Marvin Matip über Kameruns WM-Chancen

»Eto'o gilt als geheimer Diktator«

Seit dem sensationellen Abschneiden bei der WM 1990 gilt Kamerun stets als Geheimfavorit. Ist das Fluch oder Ansporn? Wir haben beim Kameruner Marvin Matip vom FC Ingolstadt nachgefragt.

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Marvin Matip, mit Brasilien, Mexiko und Kroatien erwarten Kamerun anspruchsvolle Gegner in der WM-Vorrunde.
Es ist allen klar, dass es eine schwierige Aufgabe wird. Aber wir haben immer eine Chance, zumindest wenn die Mannschaft eng zusammen rückt.

Tut sie das denn?
Das hängt davon ab, ob einige Spieler bereit sind, sich von ihrem Egoismus zu lösen und dem gemeinsamen Ziel alles unterzuordnen. Ich muss zugeben, dass uns andere Länder in dieser Hinsicht etwas voraus sind.

Dabei spielt Kamerun seit vielen Jahr auf internationalem Top-Niveau?
Dennoch fehlen uns gegenüber europäischen und südamerikanischen Teams ein paar Jahre in unserer Entwicklung, insbesondere was die Organisation anbetrifft. Aber gerade die spielt in Turnieren eine sehr wichtige Rolle.  

Woran merkt man mangelnde Organisation?
Es sind zu viele Leute im Umfeld der Mannschaft, die Prozesse verlangsamen. Viele Entscheidungen gehen durch mehrere Instanzen, ehe man sich zu etwas durchringen kann. Im täglichen Ablauf hat das zur Folge, dass Dinge oft zeitverzögert passieren. Und dann kommt es eben vor, dass die entscheidenden Prozentpunkte verloren gehen.
Wie muss man sich diese Organisationsdefizite vorstellen? Es kann schon mal passieren, dass der Busfahrer nicht da ist oder bei der Abfahrt auf irgendwelche Funktionäre gewartet werden muss.

Aber hat Volker Finke der Mannschaft nicht preußische Disziplin und Opferbereitschaft einimpfen können?
Auf jeden Fall. Ich bin auch zuversichtlich, denn gerade durch die enge Qualifikation, in der wir drei Endspiele hintereinander hatten, ist ein Teamgeist gewachsen. Gegen Libyen und in den Play-Offs gegen Tunesien ging es um alles. In diesen Wochen hat Volker Finke die Mannschaft zur homogenen Truppe zusammen geschweißt.

Wie kommt der deutsche Coach bei den Spielern an?
Generell kann man sagen, dass der deutsche Fußball in Kamerun einen sehr guten Ruf genießt. Finke bringt viele deutsche Attribute in die Trainingsarbeit mit ein, die der Mannschaft helfen. Sein Ansehen und der Respekt vor ihm ist entsprechend hoch.

Wie reagiert Finke, wenn es Verzögerungen im Ablauf gibt?
Naja, als wir vor geraumer Zeit im Bus saßen und nichts voran ging, sahen mein Bruder Joel und ich, wie auch er vorne fassungslos den Kopf schüttelte.

Sie haben aufgrund einer Schulterverletzung bislang nur drei Wochen bei der Nationalmannschaft verbracht. Welche Ritual ist Ihnen in Erinnerung?
Nach jedem Training und jedem Spiel wird gemeinsam gebetet. Und auf dem Weg ins Stadion wird im Bus immer gesungen. Einer stimmt an und die anderen setzen nach und nach ein. Anfangs fand ich es ungewohnt, aber da kriegt man schon eine Gänsehaut. Ich war sehr überrascht, wie durch das gemeinsame Singen die Vorfreude aufs Spiel steigt. 

Kamerun gilt seit der WM 1990 stets als Geheimfavorit. Ist das damalige Team um Roger Milla Fluch oder Ansporn für nachfolgende Generationen?
Natürlich hängt man in Kamerun diesem Team nach, dass es als erste afrikanische Mannschaft beinahe bis ins Halbfinale geschafft hätte. Aber das heutige Team hat nichts mehr mit dieser Zeit gemein, insofern wird es Zeit, die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Das ist nicht immer ganz leicht. Bei der WM 2010 hat Kamerun auf afrikanischem Boden alle Vorrundenspiele verloren.
Diese WM hat Spuren hinterlassen, alle waren enttäuscht. Insofern ist der Wille, nun wieder zu zeigen, was Kamerun wirklich drauf hat, sehr ausgeprägt. Allerdings ist unser Trainer erfahren genug, das Team so einzustellen, dass es vor lauter Ehrgeiz nicht verkrampft.

Welche Rolle spielt Samuel E’to im Team?
Er gilt ja als geheimer Diktator. Natürlich hat er im Land und in der Mannschaft eine besondere Rolle. Deshalb verfügt er auch über Einfluss. Aber ich vermag nicht zu beurteilen, inwiefern er diesen nutzt. Klar ist, dass es maßgeblich von seinem Spiel abhängt, wie Kamerun bei dieser WM abschneidet. Insofern hoffe ich, dass er sich ganz in den Dienst der Mannschaft stellt.

Also: Übersteht Kamerun die Gruppenphase?
Wenn das erste Match gegen Mexiko gewonnen wird, ist alles möglich. Dann könnte sich eine besondere Euphorie im Team entwickeln. Wenn nicht, wird es sehr, sehr schwer.

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