Max Herre im Interview

„Veh? Was für ein Notnagel!“

Max Herre ist einer der beliebtesten Rapper der Republik. Im Privatleben ist der Mann Fan des VfB Stuttgart. Wir sprachen mit ihm über die sensationelle Meisterschaft, seine eigenen Fähigkeiten am Ball und Fan-Feindschaften im HipHop. Promo

Was macht die Faszination Fußball für Dich aus?

Ich glaube, weil alle gern Fußball spielen und sehr früh damit anfangen, entwickelt jeder so seinen Traum, dafür auch mal gefeiert zu werden. Das ist es, was man mit den Leuten teilt, die es später schaffen. "Hätte ich das nur ein bisschen hartnäckiger betrieben, könnte ich jetzt da unten auf dem Rasen stehen", oder so. Ich denke, genau diese Identifikation macht es aus: Dass die Leute, die spielen, eigentlich die Leute sind, die gucken. Es ist ein durchlässiges Gefüge. Das ist spannend daran.

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Gibt es noch andere Sportarten, die Dich begeistern?

Keine so wie Fußball. Fußball steht schon an erster Stelle. Aber grundsätzlich mag ich Sport sehr gerne. Ich mag Basketball. In den Achtzigern Jahren mochte ich auch Tennis irgendwie, weil alle Tennis mochten und Boris gespielt hat. Ich habe einen großen Respekt vor Sport und Sportlern – und vor der Disziplin, die solche Menschen haben.

Was ist Deine früheste Erinnerung an den Fußball?

Als ich eingeschult wurde und ich am zweiten Schultag nicht mehr hinwollte, weil es mir nicht gefiel, hat meine Mutter mich überredet und mich mit einem Paar Torwarthandschuhen bestochen. Ich habe gesagt: "Ich gehe da nicht wieder hin, wenn ich die Handschuhe nicht kriege!"

Und welches war Dein erstes Trikot?

Es müsste mein fünfter Geburtstag gewesen sein oder der sechste: Ich habe ein rotes Adidas-T-Shirt mit weißen Streifen geschenkt bekommen. Ich habe damit aber keinen VfB-Spieler verkörpern wollen, sondern wollte explizit die Sieben hinten drauf haben, weil Pierre Littbarski die Nummer getragen hat. Und dann hat mir meine Mutter auch wirklich die Sieben auf den Rücken genäht. Irgendwie fand ich den Litti besonders gut. Im Nachhinein wusste ich natürlich, warum: Er hat schließlich den Doppelpass mit sich selbst erfunden, weil er solche O-Beine hat.

Hast Du im Verein gespielt?

Ich habe beim MTV Stuttgart gespielt, aber nur drei Jahre, bis ich neun war.

Als Torwart?

Nein. Eigentlich vor der Abwehr links, kann man sagen.

Und wozu brauchtest Du die Torwarthandschuhe?

Im Hof haben wir natürlich auch gespielt, eins gegen eins, und da war man Torwart und Feldspieler gleichzeitig. Also brauchte ich Handschuhe.

War es für Dich ein Kindheitstraum, Fußballprofi zu werden?

Kann sein, dass das irgendwann mal Thema war. Aber ich glaube, ich habe mir das schnell abgeschminkt. Einmal haben wir gegen die Gleichaltrigen vom VfB Stuttgart gespielt - und 24:1 verloren. Das ist kein Witz! Da war ich sechs, wir waren also noch ganz kindlich, und der MTV war auch eher ein Verein, in dem wir zwar einheitliche T-Shirts hatten, aber die Stutzen und Hosen bunt gemischt waren. Und der VfB war schon in Uniform, die Eltern an der Seitenlinie haben die richtig gedrillt. Ich war nicht in solch einem Verein. Das war meinen Eltern auch nicht wichtig, ob das jetzt erfolgreich war oder nicht.

Du hast nach den drei Jahren MTV aber weiterhin gespielt.

Ja, als ich noch in Stuttgart wohnte, haben wir regelmäßig gespielt. Mit der Mannschaft "ICE Neckarstraße" haben wir in der Stuttgarter Stadtliga gespielt. Traditionell stand in der Neckarstraße das besetzte Haus in Stuttgart. Und da gab es eine Mannschaft, auch als das Haus schon nicht mehr besetzt war. Da habe ich noch eine Zeitlang mitgespielt. Und später haben wir dann mit Freunden gekickt, eher so sechs gegen sechs, sieben gegen sieben, auf Rasen sonntags.

Mit wem kickst Du hier in Berlin?

Anfangs haben wir hier noch im Käfig gespielt, aber das hat sich irgendwie verlaufen. Und jetzt spiele ich gerade nicht, würde aber gerne. Nur mit meinen Söhnen gehe ich sonntags manchmal spielen. Und dann sind mal andere Väter dabei, und dann kommt ein Spiel zustande. Aber dass ich jetzt so richtig mit Gleichgesinnten spiele, ist zu meinem Bedauern gerade nicht so. Dieses Auge des Tigers habe ich auch nicht mehr, wenn ich auf dem Platz stehe. Wenn ich spiele, will ich gewinnen, klar. Aber ich spiele, weil es Spaß macht und ich ein paar gute Bälle schlagen will.

Mit wem könnte man Dich auf dem Platz verwechseln: Briegel oder Maradona?

(lacht) Wow, das ist hart. Das will ich mir nicht anmaßen. Ich bin schon ballverliebt, ich spiele lieber vorne als hinten, also auch nach vorne, bin nicht so kopfballstark, aber ziemlich ballsicher. Wen gibt‘s da? Ich glaube, es hat schon eine gewisse Ästhetik, wenn ich spiele. Ich bin nicht so ein Arbeiter, bin relativ ausdauernd, aber kein Abräumer. Schon jemand, der die schönen Dinge mag.

Erinnerst Du Dich noch an Deinen ersten Stadionbesuch?

Das sind die Sachen, die die Leute immer aus dem Effeff wissen... (überlegt) Also, in den Achtziger Jahren ist man Stuttgart nicht ins Stadion gegangen in. Es gab den A-Block, es gab die Hooligans, die City Boys. Wir durften da nicht hin. Erst mit 18, 19 bin ich gegangen. Und ich weiß gar nicht, was da lief. Irgendein Ligaspiel. Aber ich bin auch heute kein regelmäßiger Stadiongänger.

Wo trifft man Dich denn samstags um 15:30 Uhr?

Ich schaue nur die ganz Wichtigen live, wenn es anfängt, um was zu gehen. Normale Ligaspiele schaue ich nicht um 15:30, das ist Wochenende, Kinderzeit. Wir gucken abends dann zusammen Sportschau. Also wenn ich da bin und nicht arbeiten muss oder auf Tour bin, dann ist das schon so ein Termin.

Wenn Du doch mal im Stadion bist: Sehen wir Dich dort als Analytiker oder als Stimmungsmacher?

Ich lasse mich schon gerne mitreißen, aber es ist natürlich sehr abhängig vom Umfeld. Ich bin nicht der auf der Gegentribüne, der mit freiem Oberkörper seinen Schal schwenkt. Aber ich kann schon anfeuern.

Ist man als Stuttgarter eigentlich automatisch VfB-Fan?

Ich habe das nie in Frage gestellt. Hansi Müller war für uns als Kind natürlich der Spieler, die Förster-Brüder, später Guido Buchwald, dann Gaudino irgendwann. Der VfB war der Verein, der in der Stadt war, und ich bin einfach so sozialisiert. Ich bin aber, wie gesagt, auch nicht so ein Hardcore-Fan, der alles mitgenommen hat. Aber ich will schon wissen wie sie gespielt haben, und wenn ich nicht arbeiten muss, dann gucke ich natürlich auch.

Was hat Dich in den letzten Jahren am VfB geärgert?

Womit immer man hadern konnte, früher natürlich, war der Präsident, MV. Das war schon eine große Diskrepanz die ganzen Jahre - die Fans und dann diese Führung. Der VfB kommt aus der Neckarvorstadt, eigentlich einem Industriegebiet, und ist traditionell ein Arbeiterverein, der plötzlich vom Großkapital repräsentiert wurde. Und das war eine Diskrepanz, die niemanden gepasst hat. Darüber musste man sich natürlich aufregen.

Und wo Du Dich schon mal aufregst...


Genauso ärgerlich war der Abgang von Felix Magath! Das war etwas, worüber alle richtig sauer waren. Die jungen Spieler hatten alle unterschrieben. Leute mit Perspektive wie Kurany, die locker hätten gehen können. Und dann geht Magath selbst zu den Bayern. Das haben ihm alle übel genommen in Stuttgart.

Dann kamen Veh und Heldt.

Niemand in Stuttgart hat auf Armin Veh gesetzt, ganz ehrlich, was für ein Notnagel! Und auch Horst Heldt: Der Vertrag als Spieler ist ausgelaufen – und dann ist er plötzlich der Manager. Das ist keine sinnvolle Konstellation, wenn der Manager noch mit den Spielern gespielt hat und plötzlich im anderen Lager steht. Aber es hat mit den beiden vor allem funktioniert, weil man immer von Spiel zu Spiel gegangen ist und sich nicht irgendetwas ausgerechnet hat.

Das wird dieses Jahr wohl nicht funktionieren.


Ich glaube auch, dass man es dieses Jahr schwerer hat. Selbst wenn man probiert, mit dieser Mentalität heranzugehen, das erst mal alles geschenkt ist und man sich Minimalziele setzt. Es ist eben schon ein gewisser Druck, als amtierender Deutscher Meister anzutreten. Aber ich glaube, die Leute in Stuttgart sind sehr versöhnlich, und die Mannschaft muss keine Hammersaison spielen. Man hat nicht damit gerechnet, und deshalb wird man jetzt auch nicht zu viel erwarten. Ich glaube, dass das alles im Pendel liegt: Der VfB ist die vierterfolgreichste Mannschaft seit Bestehen der Bundesliga, und da schlägt das Pendel halt auch mal nach oben aus.

Die Meisterschaft war also nur eine Frage der Zeit?

Nein, das haben die Jungs sich schon erarbeitet. Die Meisterschaft hat dem VfB niemand zugetraut, und auch im Nachhinein hat niemand anerkannt, dass Stuttgart einfach die Mannschaft war, die am Ende am konstantesten war. Und das war ja so, anders wird man ja nicht Meister. Und den Leuten ins Gedächtnis zu rufen, dass man amtierender Deutscher Meister ist, das macht schon Spaß.

Was hättest Du Mario Gomez als sein Berater zu dem 20 Millionen-Angebot von Juve gesagt?

Als Berater? (grinst) Als Berater hätte ich gefragt, wie viel Prozent habe ich? 20?

Schön und gut. Aber Gomez gehört doch zum VfB wie Daimler zu Stuttgart.

Ja, Gomez hat natürlich eine Riesenidentifikationsfigur, weil er Stuttgarter ist. Was hätte ich ihm also geraten? Ich wäre nicht nach Turin gegangen, und ich hätte es ihm auch nicht geraten, weil Juve einfach am Arsch ist. Die haben einen Riesenärger gehabt, haben über Jahre systematisch gedopt, sind überführt worden, haben dann noch den Schiedsrichter geschmiert... Also: das ist kein Verein, zu dem man gehen sollte.

Wenn Du HipHopper aus anderen Städten triffst, wird dann geprotzt mit der Meisterschaft? Und hält Jan Delay mit Diego dagegen?


Ein großer Teil von HipHop ist ja auch dieser Lokalpatriotismus, der darin besteht, dass man seine Stadt represented – und damit eben auch seinen Fußballverein. Da weiß ich jetzt auch nicht, warum Jan, der aus Hamburg kommt, ein Bremen-Fan ist, aber okay, es gibt auch in Stuttgart Bayern-Fans. Von der Bühne herunter ruft man sich das schon mal zu. Ich war jetzt mit Afrob unterwegs, und als wir in Stuttgart waren, haben wir uns irgendwann unsere Trikots angezogen und gefeiert.

Die Sportfreunde Stiller haben letztes Jahr ihre beiden Leidenschaften Musik und Fußball auf einfachste Art kombiniert. Wo war dein WM-Song?

Es ist schwierig. Ich sehe mich als Musiker halt nicht so als Dienstleister. Also Sportfreunde ist so ein Ding, das habe ich mir auch zurecht gehört. Man wurde ja so penetriert damit, alle Kinder haben das gesungen. Es war ja noch nicht einmal offiziell pepickt vom DFB oder von der FIFA, war aber einfach so der Song der Leute. Ich kann das respektieren auf jeden Fall. Ich mochte dieses Zahlenspiel am Anfang: "1954, `72, `90, 2006" (singt) Die haben schon die richtigen Knöpfe gedrückt.

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