Mathias Schober, der letzte »Eurofighter«

»100.000 Schalker in Mailand!«

Mit Mathias Schober beendet der letzte »Eurofighter« von 1997 heute seine Karriere. Wir sprachen mit dem Torhüter über den UEFA-Cup-Sieg, die Meisterschaft der Herzen 2001, die heutige Spielergeneration und die Wandlung von Huub Stevens.

Mathias Schober, als letzter »Eurofighter« von 1997 treten Sie nun in den fußballerischen Ruhestand. Jetzt können Sie es verraten: Was ging nach dem Spiel in Mailand für eine rauschende Party ab?
Mathias Schober: Ich muss Sie enttäuschen. Wir haben in Mailand gar nicht gefeiert.

Wie bitte?
Matthias Schober: Nach dem Sieg im Elfmeterschießen ging es auf dem Platz und in der Kabine kurz und intensiv rund. Doch danach ging alles sehr schnell: Ab unter die Dusche, kurz zurück ins Hotel, ab zum Flughafen. Wir sind noch in der Nacht zum Mittwoch (das Finale war am Dienstag, den 21. Mai 1997, Anm. d. Red.) nach Köln zurückgeflogen. Schalke war damals eben noch nicht so partyerprobt. Heute würde man sicherlich eine Nacht am Ort des Erfolges bleiben. Wir haben dann eben im Flugzeug weiter Party gemacht.

Und so ging es die ganze Woche in Gelsenkirchen weiter?
Mathias Schober: Auch nicht. Bei der Ankunft in Köln haben uns schon knapp 4000 Fans empfangen. Mittwochs sind wir mit Cabrios per Autokorso durch die Stadt gefahren, die Fans haben uns am Straßenrand gefeiert. Um 12 Uhr mittags wurden wir im Stadion empfangen, danach ging es den ganzen Tag weiter. Das war alles top. Doch am Donnerstag hatten wir schon wieder Training.

Welches Bild ist Ihnen vom Europapokaltriumph 1997 in Erinnerung geblieben?
Mathias Schober: Ganz klar die königsblaue Wand im Mailänder Stadion. Ich weiß nicht, wie viele Fans damals mitgekommen sind, aber es waren gefühlt 100.000. Die komplette Gästekurve war in Schalker Hand. Eine Stimmung, wie ich sie so nie wieder erlebt habe.

Sie waren damals die Nummer zwei im Schalker Kasten und haben erst im Bundesliga-Spiel nach dem UEFA-Cup-Sieg ihr Debüt gefeiert. Gegen den Absteiger SC Freiburg verloren sie mit 0:2. Hand auf's Herz: Wer war damals der nüchternste Schalker auf dem Platz?
Mathias Schober: (lacht) Ich glaube, wir hatten alle in etwa den gleichen Pegel und waren nach den Feierlichkeiten nicht wirklich in Form, um ein Bundesliga-Spiel zu bestreiten. Huub Stevens hat mich 20 Minuten vor Schluss eingewechselt. Das war natürlich kein besonders glückliches Debüt für mich, aber in den Jahren konnte ich mich zum Glück steigern.

Auf Schalke blieben Sie bis ins Jahr 2000 dennoch die Nummer zwei. Warum?
Mathias Schober: Wir hatten immer erfahrene Keeper in unseren Reihen. Erst Jens Lehmann, dann Oliver Reck. Damals war die Philosophie noch eine andere. Die Trainer bauten lieber auf ältere Torhüter, als den jüngeren Keepern eine Chance zu geben. Das war mein Pech. Ein bisschen Ironie ist schon dabei: Seit ein paar Jahren gehöre ich zu den alten Hasen, und plötzlich wird vermehrt auf junge Torhüter gesetzt. Tja.

Für die Schalker Fans waren Sie damals schon der Favorit für den Platz zwischen den Pfosten. Wie erklären Sie sich das?
Mathias Schober: Da kommen mehrere Dinge zusammen. Ich bin ein Schalker Junge, stamme aus dem Ruhrgebiet. Auf der Bank bin ich bei spannenden Spielen manchmal wilder herumgehüpft als die meisten Zuschauer von der Haupttribüne oder Gegengerade. Aber das war nur ein Aspekt. In meinen Einsätzen habe ich gute Leistungen gezeigt. Das haben die Fans honoriert und gesehen, dass ich immer alles gebe und den maximalen Erfolg will. Als ich jedoch erkannte, dass ich auf Schalke keine Chance erhalte, bin ich zum Hamburger SV gewechselt.

Dort sind Sie für eine Szene bekannt geworden. Am letzten Spieltag der Saison 2000/01 verursachten einen indirekten Freistoß  im eigenen Strafraum, der den FC Bayern zum Meister und Schalke 04 zum Meister der Herzen machte. Haben Sie sich dafür Vorwürfe gemacht?
Mathias Schober: Zu dieser Situation habe ich eine klare Meinung: Es war niemals ein Rückpass, es  hätte niemals Freistoß geben dürfen! Wie gesagt: Ich war damals von Schalke ausgeliehen, hätte mich also genauso über den Titel gefreut wie die Jungs selbst. Ich muss damit leben, dass mich diese Geschichte seither begleitet.

Anschließen waren Sie von 2001 bis 2007 in Rostock die unumstrittene Nummer eins. Warum kehrten Sie zur Saison 2007/08 dennoch als Nummer zwei zum FC Schalke zurück?
Mathias Schober: Wir waren mit Hansa nach vier Jahren abgestiegen, schafften jedoch 2007 den Wiederaufstieg. Für mich war das der richtige Moment, das Zepter wieder abzugeben und in meine Heimat zurückzukehren.

Ihre Aufgabe war es, den aufstrebenden Manuel Neuer zu unterstützen. Neuer gilt heute als einer der besten Keeper der Welt. Konnten Sie sich denn selbst bei ihm noch etwas abschauen?
Mathias Schober: Jeder Torhüter versucht, sich bei seinen Kollegen etwas abzuschauen. Von Jens Lehmann habe ich in jungen Jahren auch einiges gelernt, beispielsweise sein Verhalten in Eins-gegen-Eins-Situationen. Bei Manu sind es die herausragenden Abwürfe und die hart und platziert gespielten Pässe, die ihn einzigartig machen. Damals war es aber dennoch so, dass eher ich ihm in schwierigen Situationen helfen konnte. In seiner zweiten Saison als Stammkeeper unterliefen ihm einige Patzer. Ich habe dann immer wieder auf ihn eingeredet, sich nicht verrückt machen zu lassen. Das hat ja ganz gut geklappt.

In der vergangenen Saison kamen die Schalker ins Champions-League-Halbfinale, dieses Jahr ins Europa-League-Viertelfinale. Zwischenzeitlich war von einer neuen »Eurofighter«-Generation die Rede. Kann man die beiden Teams miteinander vergleichen?
Mathias Schober: Das ist schwierig. Den Mannschaftsgeist von 1997 habe ich so nie wieder erlebt. Da konnte man wirklich von Freunden sprechen. Wir waren damals aber gerade einmal 20 Spieler im Kader. Da konnten wir auch mal zusammen ein Bierchen trinken gehen. Heute stehen bei uns 28 bis 32 Spieler im Aufgebot. Und wenn davon zwölf abends zusammen was machen, werden direkt zehn Handys gezückt, Bilder gemacht und im Internet hochgeladen. Die Privatsphäre ist ein wenig flöten gegangen.

Das heißt, richtiger Mannschaftsgeist ist heute gar nicht mehr möglich?
Mathias Schober: Man hält auf dem Platz immer noch zusammen. Doch es hat sich eben viel geändert. Die Spieler sind heute mit sich selbst beschäftigt, hören vor den Spielen Musik und konzentrieren sich auf ihr eigenes Ding. Früher haben wir uns in der Kabine noch selbst heiß gemacht, da gab es eben noch keine MP3-Player.

Die Kabine werden Sie in der kommenden Saison verlassen. Wie sehen ihre Pläne für die Zukunft aus?
Mathias Schober: Ich habe in Düsseldorf an einem Fernstudieninstitut Sportmanagement studiert, stehe mit Manager Horst Held in Verhandlungen und hoffe, dass ich auf Schalke demnächst einen Vertrag in diesem Bereich unterschreiben kann.

Neben Ihnen ist im Vergleich zu 1997 nur der Trainer noch der gleiche. Über Huub Stevens wird oft gesagt, dass er im Vergleich zu früher lockerer geworden ist. Ist das wirklich so?
Mathias Schober: Er fordert immer noch Disziplin und Zusammenhalt ein, daran hat sich nichts geändert. Doch Huub ist natürlich auch ein bisschen älter und inzwischen sogar Opa geworden. Das hat ihn sanfter werden lassen. Früher war er auch nach Erfolgen ziemlich angespannt. Und wenn ein Spieler mal ein paar Minuten zu spät zum Training kam, ist er direkt an die Decke gegangen. Heute kann er darüber lächeln – auch wenn es natürlich immer noch eine Strafe dafür gibt.

Dass heißt, wenn Schalke 04 nächstes Jahr Champions-League-Sieger wird, können Sie ihn dazu bewegen, auch mal länger am Ort des Erfolges zu feiern?
Mathias Schober: (lacht) Dafür werde ich persönlich sorgen.

>> Mathias Schobers Karriere in der Bildergalerie

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