Matthias Sammer im Interview

»Ich war nur ein Lehrling«

Ein Gespräch mit dem früheren Trainer und heutigen DFB-Sportdirektor Matthias Sammer, der im neuen Amt die Trainerausbildung anspruchsvoller gestaltet hat und dafür wirbt, dem Trainerposten mehr Wertschätzung zu schenken. Matthias Sammer im InterviewImago

Herr Sammer, ein Blick auf die aktuellen Bundesliga-Trainerbänke müsste Sie glücklich machen, oder?

So eine interessante Trainerkonstellation hat es wirklich lange nicht mehr gegeben. Es gibt jüngere Trainer wie Labbadia, Frontzeck, Klopp oder auch Klinsmann, es gibt die Rückkehrer Daum und Rangnick, und es gibt die Etablierten wie Magath, Veh oder Schaaf, deren Qualitäten jeder kennt. Wenn das eine Mannschaft wäre, könnte man sagen: Die Mischung zwischen jung und alt stimmt. Und besonders spannend finde ich, dass wir neben zwölf Deutschen auch die Holländer Jol, Rutten und Luhukay haben, die Schweizer Favre und Koller und den Slowenen Prasnikar.

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Was sagt Ihnen das?

Die Öffnung hin zu den kleineren Ländern wie Holland oder der Schweiz ist sicher ein Fortschritt. Das sind Länder, in denen es viel weniger Fußballer gibt als bei uns und die deshalb immer Wert darauf legen mussten, ihre Spieler zu entwickeln. Das geht nur über Trainerarbeit, und deshalb ist die Trainerfigur in diesen Ländern immer sehr wichtig gewesen. Man muss doch mal klar sagen, dass das kleine Holland viel mehr Fußballer in europäischen Topklubs hat als das große Deutschland. Das muss konzeptionelle Gründe haben! Das muss an den Trainern liegen! Wenn wir also sagen, dass wir hierzulande die Individualisierung des Trainings vorantreiben wollen, dann können wir von solchen Einflüssen nur profitieren. Aber Sie haben mich gefragt, ob mich die Entwicklung glücklich macht: Glücklich macht sie mich erst, wenn Konstanz eintritt.

Sie meinen, wenn Trainer nicht mehr entlassen werden?

Wir werden's nicht schaffen, dass nie mehr Trainer entlassen werden, aber ich denke schon, dass man hierzulande zwei Dinge noch besser begreifen muss: Erstens, dass der Trainer der Schlüssel zum Gelingen ist ...

... eine noch recht neue Erkenntnis in Deutschland, wo lange Zeit nur die Spieler verherrlicht wurden ...

... ja, und das führt direkt zum zweiten Punkt: Der Stellenwert des Trainers muss sich verbessern. Natürlich muss der Trainer auch Toparbeit nach dem neuesten Entwicklungsstand abliefern, aber wenn er das tut, dann muss sich sein Stellenwert auch viel stärker in Konstanz ausdrücken. Sie können schauen, wohin Sie wollen: Wer mittel- oder langfristig arbeiten darf, der hat auch Erfolg.

Ein edler Ansatz in der Bundesliga, in der Trainer meist am Ergebnis vom nächsten Samstag gemessen werden.

In den Vorstandsetagen wird oft ein Druck erzeugt, der niemals haltbar ist. Wenn zehn Vereine in den Uefa-Cup wollen, dann ist jetzt schon klar, dass sechs oder sieben ihr Ziel verfehlen. Ich bin der Letzte, der etwas gegen hohe Zielsetzungen hat, aber ich habe ein Problem, wenn vor der Saison hohe, kurzfristige Ziele ausgegeben werden. Das führt in der öffentlichen Wahrnehmung zu gefährlichen Fehlinterpretationen.


Auf der nächsten Seite: Bei welchem Satz Matthias Sammer die Hutschnur hochgeht - und was er von Klinsmanns Trainingsmethoden hält.

Es gibt inzwischen Klubs, die öffentlich gar keine Ziele mehr ausgeben.

Das kann ich gut verstehen. Intern muss es Ziele geben, und mittelfristige Ziele soll man ruhig öffentlich definieren. Aber ich sehe die Gefahr, dass viele Klubverantwortliche kurzfristig hohe Ziele propagieren, weil sie im Umfeld Begeisterung entfachen und mehr Dauerkarten verkaufen wollen - ich freue mich ja, wenn positiv über den Fußball gesprochen wird, aber man darf nicht überziehen. Das gefährdet nur den Trainer. Es ist doch unwürdig, wenn ein Trainer am vierten Spieltag gefragt wird, ob er das Saisonziel nach unten korrigieren muss.

Dann dauert es meistens nicht mehr lang, bis der Trainer wieder das schwächste Glied in der Kette ist.

Bei diesem Satz geht mir die Hutschnur hoch. Zu den vielen Versäumnissen des deutschen Fußballs in den Neunzigern gehört auch, dass die Rolle des Trainers als entscheidende Figur nie definiert wurde. Der Trainer ist der wichtigste Mann, er muss das stärkste Glied in der Kette sein! Und um den Trainer herum schafft man dann die Rahmenbedingungen, so muss es sein, nicht andersrum. Den Satz mit dem schwächsten Glied - am liebsten würde ich den nie mehr hören. Eine reine Alibi-Behauptung! Da könnte ich immer explodieren.

Was erwarten Sie von den neuen, konzeptionell arbeitenden Trainer in der Liga? Freuen Sie sich auf die Saison?

Ich erwarte einen weiteren Qualitätsanstieg. Wir müssen da nicht mal die Spitzenklubs anschauen, wir können auch bei den Aufsteigern anfangen. Wie beharrlich Ralf Rangnick seinen speziellen Weg geht, das nötigt mir Respekt ab. Und ich begrüße es auch, dass eine progressiv arbeitende Figur wie Christoph Daum wieder auftaucht. So könnten wir jetzt alle Trainer durchgehen ...

... machen Sie ruhig!

Soll ich? Also, besonders spannend finde ich die Konstellation im Ruhrgebiet: Klopp und Dortmund zum Beispiel. Ich halte Klopp für einen ausgezeichneten Trainer, aber in Mainz herrschten schon besondere Bedingungen. Nun ist er in Dortmund tätig, das ist ein riesiger Klub mit riesigen Erwartungen. Das ist für Klopp ein völlig neuer Ansatz, er wird dort viele neue Erfahrungen sammeln. Es könnte etwas Zeit brauchen, bis alles zueinander passt, und ich hoffe, dass er die Zeit bekommt.

Kannten Sie Fred Rutten?

Erst nur vom Namen her. Aber dann habe ich mir mal das Konzept seines Klubs Twente Enschede kommen lassen, und seitdem weiß ich, dass Schalke einen exzellenten Mann geholt hat. Es gilt aber Ähnliches wie beim BVB: Die Erwartungshaltung ist extrem gewachsen, damit muss Rutten zurechtkommen.

Jürgen Klinsmann?

Ich bin gespannt, wie sich dort alles entwickelt.

Mit der Aussage, jeden Spieler jeden Tag besser machen zu wollen, hat er sich ziemlich unter Druck gesetzt.

Ich verstehe die Aufregung um diesen Satz nicht ganz. Das ist doch eine klare, nachvollziehbare Aussage, und ich finde schon, dass sich ein Trainer nicht nur an den Ergebnissen messen lassen sollte, sondern auch daran, ob Spieler unter ihm eine positive Entwicklung nehmen. Bei dieser Aussage hat Jürgen Klinsmann meine volle Unterstützung.


Auf der nächsten Seite: War Matthias Sammer ein guter Trainer?

War Matthias Sammer ein guter Trainer?

Er war ein intuitiver Trainer.

Das heißt, Sie haben vieles aus dem Bauch gemacht.

Ja, und deshalb ist der Job des Sportdirektors für mich auch so interessant. Ich habe als Trainer viele Dinge einfach so entschieden - ich glaube auch: richtig entschieden - aber ich habe immer gespürt, dass da viele Fragen sind, die ich beantwortet haben möchte. Ich habe vieles richtig gemacht, hätte es aber nicht so genau erklären können. Ich habe gemerkt, dass ich theoretische Schulung brauche - Trainingssteuerung, Individualisierung, Persönlichkeitsentwicklung, all diese Dinge. Inzwischen kann ich das, was ich als Spieler und Trainer praktisch erfahren habe, theoretisch einordnen.

Was würde der Trainer Sammer heute anders machen?

Ich denke, ich würde die Individualität jedes Spielers viel mehr anerkennen. Ich würde der Mannschaft zuliebe mehr Kompromisse machen. Es gibt halt nicht nur die reinen Teamplayer und Kämpfer, sondern auch die Individualisten, das sind ja fast Künstler, und die muss man vielleicht manchmal mit ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl behandeln. Wenn einer dieser Künstler sich in einer Trainingseinheit mal einen kleinen Freiraum nimmt, würde ich heute nicht mehr gleich durchdrehen.

Die Weisheit des Alters?

Vielleicht, aber auch die Gelassenheit von einem, der jetzt das nötige theoretische Fundament hat. Sie haben vorhin gefragt, ob ich ein guter Trainer war: Aus heutiger Sicht würde ich das Wort ,Trainer' für mich wahrscheinlich gar nicht mehr in den Mund nehmen. Trainer ist was Größeres als das, was ich damals war. Ich war Lehrling.

Sie sind mit Borussia Dortmund Meister geworden!

Also gut: Ich war ein erfolgreicher Lehrling.

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