20.03.2014

Max Eberl und Rainer Bonhof im Interview

»Eigengewächse zu halten, ist eine Pflicht«

Manager Max Eberl und Vizepräsident Rainer Bonhof sind Symbolfiguren des Aufschwungs bei Borussia Mönchengladbach. Mit ihnen hat der Klub sein Fahrstuhlimage abgelegt, die besten Spieler aber wird die Borussia auch weiterhin verkaufen müssen.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago

Rainer Bonhof, Max Eberl, Sie eint, dass Sie als Aktive beide nicht als Filigrantechniker bekannt waren.
Rainer Bonhof: Aber ich habe erheblich mehr Tore gemacht als der Max.

In 205 Erst- und Zweitligaspielen haben Sie, Max Eberl, keinen einzigen Treffer erzielt. Selbst beim Stande von 3:0 gegen den Chemnitzer FC scheiterten Sie kurz vor Abpfiff beim Elfmeter.
Max Eberl: Daran hatte allerdings der damalige Borussia-Trainer Hans Meyer gewichtigen Anteil. Es war das letzte Spiel der Saison 2000/01, wir waren aufgestiegen, ein herrlicher Sonnentag, Jubelstimmung. Als wir in der Schlussphase den Elfer bekamen, skandierte das ganze Stadion meinen Namen. Aber Hans glaubte fälschlicherweise, dass Arie van Lent noch Torschützenkönig werden könne, er wollte mich zurückhalten und schrie die ganze Zeit, während ich von unserem Sechzehner zum gegnerischen Elfmeterpunkt lief. Mit diesem unmenschlichen Druck konnte ich nicht umgehen.

Haben Sie als Funktionär mehr Killerinstinkt als auf dem Rasen?
Eberl: Ich hatte als Fußballer vielleicht keinen Killerinstinkt, dafür aber eine aggressive, jähzornige Ader. Den Jähzorn habe ich inzwischen abgelegt, aber eine gewisse Hartnäckigkeit habe ich mir erhalten.

Hans Meyer nannte Sie den »Vorzeige­indianer vom Niederrhein«.
Eberl: Hans ist der Überzeugung, dass man allein mit Häuptlingen kein Fußballspiel gewinnt. Ich war immer ein einsatzfreudiger Spieler, der dort war, wo es brannte, aber ich war von meinen spielerischen Qualitäten eben kein Häuptling.

Als Sportdirektor kommen Sie mit der Rolle als Häuptling aber ganz gut zurecht.
Eberl: Ich sehe mich auch in der Funktion nicht als der mit dem riesigen Federschmuck, sondern als einer, der in einer Schar von Indianern das letzte Wort hat.

Rainer Bonhof, Sie waren es, der Max Eberl 1999 als Spieler zur Borussia holte.
Bonhof: Ich kannte den Max schon viel länger. Er spielte in der U20-Nationalelf, mit der wir uns 1992 für die WM in Australien qualifizierten.

Sie hatten ihn seit damals auf dem Zettel?
Bonhof: Als ich 1998 die Borussia als Trainer übernahm, brauchte ich einen Spieler, der hinten aufräumt und mit seinem Einsatzwillen, dieser Allzeit-bereit-Mentalität, die Mannschaft und das Publikum in dieser schwierigen Zeit mitreißt. Und da es nicht zwingend notwendig war, dass er als Außenverteidiger auch Tore macht, habe ich ihn mit Kusshand genommen.

Nur fünf Monate nach Ihrer Ankunft erlebten Sie den ersten Gladbacher Bundesligaabstieg in der Vereinsgeschichte.
Eberl: Schon in den ersten Tagen merkte ich, dass hier vieles im Argen lag. Rainer opferte sich als Trainer auf, die Sache wieder in die Bahn zu bringen. Aber ansonsten lief es sehr chaotisch ab.

Bonhof: Ich hatte für das Traineramt bei Borussia meinen Job beim DFB aufgegeben. Aber als ich ins operative Geschäft eingestiegen war, dachte ich nur: »Halleluja«. Die finanziellen Schwierigkeiten waren so eklatant, dass wir im Winter mit einem Bus zum Spiel fuhren, bei dem im hinteren Bereich die Heizung kaputt war. Der Klub hatte kein Geld, den Schaden zu beheben, also habe ich die Reparatur aus eigener Tasche bezahlt. Die Situation eskalierte, als uns Material im medizinischen Bereich fehlte, weil wir nicht mal das mehr finanzieren konnten.
Eberl: Die Herren, die im Winter 1998/99 meinen Vertrag unterschrieben hatten, waren drei Wochen nach meiner Ankunft allesamt weg. Ich habe deshalb auf der Geschäftsstelle nachgefragt, ob mein Vertrag überhaupt noch gültig sei.

Sie äußerten schon 1991, dass Sie sich nach der Laufbahn eine Tätigkeit im Management vorstellen könnten.
Eberl: Komischerweise habe ich mich nie groß für den Trainerberuf interessiert. Womöglich lag es daran, dass ich in 13 Jahren beim FC Bayern mitbekommen habe, wie Uli Hoeneß aus einem Ascheplatz das Trainingszentrum an der Säbener Straße aufbaute. Strukturelles Denken fasziniert mich.

Hofften Sie, dass bei einem Chaosklub wie Borussia ein Posten abfallen könnte?
Eberl: Als ich mit 31 Jahren meine Laufbahn beendete, spielte ich sportlich nicht mehr erste Geige, hätte aber in der zweiten Liga durchaus noch ein paar Jahre kicken können. Doch ich wollte bei einem großen Verein aufhören. Deswegen war es keine Frage, was ich tue, als Christian Hochstätter mir anbot, das Nachwuchszentrum zu übernehmen. Ich hatte das Prinzip der Holländer vor Augen: Die Manager und Trainer vom PSV oder Ajax haben alle in der Jugendarbeit angefangen.

Bonhof: Max hatte auf diese Weise einen wichtigen strategischen Vorteil, als er vier Jahre später zum Sportdirektor aufstieg.

Inwiefern?
Bonhof: Er hat im Nachwuchsbereich dieses Klubs gelernt und dabei mitbekommen, welche Fehler seine Vorgänger machten und wie man sie vermeidet. Das sorgt dafür, dass ihm heute kaum noch Fehler unterlaufen.

Welche Fehler macht er denn noch?
Eberl: Rainer, du Sack, warum lässt du hier Raum für Spekulationen? (Lacht.)

Bonhof: Naja, im Bereich »Laugenbrezel« kannst du nur schwer widerstehen. Im Ernst, ich habe als Vizepräsident nur wenige Wochen nach seiner Berufung zum Manager angefangen. Und wir verfolgten von Anfang an eine gemeinsame Linie. Uns war allen klar, dass wir die Jugend stärker einbinden wollen und dass wir jede Verpflichtung genau abwägen. Wir haben im Präsidium immer noch mal drübergeguckt, so dass seitdem fast jeder Transfer gegriffen hat.

Es heißt, Sie besäßen über jeden potentiellen Transfer ein detailliertes Dossier.
Eberl: Da steht vieles drin, angefangen bei den sportlichen Stärken und Schwächen, bis hin zu Auffälligkeiten wie zum Beispiel Fahrzeugkontrollen, Schlägereien oder Alkoholexzessen.

Wie kommen Sie an solche Informationen?
Eberl: Das macht unser Internetscout, im Netz kriegt man inzwischen auch ohne NSA viel über einen Menschen raus. Diese Dossiers bringen natürlich nicht die absolute Sicherheit, ob ein Spieler charakterlich zu uns passt, aber zumindest eine 80-prozentige.

Wie muss man sich die Diskussionen im Präsidium vorstellen?
Eberl: Wir haben wöchentlich eine Sitzung. So sind alle Entscheider ständig auf dem Laufenden. Das halte ich auch für wichtig, würden wir uns nur alle vier Wochen treffen, kann es nach drei Niederlagen sonst schnell mal in eine Krisensitzung umschlagen. So aber führen wir viele gute, auch kontroverse Gespräche, in denen das Präsidium fragt: »Herr Eberl, haben Sie auch dies und jenes bedacht.« Aber ich bin sehr froh, dass mit Rainer Bonhof und Hans Meyer dort geballte sportliche Kompetenz sitzt.

Auf der einen Seite der fragile Lucien Favre, auf der anderen der streitbare Hans Meyer, dazwischen moderieren Eberl und Bonhof – und schweigend dahinter die anderen Präsidiumsmitglieder?
Bonhof: Nein, da wird Plus und Minus abgewogen, alle bringen sich ein. Wenn 90 Prozent für einen Transfer stimmen, gibt’s keine weiteren Fragen, liegen wir drunter, muss ausführlicher gesprochen werden.

Eberl: Lucien und ich tragen einen Transfer ja erst an das Präsidium heran, wenn wir überzeugt sind. Aber natürlich kann es vorkommen, dass einer wie Hans Meyer kritische Fragen stellt. Es ist ja der Sinn unserer Treffen, dass wir noch mal eine Außensicht bekommen. Und wenn wir diese Fragen nicht beantworten könnten, würde das bedeuten, dass wir schlecht vorbereitet wären.

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