Massimilian Porcello im Interview

»Wir schauen von unten hoch«

Nach sensationellem Beginn ist der KSC zuletzt etwas aus dem Tritt gekommen. Wir sprachen mit dem Mittelfeldstrategen Massimilian Porcello über die Ursachen, Freundschaft in Krisenzeiten und die Bundesliga aus der Froschperspektive. Massimilian Porcello im InterviewImago

Herr Porcello, wie geht es Ihnen? Sie waren zu Beginn der Saison verletzt und mussten auch danach immer mal wieder aussetzen.

Ich hatte einen Muskelfaserriss und danach immer wieder Schmerzen in der Wade, weil es Probleme mit der Vernarbung gab. Im Grunde ist das jetzt aber ausgeheilt, der Muskel ist in Ordnung, ich muss jetzt einfach abwarten, dass die Vernarbung zurückgeht. Ich kann aber wieder trainieren und alles mitmachen – und das ist im Grunde das Wichtigste.

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Ist das nicht besonders frustrierend für jemanden wie Sie, der in der letzten Saison in allen 34 Spielen von Anfang an gespielt hat und fast immer über die volle Distanz ging?

Ja, das ist sicherlich enttäuschend, und ich habe mich gefragt, woher das kommt. Wenn man 34 Spiele macht und nie Probleme hat, dann ist man da erstmal ratlos. Aber ich hatte ja in der Vergangenheit schon einige Rückschläge, insofern habe ich auch gelernt, so etwas zu verarbeiten. Ärgerlicherweise kamen die Wadenprobleme in der Vorbereitung auf die Rückrunde wieder. Sicherlich könnte man sich darüber extrem ärgern, aber das hilft ja alles nichts. Jetzt hoffe ich, dass ich wieder in meinen Rhythmus komme und diese vergleichsweise kleinen Probleme in Zukunft nicht mehr auftauchen.

Trainieren Sie wegen der Verletzung jetzt anders als früher?

Direkt danach war es schon so, dass ich unsicher war und mich ein bisschen zurückgehalten habe, gerade bei Sondereinheiten für Freistöße oder Standardsituationen, die ich ja sonst immer trainiere. Weil es eben sein kann, dass man noch nicht so im Rhythmus ist und dann andere Problem auftauchen. Aber das kommt jetzt so nach und nach alles wieder.

Also trainieren Sie Ihre Freistöße wieder?


Ja, aber immer auch dosiert und mit dem Hintergedanken, nicht zu viel zu machen. In einer Phase in der ich topfit bin, kann ich fast täglich Freistöße trainieren. Jetzt muss ich schon aufpassen, dass ich nicht zu viel mache.

Wir vermissen »das Pferd« ein bisschen. So hat Sie ihr früherer Trainer Hermann Gerland wegen Ihres Schusses einmal genannt.

(lacht) Ja klar, aber es ist schon wichtig, solche Sachen zu trainieren, ansonsten ist es auch schwierig, sie im Spiel anzuwenden. Da braucht man einfach die Sicherheit, die man sich nur im Training holen kann. Aber es stimmt schon. Ich konnte das zuletzt nicht so optimal machen wie in der Phase, in der ich topfit war.

Vor der Saison wurde viel über den freundschaftlichen Zusammenhalt in der Karlsruher Mannschaft gesprochen. Ist der auch in der 1. Liga stabil geblieben?

Auf jeden Fall, das hat auch die gesamte Saison bisher gezeigt. Sicherlich sind jetzt die letzten sechs Spieltage, in denen wir keinen Sieg mehr geholt haben, ein bisschen negativer gelaufen. Trotzdem haben wir auch in Bielefeld, als Markus Miller diesen Fehler gemacht hat, gezeigt, dass wir zusammenhalten. Da sind alle zu ihm gelaufen und haben ihn aufgemuntert. Das Klima in der Mannschaft ist sehr gut, das hat sich auch in der letzten Zeit nicht geändert. Natürlich haben wir uns zusammengesetzt, weil wir wissen, dass wir zu lethargisch gespielt haben. Das ist uns bewusst. Jetzt hoffen wir einfach, in den nächsten Spielen wieder erfolgreicher zu sein.

Ihr Teamkollege Maik Franz wurde vor seiner Verletzung vorübergehend zum »meistgehassten Spieler der Liga« ernannt. Wie geht man als Teamkollege damit um? Gibt es da eher mal einen flapsigen Spruch oder Unterstützung?

(lacht) Nee, auf jeden Fall Unterstützung von den Kollegen. Das hat ja jeder mitbekommen, dass Maik extrem kritisiert wurde, da muss man ihn stützen. Und wer Maik persönlich kennt, weiß, dass er ein super Junge ist. Ich habe auch privat mit ihm zu tun, und er ist einfach jemand, der ständig fragt, ob man denn nicht irgendwohin mitkommen will, ob man etwas machen möchte. Im Spiel ist er einfach ein Profi, der sich vor die Mannschaft stellt, sie führt und lautstark dirigiert. Klar gibt’s dann auch mal Gegenspieler, die ähnliche Typen sind. Und dann kommt es halt zu Reibereien, ich finde das ganz normal. Bei ihm war es jetzt leider so, dass das von der Presse total aufgebauscht wurde. Ich fand das alles ein bisschen übertrieben.

Spielt dieser Zusammenhalt auch eine Rolle, wenn man versucht, Abwanderungswillige zum Bleiben zu überreden? Kurzzeitig sah es ja so aus, als würde dem KSC der Ausverkauf drohen. Hajnal und Eggimann verlassen den Verein. Andere Stammspieler, darunter auch Sie, haben dagegen gerade verlängert.

Grundsätzlich sind wir alle in erster Linie einmal Profis, die nur eine gewisse Zeit spielen können. Da macht man sich zunächst einmal Gedanken über die eigene Entwicklung, Ziele, Vorstellungen und sicher auch über das Finanzielle. Danach schaut man aber schon, was der Verein macht, ob er die Truppe zusammenhalten und auch im nächsten Jahr einen guten Kader stellen kann. Man beobachtet schon, was die anderen machen, aber das ist nicht das erste. Zunächst schaut jeder auf sich.

Hatten Sie auch Angebote von anderen Clubs?

Ja, es gab einige Optionen, worüber ich mir auch lange Gedanken gemacht habe, weshalb sich meine Vertragsverlängerung etwas länger hingezogen hat. Dann habe ich mich aber bewusst für den KSC entschieden, weil es sehr gut läuft, ich mich wohl fühle und wir eine gute Mannschaft haben. Ich finde auch, dass außer den Topklubs, die ich mal ausklammere, zur Zeit nur wenige Mannschaften vor uns stehen. Der Kader bleibt zum größten Teil zusammen, und wenn es gelingt, Görlitz zu halten, müssen wir vom Kerngerüst nur zwei Spieler ersetzen. Das ist absolut möglich.

Welche Vereine das sind, wollen Sie nicht sagen?


Nein. Das ist jetzt auch egal, ich habe mich für den KSC entschieden, und da muss man jetzt nicht hier oder bei anderen Vereinen für Unruhe sorgen. Vielleicht erzähle ich es später irgendwann mal.

Der Abgang von Tamas Hajnal könnte für Sie die Auswirkung haben, dass Sie wieder im offensiven Mittelfeld und nicht mehr auf der Sechser-Position spielen können. Welche Position ist Ihnen denn lieber?


Generell ist es für mich wichtig, dass ich im zentralen Mittelfeld spiele, da sehe ich mich. Ich denke, ich komme mit der defensiven Position sehr gut zurecht. Sicherlich macht die offensivere Rolle mehr Spaß, weil man einfach näher am Tor und damit torgefährlicher ist. Allerdings geht das auch aus dem defensiven Mittelfeld. Die Sechser-Position ist für mich schon in Ordnung, mir ist nur wichtig, dass ich auch meine Schussstärke anwenden kann und mich jemand absichert, wenn ich in die Offensive gehe. Wenn man das mit Hilfe der Mitspieler umsetzen kann, kann man auch genauso torgefährlich sein wie ein offensiver Mittelfeldspieler. Ein Vorteil der defensiveren Variante liegt für mich auch darin, dass ich das Spiel vor mir habe, weil ich, denke ich, schon gut organisieren kann und eine gute Übersicht habe. Es haben also beide Positionen ihre Vorteile.

Hatte die zukünftige Position auch etwas mit Ihrem Entschluss zu bleiben zu tun? Es hieß, Sie hätten vor der Vertragsverlängerung intensive Gespräche mit Edmund Becker geführt.

Nein, das hat keine so starke Rolle gespielt. Der Trainer kennt mich, er kennt meine Stärken, er weiß, dass ich über Standards gefährlich bin, einen guten Abschluss habe. Im Grunde haben wir uns da nur bestätigt, dass es für mich eben wichtig ist, dass ich die Freistöße schießen kann, meine Stärken zeigen kann und damit die Mannschaft auch weiterbringe. Aber das sind Sachen, die mussten wir gar nicht groß ansprechen, weil Ede Becker das genauso sieht. Von daher war die Position kein großes Thema

Eigentlich hatte man im Fall des KSC eher einen spannenden Abstiegskampf erwartet. Und jetzt das: Der KSC im gesicherten Mittelfeld. Ganz schön langweilig, oder?

Nein, langweilig ist es nie. Bundesliga spielen, das kann nicht jeder, das macht immer Spaß. Deutschland hat eine Liga mit sehr vielen Zuschauern, wir spielen immer in vollen Stadien, schon alleine deswegen kann es nie langweilig werden. Gut, wir können nicht mehr absteigen, aber es sind noch genug Spiele, und ich bin der Meinung, dass man sich immer nach oben orientieren muss und das werden wir. Wir wollen gewinnen und deshalb haben wir auch noch schöne Spiele vor uns. Wir spielen sehr unbekümmert, mit Spaß und Freude, und wenn wir das beibehalten, dann werden wir noch viele Punkte holen. Und dann schauen wir mal, wo wir am Ende stehen.

Ist die Bundesliga gar nicht so schwer, wie Sie vor der Saison gedacht hatten?

Doch, man darf nie leichtsinnig sein. Ich finde aber, dass die Mannschaften in der Bundesliga gar nicht so weit auseinander sind, da gibt’s keine großen Unterschiede. Sicherlich gibt es ein paar Topklubs, Bayern München und dann drei, vier, fünf, die dahinter kommen, aber der Rest ist sehr ausgeglichen. Da muss man sich einfach auf jedes einzelne Spiel konzentrieren. Wenn, wie bei uns in Bielefeld, ein paar Prozent fehlen, dann verlierst du die Partie. Das Niveau der Bundesliga ist gut, aber ausgeglichen.

Glauben Sie, dass die nächste Saison schwerer wird? Es ist ja oft so, dass das zweite Jahr nach dem Aufstieg das schwierigste ist.

Ach, ich freue mich einfach, dass wir auch nächstes Jahr wieder Bundesliga spielen. Wir haben den Vorteil, dass wir wenige Abgänge haben. Meist ist es bei erfolgreichen Aufsteigern ja so, dass viele Spieler weggekauft werden. Bei uns sind es ja nur zwei Leute, das Gerüst bleibt, und wie ich schon sagte, werden wir sie ersetzen können. Der KSC bekommt ja auch Geld dafür, das er vorher nicht unbedingt hatte, und wenn wir zwei ähnliche Spielertypen holen können, mache ich mir für die nächste Saison überhaupt keine Sorgen.

Ihr Trainer Ede Becker sagte neulich zu uns: »Wir verfolgen Bayern auf dem Mofa«. Ist das die Rolle des KSC: der jugendliche Rocker, der die Großen ein bisschen ärgert?

Wir wollen uns mit solchen Klubs auf gar keinen Fall vergleichen. Da schauen wir von unten hoch. Von Bayern München kann man sich sicherlich viel abgucken und viel lernen. Aber wir wissen natürlich auch, dass wir Qualität haben. Gegen Bayern hat es zwar nicht geklappt, aber dafür zum Beispiel auf Schalke, wo wir 2:0 gewonnen haben. Daran sieht man auch, dass wir einfach eine gute Mannschaft haben, die sich ihre jetzige Position absolut verdient hat, weil eben Potential da ist. Deswegen können wir den Großen auch immer mal den einen oder anderen Punkt abnehmen, das haben wir ja schon gezeigt.

Sie sagten es: gegen Bayern haben Sie verloren, allerdings haben Sie dabei ein Tor geschossen. Ist das etwas Besonderes, gegen die Bayern zu treffen?

Ich weiß nicht, aber Bayern liegt mir irgendwie. Ich habe mit Arminia Bielefeld auch schon mal gegen die Bayern 2:1 gewonnen und dabei getroffen, jetzt mit Karlsruhe wieder. Mir macht es immer besonderen Spaß, gegen die Münchner zu spielen, vielleicht weil ich als Kind auch Bayernfan war. Damals war es ein Traum von mir, in die Bundesliga zu kommen und einmal gegen den FCB zu spielen. Deswegen mache ich mir da keinen besonderen Druck, sondern freue mich einfach darüber, dass es jetzt wirklich so ist. Vielleicht kommt es daher, dass ich einfach besonderen Spaß an diesen Spielen habe. Dann probiert man eben etwas – und plötzlich ist der Ball drin.




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