21.12.2006

Maurizio Gaudino im Interview

»Fuck off and get up«

Im neuen 11FREUNDE-Heft machen wir uns auf die Suche nach der Seele des englischen Fußballs. Maurizio Gaudino kann von sich behaupten, dass er sie schon gefunden hat. Er spielte einst bei Manchester City - im Gespräch bei 11freunde.de blickt er zurück.

Interview: Robert Mucha Bild: Imago
Maurizio Gaudino im Interview
Maurizio, du hast in der Saison 1994/95 ein halbes Jahr in England gespielt. Wie kam es damals zum Wechsel zu Manchester City?

Manchester City ist damals auf unseren sportlichen Leiter Bernd Hölzenbein zugekommen. Die steckten ja mitten im Abstiegskampf und suchten einen offensiven Mittelfeldspieler. Das war damals in der Winterpause, nach meinem Streit mit Jupp Heynckes. Hölzenbein kam auf mich zu, und fragte mich, ob ich mir das vorstellen könnte. Ich dachte: Warum nicht? Also sind wir zusammen rübergeflogen, und ich hab mir das angeschaut. Dann haben wir dort gleich alles festgemacht. Abgestiegen sind wir zum Glück damals nicht. Ich war allerdings nur ausgeliehen. Ich hätte einen Dreijahresvertrag unterschreiben können, aber Heynckes ging dann wieder, und Hölzenbein wollte, dass ich zurückkomme.

Hattest du Schwierigkeiten, dich in der Mannschaft und der Liga zu akklimatisieren?

In der Mannschaft nicht, aber in der Liga definitiv. Ich hatte ja nur sechs Monate, und musste zusehen, dass ich mich schnell einfinde. Durch Uwe Rösler, der damals als auch in der Mannschaft gespielt hat, hatte ich natürlich schnell Kontakt, der hat mich schnell eingeführt. Ich hatte sensationelle Mannschaftskameraden, man wird wirklich mit offenen Armen aufgenommen. Bei Michael Ballack ist es nun vielleicht anders, Chelsea besteht ja aus Weltstars, von überall zusammengekauft. In meiner Mannschaft spielten hingegen zu 80 Prozent Engländer.



Und wie war es auf dem Platz?

Zuerst nicht so gut, es wurde viel Kick and Rush gespielt. Das war ein reines 4-4-2. Bis wir vorne waren, war der Ball schon wieder hinten. Du bist praktisch nur deinem Mann hinterher gerannt und hast über dir die Bälle hin- und herfliegen sehen. Da bin ich zum Trainer gegangen und hab ihm gesagt: „Wenn das so ist, brauche ich hier nicht zu spielen.“ Darauf hat er uns dann so trainieren lassen, dass ich entgegen gekommen bin und die Bälle mit dem Fuß gespielt haben. Ab dem Zeitpunkt, so ab dem dritten oder vierten Spiel, war’s dann akzeptabel.

Noch mal zurück zum Mannschaftsgeist in englischen Teams. Wie haben die Mitspieler dich aufgenommen? Musste Gaudino erstmal eine Runde im Pub bezahlen?

Es hieß, wir treffen uns um 17 Uhr in dem und dem Pub, und dann waren auch wirklich alle anwesend. Das war immer kurzfristig und nach dem Training. Da musste gar nicht erst eine Woche vorher bescheid gegeben werden, damit alle ihre Termine organisieren. Morgens wurde gesagt, 17 Uhr in dem und dem Pub - und dann hat auch keiner gefehlt. Das war undenkbar!  wenn da einer gefehlt hätte, der wäre ja sofort ausgeschlossen gewesen. Der Präsident hat dann auch mal organisiert, dass wir eine Woche nach Portugal fliegen, zum Golfen. Morgens noch Training, nachmittags los.

Mitten in der Saison?

Mitten in der Saison! Dann sind die Jungs nach dem Training zum Golfen, und haben Turniere ausgespielt mit dem Präsidenten. Abends wurde zusammen gegessen, und danach wurde steil gegangen, in Gruppen. Die kamen dann um 6, 7 Uhr morgens nach Hause, was ja in Deutschland undenkbar wäre. Aber das Irre war: Die standen alle um 9 beim Training und haben Gas gegeben. Das kannst du dir nicht vorstellen!

Das klingt, als hätten englische Profis ein entspannteres Verhältnis zu ihrem Job.

Aber sie sind top-professionell! Nur nicht in der Essenskultur, wie wir sie kennen. Die pfeifen sich vor dem Spiel einen Krabbencocktail rein, oder einen Gurkensalat. Die Jungs haben richtig gebruncht, mit Bratwurst, Spiegeleiern und allem, was es da gibt, und haben das Büffet leergeräumt. Die haben sich kaputt gelacht, wenn ich mein Müsli gegessen habe oder meine Banane. Das war wiederum für sie neu. Die haben mich dann gefragt, ob ich danach überhaupt laufen könne.

Zurück zum Spiel an sich. Fairness wird in England groß geschrieben.

Definitiv. Ich kann dir was von meinem Erlebnis erzählen, gegen Sheffield Wednesday, glaube ich. Da spielte der Nationalspieler Chris Waddle, Linksfuß. Bei uns ging’s ja um den Klassenerhalt, wir haben das Spiel auch gewonnen. Irgendwann in der zweiten Halbzeit stand ich an der Eckfahne und wurde angespielt. Ich stand mit dem Rücken zu Waddle und musste gegen ihn eins gegen eins spielen. Ich hab versucht, ihn auszuspielen, und er tritt mir von hinten in die Wade. Das hat zwar wehgetan, aber es war nicht so, dass ich daran gestorben wäre. Ich habe aber die Chance natürlich genutzt, mich fallen zu lassen, und einen Freistoß rauszuholen. Das ganze war etwas theatralisch, ich wollte Zeit schinden, und vielleicht eine Gelbe Karte für Waddle rausholen.

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