Maurizio Gaudino über die Eintracht Frankfurt

»Die Mannschaft hat über ihre Verhältnisse gespielt«

Mitte der neunziger Jahre hatte Maurizio Gaudino einen erheblichen Anteil an den Erfolgen von Eintracht Frankfurt. Wir sprachen mit dem Mittelfeldbeau über seine Eintracht, Christoph Daum und den Abstiegskampf. Maurizio Gaudino über die Eintracht Frankfurt

Maurizo Gaudino, Sie haben in insgesamt vier Jahren über 75 Mal das Trikot von Eintracht Frankfurt getragen. Mit welchem Gefühl schauen Sie derzeit auf die Tabelle?

Maurizo Gaudino: Mir blutet das Herz, wenn ich sehe, wo die Eintracht gelandet ist. Das ist sehr bitter für den Verein, aber  vor allem für die Fans. Und auch für Christoph Daum tut es mir persönlich leid. Ich drücke ihnen ganz fest die Daumen für ein Wunder am Samstag in Dortmund.  

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Sie trauen der Eintracht die Überraschung wirklich noch zu?


Maurizo Gaudino: Ich wünsche es dem Verein. Aber eins ist klar, Dortmund wird im letzten Heimspiel keine Punkte herschenken. Schließlich bekommen sie nach dem Abpfiff die Schale überreicht. Dennoch könnte es ein Vorteil sein, dass der Eintracht keiner mehr was zutraut. Für viele stehen sie doch schon als Absteiger fest.  

Das liegt wohl auch daran, dass die Mannschaft sowohl in Mainz als auch gegen den 1.FC Köln lethargisch wirkte. Ist den Spielern nicht bewusst, in welcher brisanten Situation sie stecken?


Maurizo Gaudino: Für die Zuschauer sieht es so aus, als ob die Spieler nicht wollen, aber die können einfach nicht. Da ist im Kopf eine Blockade. Für jeden Spieler fühlt es sich in dieser Situation an, als ob ihm jemand zwei Kühlschränke auf dem Rücken gespannt hat.

Christoph Daum galt als der ideale Mann, um genau diese Blockade zu lösen.


Maurizo Gaudino: Meiner Meinung nach ist Christoph Daum zum falschen Zeitpunkt zur Mannschaft gekommen. Er kann sieben Spiele vor dem Saisonende auch nicht mehr zaubern. Trotzdem hat er bereits beim 1.FC Köln bewiesen, dass er der richtige Mann im Abstiegskampf sein kann.  

In der Hinrunde schnupperte die Mannschaft sogar an der Europa-League, lag nur drei Punkte hinter Bayern München. Wie erklären Sie sich diesen tiefen Fall?

Maurizo Gaudino: Die Mannschaft hat zwei Jahre über ihre Verhältnisse gespielt. Jeder Spieler ist qualitativ über sich hinausgewachsen. In der Bundesliga ist es oft so, dass Mannschaften nach einer starken Hinrunde, in der Rückserie nachlassen. Die Spieler dachten vielleicht nach den ersten Niederlagen, dass sie da schon irgendwie wieder herauskommen. Und plötzlich standen sie mittendrin im Abstiegskampf.  

Sie haben die Eintracht auch im Abstiegskampf 1996 nur aus der Ferne beobachten können, weil Sie nach Mexiko verliehen worden sind. Danach gingen sie mit dem Klub in die zweite Liga. Wie war diese Erfahrung für Sie?


Maurizo Gaudino: Schrecklich. Ich persönlich bin nicht abgestiegen, dennoch musste ich den Gang in die zweite Liga antreten. Das ist für keinen Spieler schön. Man muss sich das mal vorstellen: 1994 habe noch bei der Weltmeisterschaft in den USA gespielt. Wer will da schon gerne drei Jahre später im Unterhaus spielen?  

Eintracht Frankfurt hat seit langem das Image eines Chaosklubs. Haben Sie eine Idee, wie man diesen Ruf wieder los werden kann?


Maurizo Gaudino: Ich finde, dass der Verein nach dem Bundesliga-Aufstieg 2005/06 gefestigt wirkte – sowohl sportlich als auch finanziell. Ein Abstieg wäre ein herber Rückschlag für die Arbeit der letzten Jahre.

Gehen wir vom Worst Case aus: Die Eintracht heute steigt ab. Trauen Sie dem Klub einen direkten Wiederaufstieg à la Hertha BSC zu?


Maurizo Gaudino: Wenn einige Leistungsträger gehalten werden können, gibt es zumindest eine gute Basis. Wichtig ist, dass Trainer und Manager in Ruhe arbeiten können. Nur so kann man etwas aufbauen. Denn grundsätzlich beinhaltet ein Abstieg auch immer die große Chance auf einen Neuanfang.  

Das Problem: Im Falle eines Abstiegs steht die Eintracht erstmal ohne Trainer da. Sollte der Klub dem Trend zum Jungtrainer folgen?

Maurizo Gaudino: Eintracht Frankfurt ist ein Verein mit großer Vergangenheit. Schon allein durch die Fans und dem Umfeld herrscht hier ein völlig anderer Anspruch als etwa in Mainz oder Freiburg. Wenn die Eintracht tatsächlich nächstes Jahr in der zweiten Liga spielt, sollten sie einen Trainer mit Erfahrung verpflichten. Ein schneller Wiederaufstieg muss her. Zwei, drei Jahre in der zweiten Liga wäre für den Klub eine absolute Katastrophe.

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