15.08.2008

Matthias Sammer im Interview

»Ich war nur ein Lehrling«

Ein Gespräch mit dem früheren Trainer und heutigen DFB-Sportdirektor Matthias Sammer, der im neuen Amt die Trainerausbildung anspruchsvoller gestaltet hat und dafür wirbt, dem Trainerposten mehr Wertschätzung zu schenken.

Interview: Christof Kneer Bild: Imago
Matthias Sammer im Interview
Es gibt inzwischen Klubs, die öffentlich gar keine Ziele mehr ausgeben.

Das kann ich gut verstehen. Intern muss es Ziele geben, und mittelfristige Ziele soll man ruhig öffentlich definieren. Aber ich sehe die Gefahr, dass viele Klubverantwortliche kurzfristig hohe Ziele propagieren, weil sie im Umfeld Begeisterung entfachen und mehr Dauerkarten verkaufen wollen - ich freue mich ja, wenn positiv über den Fußball gesprochen wird, aber man darf nicht überziehen. Das gefährdet nur den Trainer. Es ist doch unwürdig, wenn ein Trainer am vierten Spieltag gefragt wird, ob er das Saisonziel nach unten korrigieren muss.

Dann dauert es meistens nicht mehr lang, bis der Trainer wieder das schwächste Glied in der Kette ist.

Bei diesem Satz geht mir die Hutschnur hoch. Zu den vielen Versäumnissen des deutschen Fußballs in den Neunzigern gehört auch, dass die Rolle des Trainers als entscheidende Figur nie definiert wurde. Der Trainer ist der wichtigste Mann, er muss das stärkste Glied in der Kette sein! Und um den Trainer herum schafft man dann die Rahmenbedingungen, so muss es sein, nicht andersrum. Den Satz mit dem schwächsten Glied - am liebsten würde ich den nie mehr hören. Eine reine Alibi-Behauptung! Da könnte ich immer explodieren.

Was erwarten Sie von den neuen, konzeptionell arbeitenden Trainer in der Liga? Freuen Sie sich auf die Saison?

Ich erwarte einen weiteren Qualitätsanstieg. Wir müssen da nicht mal die Spitzenklubs anschauen, wir können auch bei den Aufsteigern anfangen. Wie beharrlich Ralf Rangnick seinen speziellen Weg geht, das nötigt mir Respekt ab. Und ich begrüße es auch, dass eine progressiv arbeitende Figur wie Christoph Daum wieder auftaucht. So könnten wir jetzt alle Trainer durchgehen ...

... machen Sie ruhig!

Soll ich? Also, besonders spannend finde ich die Konstellation im Ruhrgebiet: Klopp und Dortmund zum Beispiel. Ich halte Klopp für einen ausgezeichneten Trainer, aber in Mainz herrschten schon besondere Bedingungen. Nun ist er in Dortmund tätig, das ist ein riesiger Klub mit riesigen Erwartungen. Das ist für Klopp ein völlig neuer Ansatz, er wird dort viele neue Erfahrungen sammeln. Es könnte etwas Zeit brauchen, bis alles zueinander passt, und ich hoffe, dass er die Zeit bekommt.

Kannten Sie Fred Rutten?

Erst nur vom Namen her. Aber dann habe ich mir mal das Konzept seines Klubs Twente Enschede kommen lassen, und seitdem weiß ich, dass Schalke einen exzellenten Mann geholt hat. Es gilt aber Ähnliches wie beim BVB: Die Erwartungshaltung ist extrem gewachsen, damit muss Rutten zurechtkommen.

Jürgen Klinsmann?

Ich bin gespannt, wie sich dort alles entwickelt.

Mit der Aussage, jeden Spieler jeden Tag besser machen zu wollen, hat er sich ziemlich unter Druck gesetzt.

Ich verstehe die Aufregung um diesen Satz nicht ganz. Das ist doch eine klare, nachvollziehbare Aussage, und ich finde schon, dass sich ein Trainer nicht nur an den Ergebnissen messen lassen sollte, sondern auch daran, ob Spieler unter ihm eine positive Entwicklung nehmen. Bei dieser Aussage hat Jürgen Klinsmann meine volle Unterstützung.


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