in die Nationalmannschaft geschafft habe.

Trotzdem haben Sie Freiburg nach nur einem Jahr verlassen. Hatten Sie das Gefühl, Sie haben in Ihrem Alter nicht mehr viel Zeit, sondern müssten jetzt unbedingt den nächsten Schritt machen?
Mit dem Alter hat das nichts zu tun. Ich glaube einfach, dass ich so gereift bin, dass ich den Schritt schon nach einem guten Jahr in der Bundesliga wagen kann. Natürlich hatten wir mit Freiburg eine sensationelle Saison, aber ich habe den Anspruch, mich weiter zu verbessern und wieder um die europäischen Plätze zu spielen. Da sehe ich in Mönchengladbach einfach die bessere Perspektive.

Neue Stadt, neue Mannschaft, neuer Trainer – ist das kein Wagnis?
Es gibt Typen, für die es wichtig ist, ein sicheres Umfeld zu haben. Andere sind halt weltoffen und haben keine Probleme, sich in einer neuen Umgebung zurechtzufinden. Dazu zähle ich mich. Bei mir geht das relativ schnell. Ich brauche keine lange Anlaufzeit.

Ärgern Sie sich im Nachhinein umso mehr, dass Sie zu viel wertvolle Zeit verschwendet oder verloren haben?
Ich sehe das nicht als verlorene Zeit. Natürlich fange ich erst mit 24, 25 richtig an, den Fußball zu genießen. Aber ich bin jetzt da, wovon ich immer gedacht habe, dass ich mit meinem Potenzial sein müsste. Und ich habe noch genug Zeit.

Sie haben mal gesagt, in Ihrem Alter bliebe nicht mehr viel Zeit, um sich zu verbessern.
Das ist so. Ich glaube, das war meine letzte Chance, in der Nationalelf Fuß zu fassen. Wenn es jetzt nicht geklappt hätte, wäre es wohl vorbei gewesen. Spätestens mit 28, 29 ist man an einem Punkt, wo man nicht mehr viel lernt, sondern die meisten Sachen schon können sollte. Aber so alt bin ich ja noch nicht.

Was hat bei Ihnen die Erkenntnis ausgelöst, dass Sie Ihre Chance jetzt nutzen müssen?
Ich glaube, der Auslöser war der Abstieg mit dem FC St. Pauli. Ich wäre damals gerne in der Ersten Liga geblieben, aber die passenden Angebote haben einfach gefehlt. Da macht man sich schon seine Gedanken: Warum will dich jetzt keiner haben? Für mich war das ein Ansporn. Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich einfach mehr drauf habe, als in der Zweiten Liga Fußball zu spielen.

Welche Schlüsse haben Sie daraus gezogen?
Mir ist klar geworden, dass ich mich zu lange auf meine Begabung verlassen habe. Irgendwann merkt man, dass Talent alleine nicht mehr reicht. Ohne Arbeit ist es nichts wert. Also habe ich verstärkt an mir gearbeitet. In den vergangenen drei Jahren habe ich für die Sommerpause einen Fitnesstrainer engagiert, ich verbringe auch sonst viel mehr Zeit im Kraftraum.

Sie sollen auch Ihre Ernährung umgestellt haben.
Ich habe nicht alles komplett umgestellt. Das wäre jetzt übertrieben. Das Wichtigste für einen Fußballer ist, dass er sich in seinem Körper wohl fühlt. Das tu’ ich weiterhin. Aber man sollte schon ein bisschen darauf achten, dass man sich nicht zweimal am Tag irgendwelche fetthaltigen Dinge reinhaut.

Wissen Sie, was für den früheren Trainer Hans Meyer das Wichtigste für einen Fußballprofi ist?
Nein.

Viel schlafen, am besten neun Stunden am Tag.
Das halte ich zum Beispiel nicht ein. Meistens jedenfalls. Grundsätzlich reichen mir sieben, acht Stunden.

Es sollte auch eine Anspielung auf Ihre Nominierung für die Länderspiele gegen Österreich und die Färöer sein. Als Joachim Löw angerufen hat, haben Sie noch geschlafen.
Geschlafen habe ich nicht mehr, aber ich lag noch im Bett, das stimmt. Wenn wir vormittags trainieren, dann muss ich relativ früh raus. An dem Tag hatten wir aber erst um 16 Uhr Training. Und wenn wir morgens frei haben, schlafe ich auch gerne mal aus.

Haben Sie es denn noch rechtzeitig ans Telefon geschafft, um mit dem Bundestrainer zu sprechen?
Ich habe es gar nicht mitbekommen. Und zwei Minuten später hatte ich auch schon eine SMS.

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