Mathieu Delpierre über den VfB-Saisonverlauf

»Wir hatten Angst«

Seit Christian Gross Trainer beim VfB ist, geht es wieder bergauf. Oder sollte man sagen: Seit Mathieu Delpierre Kapitän ist? Wir sprachen mit ihm über die Trennung von Babbel, die Überwindung der Krise und das Match gegen Schalke.  Mathieu Delpierre über den VfB-Saisonverlauf

Herr Delpierre, am Freitag geht es für den VfB nach Schalke. Hat sich die Mannschaft auf die Standardsituationen der Schalker eingestellt?

Wir wissen um diese Stärke der Schalker. Da ist Konzentration gefragt. Und wir müssen aufpassen, nicht zu viele Fouls in unserer Hälfte zu begehen, um Freistöße für die Schalker zu vermeiden.

[ad]


Sie persönlich fehlen aufgrund der fünften gelben Karte. Ist das besonders ärgerlich, weil Sie in den letzten Spielen eine ansteigende Form zeigten?

Eine Sperre ist immer ärgerlich. Ich habe nach meiner Verletzung schnell wieder den Anschluss gefunden, nachdem ich zuvor sieben Wochen verletzungsbedingt außer Gefecht war. Das war eine schwierige Zeit für mich. Doch ich war immer sehr motiviert, wieder ins Team zu kommen.

In der nächsten Woche geht es für den VfB zum Rückspiel in der Champions League nach Barcelona. Was muss die Mannschaft tun, um weiterzukommen?

Ich erwarte ein von der Taktik geprägtes Spiel, in dem Disziplin und Laufbereitschaft gefragt sein werden. Wir werden nicht viele Chancen bekommen, deswegen müssen wir eiskalt vor dem Tor sein. Dann ist die Überraschung möglich.

Allgemein läuft es wieder gut für Stuttgart. Wie so oft in den vergangenen Jahren verschlief der VfB die Hinrunde und trumpfte dann in der Rückserie richtig auf. Wie kann man das erklären? Braucht das Team den besonderen Druck?

Im letzten Jahr haben einige Dinge bei uns nicht gepasst. Wir haben zu Beginn der Saison gedacht, dass wir wieder eine gute Rolle in der Bundesliga spielen können. Doch leider konnten wir das Niveau des Vorjahres nicht halten und kamen von Beginn an in eine Negativspirale.

Woran lag das denn genau? War es entscheidend, dass Markus Babbel oft nach Köln zur Trainerschulung musste?

Die Situation war nicht einfach, aber Markus hat versucht, so häufig wie möglich bei der Mannschaft zu sein. Dennoch hat es die tägliche Arbeit natürlich etwas behindert. Allein daran lag unsere Formkrise aber sicher nicht. Es gab auch einige personelle Veränderungen innerhalb der Mannschaft, die dazu geführt haben.

Welche Veränderungen meinen Sie?

Wir haben Mario Gomez abgegeben, und es kamen kurz vor dem Saisonstart neue Spieler dazu. Da braucht es Zeit, um diese Spieler zu integrieren. Die Erwartungshaltung war sehr groß und gleichzeitig haben die ersten Misserfolge den Druck auf die Mannschaft weiter erhöht. Wir befanden uns plötzlich in einer sehr schwierigen Situation.

Symbolisch für diesen enormen Druck von außen waren die massiven Fanproteste nach dem Spiel gegen den VfL Bochum. Wie gingen Sie als Spieler damit um?

Das war eine unschöne Erfahrung. Schon vor dem Spiel haben einige Fans den Bus angehalten. Wir konnten die Enttäuschung der Fans natürlich nachvollziehen. Doch letztendlich ist das alles Fußball, es bleibt ein Spiel. So weit wie damals darf es nicht kommen. Auch wenn ich natürlich weiß, dass die Stimmung bei Erfolg und Misserfolg schnell ins Extreme umschlagen kann.

War Ihnen zu diesem Zeitpunkt bewusst, dass Markus Babbel nicht mehr zu halten war?

Das hat man schon gemerkt. Auch der Trainer wusste letztlich nicht mehr weiter. Nach dem Bochum-Spiel war es ein offenes Geheimnis, dass es Veränderungen geben würde.



Markus Babbel galt als jemand, der sehr nah an der Mannschaft war. Aber letztendlich spielte er auch noch mit vielen Spielern als Aktiver zusammen, mit Ihnen beispielsweise auch. Ist dieser Umschwung vom Mitspieler zum Trainer nicht auch sehr schwer?

In den ersten Monaten unter Markus Babbel lief es super, da hat keiner das Verhältnis moniert. Diese Diskussionen kommen nur auf, wenn kein Erfolg da ist. Es gehört zum Fußballgeschäft dazu, dass es manchmal besser ist, sich zu trennen – und das obwohl der Kontakt sehr eng ist. Was zählt, sind die Ergebnisse. Ganz egal, wie nah der Trainer an der Mannschaft ist.

Christian Gross übernahm, ehemalige Spieler sagen über ihn, sie hätten ihn fast gehasst, weil er den Spielern so viel abverlange. Wie würden Sie Christian Gross als Trainer beschreiben?

Er ist sehr erfahren. Er hat ein sehr gutes Auge für das Detail und arbeitet sehr akribisch. Was Christian Gross verlangt, ist normal. Er nimmt alle Spieler in die Verantwortung, egal wie alt sie sind.

Wenige Tage nach Gross’ Amtsübernahme sicherte der VfB gegen Urziceni das Weiterkommen in der Champions League. War das der Wendepunkt?

Das war ein wichtiges Spiel. Dadurch haben wir uns Selbstvertrauen geholt. Christian Gross hatte es geschafft, uns die schwierige Situation bewusst zu machen. Wir hatten 16 Punkte bis dahin in der Liga geholt, das war für unsere Ansprüche natürlich viel zu wenig. Da gab es schon eine gewisse Angst, die einfach gelöst werden musste.

Die Mannschaft wirkt nun sehr intakt. Dabei hieß es noch vor nicht allzu langer Zeit, dass die Spieler neidisch auf die Privilegien von Torwart Jens Lehmann seien.

Es gibt keine Probleme mit Jens. Er ist immer beim Training und absolviert das gleiche Pensum wie die anderen. Die ganze Geschichte wurde auch ein bisschen hoch gekocht in der Öffentlichkeit. Uns hat die Angelegenheit nicht wirklich beschäftigt.

In dieser Zeit wurden Sie Kapitän des VfB. War das für Sie überraschend?

Für mich hat sich nicht viel verändert. Natürlich muss ich noch mehr ein Vorbild sein, mich mehr mit den Medien beschäftigen und den Club repräsentieren. Aber das Amt wird manchmal etwas überbewertet, denn für meine Leistung auf dem Platz spielt das keine Rolle. Ich muss mich genauso wie vorher reinhängen.

Schielen Sie eigentlich noch auf einen Platz in der Nationalmannschaft?

Die WM habe ich abgehakt, das ist vorbei. Danach vielleicht, wenn es einen anderen Trainer gibt.

Müssten Sie zu einem größeren Verein wechseln, um die Chancen auf die Nationalmannschaft zu erhöhen?

Nein, ich habe beim VfB noch zwei Jahre Vertrag und fühle mich hier sehr wohl.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!