Matthäus im Kriegsgebiet

»Für mich ist das fremd«

120 km liegen zwischen dem Gaza-Streifen und Netanya, wo Lothar Mattäus als Trainer arbeitet. Wir sprachen mit ihm über den Alltag in Kriegszeiten, Marschbefehle für seine Spieler und seine Verbundenheit zu Israel. Matthäus im KriegsgebietImago

Herr Matthäus, was bekommen Sie gerade in Israel als Trainer von Maccabi Netanya vom Krieg im Gazastreifen mit?

Die Lage ist schwierig, aber es geht uns gut. Alle reden immer vom Krieg in Israel, betroffen ist aber wirklich nur eine Region: der Gazastreifen und dazu noch ein Gebiet plus minus vierzig Kilometer, das an den Gaza-Streifen grenzt. Alle anderen Teile sind zumindest zum jetzigen Zeitpunkt nicht betroffen. Unser Klub Maccabi Netanya ist 120 Kilometer vom Gazastreifen entfernt. Ich selbst wohne in Herzlia zwischen Tel Aviv und Netanya, immer noch etwa 100 Kilometer weit vom Gaza-Streifen entfernt.

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Also hat der israelische Fußball-Verband den nächsten Ligaspieltag nicht aus Sicherheitsgründen verschoben, sondern nur aus Solidarität.

So kann man es sagen. Der Fußballbetrieb hier geht auch so weiter. Wir hatten gestern ein Spiel im Ligapokal gegen Ashdod. Das ist eine Stadt, die im gefährdeten Gebiet liegt, nördlich vom Gazastreifen. Allerdings wurde das Heimrecht getauscht, das Hinspiel fand wegen des Kriegs nicht in Ashdod statt.

Wie gehen Sie persönlich mit der Lage um?


Uns hat niemand gezwungen, hierher zurückzukommen. Aber meine Frau und ich sind nach unserer Hochzeit in Las Vegas trotzdem wiedergekommen. Denn ich habe eine Verbundenheit mit Israel. Und außerdem: Optisch hat sich nichts verändert, es ist alles so wie vor drei Monaten. So mache ich auch meine Arbeit.

Spielt der Krieg denn nicht einmal in Gesprächen eine Rolle?


Hier verschließt keiner die Augen vor der Situation. Und natürlich können wir mit Freunden und Bekannten darüber reden. Wir informieren uns auch sehr gut. Der Krieg ist dennoch kein Gesprächsthema. Einige Spieler unseres Klubs sind noch bei der Armee in der Ausbildung. Die müssen jeden Tag damit rechnen, dass sie ihren Rucksack packen sollen und einberufen werden. Andere in unserem Verein haben Angehörige, die gerade bei der Armee sind oder in den betroffenen Gebieten wohnen. Aber sie leben ganz normal weiter, weil sie es nicht anders gewohnt sind. In Israel lebt man eben mit Konflikten und Bedrohungen, und man versteht damit umzugehen.

Nun ist die Situation aber eskaliert. Von Ihnen war zu hören, dass Sie überlegen, wie lange Sie noch in Israel bleiben, dass Sie möglicherweise das Land verlassen, wenn es Ihnen zu gefährlich wird.

Zum jetzigen Zeitpunkt spielt das keine Rolle. Mein Tagesablauf hat sich ja auch nicht verändert. Ich fahre gerade im Auto, und wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich immer noch das Gleiche wie vor einigen Monaten. Was in den Köpfen der Leute vorgeht, das weiß ich allerdings nicht.

Welche Meinung haben Sie sich über den Krieg gebildet?

Für mich ist das fremd. Ich arbeite hier als Fußballtrainer. Natürlich will ich, dass der Krieg so schnell wie möglich vorbei ist. Aber das will ich bei jedem Krieg, nicht nur hier in Israel. Das habe ich auch schon vor zehn Jahren beim Krieg in Jugoslawien gewollt, auch wenn ich da hunderte Kilometer weiter entfernt war.

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