20.03.2014

Max Eberl und Rainer Bonhof im Interview

»Eigengewächse zu halten, ist eine Pflicht«

Manager Max Eberl und Vizepräsident Rainer Bonhof sind Symbolfiguren des Aufschwungs bei Borussia Mönchengladbach. Mit ihnen hat der Klub sein Fahrstuhlimage abgelegt, die besten Spieler aber wird die Borussia auch weiterhin verkaufen müssen.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago
Sie haben erlebt, dass die Borussia um die Jahrtausendwende fast pleite war. Wie schwer fällt es, für einen Spieler wie Luuk de Jong vor der Saison 2012/13 insgesamt 12 Millionen Euro locker zu machen?
Eberl: Wenn wir uns ein umfassendes Bild von einem Spieler gemacht haben, bin ich auch bereit, so eine Entscheidung zu fällen. Denn nach einer langen Phase der Konsolidierung sind wir heute in der angenehmen Situation, die kompletten Transfererlöse in die Entwicklung der Mannschaft stecken zu können. Dank einer fantastischen Arbeit des Klubs in finanzieller Hinsicht.

Wie sehr erschüttert es die Borussia dann, wenn der Rekordtransfer De Jong den Erwartungen nicht gerecht wird?
Eberl: Hätten wir die Verpflichtung auf Pump gemacht, hätte es uns fundamental erschüttert. Keine Frage. Wir haben aber nur das investiert, was uns zur Verfügung stand, deshalb ist es zu verkraften, auch wenn ich zugebe, dass es nicht unbedingt schön war. Aber es gibt auch Soft Facts bei diesem Transfer.

Das heißt?
Eberl: Luuk de Jong war ein Profi, den viele Klubs holen wollten, aber er hat sich für uns entschieden. Das war ein Entwicklungsschritt. Und er hat mit seinen Spielen und Toren dazu beigetragen, dass wir Achter geworden sind. Wären wir Zwölfter geworden, wären Raffael und Max Kruse mit Sicherheit nicht zu uns gewechselt. Eigentlich hatten wir die Idee, dass die Drei gemeinsam spielen sollten, aber es entwickelte sich so, dass nur Raffael und Kruse harmonierten.

Mussten Sie sich viele dumme Sprüche wegen des De-Jong-Transfers anhören?
Eberl: Wenn ein Spieler, der so teuer war, wenig Einsatzzeiten bekommt, ist es logisch, dass da mal ein Kommentar kommt. Aber noch mal: Wir haben es auch wegen dieses Spielers geschafft, Borussia Mönchengladbach zu stabilisieren.

Auch eine Sicht auf die Dinge …
Eberl: Es geht uns nicht zwingend ums internationale Geschäft, es geht darum, hier langfristig etwas zu entwickeln. Die Saison 2012/13 war eine vorentscheidende Spielzeit für den weiteren Weg von Borussia. Der achte Rang ist in jeder Hinsicht ein Schritt in die richtige Richtung.

Bonhof: Entscheidend ist, dass wir uns einstellig in der Tabelle wiederfinden. Wenn wir stabil aufgestellt sind, wird uns der Weg mittelfristig dann auch nach Europa führen.

Klingt nach viel Realitätssinn. In welchen Punkten ähneln sich der Manager Max Eberl und sein legendärer Vorgänger Helmut Grashoff?
Bonhof: Kann man nicht vergleichen. Grashoff hat den Etat noch als Torte auf ein Stück Papier gekritzelt. Die größeren Stücke waren Günter Netzer oder Hacki Wimmer, und irgendwo ganz klein kam dann auch der kleine Onkel Bonhof. Da habe ich gesagt: »Herr Grashoff, nehmen Sie dem Netzer doch ein bisschen was weg.« Das wollte er aber nicht, also blieb alles beim Alten. Diese Strukturen haben sich völlig verändert. Grashoff hat mit vier Mann die Geschäftsstelle geschmissen, heute haben wir hier 100 Angestellte. Aber beide, Max und der Grashoff, wussten und wissen, dass man diesen Klub mit viel Fingerspitzengefühl und wirtschaftlichem Verstand entwickeln muss.

Hätten Sie sich in den Siebzigern vorstellen können, dass die sportliche Führung der Borussia einst von einem Schweizer und einem Niederbayern gestellt würde?
Bonhof: Helmut Grashoff war Hanseat. Den Einfluss von außerhalb gab es also auch damals schon. Und nun muss ich feststellen, dass sogar aus dem Süden Impulse kommen können, die der Borussia sehr gut tun.

Hängt es Ihnen nicht zum Hals raus, immer noch an den glorreichen Siebzigern gemessen zu werden?
Eberl: Wegen der »Fohlenelf« wird dieser Klub stets eine Ausnahmestellung haben. Die Geschichte von Gladbach ist einzigartig, aber sie war durch die Misserfolge der letzten Jahre auch etwas angestaubt. Wir versuchen nun, diese Idee in die Gegenwart zu übersetzen. Borussia wurde mit vielen Eigengewächsen aus der Region groß, heute versuchen wir uns einen Stellenwert mit Eigengewächsen zu erarbeiten, die wir aus Frankfurt, aus Aalen oder aus München holen. Wir müssen eine neue Story schreiben, ohne die Vergangenheit zu verdrängen.

Und? Gelingt es Ihnen?
Eberl: Bei vielen alteingesessenen Fans hat meines Erachtens ein Umdenken eingesetzt, als wir im Frühling 2011 in der Relegation spielten und parallel die Übernahme­ambitionen der selbsternannten »Initiative Borussia« den Klub erschütterten. Da wurde vielen klar, dass man nicht mehr in der Vergangenheit verharren darf.

Damals versuchte eine Gruppe um Stefan Effenberg und Horst Köppel, die Vereinsführung zu stürzen. Was wäre passiert, wenn die »Initiative Borussia« zu jener Zeit tatsächlich die Macht übernommen hätte?
Bonhof: Die hätten den Verein aufgeteilt und Anteile an Investoren verkauft, was aus meiner Sicht einem Todesurteil gleichgekommen wäre. Zum Glück ist es uns damals gelungen, den Druck von der Mannschaft wegzuhalten, die Klasse zu halten und die Vereinsmitglieder von unserem Weg zu überzeugen.

Eberl: Mich hat damals fasziniert, wie sehr sich die Mitglieder mit dem Klub identifizierten. Die Menschen sind nicht blindlings großen Namen gefolgt, sondern haben sich beide Konzepte angehört und sich letztlich für unseren Weg entschieden. Die offene Diskussion mit Argumenten bei der Mitgliederversammlung mit fast 7000 Anwesenden empfand ich als ein heftiges Gewitter, es schlug uns ordentlich um die Ohren – aber am Ende hatte es etwas Reinigendes.

Erst die Rettung in der Relegation, dann nur drei Tage später der Umsturzversuch der »Initiative Borussia«. Wie kommen Sie mit solchen Stressmomenten zurecht?
Eberl: Bei Spielen bin ich generell ganz froh, auf der Bank zu sitzen. Auf der Tribüne würde ich während des Spiels garantiert in einer Tour gegnerische Aufsichtsräte beleidigen. Beim Spiel muss ich meine Emotionen ausleben, aber in den politischen Fragen kann ich mich auch zurückhalten. Zumal die Entscheidung, welcher Führung das Vertrauen geschenkt wird, damals in der Hand der Mitglieder lag.

Gab es in dieser Phase dennoch Momente der Ohnmacht?
Eberl: Meine Familie war ein wichtiger Rückhalt. Hätte es Anfeindungen gegen meinen Sohn in der Schule oder gegen meine Frau gegeben, wäre mein Auftrag hier erledigt gewesen. Es gab eine Situation, als Medien meine Frau mitverantwortlich für das sportliche Dilemma machten, weil sie mutmaßten, sie habe mich genötigt, Michael Frontzeck als Trainer einzustellen, weil sie gut mit Michaels Frau befreundet ist. Dagegen sind wir juristisch vorgegangen und hatten am nächsten Tag eine unterschriebene Unterlassungserklärung. Aber an der Stelle, das gebe ich zu, spürte ich auch einige Momente lang Ohnmacht.
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